Jochen Stay erhält den Nuclear Free Future Award 2017

Am 15. September 2017 erhielt der Sprecher der Anti-Atom-Organisation .ausgestrahlt Jochen Stay in Basel den „Nuclear Free Future Award“ in der Kategorie „Besondere Anerkennung“.


Laudatio Frank Uhe auf Jochen Stay

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde,
lieber Jochen,

als ich erfuhr, dass Du, Jochen, in diesem Jahr mit dem Nuclear-Free Future Award ausgezeichnet wirst, war mein erster Gedanke: Super. Das passt perfekt. Der hat es verdient.

Seit bald 4 Jahrzehnten stellst Du Dich gegen den atomaren Wahnsinn und arbeitest für ein Leben ohne atomare Bedrohung.
Wir teilen die Erfahrungen des Kampfes gegen die Pershing Atomraketen in Mutlangen und des Widerstands gegen die WAA in Wackersdorf in den 80iger Jahren.

Nicht zuletzt durch diese Erfahrungen bist Du überzeugt:
Jeder Einzelne zählt und kann viel bewegen. Damit der Widerstand aber wirksam wird bedarf er der Organisation.

Es ist Dein Verdienst, den zivilen Ungehorsam als Aktionsform gegen die staatliche Atompolitik weiterentwickelt und selbst vorgelebt zu haben. Die von Dir mitgegründete Initiative X-tausendmal quer war die Plattform für eine äußerst erfolgreiche Mobilisierungs- und Blockadeform gegen die Castortransporte ins Wendland. Sie hat dem Widerstand gegen die Atomenergie eine große mediale Aufmerksamkeit gesichert und die politischen und tatsächlichen Kosten jeden Transports ins Unermessliche gesteigert.

Aber damit nicht genug:
Um dem Ausstieg weiter näher zu  kommen bedürfte es eines neuen Schubs, einer ergänzenden neuen Anti-Atom-Kampagne, die auch diejenigen mitnahm, die sich nicht in der Lage sahen in kalten Novembertagen die Verkehrswege im Wendland zu blockieren. Die Zeit war reif für „.ausgestrahlt.de“.

Die Anti-Atom-Sonne wurde wiederbelebt und zum einenden Symbol für zigtausende Atomkraftgegner in Gorleben, Berlin, bei der Menschenkette im Frühjahr 2010 zwischen Brunsbüttel und Krümmel, bei Demonstrationen in Biblis und Ahaus.

Du hast „.ausgestrahlt“ geprägt. Seit nunmehr 10 Jahren bist Du deren Sprecher und wurdest zum Gesicht und einem der führenden strategischen Köpfe der deutschen Anti-Atom-Bewegung.

So ist es ganz wesentlich neben vielen anderen auch Dein Verdienst, dass nach dem „Atomkonsens“ der rot-grünen Bundesregierung der Widerstand nicht erlahmte und die Anti-Atombewegung eine Realität schuf, aufgrund der Merkel 2011 nach Fukushima gar nicht anders konnte, als den Ausstieg aus der Atomenergie auf den Weg zu bringen, wollte sie politisch überleben.

Wohltuend Deine klare Sprache. Du hast Dich nicht auf das realpolitische Ränkespiel der Parteien eingelassen, redest Klartext und zeigst klare Kante.

Wir alle wissen, einiges ist gewonnen, aber sehr viel liegt noch vor uns. Wer wüsste dass nicht besser als Du.

Bei aller Skepsis in die Politik, Dein außerparlamentarisches Engagement macht uns Hoffnung für die Zukunft.

Wie Du ein geglücktes Beispiel bist für den Wechsel von der ersten zur zweiten Generation der Atomkraftgegner in Deutschland, so bist Du auch ein leuchtendes Beispiel für die dritte Generation in ihrem Kampf für ein  Leben ohne atomare Bedrohung.
Lassen wir uns von Deinem Credo und Deiner Ermutigung zur Einmischung inspirieren und anstecken:
Wenn sich die Kleinen und scheinbar Ohnmächtigen zusammenschließen, haben es die Großen und scheinbar Mächtigen ungeheuer schwer, ihren Willen durchzusetzen.
Man muss es einfach nur machen, dann klappt es auch.

Für Deinen unermüdlichen Einsatz über Jahrzehnte, gerade auch in schwierigen Zeiten, für deine Kreativität und für Deine eindeutige Positionierung
für eine Welt ohne atomare Bedrohung
zollen wir Dir Dank und Anerkennung. Chapeau!

Herzlichen Glückwunsch zum Nuclear-Free Future Award!

Frank Uhe
Frank Uhe war lange Jahre Geschäftsführer der deutschen Sektion der IPPNW und ist Mitglied im Stiftungsrat der Nuclear-Free Future Award Foundation.
www.nuclear-free.com


Dankesrede von Jochen Stay zur Verleihung des Nuclear Free Future Awards 2017 in der Kategorie „Besondere Anerkennung“, Basel, 15.9.2017

Liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter,

Ich freue mich sehr über diese Auszeichnung. Herzlichen Dank! Und gleichzeitig ist es mir ein riesiges Anliegen, deutlich zu machen, dass für viele Projekte, Kampagnen, Aktionen und Publikationen, für die mein Name öffentlich stand und steht, zahlreiche Menschen gemeinsam die Verantwortung übernommen und zum Gelingen beigetragen haben.

Deswegen bedanke ich mich heute nicht nur für die Ehrung, sondern möchte auch meine Mitstreiterinnen und Mitstreiter ehren und ihnen danken. Stellvertretend für viele sind heute Silke Freitag und Matthias Weyland mit hierher nach Basel gekommen. Ihr beide gehört zu den Menschen, die seit vielen Jahren in enger Zusammenarbeit mit mir viel in Bewegung gebracht haben. Und so gehört auch Euch ein Teil dieser Ehrung heute.

Protestbewegungen funktionieren eben nur dann, wenn es nicht nur die Menschen in der vordersten Reihe, in der Öffentlichkeit gibt, sondern wenn viele Menschen, meist in ihrer Freizeit, mit ganzer Kraft für die gemeinsamen Ziele einstehen, oft im Hintergrund wirkend – aber eben nicht weniger wichtig. Viele meiner Ideen und strategischen Überlegungen sind nur umsetzbar, weil es kluge und fähige Menschen um mich herum gibt, die aus meinen Hirngespinsten tragfähige Projekte machen.

Nicht zuletzt ist da das derzeit 17-köpfige Team von .ausgestrahlt zu nennen. Dieses Team sorgt mit allergrößter Motivation dafür, dass die Gefahren durch die acht noch laufenden Reaktoren in Deutschland und die Probleme mit dem Atommüll nicht in Vergessenheit geraten – und das in Zeiten wie diesen, in denen große Teile der Öffentlichkeit in Deutschland glauben, das Problem Atomenergie sei abgehakt.

Ebenfalls wesentlich für meine Arbeit ist es, dass ich in Deutschland zu einer zweiten Generation von Anti-Atom-Aktivistinnen und Aktivisten gehöre, die erst in den 80er Jahren in den Konflikt um die Atomkraft eingestiegen ist und die in gewisser Weise auf den Schultern derjenigen stehen konnte, die seit den 70er Jahren schon viel erreicht hatten.

In besonderer Weise gilt das für den Gorleben-Widerstand. Ich war überhaupt das erste Mal 1990 im Wendland, da hatte der Streit um die Atommüll-Projekte in Gorleben schon 13 Jahre auf dem Buckel. Menschen wie etwa Marianne Fritzen, Wolfgang Ehmke, Rebecca Harms, Anna und Andreas von Bernstorff und unzählige andere hatten schon so viel aufgebaut, dass wir Jüngeren es tausendmal einfacher hatten, als diese Pioniere der Bewegung. Deshalb sind die politischen Erfolge meiner Generation untrennbar verbunden mit dem, was diese Menschen vor mir und mit mir erstritten hatten. So gesehen beschämt es mich fast ein bisschen, dass nun ausgerechnet ich der erste Preisträger aus dem Gorleben-Widerstand bin.

Mir ist aufgefallen, dass ich überhaupt der erste Preisträger aus Deutschland bin, der nicht aus den Feldern Wissenschaft, Parteipolitik oder Journalismus kommt. Ich bin Aktivist und Widerständler, habe nach zwei Semestern mein Politik-Studium abgebrochen, um mehr Zeit für Politik auf der Straße zu haben. Etwa 20 mal stand ich wegen gewaltfreien Aktionen zivilen Ungehorsams vor Gericht. Ich bin weder Experte für Nuklearphysik noch für Strahlenbiologie, sondern ich bin Experte darin, wie man Proteste organisiert, wie man gesellschaftliche Konflikte sichtbar machen kann, wie man Menschen ermöglichen kann, aus ihrer Ohnmachtshaltung auszubrechen und sich erfolgreich einzumischen.

Von außen betrachtet ist Deutschland Vorreiter des Abschieds von der Atomenergie – und natürlich war es ein riesiger Erfolg der Anti-Atom-Bewegung, dass Kanzlerin Merkel bald nach dem Beginn der Fukushima-Katastrophe im Jahr 2011 acht Reaktoren abschalten musste. Schon zwei Wochen nach dem 11. März demonstrierten in den vier größten deutschen Städten 250.000 Menschen gegen den Weiterbetrieb der Atomkraftwerke. In über 700 Städten gab es wöchentliche Mahnwachen. Und so haben wir immerhin einen halben Sieg errungen. Oder auch: nur einen halben Sieg.

Denn heute, sechs Jahre danach, ist Deutschland nach Frankreich immer noch zweitgrößter Atomstromproduzent in der EU. Beschlossen ist der Ausstieg für Ende 2022. Und es ist schon fatal zu beobachten, wie sich ein Teil der kritischen Öffentlichkeit und der atomkritischen Parteien in Deutschland davon beruhigen lassen, dass nun auf laufenden AKW das Label „Atomausstieg“ klebt, so als wären sie weniger gefährlich, weil im Gesetz steht, wann sie abgeschaltet werden. Der Super-GAU ist in jedem Atomkraftwerk jeden Tag möglich und deswegen ist jeder Tag Weiterbetrieb ein Tag zu viel.

Ich möchte dies mit einem Vergleich verdeutlichen: Wenn ein guter Freund zu mir sagt: „Du Jochen, ich habe mich entschieden, mit dem Rauchen aufzuhören, 2022“, dann werde ich ihn nicht beglückwünschen, sondern werde sagen: „Hoffentlich erlebst Du das noch!“

In Deutschland hat sich die Situation verändert. Andere umweltpolitische Themen sind derzeit mehr in der öffentlichen Debatte als der vollständige Ausstieg aus der Atomenergie und der Umgang mit den radioaktiven Hinterlassenschaften der Atomwirtschaft. Viele große Umweltorganisationen haben neue Schwerpunkte gesetzt und kümmern sich nur noch wenig um die weitere Auseinandersetzung um die AKW und den Atommüll.

Umso wichtiges ist es, dass es .ausgestrahlt gibt. Als monothematische Organisation ist und bleibt ein vollständiger Atomausstieg – und zwar vor dem nächsten Super-GAU – unser zentrales Ziel. .ausgestrahlt ist keine große Mitglieder-Organisation, sondern eigentlich nur ein Büro in Hamburg. Doch wir unterstützen überall Atomkraftgegnerinnen und – gegner darin, aus ihrer Haltung öffentlichen Protest zu machen.

Und wenn sich uns Chancen bieten, dann nutzen wir sie. So wie neulich bei der Menschenkette durch drei Länder vom AKW Tihange über  90 km bis Maastricht und Aachen. Vorher haben fast alle gesagt, das klappt nie. Doch .ausgestrahlt hat die örtlichen Organisatorinnen mit ganzer Kraft unterstützt und gemeinsam haben wir es geschafft, dass 50.000 Menschen auf die Straße gingen und die Kette weitgehend geschlossen wurde.

Der Nuclear Free Future Award bestärkt mich und das ganze .ausgestrahlt-Team darin, diesen Weg konsequent weiter zu gehen. Dafür danke ich von Herzen.


Vorstellung aller Preisträger*innen 2017