Aktive im Portrait

Hunderttausende haben sich in den vergangenen 40 Jahren aktiv gegen Atomkraft zur Wehr gesetzt. Mit unzähligen Demonstrationen, Diskussionen und Aktionen, in Bürgerinitiativen, Anti-Atom-Gruppen und in Parteien. Sie haben Zeit, Kraft, Herz und Geld investiert, um den atomaren Wahnsinn zu verhindern. Einige stellen wir hier vor.


„Ich hab erzählt, was ich schlimm finde“

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Foto: privat

Sarah Esser, 15, ist durch das Pannen-AKW gleich hinter der Grenze zur Atomkraftgegnerin geworden. Mit den Aachener „Schülern gegen Tihange“ streitet sie für ein Abschalten der Reaktoren – in Belgien wie in Deutschland

Im Moment vor der Rede war ich ziemlich nervös. Maastricht, 1.000 Leute: Deutsche, Belgier, Niederländer! Aber als ich oben stand auf der Bühne, war das wie weggeflogen. Ich habe gemerkt, wie die Menschen ruhig wurden, und als ich fertig war, haben sie geklatscht und gejubelt. Viele sind danach auf mich zu gekommen und haben mir gesagt, wie gut sie es fanden.

Die Pannenmeiler in Tihange und Doel – mich interessiert das Thema. Man hört es ja auch immer wieder im Radio und so. Anfangs habe ich mich dann einfach mal an den Laptop gesetzt und ein bisschen rumgeguckt. Ich bin erst 15– und wütend und enttäuscht, dass die Regierung da nichts machen will oder kann. Ich bin aufgebracht, weil das echt nicht so gehen kann!

Wilhelm, ein Bekannter von mir, hatte mit Hilfe von Lehrerinnen und Lehrern das SchülerInnenbündnis ‚Schüler gegen Thiange‘ gegründet. Das Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie hatte mitbekommen, dass die 2015 zur Demo in Aachen aufgerufen hatten und auch viele gekommen waren. Also haben sie ihn eingeladen zu einem ihrer Treffen. Er wollte nicht alleine hin und bat mich mitzukommen. Seitdem bin ich dabei und für die SchülerInnen- und LehrerInnenschaft in meiner Schule jetzt quasi die Ansprechpartnerin in diesem Bündnis.

"Selbst wenn die Reaktoren in Tihange und Doel auf einmal und für imer abgeschaltet würden, würde ich noch dran bleiben: Auch in Deutschland sind noch AKW am Netz!"

Im Mai war dann die große Demo in Maastricht. Wir hatten im Aktionsbündnis besprochen, wer dort gerne reden würde. Ich war da noch ein bisschen scheu, weil ich erst so kurz dabei war. Aber dann fragte jemand: ‚Hättest du nicht Lust, da was zu machen? Es wäre schön, wenn da auch eine Schülerin redet.‘ Das hat mich erstmal so richtig gefreut. Allerdings hatte ich dann auch ein bisschen Bammel. Worüber ich reden wollte, konnte ich mir ganz allein überlegen. Gleich am selben Tag noch habe ich mich hingesetzt und schon die ganze Rede geschrieben. Meine Vertrauenslehrerin hat drüber geschaut; zwei, drei Passagen waren ein bisschen unglücklich ausgedrückt, das haben wir noch korrigiert. Aber im Großen und Ganzen habe ich sie selber geschrieben.

Ich habe einfach erzählt, was ich so schlimm finde: Dass trotz der großen Gefahr immer noch nichts getan wird. Mir war wichtig – da waren ja auch Jugendliche – dass auch sie erfahren, was los ist und es ebenfalls weiter verbreiten. Außerdem denke ich, dass den Regierenden ein Denkzettel verpasst werden muss. Weil, wie schlimm muss es sein, wenn sich ein so junges Mädchen wie ich schon solche Sorgen macht? Ich wollte klar machen: Das geht so nicht weiter!

Eine Bekannte von mir war auch dabei auf der Demo. Sie war noch ganz neu im Aktionsbündnis und kommt nicht aus Deutschland. Am Anfang war sie ein bisschen stiller, aber nach der Demo ging sie voll ab. Das war toll. Überhaupt, das Aktionsbündnis: Manche dort sind ja auch älter als ich, zu denen hätte ich sonst nicht ganz so den Kontakt. Aber im Aktionsbündnis unterhält man sich auch mal drei, vier Stunden und findet einfach kein Ende, das ist ziemlich schön.

Seitdem ich in diesem Bündnis bin, werde ich ständig angesprochen: ‚Kannst du nicht das und das machen? Kannst du nicht darüber ’nen Vortrag halten?‘ Ich habe Unterschriften von Schülerinnen und Schülern gesammelt, ich werde auch noch Info-Stände machen an meiner Schule und so weiter. Ich freue mich immer, wenn ich von jüngeren Schülerinnen und Schülern angesprochen werde. Und auch wenn Ältere mich ansprechen, ist das toll. Ich finde es gut, wenn alle sich dafür interessieren, was in ihrer Umgebung passiert, und nicht blauäugig durchs Leben laufen.

"Wenn neue Lehrer reinkommen und fragen: 'Was wisst ihr über Atomenergie?', dann schreien viele: 'Sarah!'"

Wenn jetzt das Thema Atomkraft kommt, wenn neue Lehrer reinkommen und fragen: ‚Was wisst ihr denn über Atomenergie?‘, dann schreien viele: ‚Sarah!‘ Das ist witzig. Ich krieg auch Fragen wie: ‚Hey, weißt du noch das und das? Was ist denn da passiert? Das habe ich da im Radio gehört, wie war das noch mal?‘. Und ich würde sagen, ich habe das ‚meinen‘ Schülern schon ein Stück weit näher gebracht. Es freut mich immer zu sehen, wie viele Leute ich mit meinem Engagement erreichen kann.

Vor Kurzem hatten wir auch ein Projekt an unserer Schule über unseren Schulbunker. Im Zweiten Weltkrieg war dort eine Art Krankenstation eingerichtet. Unsere Schuldirektorin sprach mich an, ob ich nicht ein Plakat oder einen Infostand darüber machen möchte, ob der Bunker einem Unfall im AKW Tihange standhalten würde. Ob er uns Schutz bieten würde. Um noch mal zu zeigen, dass wir nicht so weit weg sind und was die Gefahr bedeutet.

Ich werde auf jeden Fall beim Aktionsbündnis dabei bleiben, soweit die Schule das zulässt, aber ich glaube, das schaffe ich. Wir wollen noch mal mit der belgischen Regierung sprechen, wir wollen die Klage der Städteregion, die Herr Etschenberg, der Städteregionsrat, initiiert hat, weiter verfolgen. Wir wollen noch mal genauer auf die Menschen zugehen. Wir haben jetzt die 300.000 Unterschriften erreicht – und wir werden weiter sammeln. Auch wenn die Reaktoren in Tihange und Doel komischerweise abgeschaltet würden auf einmal und für immer – ich würde trotzdem noch dran bleiben am Thema. Denn auch in Deutschland gibt es ja noch immer Atomkraftwerke am Netz und auch weltweit gibt es noch einige. Da darf man nicht still sitzen bleiben, nur weil es bei uns in der Nähe im Moment kein AKW mehr gäbe. Das geht nicht!

Protokoll: Julia Schumacher

www.facebook.com/schuelergegentihange


„Nehmt euch die Haftnotizen und verteilt sie überall!“

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Foto: Frank Moellenberg

Carola Gottas, 35, nutzt jede sich bietende Gelegenheit, um ihre Mitmenschen auf das Thema Atomausstieg aufmerksam zu machen. Dazu gehört für sie immer auch der Fukushima-Jahrestag, zu dem sie Jahr für Jahr eine Mahnwache mitorganisiert. Als „Atomsteuer-EintreiberIn“ war dieser Tag für sie außerdem Auftakt dafür, Unterschriften gegen die Abschaffung der Brennelemente-Steuer zu sammeln.

„Bei meiner ersten Begegnung mit der Anti-AKW-Bewegung war ich ein Jahr alt. Meine Mutter hat mich auf alle Demos mitgenommen. Und jetzt nehme ich halt meine Kinder mit und oft gehen wir auch mit drei Generationen, also meine Mutter, meine Kinder und ich. In unserer Stadt haben wir keine offizielle Anti-Atom-Initiative; ich mache einfach Aktionen mit Freundinnen und Freunden, die schon seit Jahrzehnten mit mir auf Anti-Atom-Demos fahren. Oder auch mit Leuten, die in anderen Bündnissen politisch aktiv sind.

Dass die Brennelemente-Steuer abgeschafft werden soll, macht mich wütend. Als ich dann las, dass SteuereintreiberInnen gesucht werden, habe ich gleich gedacht, dass sich das Thema ja gut mit dem Fukushima-Jahrestag verbinden lässt. Ich habe die Mahnwache organisiert, was ich fast jedes Jahr mache, bei uns in Flörsheim.

Ich komme eben aus einer Kleinstadt und ich finde es ganz wichtig, dass viele Leute gerade in kleinen Städten was machen. Auch wenn bei unserer Mahnwache nur 30 bis 50 Leute kommen – in Großstädten buhlen jeden Tag  10, 20 oder sogar 30 verschiedene Organisationen um Aufmerksamkeit! Und ich finde, das ist so ein bisschen verschwendete Energie. Mir ist Vernetzung ganz wichtig und das ist in kleinen Städten viel einfacher und geht schneller als in großen Städten. Wir haben hier in Flörsheim zum Beispiel eine Initiative gegen den Flughafen-Ausbau und ich bin bei attac und war bei Robin Wood. Auch der BUND ist hier oder auch die Naturfreunde. Gerade beim Thema Atomausstieg sind immer alle dabei. Wir gucken dann, wer was kann. Eine Freundin von mir schreibt zum Beispiel gute Pressemitteilungen und wir fragen rum, wer einen guten Presseverteiler hat. Jemand anderes sagt, ich kann Plakate aufhängen, bei uns im Naturfreundehaus beispielsweise. Meine Tochter hat am 10. März Geburtstag, was ja immer einen Tag vor der Fukushima-Mahnwache ist, und das ist immer ein Riesenstress. Aber dadurch, dass es eingespielt ist, und weil ich weiß, wen ich für was ansprechen kann, klappt es ganz gut. Ich schreib einfach eine E-Mail ans Ordnungsamt und sage, wir machen eine Mahnwache, und dann setzen die sich mit der Polizei in Verbindung, und dann funktioniert das.

Dieses Jahr haben wir schon im Vorfeld darauf aufmerksam gemacht, dass es neben der Mahnwache auch eine Unterschriftenaktion gegen die Abschaffung der Atomsteuer geben wird. Bei facebook haben wir sogar eine „Event-Seite“ eingerichtet, also die Mahnwache dort bekannt gegeben und über diesen Kanal alle unsere Kontakte eingeladen. An dem Tag selbst baue ich jedes Jahr einen kleinen Tisch auf mit Infomaterial, Listen und Fahnen und stelle auch ein Sparschwein dazu. Die Spenden, die darin landen, nutze ich dann im nächsten Jahr, um für die neue Mahnwache Material zu bestellen. 

Bei der Mahnwache selbst haben wir schon gut Unterschriften gesammelt. Viele Leute haben aber auch Listen mitgenommen und bei sich im Haus oder bei Freunden gesammelt. Alles, was wieder bei mir landet, leite ich dann an .ausgestrahlt weiter. Leider war es an dem Tag der Mahnwache eisekalt, und es kamen nicht so viele Leute wie erhofft. Viele waren überrascht, dass es so schlimm ist: dass in Fukushima so viele Kinder krank werden und auch, dass hierzulande nun die Brennelemente-Steuer abgeschafft werden soll. Aber es war trotzdem eine gute Stimmung und ich fand es schön, dass auch Menschen mit eigenen Plakaten und Fahnen kamen. In der Anti-Atomkraft-Szene sind immer so freundliche Menschen und das Thema ist auch so, dass ich nie Probleme hatte, einfach Leute anzusprechen.

Auch wenn grade keine Kampagne läuft oder Mahnwache ist – dadurch, dass ich Kinder habe, und weil es mir um deren Zukunft geht, versuche ich häufiger mal, gerade in Familien, das Gespräch darauf zu bringen. Mir ist es ganz wichtig, dass alle Leute ihren Stromanbieter wechseln und seit einem dreiviertel Jahr ist es ja jetzt auch möglich, beispielsweise Nachtspeicheröfen mit Ökostrom zu betreiben. Ich kenne einige Leute mit diesen Öfen und da bin ich jetzt gerade dran, dass die auch ihren Stromanbieter wechseln. 

Total klasse finde ich übrigens diese Post-its mit der Aufschrift „Nicht vergessen: Atomausstieg durchsetzen“, die waren auch im Paket für Atomsteuer-EintreiberInnen. Die habe ich wirklich überall hin geklebt, zum Beispiel in die Spinde im Fitnessstudio und wo ich so war. Und die werden total gut gesehen. Ist ja keine Sachbeschädigung oder so, die lassen sich ja wieder ablösen, stören also nicht so wie Aufkleber. Und das habe ich dann auch auf der Mahnwache gesagt und zu Freunden: ‚Nehmt euch die Haftnotizen und verteilt die überall, da kann euch keiner was.‘ Ich bestelle auch öfter mal ein 500er-Paket von den Bonbons mit der Sonne drauf und verteile die auf Kindergeburtstagen oder wo es sich ergibt. Und bei mir zu Hause kleben Anti-Atom-Aufkleber und es liegt Material rum. Mit solchen kleinen Hinweisen versuche ich, das Thema immer wieder ins Bewusstsein zu rücken. Dann ergibt es sich auch, dass ich einfach mal frage: ‚Willste nicht auch unterschreiben?‘“ 


Protokoll: Julia Schumacher


„Dann hat ihn jemand anders vor der Tür“

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Henning Garbers, 50, Ingenieur, hat mit Initiativen aus dem ganzen Bundesgebiet das Positionspapier zu „Abschaltung, Stilllegung und Rückbau von Atomkraftwerken“ erarbeitet.

Seit Fukushima sind Stilllegung und Rückbau zum großen Thema geworden. Viele sind davon betroffen, an AKW-, Zwischenlager- und „End“-lager-Standorten. Auf der Atommüllkonferenz, zu der halbjährlich Anti-Atom-Initiativen aus dem ganzen Bundesgebiet zusammenkommen, habe ich die Arbeitsgruppe „Abschaltung, Stilllegung und Rückbau von Atomkraftwerken“ moderiert. Die TeilnehmerInnen haben dort die Probleme mit der Atomanlage an ihrem Standort benannt und Forderungen aufgestellt, damit diese behoben werden. In den Diskussionen haben wir dann versucht, gemeinsame Ansätze herauszuarbeiten. Besonders wichtig war uns die Solidarität: Die Initiativen an den verschiedenen Standorten, sei es an Atomkraftwerken, Zwischenlagern oder anderen Atomanlagen, wollen sich nicht gegeneinander ausspielen lassen.

Wir haben ExpertInnen zu verschiedenen Themen eingeladen, haben sie befragt und mit ihnen diskutiert. Die Ergebnisse haben wir protokolliert und dabei gemerkt: Das ist eigentlich schon eine Art Forderungskatalog.
Echte Konflikte gab es in den Diskussionen nicht, eher Informationsbedarf. Es war wichtig zu hinterfragen, was mit den Abfällen eigentlich passiert. Die Antwort ist banal: Es gibt absehbar weder vertrauenswürdige Konzepte noch Standorte für die langfristige Lagerung. Man kann den Atommüll jetzt also verantwortlich nicht an einen anderen Ort bringen, denn dann hat ihn nur jemand anders vor der Tür. Verschieben als „Entsorgungs“-Methode aber lehnen wir ab; das haben wir lange genug gehabt. Das bedeutet, dass aller Atommüll, wenn nicht zwingende Gründe dagegen sprechen, erst einmal vor Ort gelagert werden muss – natürlich nach den höchsten Sicherheitskriterien. Das nehmen wir nicht auf die leichte Schulter.

Wir fordern: Sicherheit muss Vorrang haben, auch wenn es teurer wird. Da kann man nicht einfach nur ein Blechfass in die Ecke stellen. Bei den Rückbau-Schritten fehlt bislang eine echte Öffentlichkeitsbeteiligung, das geht so nicht. Der Strahlenschutz muss erheblich verbessert werden. Wir kritisieren vor allem auch das sogenannte „Freimessen“ und Freigeben von radioaktivem Material in Umwelt und Wertstoffkreisläufe.

Irgendwann merkten wir: Es macht Sinn, über all diese Fragen nicht nur bewegungsintern zu diskutieren, sondern aus dem Ganzen ein öffentliches Positionspapier zu machen. Nach den Diskussionsrunden auf den Atommüllkonferenzen gab es so noch eine schriftliche Phase. Im Mai ist der Entwurf an einen breiten Verteiler geschickt worden. Es gab viele Verbesserungsvorschläge, die ich mit Unterstützung einer kleinen Redaktionsgruppe so gut wie möglich eingearbeitet habe. Alle, die etwas angemerkt hatten, haben wieder die nächste Version bekommen und konnten sich weiter beteiligen. Auf diese Weise haben wir mehrere Runden absolviert, und es war nicht immer einfach. Leichter ist es, gemeinsam an einem Tisch zu sitzen. Am Ende aber haben alle Okay gesagt.

Im Juli ging das fertige Positionspapier dann schließlich über einen breiten Verteiler, zum Unterzeichnen. Bis heute haben 80 Initiativen, darunter .ausgestrahlt, ihren Namen darunter gesetzt und sich so hinter die Forderungen gestellt. Es gab einige Presseresonanz dazu. Jetzt geht es darum, das Papier noch bekannter zu machen und die Forderungen auch umzusetzen …

www.atommuellkonferenz.de


„Was ist, wenn sie das AKW doch länger laufen lassen?“

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Hans-Peter Leiding, 60, Sozialpädagoge aus Grohnde, war mit seiner 10-Kilowatt-Solaranlage jahrelang der zweitgrößte Stromerzeuger im Ort. Jetzt klagt er gegen den größten: das AKW.

Ich bin in den 1990ern nach Grohnde gezogen, da war das AKW natürlich schon da. Ich hatte nie Angst deswegen. Und ich habe mich sicher auch ein bisschen blenden lassen von Eon. AKWs machen keine Emissionen, hieß es da … Mehr so aus Neugier bin ich dann mal zu einer Anti-Atom-Demo gegangen, weil mich das Thema interessiert hat. So habe ich mich mehr und mehr mit AKWs beschäftigt und gemerkt, wie unausgegoren das doch alles ist und wie Atomkraft schöngeredet wird. So bin ich zum Atomkraftgegner geworden.

2006 habe ich meinen persönlichen Atomausstieg in ganz klein angefangen. Mit meiner Zehn-Kilowatt-Photovoltaikanlage auf dem Dach war ich jahrelang der zweitgrößte Stromproduzent in Grohnde. Der Kraftwerksleiter des Atommeilers war damals mein Nachbar. Wir hatten guten Kontakt. Meine Solaranlage ließ er als Alternative allerdings nicht gelten – Produktion und Entsorgung würde mehr Energie verbrauchen, als sie je erzeugen könne, behauptete er.

Letztes Jahr hat die Regionalkonferenz „Grohnde Abschalten“ dann Menschen gesucht, die mit Unterstützung gegen das AKW klagen würden, um dessen Stilllegung zu erzwingen. Wichtig war, dass sie möglichst nahe am AKW wohnten. Ich sehe den Meiler ja vom Fenster aus, habe hier Eigentum und wäre bei einem Atomunfall direkt betroffen. Trotzdem habe ich lange überlegt. Immerhin gibt es ja den Ausstiegsbeschluss. Und viele sagen: Das Ding wird doch eh in sechs Jahren abgeschaltet. Aber das überzeugt mich nicht. Was ist, wenn sie auf die Idee kommen, das AKW doch länger laufen zu lassen? Die Betreiber versuchen ja gerade, sich aus ihrer Verantwortung zum Abriss der Anlagen und der Entsorgung des Atommülls zu stehlen. Bleibt das am Ende am Staat hängen, könnte eine künftige Regierung angesichts chronisch knapper Kassen schnell auf die Idee kommen, die Meiler doch länger laufen zu lassen. Alles auf Kosten der Bürger.

Dass Atomanlagen genauso altern wie wir selbst und damit anfälliger werden, wird verdrängt.

Das Basisdesign des AKW stammt aus den 1970er Jahren, auch in puncto Sicherheit. Das kann man nur begrenzt verbessern. Guck dir mal andere Technik von damals an, Autos zum Beispiel – das ist doch mit dem AKW nicht anders! Dann ist da noch die Gefahr durch Flugzeugabstürze oder Terror. Nimm den Germanwings-Absturz neulich in den Seealpen: So was kann auch hier passieren. Flugzeuge sind heute größer und schwerer als in den 1970ern!

Unsere Klage kostet viel Geld, das zahle ich natürlich nicht alleine, dafür wurde der Rechtshilfefonds Atomerbe Grohnde e.V. gegründet. Neue Mitglieder oder Spenden sind herzlich willkommen. Derzeit haben wir 25.000 Euro, benötigen werden wir das Doppelte, um die Klage wirklich abzusichern.

Als ersten Schritt haben wir beim niedersächsischen Umweltministerium einen Antrag auf Widerruf der Betriebsgenehmigung gestellt. Stefan Wenzel hat Zeit bis 26. Juli, darauf zu antworten. Fällt diese Antwort für uns unbefriedigend aus, werden wir klagen.

Im Dorf selbst bin ich noch von niemandem auf die Klage angesprochen worden: keine Anrufe, keine Anfeindungen. Insgeheim glaube ich aber, dass viele dieser Anlage heute skeptischer gegenüberstehen als noch vor Jahren, auch wenn sie es nicht laut sagen.

grohnde-kampagne.de/rechtshilfefonds


„Unter keinen Umständen freigeben“

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Rainer Moormann, 64, Physikochemiker, deckte die Sicherheitsmängel von Kugelhaufenreaktoren auf und hofft, auch den Atommüll-Export in die USA noch zu verhindern.

Ich habe 36 Jahre am Forschungszentrum Jülich gearbeitet. Dort sind Kugelhaufenreaktoren entwickelt worden. Das Forschungszentrum hat versucht, die Technik, die nie befriedigend funktioniert hat, unter falschen Angaben in andere Länder zu exportieren, unter anderem nach Südafrika. Mir fiel das irgendwann auf: dass da eine riesige Menge Radioaktivität aus den Kugeln im Reaktorkern rauskam, dass die Temperaturen nicht unter Kontrolle waren, dass der Reaktor zeitweise völlig außer Kontrolle gefahren worden war. Ich habe diese Dinge publik gemacht. Das hat man mir übel genommen und jahrelang alles abgestritten. Aber die Expertenkommission, die das nach Fukushima untersucht hat, hat mit in fast allen Punkten Recht gegeben.

Der Kugelhaufenreaktor in Jülich ist wie der in Hamm-Uentropp inzwischen stillgelegt, die letzten Forschungsarbeiten zum Thema laufen dieses Jahr aus. Das ist auch ein bisschen mein Erfolg. Was noch da ist, ist der Müll: 152 Castorbehälter voller Atomkugeln. Die will das Forschungszentrum demnächst für geschätzt eine Milliarde Euro in die USA exportieren. Dort sollen sie in einer alten militärischen Anlage aufgearbeitet werden, wo schon viele marode Container mit hochradioaktiver Brühe rumstehen. Da ist Widerstand nötig!

Das Bündnis gegen Castorexporte, bei dem ich mitmache, konnte neulich über das Umweltinformationsgesetz endlich Einsicht nehmen in ein Papier, in dem das Forschungszentrum die drei Optionen Export, Verlagerung nach Ahaus und Bau einer neuen Lagerhalle in Jülich vergleicht. Das Forschungszentrum selbst wollte dieses Papier zuvor unter keinen Umständen freigeben. Wenn man reinguckt, versteht man auch schnell, warum: Es versucht darin mit allen Mitteln, Gründe dafür zu finden, den Müll in die USA zu schaffen – mit bisweilen abenteuerlichen Vorstellungen. Die wollen sich dieses Problem einfach bloß vom Halse schaffen. Aber das ist ’ne Flucht vor der Verantwortung!

Bis März soll nun der TÜV Nord das dubiose Papier bewerten. Die Atomaufsicht im Düsseldorfer Wirtschaftsministerium wird dann eine Vorgehensweise vorschlagen. Das Forschungszentrum strebt an, bereits auf der Aufsichtsratssitzung im Mai eine Entscheidung zugunsten der USA-Option hinzubekommen …

In den USA läuft bereits eine Umweltverträglichkeitsprüfung, und zwar nicht nur für den Müll aus Jülich, sondern auch für den aus dem stillgelegten Hochtemperaturreaktor Hamm-Uentrop: Auch dessen Müll soll offenbar später ins Ausland verfrachtet werden. Diese Umweltverträglichkeitsprüfung soll Ende März veröffentlicht werden, und dann kann jeder Einspruch erheben.

Die Atommüllkommission muss endlich kapieren, dass hier nicht sauber gespielt wird! Wenn man ernsthaft ein Endlager im eigenen Land suchen will, dann kann man nicht einfach nebenher beginnen, Müll aus einem AKW in die USA zu schaffen.

Ein Argument in dem Papier ist, es handele sich um hoch angereichertes, waffentaugliches Uran, was man allein deswegen in die USA verfrachten solle. Aber das stimmt gar nicht. Der Jülicher Müll ist im Mittel nicht mehr hoch angereichert und waffentauglich. Das ist also ein faules, vorgeschobenes Argument. Ich hoffe, dass wir auch in der USA-Exportgeschichte noch Erfolg haben werden.