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Riss-Reaktor Neckarwestheim: Der unerkannte Störfall

5. März 2021
Es schreibt: Armin Simon

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Lesen, handeln, weiterschicken!

Liebe Freund*innen,

die Risse im AKW Neckarwestheim‑2, von der Stuttgarter Atomaufsicht bisher als „Ereignis ohne oder mit geringer sicherheitstechnischer Bedeutung“ behandelt, sind in Wahrheit als gefährlicher „Störfall“ der INES-Kategorie 2 zu werten, auf einer Stufe mit dem Beinahe-GAU im schwedischen AKW Forsmark im Jahr 2006. Zu diesem Ergebnis kommt einer der ehemals ranghöchsten Atomaufseher im Bundesumweltministerium, Ministerialrat a.D. Dr.-Ing. Dieter Majer, in seiner im Auftrag von .ausgestrahlt angefertigten aktuellen gutachterlichen Stellungnahme zum AKW Neckarwestheim. Dem Streit um den Umgang mit der gefährlichen Spannungsrisskorrosion in den Dampferzeugern des AKW gibt das noch mal eine neue Dimension.

Majer bestätigt in der Stellungnahme, wovor .ausgestrahlt seit Jahren warnt: im AKW Neckarwestheim‑2 besteht die akute Gefahr, dass unter hohem Druck stehende, von radioaktivem Wasser aus dem Reaktorkern durchflossene Rohre spontan brechen oder abreißen. Das wäre ein schwerer Kühlmittelverlust-Störfall, der sich bis zur Kernschmelze entwickeln kann. Im SWR-Politmagazin „Zur Sache Baden-Württemberg“, das gestern Abend über die Expertise berichtet hat, fordert Majer, den Reaktor umgehend stillzulegen – bis die Ursache der Risse vollständig behoben ist.

» Zum TV-Beitrag

Am Handeln des baden-württembergischen Umweltministeriums in Sachen Neckarwestheim lässt Majer kein gutes Haar. Dieses missachte und ignoriere die Vorschriften des kerntechnischen Regelwerks, mache sich fragwürdige und selbst offenkundig unplausible Einschätzungen des TÜV und anderer Gutachter unhinterfragt zu eigen und verletzte damit seine atomgesetzliche Aufsichtspflicht.

» Zur gutachterlichen Stellungnahme von Dipl.-Ing. Dieter Majer, Ministerialrat a.D.

Vor allem aber macht Majer deutlich, dass der von EnBW und dem baden-württembergischen Umweltministerium angeführte, vom TÜV bestätigte und von den anderen Gutachtern ohne Überprüfung unterstellte angebliche „Leck-vor-Bruch“-Nachweis für die von Korrosion befallenen Rohre in Neckarwestheim falsch und nichtig ist. Mehr noch: Für Rohre, die – wie jene in Neckarwestheim – von Spannungsrisskorrosion betroffen sind, ist er gar nicht zu erbringen.

Das bedeutet, dass die Rohre durch Risse so stark geschädigt werden können, dass sie spontan brechen können – und zwar ohne, dass sie zuvor ein detektierbares Leck bilden würden. Ohne vorheriges Leck kann die Schädigung aber während des Betriebs nicht bemerkt werden. Einen solchen Reaktor laufen zu lassen, heißt einen schweren Störfall billigend in Kauf zu nehmen. Das ist nach dem Atomgesetz nicht zulässig. Mehr dazu in den Fragen und Antworten zum unkontrollierbaren Risswachstum in Neckarwestheim und zur Bedeutung des angeblichen „Leck vor Bruch“-Nachweises.

» Fragen und Antworten lesen

Das Stuttgarter Umweltministerium, einem grünen Minister unterstellt, ließ eine Interview-Anfrage des SWR zum Thema unbeantwortet, verwies dann aber gestern darauf, es gebe keinen neuen Sachstand. Das ist richtig: Das AKW Neckarwestheim‑2 hätte spätestens seit Herbst 2018 nicht mehr ans Netz gehen dürfen. Die Ursachen der Rissbildung, der gefährlichen Spannungsriss-Korrosion an den Rohren, sind seit Jahren und bis heute nicht vollständig behoben. Der angebliche „Leck vor Bruch“-Nachweis war für von Spannungsrisskorrosion betroffene Rohre schon immer ausgeschlossen. Der Störfall, ein INES-2-Ereignis, geht immer noch weiter. Die Gefahr ist immer noch akut. Das Ministerium hat sie sogar noch vergrößert, indem es EnBW erlaubt hat, den Reaktor statt neun nun sogar wieder elf Monate ohne Risskontrollen zu betreiben – zwei Monate mehr Zeit also für die Risse, sich durch die Rohre zu fressen.

Für eine grün geführte Landesregierung, die vor zehn Jahren auch auf der Welle der massiven Anti-Atom-Proteste nach Fukushima ins Amt gehievt wurde und die zudem – EnBW ist ein Staatskonzern – Quasi-Eigentümerin des Riss-Reaktors ist, ist das eine desaströse Bilanz.

Auch in Fukushima waren die Gefahren lange bekannt. Aufsichtsbehörden und Betreiber haben sie ignoriert – bis es am 11.03.2011 dann zur Katastrophe kam. Was muss in Neckarwestheim noch passieren, bis das AKW endlich vom Netz geht?

.ausgestrahlt fordert:


  • Das AKW Neckarwestheim‑2 muss vom Netz, solange weitere gefährliche Risse in den Heizrohren und/oder weitere Korrosionsschäden nicht hundertprozentig ausgeschlossen sind.

  • Die Atomaufsicht darf sich nicht auf ein angebliches „Leck-vor-Bruch“-Verhalten von Rohren verlassen, weil ein solches bei den im AKW Neckarwestheim‑2 vorkommenden Schäden gar nicht nachgewiesen werden kann.

  • Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) und Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) müssen die Sicherheit der Bevölkerung im Großraum Stuttgart endlich vor die wirtschaftlichen Interessen von EnBW stellen – auch wenn der AKW-Betreiber ein quasi landeseigener Konzern ist.

.ausgestrahlt hat zudem zusammen mit Anwohner*innen Klage eingereicht, um den Riss-Reaktor zu stoppen, sollte die Landesregierung nicht tätig werden.

Hilf mit, den Störfall aufzudecken und abzustellen:

Am 16. März werde ich in der Online-Veranstaltungsreihe "10 Jahren Fukushima" einen Vortrag zur Unsicherheit deutscher AKW mit besonderem Augenmerk auf Neckarwestheim halten. Hier zum Vortrag anmelden.

Herzliche Grüße

Armin Simon
und das ganze .ausgestrahlt-Team

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