Aktive im Porträt

Hunderttausende engagieren sich aktiv gegen Atomkraft. Mit unzähligen Demonstrationen, Diskussionen und Aktionen, in Bürgerinitiativen, Anti-Atom-Gruppen und in Parteien. Sie investieren Zeit, Kraft und Mut, um den atomaren Wahnsinn zu verhindern. In jeder Ausgabe des .ausgestrahlt-Magazins stellen wir einige vor – zur Nachahmung empfohlen!


Zwischenlager in Ahaus: „Nicht einfach so weiterwursteln“

Hartmut Liebermann
Foto: Christian Boedding Hartmut Liebermann

Hartmut Liebermann, 69, kämpft mit der Bürgerinitiative „Kein Atommüll in Ahaus“ seit mehr als 40 Jahren gegen AKW und deren Abfall. Das Zwischenlager konnte er nicht verhindern. Inzwischen jedoch spricht sich sogar der Stadtrat einstimmig gegen weiteren Atommüll aus

Ich war Lehrer für gesellschaftswissenschaftliche Fächer und hatte mich schon seit den Plänen für das AKW Wyhl mit Atomenergie befasst. Dann kam das Thema plötzlich hautnah auch zu uns: mit den Plänen für eine Urananreicherungsanlage in Ahaus, 1976. Die wurde dann zwar in Gronau gebaut. Dafür hieß es ein Jahr später, sie wollten bei uns ein zentrales Zwischenlager für hochradioaktiven Atommüll errichten. Damals gründeten wir dann die Bürgerinitiative „Kein Atommüll in Ahaus“.

Der berühmte Castortransport, der vor 20 Jahren bundesweit für so viel Aufsehen sorgte, war natürlich ein Höhepunkt des Protests, in vielerlei Hinsicht. Aber es gab auch schon im Vorfeld sehr viel Widerstand aus der Bevölkerung. Ende der 1970er haben wir massiv Öffentlichkeitsarbeit gemacht, mit Infoständen, Demonstrationen, Leser*innenbriefen. Es gab riesige Diskussionsveranstaltungen zum Thema. Wir haben durchgesetzt, dass ein Erörterungstermin stattfindet, dabei war damals für Zwischenlager noch gar keine Öffentlichkeitsbeteiligung im Atomgesetz vorgesehen! Das ist erst viel später geändert worden, auch auf unseren Druck hin. Zur Anhörung war zwei Tage lang die Stadthalle voll besetzt, dann wurde abgebrochen, weil nötige Gutachten noch gar nicht fertiggestellt waren. Kurz darauf gab der Betreiber sein Nasslagerkonzept auf. Statt in Wasserbecken sollten die abgebrannten Brennelemente nun trocken gelagert werden, in Castorbehältern. Dazu gab es Jahre später wieder einen Anhörungstermin, sechs Tage dauerte der. Die Genehmigung kam ein Jahr später. Danach erreichte ein Landwirt mit einer Klage immerhin einen dreijährigen Baustopp. Seit 1990 ist die Anlage trotz allem in Betrieb.

1992/93 kamen dann die ersten Brennelemente aus dem Thorium-Hochtemperaturreaktor Hamm-Uentrop (THTR). Der Müll von dort ist zum großen Teil hochangereichertes Material, was allein schon unter dem Gesichtspunkt der Proliferation problematisch ist. Das hatten wir damals aber noch nicht auf dem Schirm. Dass der Protest gegen diesen Müll noch eher gering war, lag wohl auch daran, dass der THTR ein stillgelegter Reaktor war und sich unsere Arbeit ja auch gegen den Weiterbetrieb von AKW richtete. Ursprünglich sollten in Ahaus Brennelemente aus ‚normalen‘ Leichtwasser-Reaktoren gelagert werden.

Unsichere Halle: Die 1989 fertiggestellte Betonhalle in Ahaus gehört mit Wandstärken von zum Teil nur 40 bis 50 Zentimeter – um und in der Decke sind es an manchen Stellen sogar nur 20 Zentimeter – zu den unsichersten Zwischenlagern in Deutschland. In ihr lagern 305 kleinere Castor-Behälter mit Brennelement-Kugeln aus dem THTR Hamm-Uentrop, je drei große mit Brennelementen aus den AKW Neckarwestheim und Gundremmingen C, 18 kleinere aus dem Forschungsreaktor Rossendorf sowie mehr als 1.300 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktive Abfälle. Fast 90 Prozent der Lagerkapazität sind noch frei. Eine einst geplante zweite Halle wurde nie gebaut.

 

Nach dem großen Transport 1998 mit Castoren aus Gundremmingen und Neckarwestheim kam dann raus, dass die Außenseiten der Behälter bei diesen Transporten in völlig unzulässigem Maße kontaminiert waren. Dies zusammen mit den Protesten in Ahaus und Gorleben führte am Ende mit dazu, dass die Brennelemente aus kommerziellen Reaktoren seitdem an den AKW-Standorten zwischenlagern.

Aktuell richtet sich unser Widerstand gegen die geplanten Atommüll-Transporte aus Jülich und aus Garching bei München. Diese Transporte sind hochproblematisch und unsinnig. Bei den 152 Castor-Behältern mit abgebranntem Brennstoff aus dem AVR Jülich weiß niemand, wie es im Innern aussieht. Man geht von zerbröselten Kugelbrennelementen aus, die so gar nicht langzeitlagerfähig sind. Die Castoren müssten nochmal geöffnet, gesichtet und der Müll für eine spätere Endlagerung konditioniert werden. In Ahaus gibt es aber keine ‚Heiße Zelle‘ für solche Arbeiten. Wir sind der Auffassung, das sollen die in Jülich machen, da sie für die sichere Lagerung und Konditionierung des Mülls verantwortlich sind, den sie erzeugt haben. Dazu muss dort ein neues Lager gebaut werden, da das jetzt bestehende gar nicht mehr zugelassen ist.

In einem offenen Brief an die Bundesumweltministerin Schulz haben wir genau das gefordert. Übrigens hat sie vor sechs Jahren im Landtag von NRW selbst sehr schön gesagt, dass die Brennelemente aus Jülich nur noch einmal transportiert werden sollten, nämlich zu einem ‚Endlager‘, wo sie langfristig bleiben könnten. Darauf wollen wir sie festnageln.

Gegen die Einlagerungsgenehmigung für die Jülicher Castoren hat sogar die Stadt Ahaus geklagt. Der Stadtrat hat mit seinen sechs Fraktionen einstimmig der Klage zugestimmt. Das ist ein großer Erfolg für uns, da haben wir lange darauf hingearbeitet! In der Vergangenheit nämlich war die Mehrheit im Stadtrat immer für das Zwischenlager. Inzwischen ist den Leuten einiges aufgegangen. Nämlich, dass wir das Zeug, ist es erst mal hier, nie mehr loswerden. Die Versprechungen für eine befristete Zwischenlagerung können gar nicht eingehalten werden. Wir als BI versorgen die Anwälte mit Informationen, dafür nutzen wir unterschiedliche Quellen. Gemeinsam mit der Stadt haben wir neulich erreicht, dass das Bundesamt den zunächst angeordneten Sofortvollzug für die Einlagerungsgenehmigung wieder zurückgenommen hat – allerdings kann der auch schnell erneut angeordnet werden.

"Wenn tatsächlich ab nächstem Jahr neue Transporte durchgeführt werden sollten, werden wir reagieren."

Dann der Atommüll aus Garching. Der soll ab 2019 kommen. Es heißt, dass in einem einzigen Brennelement gut acht Kilo hochangereichetes Uran drin sind, das reicht für die Herstellung einer Hiroshima-Bombe. Die Auflage, bis 2010 auf zumindest niedriger angereichertes Uran umzustellen, ist bis heute nicht umgesetzt.

Die Reaktorsicherheitskommission fordert zudem, dass der Müll aus Garching vor einer tiefengeologischen Lagerung abgereichert wird. Das kann nicht in Ahaus passieren! Darum müssen sich die Münchener selbst kümmern! Wir haben da massive Kritik an deren Verständnis von Wissenschaft und vor allem daran, dass sie die Verantwortung für ihren Bombenstoff einfach abschieben wollen.

Die Problematik der Brennelemente aus Forschungsreaktoren wird von den zuständigen Stellen völlig ignoriert und auch falsch dargestellt. Dazu kommt die grundsätzliche Problematik, die viel zu wenig diskutiert wird: dass nämlich die Zwischenlagerung nur für eine Dauer von 40 Jahren konzipiert wurde. Sie wird aber sehr viel länger dauern, und also muss doch das Konzept überdacht werden. Da stellt sich die Frage nach der Behältersicherheit und ‑sicherung, dazu die Frage nach der Ausstattung der Lager, auch die Frage, ob man weiterhin oberflächennah oder unterirdisch lagern muss. Was ist nach 40 Jahren? Es kann nicht angehen, einfach so weiterzuwursteln und die Genehmigungen einfach immer weiter zu verlängern. Es wird auch nirgends erwähnt, dass Gorleben und Ahaus den niedrigsten Sicherheitsstandard aller genehmigten Castor-Zwischenlager haben. Wir werden diese Themen in Kürze öffentlich machen. In welcher Form auch immer, vielleicht als einen offenen Brief an das Bundesamt.

Es ist ja nicht so, dass ich das jetzt hier alleine mache. Gut, ich bin von den heute Aktiven derjenige, der am längsten dabei ist – 40 Jahre. Wir sind zwar gegenwärtig nicht mehr so viele wie in den ersten 20 Jahren, aber es gab immer Wellenbewegungen. Wenn ein Problem virulent wurde, kamen immer auch Leute, die mitgearbeitet haben. Derzeit verstärken wir wieder unsere Informationsarbeit in der Stadt und die Vernetzung mit Bürgerinitiativen vor allem in NRW. Wenn dann tatsächlich ab nächstem Jahr neue Transporte durchgeführt werden sollten, werden wir reagieren.“

Protokoll: Julia Schumacher

Dieser Text erschien ursprünglich im .ausgestrahlt-Magazin Nr. 39, Mai 2018

„Da steckt natürlich Interesse dahinter“

Michael Ehnert
Foto: privat Michael Ehnert

Michael Ehnert, 49, hat die Urantransporte über den Hamburger Hafen, ihre Gefahren und die Proteste dagegen massentauglich ins Fernsehen gebracht – mit einem Drehbuch für die Krimiserie „Notruf Hafenkante“

"Meine ersten Demoerfahrungen waren in Brokdorf. Das habe ich für mich damals als traumatisierend erlebt. Wir sind da über das Feld gelaufen und dicht über uns kreisten die Hubschrauber. Da kann ich schon verstehen, dass Leute, die auf diese Art und Weise eingeschüchtert und bedroht werden, auch unsachlich werden, auf beiden Seiten. Sowohl die Polizisten, die bedroht und mit Sachen beworfen werden, als auch die Menschen, die bei friedlichen Demonstrationen zum wiederholten Male den Arm auf den Rücken gedreht bekommen, geschubst oder sogar geschlagen werden – ich verstehe, dass sie wütend werden.

Aus dieser Erfahrung heraus, dass Demonstrationen eskalieren oder bedrohlich werden, Aggressionen schüren können, habe ich nach einem Mittel gesucht, den Protest anders auszudrücken und dem Ganzen eine humoristische Komponente abzugewinnen. Mit meinem Kollegen Kristian Bader habe ich Ende der 1980er Jahre eine Kabarett-Formation in Hamburg gegründet – das Bader-Ehnert-Kommando. Damit sind wir viel unterwegs gewesen und haben bei Demos und Protestaktionen auf den Straßen Comedy-Kabarett-Kleinstnummern gemacht. Wir haben uns Verstärker gebaut, die wir auf den Rücken schnallen konnten, mit Headsets, also Mikrofonen vor dem Mund, und haben dann kabarettistische Nummern gespielt, um die Leute zum Lachen zu bringen und so eben auch aggressiver Stimmung entgegenzuwirken.

Ein Beispiel: Hier in Hamburg haben wir das auf einer Demo für ein Tempolimit auf der Stresemannstraße eingesetzt. Da haben Menschen an einem einzigen Tag in ganz Hamburg zwanzig verschiedene Verkehrsknotenpunkte blockiert. Wir wollten mit unserem kabarettistischen Programm auch hin. Allerdings lief es etwas anders als gedacht. Wir waren statt um 16 Uhr schon um 14 Uhr da und dann war natürlich außer uns noch niemand dort. Erst waren wir verwundert, dann haben wir zu zweit trotzdem einfach mal versucht, die Straße vor dem Dammtorbahnhof zu blockieren. Hat logischerweise nicht geklappt, weil sie acht Spuren hat. Es kam ziemlich schnell eine Einheit der Polizei mit großer Wanne, die sich quer auf die Straße gestellt hat und damit lustigerweise an unserer Stelle den Verkehr lahmlegte. Die Beamten haben uns eingesackt, zur Polizeiwache mitgenommen und in eine Zelle gesteckt. Das war unangenehm dort, also  haben wir angefangen, unsere kabarettistische Gesänge dort zu proben. Die gingen denen schließlich so auf die Nerven, dass sie uns kurz vor 16 Uhr wieder auf freien Fuß gesetzt haben. Das Ende vom Lied: wir waren pünktlich zurück am Dammtor – mit tausend anderen Leuten. War super.

"Mir ist da erst klar geworden, wie exzessiv diese Transporte in Hamburg immer noch stattfinden."

Auf das Thema Urantransporte bin ich über die Pressemeldung von einer Umweltorganisation gekommen, das war vor zwei Jahren. Ich wäre gar nicht darauf aufmerksam geworden, wenn Anti-Atom-Aktive und ‑Initiativen das nicht zum Thema machen würden. Mir ist da erst klar geworden, wie exzessiv diese Transporte in Hamburg immer noch stattfinden. Und das ist, wenn man sich mit dem Thema nicht viel beschäftigt, erst mal irritierend. Denn viele Leute reagieren ja zunächst so: Wieso Atomkraft? Wir sind da doch längst „ausgestiegen“? Wieso fahren dann immer noch Atomtransporte? Dann muss man immer wieder deutlich machen: Nein, der „Ausstieg“ ist bisher nur geplant, aber eben längst nicht umgesetzt. Es laufen immer noch Atomkraftwerke, das soll sogar noch Jahre dauern. Und zusätzlich gibt es auch immer noch all diese Transporte. Nun ist die Sendung „Notruf Hafenkante“ ja eine Krimireihe, die in Hamburg spielt, und da sind die Macher auf der Suche nach Themen, die eben lokal eine Rolle spielen. Das war also die Gelegenheit, denn ich finde, dass alles, was mit den Urantransporten zu tun hat, in der Öffentlichkeit viel zu wenig auftaucht.

Ich habe dann mehrfach mit der Pressesprecherin von Robin Wood gesprochen und übers Internet recherchiert. Und dort sind die Initiativen und Organisationen ja untereinander verlinkt, und ich bin quasi von einer Website zur nächsten gesurft und hab mir verschiedene Sachen rausgesucht oder doppelt gecheckt, wie es sich denn tatsächlich so verhält. Die Herausforderung war: Bei so einem Drehbuch muss man einerseits der richtigen Darstellung des Sachverhalts gerecht werden und andererseits soll es unterhalten und als Krimi natürlich spannend sein. Deshalb war ich ganz happy, dass in der Schlussfassung des Drehbuches so viel von meiner Originalfassung drin geblieben ist.

„Wenn Anti-Atom-Aktive die Transporte nicht zum Thema gemacht hätten, wäre ich gar nicht darauf aufmerksam geworden“

In „The bigger picture“, also der Folge, zu der ich das Drehbuch geschrieben habe, geht es ja auch um die Terrorgefahr, die die Urantransporte mit sich bringen. Zum Umgang mit dieser Gefahr fällt mir ein gutes Beispiel ein: In den USA schießen Zivilisten mit ihren privaten Pistolen auf ihre Mitmenschen, jeden Tag passiert das. Aber anstatt dass die Politik die Waffengesetze verschärft, werden Schülern Metallplatten für den Schulrucksack verkauft, damit sie sich den im Zweifelsfall schützend vors Gesicht halten können. Das ist genau genommen doch völliger Wahnsinn. Es spricht jedem aufklärerischen Gedanken Hohn, dass man Menschen so veralbert. Da steckt natürlich ein Interesse dahinter. Im Fall der Waffenindustrie geht es um sehr viel Geld. Und ich glaube, dass das im Hinblick auf die hier stattfindenden Atomtransporte im Prinzip genauso ist.

Weit über 100 Transporte mit angereichertem Uran passieren jedes Jahr den Hamburger Hafen. Mehrere Bündnisse von Anti-Atom-Initiativen und Atomkraftgeg-ner*innen organisieren Proteste, unter anderem einen Streckenaktionstag am 24.2.2018. atomtransporte-hamburg-stoppen.de / urantransport.de


Warum ich nun Drehbücher schreibe oder Kabarett mache – weil aus meiner Erfahrung Kunst in ihren unterschiedlichsten Formen doch ein tolles Mittel ist, Menschen nachhaltig zu erreichen. Wenn ich es schaffe, die Inhalte in einer Geschichte zu präsentieren, dann vernetzt die sich nochmal anders im Gehirn. Weil man die Bilder darin, und vor allem solche, die einen auch zum Schmunzeln bringen, eher erinnert als einen trockenen Vortrag. Geschichten wirken in den Leuten viel länger nach, denn sie sprechen mehr Sinne an. Es mag sein, dass dabei Details nicht hundertprozentig darstellbar oder korrekt sind. Aber es kann Menschen überhaupt erst motivieren, sich mit dem Thema näher zu befassen.

Ich habe das große Glück, dass ich mit meiner Arbeit, ob nun auf der Bühne oder vor der Kamera, viele Menschen erreichen kann. Aber auch wer nicht in dieser Situation ist: Ich finde, jede und jeder sollte einfach immer dranbleiben, mit anderen darüber sprechen und gucken, was daraus entsteht. Denn man weiß ja vorher nie, in welche Richtung sich ein Statement entwickelt. Oft hören und lesen die Menschen das einfach nur so, aber vielleicht liest es auch ein Drehbuchautor, der schließlich einen Film zu dem Thema schreibt! Nun ja, und wenn ich vielleicht noch für einen „Tatort“ darüber schreibe, ist es auch denkbar, dass das Thema wieder neue Wellen nach sich zieht. Immer so weiter eben. Und irgendwann werden diese Urantransporte oder auch andere Missstände schließlich von der Politik wieder verstärkt in den Fokus genommen. Daher müssen wir es schaffen, den Druck aufrecht zu erhalten."

Protokoll: Julia Schumacher

"the bigger picture" – Folge 279 der ZDF-Serie „Notruf Hafenkante“ vom 26. Oktober 2017
 

Dieser Text erschien ursprünglich im .ausgestrahlt-Magazin Nr. 38, Februar 2018

 


„Dass da alle stillhalten!“

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Foto: privat Heidi Kuhnert

Heidi Kuhnert, 46, geht im atomkraft-unkritischen Emsland gegen das AKW Lingen und die Brennelementefabrik auf die Straße und bringt sogar den Katastrophenschutzverantwortlichen aus dem Konzept

Ich bin im Saarland aufgewachsen, das AKW Cattenom gleich hinter der Grenze. Mir war schon in der fünften Klasse klar, dass Atomkraft echt gefährlich ist. Vor 12 Jahren bin ich ins Emsland gezogen, der Liebe wegen. Und bin total entsetzt, wie eine Region in Deutschland so unaufgeklärt, naiv und abhängig von den Atomkonzernen sein kann. Zuerst dachte ich: Das halte ich nicht aus. Dass da alle stillhalten!

Mein Mann, gebürtiger Emsländer, sagt, dass es hier früher schon Widerstand gab, gegen die Wiederaufarbeitungsanlage und das Atommülllager etwa, die in Wahn geplant waren. Aber heute? Der alte Standort ist jetzt wieder im Rennen.

Ich bin Busfahrerin hier. Eines Tages höre ich im Radio, dass die Brennelementefabrik in Lingen blockiert wird. Da habe ich mich tierisch geägert: Jetzt ist hier endlich mal was los und ich muss arbeiten! Sofort nach Feierabend bin ich hin und habe zum Glück noch Leute angetroffen. „Gut, dass ihr da seid“, habe ich gesagt.

Beim „Elternverein Restrisiko“, gegründet 1986 nach Tschernobyl, habe ich mal vorbeigeschaut. Die sind aber alle deutlich älter und machen hauptsächlich Mahnwachen zu den Jahrestagen von Tschernobyl und Fukushima. Also habe ich mich weiter umgehört, eine Whatsapp-Gruppe gegründet, einen Stammtisch aufgemacht. Da kam ein Grüner vorbei, sonst niemand. Es ist einfach total schwierig hier, Leute zusammenzukriegen.

Bei der Blockade aber waren noch zwei Frauen, genau wie ich spontan angeflitzt. Eher im Alter meiner Kinder zwar, aber ihre Mutter, stellte sich dann heraus, ist auch noch ganz aktiv. Allein für die Demo neulich hat sie 2.000 Flyer verteilt. Die kriegt aber Sachen um die Ohren gehauen, dafür hätte ich nicht die Nerven, überhaupt nicht.

Wir sind zusammen zu einem Treffen nach Osnabrück gefahren, so kamen wir in die Verteiler rein und haben mitbekommen, was in Ahaus, Gronau und Münster so läuft. Kurz haben wir noch überlegt, eine eigene Gruppe aufzumachen, aber das scheiterte dann grandios, weil wir doch zu wenige sind und auch zu unterschiedlich. Jetzt geben wir eher privat die Infos weiter.

Interessiert sind schon einige hier. Aber sie würden sich niemals trauen, offiziell Flagge zu bekennen. Die wollen oder müssen ihrem Arbeitgeber gegenüber loyal sein. Viele klopfen mir auch auf die Schulter und sagen: Ich finde das ganz toll, was du machst, aber mein Mann arbeitet da oder mein Nachbar und ich möchte nicht in Verbindung gebracht werden mit dem Protest. Einige denken auch: Wartet doch einfach die paar Jahre noch ab. Aber in einem AKW kann es jeden Tag zur Katastrophe kommen! Und sowohl die Urananreicherungsanlage in Gronau als auch die Brennelementefabrik sind vom sogenannten Atomausstieg ja gar nicht betroffen.

RWE und Areva machen hier kräftig Beruhigungspolitik. Der Sportverein kriegt Geld. In der Zeitung steht Monat für Monat, dass soundsoviel Uran verarbeitet wurde und dass es keine nennenswerten Vorkommnisse gegeben habe. Und dann gibt es noch den Ableger der Uni Osnabrück hier, mit dem die Atomkonzerne oft Kooperationen machen. Studis können dann bei denen arbeiten und schnuppern. RWE schreibt auch Preise aus. Und die Atomkonzern-Vorstände halten Vorträge hier.

Diese Nähe bleibt nicht ohne Folgen. Wir Atomkraftgegner*innen etwa dürfen in der Uni keine Plakate aufhängen. Und als wir letztes Jahr bei der Demo gegen die Brennelemente-fabrik den Uni-Parkplatz für die Busse nutzen wollten – Lingen ist ja eine kleine Stadt – da waren diese richtiggehend entsetzt.

"Viele sind interessiert, würden sich aber niemals trauen, offiziell Flagge zu bekennen. Die müssen ihrem Arbeitgeber gegenüber loyal sein."

Die Brennelemente-Herstellung in Lingen ist brisant, weil die Fabrik unter anderem auch die belgischen Schrottreaktoren in Doel und Tihange beliefert. Und die Urantransporte fahren hier über unsere Straßen, das will auch niemand wahrhaben, dass das gefährlich sein könnte bei einem Unfall. Die Feuerwehr ist überhaupt nicht informiert, was in so einem Fall zu tun wäre.

Was das AKW angeht, sieht es nicht besser aus. Eine SPD-Abgeordnete hat einmal ein Katastrophenschutz-Treffen organisiert zum Thema „Was, wenn was im AKW passiert!“, mit einer Referentin von den Ärzten gegen den Atomkrieg (IPPNW). Da waren alle zuständigen Personen aus dem Landkreis da, Ärzt*innen, Einsatzleiter*innen, plus eine Handvoll atomkraftkritischer Bürger*innen. Der im Landkreis für den Katastrophenschutz Zuständige hat gesagt, die Evakuierung von Lingen würde über Radio bekanntgegeben. Und dass sie schon dafür sorgen würden, dass es auch bei einem Atomunfall Strom gäbe für die Radios. Außerdem meinte er, dass die Busfahrer*innen der städtischen Verkehrsbetriebe dann die Leute wegfahren würden. Dabei gibt es hier gar keine Verkehrsbetriebe mehr! Die Buslinien werden alle von privaten Unternehmen bedient …

Ob denn die Busfahrer*innen Bescheid wüssten, habe ich gefragt. „Ja, natürlich“, meinte er. Da habe ich gesagt, dass ich Busfahrerin bin, aber nichts davon weiß, und dass ich in so einem Fall bestimmt nicht noch ans Telefon gehen und nach Lingen reinfahren würde, um dort in einen Bus zu steigen und Leute wegzufahren. Kurz war er da betroffen. Passiert ist aber nichts. Unser Chef, den ich danach gefragt habe, will von solchen Plänen auch nichts wissen. Das steht auch nicht im Arbeitsvertrag drin.

Mit „AKW sofort abschalten“ holt man hier keinen hinterm Ofen vor. Nach Meinung meiner Nachbar*innen und Mitarbeiter*innen ist das AKW Lingen das sicherste in ganz Deutschland. Die haben sich alle daran gewöhnt. Wenn ich Stadtrundfahrten gefahren bin, ging es immer auch zum Reaktor raus und dann wurde erzählt, wie gut der für die Stadt sei. Da ist überhaupt nichts Kritisches.

Das AKW kühlt ja mit Wasser aus dem Dortmund-Ems-Kanal. Die Genehmigung zur Kühlwasserentnahme läuft jetzt aus und muss erneuert werden. Ganze 15 Leute haben dagegen Einwendungen erhoben. Dass immer häufiger Windkraftanlagen abgeregelt werden, während man das AKW weiter laufen lässt, ist zwar auch hier ab und an Thema. Aber oft heißt es dann: Wer zuerst da war, hat das ältere Recht. Selbst der Bioladen in der Stadt hängt kein Anti-Atom-Plakat auf.

Neulich habe ich eine Ansichtspostkarte gekauft, „Heimat unser Lingen“, mit neun Bildern darauf. Eines davon zeigt das AKW. „Toll, ne, hat unser Chef jetzt neu in Auftrag gegeben“, sagt die Verkäuferin. Als sie merkt, dass ich das gar nicht toll finde, fügt sie hinzu: „Das gehört doch zu uns – ohne das wäre die Stadt ganz schön arm!“ Ich habe allein zwei Mitarbeiter*innen, die Leukämie haben, sage ich. Ihre Meinung erschüttert das nicht: „Das hat damit nichts zu tun.“ Immerhin: Auf der jüngsten Demo Mitte September war neben der Brennelemente-Fabrik auch das AKW selbst Thema. Wir waren 500 Leute. Das ist echt viel für hier.

Weil wir alle so verstreut sind, haben wir die Demo vor allem in Telefonkonferenzen vorbereitet. Bei Finanzen und so habe ich mich etwas zurückgehalten, das ist nicht so mein Bereich. Aber hier zum Ordnungsamt zu gehen und Ansprechpartner zu sein, da bin ich immer dabei. Am Tag selbst habe ich Stände rumgefahren und Busse eingewiesen. Und dann in einer Rede von der Bühne aus die Leute begrüßt. Ich habe erzählt, warum es auch für die Bewohner*innen des Emslandes wichtig ist, sich zu organisieren und zu demonstrieren. Dass ich es furchtbar finde, wie die Atomfirmen hier die Leute einlullen und es schlicht niemanden zu interessieren scheint, was da in ihren Fabriken abläuft. Mit der Demo haben wir zumindest kurz gezeigt, dass sie sich nicht unbeobachtet fühlen können!

Protokoll: Armin Simon

Dieser Text wurde ursprünglich veröffentlicht im .ausgestrahlt-Magazin Nr. 37, Oktober 2017

 



„Einfach mal losfahren“

André Plümer engagiert sich gegen das AKW Grohnde
Foto: privat André Plümer

André Plümer, 41, kämpft mit dem Aktionsbündnis „Bielefeld steigt aus“ für die Stilllegung des AKW Grohnde. Zur trinationalen Menschenkette von Tihange nach Aachen organisierte er eine Anti-Atom-Fahrradtour quer durch NRW

Ich bin Fan von Themenradtouren zu Events und habe mich inspirieren lassen – beispielsweise, als 2016 Klima-Aktivisten bei der Aktion „Ende Gelände“ auch durch Bielefeld geradelt sind. Damals hatte ich leider keine Zeit mitzumachen. Aber jetzt, im Vorfeld zur Anti-Atom-Menschenkette, wollte ich die Gelegenheit nutzen. Ich habe also mal geguckt, wie das wäre, wenn man eine Radtour nach Tihange unternehmen würde.

Mit ist aufgefallen: Auf den rund 430 Kilometern zwischen den AKWs Grohnde und Tihange gibt es viele Orte, die im Zusammenhang mit der Atomindustrie oder einer verfehlten Energiepolitik stehen: Zum Beispiel der stillgelegte Thorium-Hochtemperaturreaktor (THTR) in Hamm-Uentrop, das Kohlekraftwerk in Datteln und die Atommüll-Konditionierungsanlage der Gesellschaft für Nuklear-Service (GNS) in Duisburg. Mir war es wichtig, bevor wir in Belgien demonstrieren, auf diese beispielhaften Punkte in Deutschland aufmerksam zu machen. Dazu war die Tour eine gute Gelegenheit.

Wir wussten erstmal gar nicht, wie viele Leute wir sein würden, wir hatten über unsere Website, Twitter und Presse dazu aufgerufen, mitzuradeln. Am AKW Grohnde ging es los, da starteten zehn Leute, mobilisiert von der Regionalkonferenz „Grohnde abschalten“. Am nächsten Tag in Bielefeld standen um zehn Uhr 20 Leute am Rathaus und verabschiedeten uns. Das war unerwartet! Ich bin nach der Kundgebung meine erste Etappe mitgeradelt. Dann stießen immer wieder Leute zu uns: Am Forschungszentrum Jülich trafen wir einen Kölner Radler und es gab Eis und Waffeln von lokalen Atomkraftgegner*innen. Auch Polizei, Objektschutz und ein Kernforscher schauten – ohne Einladung – vorbei.

Wir hatten schon vorher den Medien Bescheid gesagt. In Grohnde war die Presse dabei, in Bielefeld kam sogar das Fernsehen, über unseren Besuch in Hamm-Uentrop erschien ebenfalls ein Zeitungsartikel. In Duisburg hatten wir ein Treffen mit Initiativen-Leuten an der GNS-Anlage und haben Fotos für unsere Webseite gemacht. Und in Belgien haben wir dann mit französischsprachigen Flugblättern über unser Anliegen und über die bevorstehende Menschenkette informiert.

Ich kann nur jeden ermutigen: Macht auch sowas, überlegt euch was, macht zur nächsten Demo eine Fahrrad-Sternfahrt und schreibt die Initiativen unterwegs an.

Unsere Räder waren gut zu erkennen mit den Anti-Atom-Fahnen und dem Tour-Hinweisschild; es war ein toller Moment, als uns andere Radfahrer fotografiert haben. Übernachtungsplätze zu finden war zum Teil abenteuerlich. Wir hatten vorher Initiativen angeschrieben, die es entlang der Strecke gibt, auch Kirchengemeinden, so nach dem Motto: Wir machen eine Anti-Atom-Pilgertour, stellt uns doch eure Gemeindesäle zur Verfügung. Gelandet sind wir dann meist bei anderen Anti-Atom-Aktiven. Einmal haben wir bei einem Grünen Stadtratsmitglied übernachtet, der gesagt hat, ja, notfalls könnt ihr bei mir unterkommen.

Bei der Menschenkette sollten wir zum Streckenabschnitt 38, radelten also morgens vom AKW Tihange los in Richtung Maastricht und sahen unterwegs die ganzen Vorbereitungen für die Aktion. Am Ziel in Oupeye anzukommen, war erstmal komisch, nachdem wir tagelang unterwegs gewesen waren. Dort trafen wir aber unsere Leute von zu Hause wieder, die hatten zwei Busse aus Ostwestfalen-Lippe organisiert. Echte Teamarbeit also.

Ich kann auf jeden Fall sagen, das war eine sehr gute Erfahrung. Ich habe viele Einblicke gewonnen, einfach dadurch, dass man mal losfährt und sich mit Leuten von anderen Initiativen trifft, die man sonst nur aus dem Internet kennt. Ich kann nur jeden ermutigen: Macht auch sowas, überlegt euch was, macht zur nächsten Demo eine Fahrrad-Sternfahrt und schreibt die Initiativen unterwegs an. Trefft euch und tauscht euch über Sichtweisen und Pläne aus! Da kann man viel lernen und wer weiß, was daraus entsteht.

Es ärgert mich, dass Leute aus falsch verstandenem Lokalpatriotismus keine Kritik am eigenen AKW äußern. Aber dieser Ärger gibt mir Energie für neue Aktionen.

Ich bin ja aktiv im „Aktionsbündnis Bielefeld steigt aus“. Es wurde kurz vor der schwarz-gelben Laufzeitverlängerung 2010 gegründet. Damals hielt die Stadt über ihre Beteiligung an den Stadtwerken acht Prozent Anteile am AKW Grohnde und es wurde gefordert, diese zu verkaufen. Nach Fukushima lehnte der Stadtrat das ab mit dem Hinweis, der Strombezug der Stadtwerke aus dem AKW würde ohnehin 2018 enden. Stattdessen kaufte die Stadt durch die Rekommunalisierung der Stadtwerke sogar noch AKW-Anteile dazu.

Laut Atomgesetz darf das AKW Grohnde bis Ende 2021 laufen. Die Stromproduktionsrechte („Reststrommengen“) des Reaktors reichen aber voraussichtlich nur bis 2019. Dann müsste also schon Schluss sein – es sei denn, Eon überträgt überschüssige Stromproduktionsrechte bereits abgeschalteter Reaktoren auf Grohnde.
Neben der Beteiligung an großen Demos organisieren wir auch lokale Aktionen und Kampagnen. Konkret für mehr Energiewende und die Stilllegung des AKW Grohnde. 2014 forderten wir als Initiative „Bielefeld steigt ein“ Ökostrom für die Stadtbahn. Das kam durch. 2016, dass die städtischen Gebäude auf Ökostrom umsteigen (Teilerfolg) und dass die Stadtwerke keinen Graustrom mehr handeln (abgelehnt).

Mehrfach waren wir bei großen städtischen Events wie dem „Run ’n’ Rollday“ und den „Nachtansichten“ dabei, da sind die Stadtwerke Hauptsponsor. Wir sind dann verkleidet als Castor mit „Bielefelder“-Atommüll und Wasserwerfer auf der Stadtautobahn mitgejoggt. Bei den „Nachtansichten“ Ende April haben wir das AKW samt Not-Aus-Schalter auf einem beleuchteten Fahrradanhänger in die Innenstadt geholt und an Kunstgalerien und Event-Orten Unterschriften für unsere „Not-Aus“-Forderungen gesammelt: Erstens soll die Stadt von der Atomaufsicht die Stilllegung einfordern, sich zweitens gegen die Übertragung von Stromproduktionsrechten einsetzen und drittens der Klage von Bürger*innen gegen den Weiterbetrieb des AKW beitreten. Wir haben diese Forderungen bei der Stadt eingereicht, WDR 2 hat darüber berichtet. Jetzt wurden sie abgelehnt und die Grünen haben wortreich begründet, warum sie zwar persönlich gegen AKW sind, aber als Miteigentümer und wegen des Atomgesetzes keine schnellere Stilllegung fordern könnten. Unglaublich.

Auch wenn das gerade gescheitert ist – wir machen weiter. Es ist einfach für deutsche Politiker, die Abschaltung von AKW im Ausland zu fordern; selbst die CDU sagt, dass die gefährlich sind und sofort abgeschaltet werden müssen. Bei uns in Bielefeld laufen wir hingegen schon bei SPD und Grünen immer wieder gegen Wände, wenn wir konkrete Anti-AKW-Schritte fordern. Es ärgert mich, dass Leute aus falsch verstandenem Lokalpatriotismus keine Kritik am eigenen AKW äußern. Aber dieser Ärger gibt mir Energie für neue Aktionen.

Protokoll: Julia Schumacher

Impressionen von der Radtour:
www.grohnde-tihange.apgw.de

 


„Wir geben nicht auf“

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Seit 30 Jahren kämpft die „Arbeitsgemeinschaft Schacht Konrad“ gegen das geplante Atommülllager für schwach- und mittelradioaktiven Müll in der ehemaligen Eisenerzgrube bei Salzgitter. Claus Schröder, 61, hat den Zusammenschluss mit gegründet.

„Die Schlacht am Schacht’ hieß es in der Presse – das war die erste große Demo, die ich gegen die geplante Atommüll-Lagerung in dem ehemaligen Eisenerzbergwerk „Schacht Konrad“ bei Salzgitter mit organisiert habe, 1982. Da gab es unsere Initiative, die Arbeitsgemeinschaft (AG) Schacht Konrad, noch gar nicht. Passt auf, hieß es damals, in Bleckenstedt, dem Ort direkt am Schacht, sind die Leute gegen eure Proteste, die wollen nix damit zu tun haben! Heute hat sich die Stimmung dort völlig gewandelt. Viele aus Bleckenstedt sind Mitglied in unserer AG, mit dem Sportverein und der Kirche gibt es enge Kontakte; unser Vereinshaus liegt mitten im Ort.

Mitte der 1970er-Jahre kam ich zum Studieren nach Braunschweig. In meiner Wohngemeinschaft war Atomkraft und Gorleben immer wieder Thema, wir haben viel diskutiert. Ich war 1979 mit beim Gorleben-Treck in Hannover und im Februar 1981 auf der großen Demo in Brokdorf. Irgendwann wollte ich mehr mitmischen und mit organisieren. Also bin ich im „Arbeitskreis gegen Atomenergie in Braunschweig“ aktiv geworden. Aus diesem Kreis heraus haben wir zusammen mit anderen Gruppen 1987 die „Arbeitsgemeinschaft Schacht Konrad“ gegründet. Es ging und geht uns um einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Müll. Und natürlich darum, dass von dem Dreck nichts mehr produziert werden darf.

Gegen das geplante Lager gab es damals schon viele Anti-Atom-Gruppen; wir wollten die gar nicht ersetzen, sondern vernetzen und unterstützen. Vor allem, um größere und aufwändigere Aktionen stemmen zu können. Deshalb haben wir nicht nur Einzelpersonen als Mitglieder gesucht, sondern auch Gruppen und Kommunen. Eine schöne Anekdote ist, wie wir uns in den Kopf gesetzt haben, die Stadt Braunschweig dabei zu haben. Dazu haben wir erstmal Kontakt zu den Grünen aufgenommen. Die waren allerdings der Ansicht, das sei totaler Quatsch, denn da würde die – damals regierende – SPD niemals mitmachen. Ein Vertreter meinte, wir könnten das höchstens als Witz-Antrag stellen. Tja – aber dann hat der damalige SPD-Oberbürgermeister Gerhard Glogowski spontan gesagt, klar sei er dabei. Und schwupps war die Stadt Braunschweig Mitglied. Die Grünen waren völlig perplex.

Im Endeffekt war das die Initialzündung. Ich bin dann, mittlerweile als hauptamtlicher Geschäftsführer der AG, rumgezogen und habe alle möglichen Kommunen abgeklappert und sie, meist mit Erfolg, aufgefordert, Mitglied bei uns zu werden.

Je mehr wir wurden, umso mehr konnten wir schaffen. Ob das jetzt Veranstaltungen mit Wissenschaftler*innen waren, zu denen wir den Kontakt herstellten, oder größere Proteste. Ich fand es immer wichtig, sachlich fundierte Kritik zu äußern. Manchmal war das schwierig: Keine Gruppe oder Kommune wollte oder konnte ein teures Gutachten alleine finanzieren. Also haben wir das in Auftrag gegeben und jede Kommune hat einen Teilbetrag gegeben; profitiert haben am Ende alle. Selbst die Stadt Salzgitter, die nicht Mitglied ist, unterstützt uns jährlich mit einem größeren Betrag.

Ganz bezeichnend finde ich unser Engagement in Morslebenn, dem DDR-Atommülllager, keine 60 Kilometer östlich von hier. Nach der Wiedervereinigung hat Merkel als Umweltministerin dort noch jahrelang westdeutschen Atommüll einlagern lassen. In dem Landstrich lebten vor der Wende nur Leute, die gegenüber dem Atommüll-Lager nicht kritisch eingestellt waren. Also haben wir ein Treffen veranstaltet und über die Gefahren informiert. Es kamen viele Menschen, die so gar nichts mit der Bewegung am Hut hatten. Nach dem, was wir ihnen erzählt haben, waren die ziemlich erschrocken. Und gründeten dann eine Bürger*inneninitiative. Die AG hat diese über Jahre hinweg unterstützt und begleitet.

Vor kurzem kamen die Erweiterungspläne für Schacht Konrad auf den Tisch, nach denen noch viel mehr Müll in den Schacht kommen sollte, als ursprünglich geplant. Wir haben mit einem großen Bündnis dagegen getrommelt und in kürzester Zeit 70.000 Unterschriften gesammelt. Mit unseren Bündnispartnern Stadt Salzgitter – geführt von einem CDU-Bürgermeister –, der IG Metall und dem Landvolk konnten wir entsprechend auftreten. Die Erweiterungspläne wurden schließlich zurückgezogen, das ist erstmal ein Teilerfolg.

Allein schon, dass der Schacht immer noch nicht in Betrieb ist, ist ein Erfolg unserer Arbeit. Denn als wir in den 1980er-Jahren anfingen, hieß es, dass der Müll ab Anfang der 1990er eingelagert werden solle. Dieser Termin wurde immer weiter nach hinten geschoben – auch weil wir Widerstand aufgebaut haben.

Leider konnten wir die Genehmigung selbst nicht verhindern. Angeblich soll es nun ab 2022 losgehen. Aber wir geben längst nicht auf! Unser Ansatzpunkt ist: Die Planungen sind aus den 1980er-Jahren, entsprechen also bei Weitem nicht mehr dem Stand von Wissenschaft und Technik. Trotzdem sollte bisher nicht einmal überprüft werden, ob diese uralte Genehmigung auch heutigen Sicherheitskriterien noch standhalten würde. Wir haben beim niedersächsischen Umweltminister Druck gemacht, der hat das zuständige Bundesamt daraufhin aufgefordert, nachzuweisen, dass das geplante Atommülllager dem Stand von Wissenschaft und Technik entspricht. Derzeit läuft eine Ausschreibung für eine „Überprüfung der sicherheitsrelevanten Anforderungen“.

Die Asse-Katastrophe hat gezeigt, dass der Müll rückholbar sein muss. Genau deswegen hat die Atommüll-Kommission diese Voraussetzung für die Lagerung des hochradioaktiven Mülls formuliert. Bloß bei Schacht Konrad interessiert das niemand. Wir von der AG kritisieren das und generell, dass die Endlager-Kommission bei der Diskussion um den langfristigen Verbleib einen großen Teil des Atommülls einfach ausgeklammert hat. Nötig ist aber doch erstmal eine umfassende Bestandsaufnahme, so wie wir es im „Atommüllreport“ (www.atommuellreport.de) gemacht haben: Was gibt es insgesamt an radioaktivem Abfall? Dann erst kann man die entsprechenden Möglichkeiten prüfen. Stattdessen wird immer nur für einen Teilbereich geguckt. Dagegen werden wir weiter kämpfen.

Protokoll: Julia Schumacher

Der Text erschienen im .ausgestrahlt-Magazin 35, Frühjahr 2017

„Ich fahre den Castor“

Porträt von Daniel Knoll
Foto: privat

Daniel Knoll, 29, hat 2011 mitgeholfen, dem Reaktor Neckarwestheim‑1 den Stecker zu ziehen. Im „Bündnis Neckar castorfrei“ bereitet er nun Proteste gegen die geplante Verschiffung hochradioaktiven Atommülls auf dem Neckar vor – und erlebt dabei auch ganz neue Perspektiven

Dass es soweit noch kommt mit mir: Ich fahre den Castor! Okay, nicht in echt. Wir haben einen Transporter gemietet und auf den unsere 2,50 Meter lange Castor-Attrappe geladen. Das ist eine Konstruktion aus Dachlatten, mit Stoff bespannt. Sieht aber ziemlich echt aus. Neben dem Transporter laufen so 15 Leute von uns, zum Teil auch als laufender kleiner Castor verkleidet. So touren wir dann von Ort zu Ort. Begleitet werden wir von einer Polizei-Eskorte, die ist aber echt. Die fahren hinter uns und vor uns, mit Blaulicht. Sehr witzig. Und originalgetreu. Ich finde es übrigens faszinierend, wie freundlich die Polizei sein kann …

Gegen Atomkraft aktiv bin ich seit 2009, seit der Debatte um die Laufzeitverlängerung. Da haben wir unser „Aktionsbündnis Energiewende Heilbronn“ gegründet. Angefangen haben wir mit einer Filmvorführung zum Uranabbau – „Uranium – is it a country?“. Wir dachten, es wäre gut, wenn so 20, 30 Leute kämen. Tatsächlich strömten 200 zu uns. Seitdem habe ich viele Demos mitorganisiert. Toll war die Anti-Atom-Menschenkette am 12. März 2011 vom AKW Neckarwestheim nach Stuttgart – wie das Schicksal es wollte genau einen Tag nach Beginn der Atomkatastrophe in Fukushima. Wir hatten einen großen Stromstecker aus Pappmaschee gebastelt, der wurde ganz am Anfang der Menschenkette in Neckarwestheim aus einem symbolischen AKW gezogen und dann durch die Reihe gereicht. Etwas weiter hatten wir Windräder und Solarpanels aufgebaut, dort wurde der Stecker dann am Ende eingesteckt.

„Den Atommüll einfach in einem brüchigen Steinbruch in Neckarwestheim abzustellen, wie EnBW es gerade plant, ist keine Lösung.“

Das jetzt hier im Neckartal Castor-Transporte mit hochradioaktivem Müll stattfinden sollen, vom AKW Obrigheim zum AKW Neckarwestheim, ist vielen Menschen noch gar nicht bekannt. Deshalb haben wir als erstes eine „Info-Welle“ gestartet: Jedes Wochenende besuchen wir ein paar Orte entlang des Neckars, dem Castor entgegen bis nach Obrigheim. In den Ortschaften hieven wir den Castor auf einen Bollerwagen und machen einen kleinen Demozug, erzählen von den geplanten Transporten, halten Reden, sammeln Unterschriften. Wir machen damit natürlich auch der Politik und EnBW klar, dass wir Castor-Transporte auch von einer „Grünen“-Landesregierung nicht akzeptieren.

„Wir machen klar, dass wir Castor-Transporte auch von einer ‚Grünen‘-Landesregierung nicht akzeptieren.“

Wir werden oft gefragt: „Ja was soll denn mit den abgebrannten Brennelementen aus dem AKW Obrigheim sonst passieren?“ Wir sagen dann: Den Atommüll einfach in einem brüchigen Steinbruch in Neckarwestheim abzustellen, wie EnBW es gerade plant, ist jedenfalls keine Lösung. Da können die Castoren nämlich auch nicht bleiben. Hochradioaktiven Atommüll durch die Gegend zu fahren, ohne zu wissen, wohin damit, macht aber in keinem Fall Sinn. Vielmehr sollte man doch zuallererst aufhören, weiter neuen Müll zu produzieren – also das AKW Neckarwestheim‑2 und die anderen noch laufenden Reaktoren endlich abschalten. Das verstehen die Leute dann schnell.


Viele sind schon sehr verwundert, warum nun ausgerechnet unter einer Grünen-Regierung Castoren durch die Gegend gefahren werden sollen. Das hat man ja nur von der „anderen“ Seite erwartet. Aber der baden-württembergische Umweltminister Untersteller ist ja eh nicht sonderlich auf Anti-Atom-Kurs, zumindest nicht, seit er an der Regierung ist.

„Es heißt, die Schiffe, mit denen die Castoren transportiert werden sollen, seien ‚unsinkbar‘. Von solchen Schiffen hat man in der Geschichte ja schon gehört.“

Die EnBW hat ebenfalls so eine Art Infotour gemacht. Vertreter von denen sind in die Gemeinderäte und haben versucht zu erklären, warum sie den Atommüll hin- und herschieben wollen. Unser Bündnis hat vorgeschlagen, dass wir bei diesen Treffen unsere Gegen-Argumente vortragen. Das wurde abgelehnt. Immerhin haben die Räte dann teilweise unsere Fragen weitergegeben. EnBW hat sich allerdings um alle Kritikpunkte herumgeredet. Vor einigen Jahren hieß es beispielsweise, dass es keinen Kran gebe, mit dem man einen havarierten Castor aus dem Fluss ziehen könne. Jetzt heißt es nur noch, die Schiffe, mit denen die Castoren transportiert werden sollen, seien „unsinkbar“. Von solchen Schiffen hat man in der Geschichte ja schon gehört. Kann man sich also seinen Teil dazu denken!

Im Aktionsbündnis bin ich an verschiedenen Stellen aktiv. Nach der „Info-Welle“ etwa planen wir schon eine große Demo für den 4. März. Um diese Zeit, also zum Fukushima-Jahrestag, haben wir in den vergangenen Jahren immer eine Demo in Neckarwestheim gemacht. Dieses Jahr gehen wir, weil der Castor vor der Tür steht, nach Heilbronn, das ist die größte Stadt an der geplanten Transportstrecke, und organisieren dort einen großen Demozug von der Innenstadt bis zum Neckar. Und wenn die Transporte starten, wird auch einiges passieren. Wir hoffen, dass viele Aktive aus ganz Deutschland zu uns kommen, und es wird sicher sehr viele kreative und bunte Protestaktionen entlang des Neckars geben.


Nach der Menschenkette 2011, nur vier Tage später, ist Block 1 des AKW Neckarwestheim übrigens endgültig abgeschaltet worden. Das ist schon eine beeindruckende Erfahrung – wenn wir uns mit vielen zusammentun, dann können wir was bewegen. Auch und obwohl man immer denkt, das wäre bei der Übermacht von Atomkonzernen und Politik nicht möglich. Ist es aber doch.


Protokoll: Julia Schumacher

 

Neckar castorfrei
Das „Bündnis Neckar castorfrei“ ist ein Zusammenschluss von mehreren lokalen und überregionalen Anti-Atom-Initiativen, darunter .ausgestrahlt. Von einem eigens gegründeten Aktionsbüro in Heilbronn aus bereitet es vielfältige Proteste gegen die geplanten Castor-Transporte im Neckartal vor. Mehr Infos auf den Seiten 14/15 sowie auf www.neckar-castorfrei.de und www.facebook.com/NeckarXCastor
 

Dieser Text erschien ursprünglich im .ausgestrahlt-Magazin Nr. 34, Frühjahr 2017

„Der Abriss-Müll erscheint so trivial. Aber die Mengen sind es nicht.“

Foto von Angela Wolff
Foto: privat Angela Wolff

Abrissmaterial aus AKW soll auf der Deponie vor ihrer Haustür landen. Angela Wolff, 42, freie Texterin, stellt kritische Fragen. Doch mit der Bürgerinitiative Harislee (BAESH), Schleswig-Holstein, will sie nicht nur ihre eigene Müllkippe atomfrei halten – sie verlangt einen ganz neuen Umgang mit dem Problem

„Ich hatte in der Zeitung gelesen, dass unser Umweltminister Robert Habeck Deponien sucht, die die Rückbau-Abfälle von Atomanlagen in Schleswig-Holstein aufnehmen. Harrislee war einer der Deponie-Standorte auf seiner ‚Wunschliste‘. Ich dachte: Wie bitte? Atommüll-Deponien? Sowas gibt’s? Für mich war immer klar, dass das, was radioaktiv ist, eingelagert wird. Also wie Atommüll behandelt wird.

Deshalb musste ich mich erst mal informieren. Also habe ich bei der Gemeindeverwaltung nachgefragt. Mir wurde dann erklärt, es solle Abrissmaterial eingelagert werden, das stofflich bedingt auf Deponien gehöre, wie beispielsweise Glaswolle  – so habe man jedenfalls das Umweltministerium verstanden. Es werde aber auch noch eine Infoveranstaltung vom Ministerium dazu geben.
Um mich darauf vorzubereiten, habe ich mich in das Thema eingelesen. Und dabei festgestellt, dass es viel schlimmer ist, als ich dachte: Die Abfälle werden per Gesetz einfach umdeklariert und unkenntlich gemacht – aus Atommüll wird so ganz normaler Bauschutt, der unter anderem auf unserer Deponie landen soll. Ganz ehrlich, ich wusste nur: Zu dieser Deponie bringen wir unsere Grünabfälle.

Bei der Suche nach Informationen fiel mir als Erstes eine Studie vom BUND in die Hände und Stellungnahmen  von den Ärzten gegen den Atomkrieg (IPPNW). Mein Mann und ich haben alle Informationen, die wir finden konnten, gesammelt und für eine Internetseite und einen Flyer aufbereitet. Die Internetseite wurde kurz vor der Infoveranstaltung in Harrislee freigeschaltet. Die Flyer haben wir auf der Veranstaltung verteilt.

Ich hab in der Folgezeit jeden angesprochen, den ich getroffen habe, und darüber geredet und diskutiert. Wir haben auch zwei eigene Infoveranstaltungen organisiert und so Mitstreiterinnen und Mitstreiter gewonnen. Außerdem haben wir eine Reihe von Unterstützerinnen und Unterstützern, auf die wir zugreifen können, eine Grafikerin etwa, Anwälte und auch Umwelttechniker.
Bei der Informationsveranstaltung des Ministeriums konnte man zwar Fragen stellen. Kritikerinnen und Kritiker wurden da allerdings ziemlich abgewatscht. Es hieß, wir würden Angst machen. Ich habe das Beispiel Frankreich gebracht – dort behandeln sie auch gering strahlenden Müll wie Atommüll – aber es hieß, das sei ein schlechtes Beispiel. Dabei denke ich, man sollte schon stutzig werden, wenn sogar Frankreich so sensibel mit dem Zeug aus dem AKW-Abriss umgeht. Mit Transparenz und Dialog auf Augenhöhe, wie Umweltminister Habeck seine Initiative beworben hatte, hatte die Veranstaltung für mich jedenfalls wenig zu tun.

Thema Atomschutt
23 Atomkraftwerke in Deutschland befinden sich derzeit in verschiedenen Phasen der Stilllegung und des „Rückbaus“. In den kommenden Jahren werden neun weitere hinzukommen. Nur etwa ein Prozent des Abriss-Materials muss derzeit als Atommüll behandelt werden. Hunderttausende Tonnen Schutt und Schrott sollen – wenn sie unterhalb der 10-Mikrosievert-Grenze bleiben – als normaler Müll auf Deponien abgekippt werden oder gar als Wertstoff im Recycling landen. Anti-Atom- und Umweltorganisationen kritisieren diese Praxis des „Freimessens“ radioaktiver Materialien. Viele Gemeinden wehren sich gegen die Deponiepläne – nicht nur in Schleswig-Holstein, sondern auch in Baden-Württemberg, Niedersachsen und Sachsen.

Einer unserer Mitstreiter konnte Kontakte zur Politik knüpfen. Das haben wir genutzt und nacheinander die örtlichen Fraktionen besucht. Wir haben so erreicht, dass unsere Kritik an der Freigaberegelung und mögliche Alternativen berücksichtigt wurden: Die Gemeindevertretung Harrislee hat sich einstimmig gegen die Einlagerung von AKW-Bauschutt auf der Harrisleer Deponie positioniert. Schließlich sagte auch der Deponiebetreiber, er halte sich an den Beschluss des Gemeinderats und stimme einer Einlagerung ebenfalls nicht zu.

Das ist für uns natürlich ein Erfolg. Auch dass nun der schleswig-holsteinische Gemeindetag beschlossen hat, dass das Ganze nochmal aufgerollt werden müsse und alle Unstimmigkeiten nochmal neu beleuchtet werden müssten – also auch das Zehn-Mikrosievert-Konzept.

Im Juli hat Robert Habeck Vertreterinnen und Vertreter der betroffenen Gemeinden und Bürgerinitiativen, Umweltverbände, Entsorgerverbände und auch Vertreter von Vattenfall zu einem Zwischenfazit nach Kiel ins Ministerium eingeladen. Alle hatten die Möglichkeit, Statements abzugeben. Für mich war alles, was an diesem Tag in diesem Raum gesagt wurde, erstmal unglaublich positiv. Weil alle der Meinung waren, wir müssten in den Dialog gehen und mögliche Optionen, was nun mit dem Abrissmaterialien geschieht, gleichwertig behandeln. Doch dann kam Habecks ‚Fazit‘ – und das stand im Widerspruch zu allem, was zuvor gesagt wurde. Er meinte: ‚Die Messe ist gesungen.‘ Wir kämen nicht zu einer Einigung, die Bürgerinitiativen und Gemeinden seien deshalb nun raus. Ich kann bis jetzt nicht verstehen, dass Habeck unser Dialogangebot damals nicht angenommen hat, und hoffe, dass er doch noch darauf eingeht. Oder folgt bald eine Anweisung, den Müll doch bei uns einzulagern? Das wird sich zeigen.

Gemeinsam mit anderen Deponie-Standorten und AKW-Standorten sind wir gerade dabei, ein landesweites Bündnis zu schaffen, das sich gegen die Freigabe von strahlendem Bauschutt in die Abfallwirtschaft einsetzt. Also nicht nur gegen die Entsorgung auf Deponien, sondern auch gegen das Recyceln und gegen die Verbrennung von radioaktiven Abfällen. Derzeit arbeiten wir an einer Broschüre, in der wir die Begrifflichkeiten und Zusammenhänge aufschlüsseln und auch leicht verständlich darstellen wollen. Damit das Thema auf der Agenda bleibt und die Informationen nicht allein vom Ministerium kommen.

„Man sollte schon stutzig werden, wenn sogar Frankreich so sensibel mit dem Zeug umgeht.“

Ich würde mir wünschen, dass das Thema in der Öffentlichkeit mehr Aufmerksamkeit bekommt. Das ist schwierig, auch weil der gering strahlende Müll so trivial erscheint, neben dem ‚großen‘ Atommüll. Aber die Mengen sind es eben nicht. Und wenn es so gemacht wird, wie derzeit mit dem Freimessen geplant, dann wird die Strahlenbelastung flächendeckend zunehmen. Schon allein für meine Kinder möchte ich mich dafür einsetzen, dass das nicht geschieht.“

Protokoll: Julia Schumacher

Mehr Infos:
www.baesh.de
 


Tihange: „Ich hab erzählt, was ich schlimm finde“

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Foto: privat

Sarah Esser, 15, ist durch das Pannen-AKW gleich hinter der Grenze zur Atomkraftgegnerin geworden. Mit den Aachener „Schülern gegen Tihange“ streitet sie für ein Abschalten der Reaktoren – in Belgien wie in Deutschland

Im Moment vor der Rede war ich ziemlich nervös. Maastricht, 1.000 Leute: Deutsche, Belgier, Niederländer! Aber als ich oben stand auf der Bühne, war das wie weggeflogen. Ich habe gemerkt, wie die Menschen ruhig wurden, und als ich fertig war, haben sie geklatscht und gejubelt. Viele sind danach auf mich zu gekommen und haben mir gesagt, wie gut sie es fanden.

Die Pannenmeiler in Tihange und Doel – mich interessiert das Thema. Man hört es ja auch immer wieder im Radio und so. Anfangs habe ich mich dann einfach mal an den Laptop gesetzt und ein bisschen rumgeguckt. Ich bin erst 15– und wütend und enttäuscht, dass die Regierung da nichts machen will oder kann. Ich bin aufgebracht, weil das echt nicht so gehen kann!

Wilhelm, ein Bekannter von mir, hatte mit Hilfe von Lehrerinnen und Lehrern das SchülerInnenbündnis ‚Schüler gegen Thiange‘ gegründet. Das Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie hatte mitbekommen, dass die 2015 zur Demo in Aachen aufgerufen hatten und auch viele gekommen waren. Also haben sie ihn eingeladen zu einem ihrer Treffen. Er wollte nicht alleine hin und bat mich mitzukommen. Seitdem bin ich dabei und für die SchülerInnen- und LehrerInnenschaft in meiner Schule jetzt quasi die Ansprechpartnerin in diesem Bündnis.

"Selbst wenn die Reaktoren in Tihange und Doel auf einmal und für imer abgeschaltet würden, würde ich noch dran bleiben: Auch in Deutschland sind noch AKW am Netz!"

Im Mai war dann die große Demo in Maastricht. Wir hatten im Aktionsbündnis besprochen, wer dort gerne reden würde. Ich war da noch ein bisschen scheu, weil ich erst so kurz dabei war. Aber dann fragte jemand: ‚Hättest du nicht Lust, da was zu machen? Es wäre schön, wenn da auch eine Schülerin redet.‘ Das hat mich erstmal so richtig gefreut. Allerdings hatte ich dann auch ein bisschen Bammel. Worüber ich reden wollte, konnte ich mir ganz allein überlegen. Gleich am selben Tag noch habe ich mich hingesetzt und schon die ganze Rede geschrieben. Meine Vertrauenslehrerin hat drüber geschaut; zwei, drei Passagen waren ein bisschen unglücklich ausgedrückt, das haben wir noch korrigiert. Aber im Großen und Ganzen habe ich sie selber geschrieben.

KettenreAktion Tihange-Aachen am 25. Juni
Ich habe einfach erzählt, was ich so schlimm finde: Dass trotz der großen Gefahr immer noch nichts getan wird. Mir war wichtig – da waren ja auch Jugendliche – dass auch sie erfahren, was los ist und es ebenfalls weiter verbreiten. Außerdem denke ich, dass den Regierenden ein Denkzettel verpasst werden muss. Weil, wie schlimm muss es sein, wenn sich ein so junges Mädchen wie ich schon solche Sorgen macht? Ich wollte klar machen: Das geht so nicht weiter!

Eine Bekannte von mir war auch dabei auf der Demo. Sie war noch ganz neu im Aktionsbündnis und kommt nicht aus Deutschland. Am Anfang war sie ein bisschen stiller, aber nach der Demo ging sie voll ab. Das war toll. Überhaupt, das Aktionsbündnis: Manche dort sind ja auch älter als ich, zu denen hätte ich sonst nicht ganz so den Kontakt. Aber im Aktionsbündnis unterhält man sich auch mal drei, vier Stunden und findet einfach kein Ende, das ist ziemlich schön.

Seitdem ich in diesem Bündnis bin, werde ich ständig angesprochen: ‚Kannst du nicht das und das machen? Kannst du nicht darüber ’nen Vortrag halten?‘ Ich habe Unterschriften von Schülerinnen und Schülern gesammelt, ich werde auch noch Info-Stände machen an meiner Schule und so weiter. Ich freue mich immer, wenn ich von jüngeren Schülerinnen und Schülern angesprochen werde. Und auch wenn Ältere mich ansprechen, ist das toll. Ich finde es gut, wenn alle sich dafür interessieren, was in ihrer Umgebung passiert, und nicht blauäugig durchs Leben laufen.

"Wenn neue Lehrer reinkommen und fragen: 'Was wisst ihr über Atomenergie?', dann schreien viele: 'Sarah!'"

Wenn jetzt das Thema Atomkraft kommt, wenn neue Lehrer reinkommen und fragen: ‚Was wisst ihr denn über Atomenergie?‘, dann schreien viele: ‚Sarah!‘ Das ist witzig. Ich krieg auch Fragen wie: ‚Hey, weißt du noch das und das? Was ist denn da passiert? Das habe ich da im Radio gehört, wie war das noch mal?‘. Und ich würde sagen, ich habe das ‚meinen‘ Schülern schon ein Stück weit näher gebracht. Es freut mich immer zu sehen, wie viele Leute ich mit meinem Engagement erreichen kann.

Vor Kurzem hatten wir auch ein Projekt an unserer Schule über unseren Schulbunker. Im Zweiten Weltkrieg war dort eine Art Krankenstation eingerichtet. Unsere Schuldirektorin sprach mich an, ob ich nicht ein Plakat oder einen Infostand darüber machen möchte, ob der Bunker einem Unfall im AKW Tihange standhalten würde. Ob er uns Schutz bieten würde. Um noch mal zu zeigen, dass wir nicht so weit weg sind und was die Gefahr bedeutet.

Ich werde auf jeden Fall beim Aktionsbündnis dabei bleiben, soweit die Schule das zulässt, aber ich glaube, das schaffe ich. Wir wollen noch mal mit der belgischen Regierung sprechen, wir wollen die Klage der Städteregion, die Herr Etschenberg, der Städteregionsrat, initiiert hat, weiter verfolgen. Wir wollen noch mal genauer auf die Menschen zugehen. Wir haben jetzt die 300.000 Unterschriften erreicht – und wir werden weiter sammeln. Auch wenn die Reaktoren in Tihange und Doel komischerweise abgeschaltet würden auf einmal und für immer – ich würde trotzdem noch dran bleiben am Thema. Denn auch in Deutschland gibt es ja noch immer Atomkraftwerke am Netz und auch weltweit gibt es noch einige. Da darf man nicht still sitzen bleiben, nur weil es bei uns in der Nähe im Moment kein AKW mehr gäbe. Das geht nicht!

Protokoll: Julia Schumacher

www.facebook.com/schuelergegentihange


„Nehmt euch die Haftnotizen und verteilt sie überall!“

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Foto: Frank Moellenberg

Carola Gottas, 35, nutzt jede sich bietende Gelegenheit, um ihre Mitmenschen auf das Thema Atomausstieg aufmerksam zu machen. Dazu gehört für sie immer auch der Fukushima-Jahrestag, zu dem sie Jahr für Jahr eine Mahnwache mitorganisiert. Als „Atomsteuer-EintreiberIn“ war dieser Tag für sie außerdem Auftakt dafür, Unterschriften gegen die Abschaffung der Brennelemente-Steuer zu sammeln.

„Bei meiner ersten Begegnung mit der Anti-AKW-Bewegung war ich ein Jahr alt. Meine Mutter hat mich auf alle Demos mitgenommen. Und jetzt nehme ich halt meine Kinder mit und oft gehen wir auch mit drei Generationen, also meine Mutter, meine Kinder und ich. In unserer Stadt haben wir keine offizielle Anti-Atom-Initiative; ich mache einfach Aktionen mit Freundinnen und Freunden, die schon seit Jahrzehnten mit mir auf Anti-Atom-Demos fahren. Oder auch mit Leuten, die in anderen Bündnissen politisch aktiv sind.

Dass die Brennelemente-Steuer abgeschafft werden soll, macht mich wütend. Als ich dann las, dass SteuereintreiberInnen gesucht werden, habe ich gleich gedacht, dass sich das Thema ja gut mit dem Fukushima-Jahrestag verbinden lässt. Ich habe die Mahnwache organisiert, was ich fast jedes Jahr mache, bei uns in Flörsheim.

Ich komme eben aus einer Kleinstadt und ich finde es ganz wichtig, dass viele Leute gerade in kleinen Städten was machen. Auch wenn bei unserer Mahnwache nur 30 bis 50 Leute kommen – in Großstädten buhlen jeden Tag  10, 20 oder sogar 30 verschiedene Organisationen um Aufmerksamkeit! Und ich finde, das ist so ein bisschen verschwendete Energie. Mir ist Vernetzung ganz wichtig und das ist in kleinen Städten viel einfacher und geht schneller als in großen Städten. Wir haben hier in Flörsheim zum Beispiel eine Initiative gegen den Flughafen-Ausbau und ich bin bei attac und war bei Robin Wood. Auch der BUND ist hier oder auch die Naturfreunde. Gerade beim Thema Atomausstieg sind immer alle dabei. Wir gucken dann, wer was kann. Eine Freundin von mir schreibt zum Beispiel gute Pressemitteilungen und wir fragen rum, wer einen guten Presseverteiler hat. Jemand anderes sagt, ich kann Plakate aufhängen, bei uns im Naturfreundehaus beispielsweise. Meine Tochter hat am 10. März Geburtstag, was ja immer einen Tag vor der Fukushima-Mahnwache ist, und das ist immer ein Riesenstress. Aber dadurch, dass es eingespielt ist, und weil ich weiß, wen ich für was ansprechen kann, klappt es ganz gut. Ich schreib einfach eine E-Mail ans Ordnungsamt und sage, wir machen eine Mahnwache, und dann setzen die sich mit der Polizei in Verbindung, und dann funktioniert das.

Dieses Jahr haben wir schon im Vorfeld darauf aufmerksam gemacht, dass es neben der Mahnwache auch eine Unterschriftenaktion gegen die Abschaffung der Atomsteuer geben wird. Bei facebook haben wir sogar eine „Event-Seite“ eingerichtet, also die Mahnwache dort bekannt gegeben und über diesen Kanal alle unsere Kontakte eingeladen. An dem Tag selbst baue ich jedes Jahr einen kleinen Tisch auf mit Infomaterial, Listen und Fahnen und stelle auch ein Sparschwein dazu. Die Spenden, die darin landen, nutze ich dann im nächsten Jahr, um für die neue Mahnwache Material zu bestellen. 

Bei der Mahnwache selbst haben wir schon gut Unterschriften gesammelt. Viele Leute haben aber auch Listen mitgenommen und bei sich im Haus oder bei Freunden gesammelt. Alles, was wieder bei mir landet, leite ich dann an .ausgestrahlt weiter. Leider war es an dem Tag der Mahnwache eisekalt, und es kamen nicht so viele Leute wie erhofft. Viele waren überrascht, dass es so schlimm ist: dass in Fukushima so viele Kinder krank werden und auch, dass hierzulande nun die Brennelemente-Steuer abgeschafft werden soll. Aber es war trotzdem eine gute Stimmung und ich fand es schön, dass auch Menschen mit eigenen Plakaten und Fahnen kamen. In der Anti-Atomkraft-Szene sind immer so freundliche Menschen und das Thema ist auch so, dass ich nie Probleme hatte, einfach Leute anzusprechen.

Auch wenn grade keine Kampagne läuft oder Mahnwache ist – dadurch, dass ich Kinder habe, und weil es mir um deren Zukunft geht, versuche ich häufiger mal, gerade in Familien, das Gespräch darauf zu bringen. Mir ist es ganz wichtig, dass alle Leute ihren Stromanbieter wechseln und seit einem dreiviertel Jahr ist es ja jetzt auch möglich, beispielsweise Nachtspeicheröfen mit Ökostrom zu betreiben. Ich kenne einige Leute mit diesen Öfen und da bin ich jetzt gerade dran, dass die auch ihren Stromanbieter wechseln. 

Total klasse finde ich übrigens diese Post-its mit der Aufschrift „Nicht vergessen: Atomausstieg durchsetzen“, die waren auch im Paket für Atomsteuer-EintreiberInnen. Die habe ich wirklich überall hin geklebt, zum Beispiel in die Spinde im Fitnessstudio und wo ich so war. Und die werden total gut gesehen. Ist ja keine Sachbeschädigung oder so, die lassen sich ja wieder ablösen, stören also nicht so wie Aufkleber. Und das habe ich dann auch auf der Mahnwache gesagt und zu Freunden: ‚Nehmt euch die Haftnotizen und verteilt die überall, da kann euch keiner was.‘ Ich bestelle auch öfter mal ein 500er-Paket von den Bonbons mit der Sonne drauf und verteile die auf Kindergeburtstagen oder wo es sich ergibt. Und bei mir zu Hause kleben Anti-Atom-Aufkleber und es liegt Material rum. Mit solchen kleinen Hinweisen versuche ich, das Thema immer wieder ins Bewusstsein zu rücken. Dann ergibt es sich auch, dass ich einfach mal frage: ‚Willste nicht auch unterschreiben?‘“ 


Protokoll: Julia Schumacher


„Dann hat ihn jemand anders vor der Tür“

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Henning Garbers, 50, Ingenieur, hat mit Initiativen aus dem ganzen Bundesgebiet das Positionspapier zu „Abschaltung, Stilllegung und Rückbau von Atomkraftwerken“ erarbeitet.

Seit Fukushima sind Stilllegung und Rückbau zum großen Thema geworden. Viele sind davon betroffen, an AKW-, Zwischenlager- und „End“-lager-Standorten. Auf der Atommüllkonferenz, zu der halbjährlich Anti-Atom-Initiativen aus dem ganzen Bundesgebiet zusammenkommen, habe ich die Arbeitsgruppe „Abschaltung, Stilllegung und Rückbau von Atomkraftwerken“ moderiert. Die TeilnehmerInnen haben dort die Probleme mit der Atomanlage an ihrem Standort benannt und Forderungen aufgestellt, damit diese behoben werden. In den Diskussionen haben wir dann versucht, gemeinsame Ansätze herauszuarbeiten. Besonders wichtig war uns die Solidarität: Die Initiativen an den verschiedenen Standorten, sei es an Atomkraftwerken, Zwischenlagern oder anderen Atomanlagen, wollen sich nicht gegeneinander ausspielen lassen.

Wir haben ExpertInnen zu verschiedenen Themen eingeladen, haben sie befragt und mit ihnen diskutiert. Die Ergebnisse haben wir protokolliert und dabei gemerkt: Das ist eigentlich schon eine Art Forderungskatalog.
Echte Konflikte gab es in den Diskussionen nicht, eher Informationsbedarf. Es war wichtig zu hinterfragen, was mit den Abfällen eigentlich passiert. Die Antwort ist banal: Es gibt absehbar weder vertrauenswürdige Konzepte noch Standorte für die langfristige Lagerung. Man kann den Atommüll jetzt also verantwortlich nicht an einen anderen Ort bringen, denn dann hat ihn nur jemand anders vor der Tür. Verschieben als „Entsorgungs“-Methode aber lehnen wir ab; das haben wir lange genug gehabt. Das bedeutet, dass aller Atommüll, wenn nicht zwingende Gründe dagegen sprechen, erst einmal vor Ort gelagert werden muss – natürlich nach den höchsten Sicherheitskriterien. Das nehmen wir nicht auf die leichte Schulter.

Wir fordern: Sicherheit muss Vorrang haben, auch wenn es teurer wird. Da kann man nicht einfach nur ein Blechfass in die Ecke stellen. Bei den Rückbau-Schritten fehlt bislang eine echte Öffentlichkeitsbeteiligung, das geht so nicht. Der Strahlenschutz muss erheblich verbessert werden. Wir kritisieren vor allem auch das sogenannte „Freimessen“ und Freigeben von radioaktivem Material in Umwelt und Wertstoffkreisläufe.

Irgendwann merkten wir: Es macht Sinn, über all diese Fragen nicht nur bewegungsintern zu diskutieren, sondern aus dem Ganzen ein öffentliches Positionspapier zu machen. Nach den Diskussionsrunden auf den Atommüllkonferenzen gab es so noch eine schriftliche Phase. Im Mai ist der Entwurf an einen breiten Verteiler geschickt worden. Es gab viele Verbesserungsvorschläge, die ich mit Unterstützung einer kleinen Redaktionsgruppe so gut wie möglich eingearbeitet habe. Alle, die etwas angemerkt hatten, haben wieder die nächste Version bekommen und konnten sich weiter beteiligen. Auf diese Weise haben wir mehrere Runden absolviert, und es war nicht immer einfach. Leichter ist es, gemeinsam an einem Tisch zu sitzen. Am Ende aber haben alle Okay gesagt.

Im Juli ging das fertige Positionspapier dann schließlich über einen breiten Verteiler, zum Unterzeichnen. Bis heute haben 80 Initiativen, darunter .ausgestrahlt, ihren Namen darunter gesetzt und sich so hinter die Forderungen gestellt. Es gab einige Presseresonanz dazu. Jetzt geht es darum, das Papier noch bekannter zu machen und die Forderungen auch umzusetzen …

www.atommuellkonferenz.de


„Was ist, wenn sie das AKW doch länger laufen lassen?“

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Hans-Peter Leiding, 60, Sozialpädagoge aus Grohnde, war mit seiner 10-Kilowatt-Solaranlage jahrelang der zweitgrößte Stromerzeuger im Ort. Jetzt klagt er gegen den größten: das AKW.

Ich bin in den 1990ern nach Grohnde gezogen, da war das AKW natürlich schon da. Ich hatte nie Angst deswegen. Und ich habe mich sicher auch ein bisschen blenden lassen von Eon. AKWs machen keine Emissionen, hieß es da … Mehr so aus Neugier bin ich dann mal zu einer Anti-Atom-Demo gegangen, weil mich das Thema interessiert hat. So habe ich mich mehr und mehr mit AKWs beschäftigt und gemerkt, wie unausgegoren das doch alles ist und wie Atomkraft schöngeredet wird. So bin ich zum Atomkraftgegner geworden.

2006 habe ich meinen persönlichen Atomausstieg in ganz klein angefangen. Mit meiner Zehn-Kilowatt-Photovoltaikanlage auf dem Dach war ich jahrelang der zweitgrößte Stromproduzent in Grohnde. Der Kraftwerksleiter des Atommeilers war damals mein Nachbar. Wir hatten guten Kontakt. Meine Solaranlage ließ er als Alternative allerdings nicht gelten – Produktion und Entsorgung würde mehr Energie verbrauchen, als sie je erzeugen könne, behauptete er.

Letztes Jahr hat die Regionalkonferenz „Grohnde Abschalten“ dann Menschen gesucht, die mit Unterstützung gegen das AKW klagen würden, um dessen Stilllegung zu erzwingen. Wichtig war, dass sie möglichst nahe am AKW wohnten. Ich sehe den Meiler ja vom Fenster aus, habe hier Eigentum und wäre bei einem Atomunfall direkt betroffen. Trotzdem habe ich lange überlegt. Immerhin gibt es ja den Ausstiegsbeschluss. Und viele sagen: Das Ding wird doch eh in sechs Jahren abgeschaltet. Aber das überzeugt mich nicht. Was ist, wenn sie auf die Idee kommen, das AKW doch länger laufen zu lassen? Die Betreiber versuchen ja gerade, sich aus ihrer Verantwortung zum Abriss der Anlagen und der Entsorgung des Atommülls zu stehlen. Bleibt das am Ende am Staat hängen, könnte eine künftige Regierung angesichts chronisch knapper Kassen schnell auf die Idee kommen, die Meiler doch länger laufen zu lassen. Alles auf Kosten der Bürger.

Dass Atomanlagen genauso altern wie wir selbst und damit anfälliger werden, wird verdrängt.

Das Basisdesign des AKW stammt aus den 1970er Jahren, auch in puncto Sicherheit. Das kann man nur begrenzt verbessern. Guck dir mal andere Technik von damals an, Autos zum Beispiel – das ist doch mit dem AKW nicht anders! Dann ist da noch die Gefahr durch Flugzeugabstürze oder Terror. Nimm den Germanwings-Absturz neulich in den Seealpen: So was kann auch hier passieren. Flugzeuge sind heute größer und schwerer als in den 1970ern!

Unsere Klage kostet viel Geld, das zahle ich natürlich nicht alleine, dafür wurde der Rechtshilfefonds Atomerbe Grohnde e.V. gegründet. Neue Mitglieder oder Spenden sind herzlich willkommen. Derzeit haben wir 25.000 Euro, benötigen werden wir das Doppelte, um die Klage wirklich abzusichern.

Als ersten Schritt haben wir beim niedersächsischen Umweltministerium einen Antrag auf Widerruf der Betriebsgenehmigung gestellt. Stefan Wenzel hat Zeit bis 26. Juli, darauf zu antworten. Fällt diese Antwort für uns unbefriedigend aus, werden wir klagen.

Im Dorf selbst bin ich noch von niemandem auf die Klage angesprochen worden: keine Anrufe, keine Anfeindungen. Insgeheim glaube ich aber, dass viele dieser Anlage heute skeptischer gegenüberstehen als noch vor Jahren, auch wenn sie es nicht laut sagen.

grohnde-kampagne.de/rechtshilfefonds


„Unter keinen Umständen freigeben“

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Rainer Moormann, 64, Physikochemiker, deckte die Sicherheitsmängel von Kugelhaufenreaktoren auf und hofft, auch den Atommüll-Export in die USA noch zu verhindern.

Ich habe 36 Jahre am Forschungszentrum Jülich gearbeitet. Dort sind Kugelhaufenreaktoren entwickelt worden. Das Forschungszentrum hat versucht, die Technik, die nie befriedigend funktioniert hat, unter falschen Angaben in andere Länder zu exportieren, unter anderem nach Südafrika. Mir fiel das irgendwann auf: dass da eine riesige Menge Radioaktivität aus den Kugeln im Reaktorkern rauskam, dass die Temperaturen nicht unter Kontrolle waren, dass der Reaktor zeitweise völlig außer Kontrolle gefahren worden war. Ich habe diese Dinge publik gemacht. Das hat man mir übel genommen und jahrelang alles abgestritten. Aber die Expertenkommission, die das nach Fukushima untersucht hat, hat mit in fast allen Punkten Recht gegeben.

Der Kugelhaufenreaktor in Jülich ist wie der in Hamm-Uentropp inzwischen stillgelegt, die letzten Forschungsarbeiten zum Thema laufen dieses Jahr aus. Das ist auch ein bisschen mein Erfolg. Was noch da ist, ist der Müll: 152 Castorbehälter voller Atomkugeln. Die will das Forschungszentrum demnächst für geschätzt eine Milliarde Euro in die USA exportieren. Dort sollen sie in einer alten militärischen Anlage aufgearbeitet werden, wo schon viele marode Container mit hochradioaktiver Brühe rumstehen. Da ist Widerstand nötig!

Das Bündnis gegen Castorexporte, bei dem ich mitmache, konnte neulich über das Umweltinformationsgesetz endlich Einsicht nehmen in ein Papier, in dem das Forschungszentrum die drei Optionen Export, Verlagerung nach Ahaus und Bau einer neuen Lagerhalle in Jülich vergleicht. Das Forschungszentrum selbst wollte dieses Papier zuvor unter keinen Umständen freigeben. Wenn man reinguckt, versteht man auch schnell, warum: Es versucht darin mit allen Mitteln, Gründe dafür zu finden, den Müll in die USA zu schaffen – mit bisweilen abenteuerlichen Vorstellungen. Die wollen sich dieses Problem einfach bloß vom Halse schaffen. Aber das ist ’ne Flucht vor der Verantwortung!

Bis März soll nun der TÜV Nord das dubiose Papier bewerten. Die Atomaufsicht im Düsseldorfer Wirtschaftsministerium wird dann eine Vorgehensweise vorschlagen. Das Forschungszentrum strebt an, bereits auf der Aufsichtsratssitzung im Mai eine Entscheidung zugunsten der USA-Option hinzubekommen …

In den USA läuft bereits eine Umweltverträglichkeitsprüfung, und zwar nicht nur für den Müll aus Jülich, sondern auch für den aus dem stillgelegten Hochtemperaturreaktor Hamm-Uentrop: Auch dessen Müll soll offenbar später ins Ausland verfrachtet werden. Diese Umweltverträglichkeitsprüfung soll Ende März veröffentlicht werden, und dann kann jeder Einspruch erheben.

Die Atommüllkommission muss endlich kapieren, dass hier nicht sauber gespielt wird! Wenn man ernsthaft ein Endlager im eigenen Land suchen will, dann kann man nicht einfach nebenher beginnen, Müll aus einem AKW in die USA zu schaffen.

Ein Argument in dem Papier ist, es handele sich um hoch angereichertes, waffentaugliches Uran, was man allein deswegen in die USA verfrachten solle. Aber das stimmt gar nicht. Der Jülicher Müll ist im Mittel nicht mehr hoch angereichert und waffentauglich. Das ist also ein faules, vorgeschobenes Argument. Ich hoffe, dass wir auch in der USA-Exportgeschichte noch Erfolg haben werden.


„Das Urteil nützt allen Standorten“

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Anke Dreckmann, 72, kippt nach einem elfjährigem Prozess die Genehmigung für das Castor-Zwischenlager Brunsbüttel – und erleichtert nebenbei auch Klagen gegen die AKW selbst:

"1986, nach Tschernobyl, sind mit die Augen aufgegangen. Ich war in einer Wählerinitiative, und als die HEW – inzwischen Vattenfall – 1999 den Antrag für den Bau eines Zwischenlagers in Brunsbüttel gestellt hat, waren alle dafür, zu klagen. Nur wer sollte das machen? Große Diskussionen! Ich hatte nicht so viel Zeit, meine Tochter hatte Geburtstag am nächsten Tag, da wollte ich hin. Also hab ich gesagt, ich mach’s. Offiziell war’s dann mein Mann, weil dem gehört das Haus, und das ist wichtig, hat der Anwalt gesagt. Da gab es ganz viele Schreiben, die ich gar nicht verstanden habe. Ich war von der Straße her gegen Atom, keine Juristin!

Im Juni 2013 kippte das Oberverwaltungsgericht Schleswig die Genehmigung, weil die Genehmigungsbehörde nicht nachweisen konnten, dass das Lager auch den Absturz eines A380 übersteht. Außerdem hatte sie die Gefährdung durch moderne panzerbrechende Waffen nicht berücksichtigt. Als jetzt das Bundesverwaltungsgericht dieses Urteil für rechtskräftig erklärt hat, sind mir Steine vom Herzen gefallen. Ich bin heilfroh, dass ich hier nicht mehr weitermachen muss. Elf Jahre hat der Prozess mit allen Instanzen gedauert. Das hat mich unheimlich belastet. Ich wusste ja nicht, wie es ausgehen würde! Und das Interesse der anderen brach doch recht schnell weg – das dauerte einfach viel zu lange.

Diese letzte Geschichte jetzt (die Nichtzulassungsbeschwerde) muss ja die Gegenseite bezahlen. Aber in den vorherigen Instanzen musste ich für die Kosten meines Rechtsanwalt selbst aufkommen. Das Geld zu sammeln, war oft sehr mühsam, ohne Hilfe hätte ich das nicht geschafft. Erst später, als ’ne Erfolgsspur zu erkennen war, ging es leichter.

Ich möchte, dass die AKW so schnell wie möglich abgeschaltet werden. Das sehe ich noch nicht in festen Tüchern, das kann jederzeit wieder losgehen. Man muss deswegen festhalten am Widerstand.  Wir müssen sofort aufhören, neuen Müll zu produzieren. Und da kann das Urteil dabei helfen. Alle Atomstandorte können damit was anfangen. Denn die anderen Zwischenlager sind ja genauso unsicher wie dieses hier. Und auch die AKW selbst sind nicht ausreichend geschützt."

Anke Dreckmann