Der Traum vom „Mini-Meiler“ bröckelt gewaltig

17.11.2023 | Jan Becker
Small Modecular Reaktors (SMR)
Foto: Mrcukilo

Während in Europa immer noch vom „Mini-Meiler“ geträumt wird, wurde in den USA das am weitesten fortgeschrittene Projekt für „kleine Atomkraftwerke“ aufgegeben. Weil die Wirtschaftlichkeit der Anlagen gegenüber der Erneuerbaren Energien fragwürdig ist, sprangen die Investoren ab.

Für ein angebliches „Revival der Atomkraft“ spielt der Bau neuer, großer Atomkraftwerke schon lange nur noch eine geringe Rolle. Die Hoffnungen der Branche ruhen auf kleinen modularen Reaktoren, sogenannte „Small Modular Reactors“ (SMR). Dezentral und mit vergleichsweise geringer Leistung sollen sehr viele dieser Anlagen besonders für Industriekomplexe günstig Energie produzieren. So der Plan.

Weltweit werden mehrere Dutzend verschiedene „Mini-Meiler“ entwickelt, wobei die Konzepte teils auf Reaktorentwürfe aus den 1950er-Jahren zurückgehen. Eine generelle Zulassung hat bislang nur ein einziges dieser Konzepte: Das Mini-AKW VOYGR-6 der Firma NuScale – im Prinzip ein klein dimensionierter Druckwasserreaktor.  NuScale erlangte die Zertifizierung des Reaktortypen erst im Januar 2023 von der Nuclear Regulatory Commission: „They are real and they are ready for deployment“, hieß es damals. Ein erstes 50-Megawatt-Demonstrationskraftwerk plante die Firma am US-Standort Idaho National Laboratory in der Nähe von Idaho Falls – mit anvisierter Inbetriebnahme in 2029. Erst im Februar diesen Jahres stimmte eine überwältigender Mehrheit im Betreiberkonsortium für eine Fortführung der Pläne – trotz Anstieg der Kosten aufgrund der hohen Inflation und der gestiegenen Zinssätze.

Weltweit gibt es eine Reihe von Unternehmen, die kleine Reaktoren zur Marktreife bringen wollen. NuScale war das am weitesten fortgeschrittene Projekt – und ist nun gescheitert. Es sei „trotz erheblicher Anstrengungen“ nicht gelungen, das Projekt zu realisieren, so das Betreiberkonsortium, in dem sich auch mehrere Bundesstaaten engagieren. Man habe nicht ausreichend Abnehmer:innen – und damit eine sichere Finanzierung - für den produzierten Strom finden können, heißt es zur Begründung für das Projekt-Aus. Zuletzt ging NuScale von 89 US-Dollar Kosten pro MWh aus, zuvor waren 58 Dollar/MWh veranschlagt. Laut dem US-Thinktank IEEFA stiegen die Stromkosten von den 2021 noch avisierten 5,8 auf 8,9 US-Cent pro Kilowattstunde - und das trotz hoher eingerechneter Steuersubventionen für Atomstrom. Zudem waren die Kosten für die Pilotanlage zuletzt von geschätzten 5,3 auf 9,3 Milliarden US-Dollar gestiegen. Erneuerbare Energien produzieren Strom schlicht günstiger.

Die US-Firma NuScale stand schon 2011 vor der Pleite. Politisch motivierte Subventionen, 2013 auch vom US-amerikanischen Energieministerium, hielten das Unternehmen am Leben.

Europa träumt weiter vom „Mini-Meiler“

Auch in Europa gibt es Interesse an den SMR-Meilern. Tschechien will sich vom US-Unternehmen GE Hitachi Nuclear Energy für den Atompark Temelín den ersten SMR Europas liefern lassen. Ein Vorvertrag über die Lieferung eines NuScale-Reaktors schloss im Januar Rumänien. Polen hat ganz aktuell verkündet, neben sechs großen AKW „hundert“ kleine Reaktoren bauen zu wollen, um die CO2-Bilanz des Landes zu verbessern. Nuscale soll hier ein SMR für den Kupferproduzenten KGHM liefern. Unklar ist, inwieweit die Entwicklungen in den USA sich auch auf diese Vorhaben in der EU auswirken – auch wenn NuScale bemüht ist, Zweifel zu zerstreuen.

Anfang November 2023 sprach sich EU-Energiekommissarin Kadri Simson auf einem Treffen der Atomindustrie für die Entwicklung einer „Industrieallianz für kleine modulare Atomreaktoren“ aus. So soll ein „günstiges regulatorisches Umfeld“ für SMR geschaffen werden. Zurückzuführen ist das Engagement auf eine von Frankreich geführte „Atomkraftallianz“, in der sich mehr als ein Dutzend EU-Länder zusammengeschlossen haben, die sich aktiv für die Technologie einsetzen wollen. Bei jeder Gelegenheit drängt diese Allianz auf Fördermittel für die Atomkraft. Zuletzt hatte sie auch die Verwendung von Steuergeldern für die Entwicklung einer europäischen SMR-Industrie ins Gespräch gebracht.

Zahlreiche Umwelt-NGOS protestieren gegen diesen Lobbyismus. Denn Studien haben längst belegen können, dass ein Nutzen kleiner Meiler sehr gering ausfallen würden – während die Erneuerbaren immer günstiger werden: Je nach Reaktorkonzept bräuchte es zwischen 3 und 1.000 Reaktoren, um gleich viel Energie wie ein großes Atomkraftwerk zu erzeugen. Preiseinsparungen würden sich erst ergeben, wenn mehrere Tausend SMRs produziert werden können, bilanzierte 2021 eine Untersuchung vom deutschen Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung. Investitionen in den SMR-Traum verzögern und verteuern daher die dringend nötigen Dekarbonisierungsmaßnahmen. Sie schaden dem Klimaschutz – von den Gefahren und dem weiterhin entstehenden Atommüll ganz abgesehen.

Weiterlesen:

  • Investing in nuclear energy is bad for the climate, NGOs say
    7.11.2023 - The nuclear industry and certain EU countries call for more support and subsidies for nuclear power, particularly for Small Modular Reactors (SMRs), in the name of reaching the EU’s climate goals. Environmental NGOs join voices to contest this claim, arguing that investing in new nuclear power plants will delay decarbonisation and that SMRs fail to answer the industry’s problems.
  • Eine Welt voller kleiner Meiler?
    10.11.2022 - Im Kampf gegen den Klimawandel, für vermeintlich günstige Energie und zur Versorgung abgelegener Regionen setzen weltweit Länder auf die Entwicklung „kleiner Atommeiler“. Was die Atomlobby als Zukunft preist, beschreiben Kritiker als das letzte Aufbegehren einer sterbenden Branche.
  • Kleine Meiler, großer Hype
    21.02.2022 - In Betrieb ist noch so gut wie keiner, medial aber propagiert die Atomlobby sie als das nächste große Ding. Was steckt wirklich hinter dem Hype um kleine modulare Reaktoren (SMR)?
  • "Kleiner modularer Reaktor" – zu teuer, zu gefährlich und ohne Unterstützung
    16.12.2020 - Nachdem es kaum noch Neubauten von klassischen AKW gibt, hofft die Atomindustrie auf Neuentwicklungen. Doch auch die sogenannten kleinen modularen Atomreaktoren sind viel zu teuer und zu gefährlich. Im Projekt Nuscale in den USA ziehen sich Unterstützer*innen zurück.
  • Mehr zum Thema AKW Generation IV
    Sicher, sauber, billig? Mit diesen Versprechen wirbt die Atom-Lobby seit Jahrzehnten für Atomkraft – kein AKW weltweit hat sie je erfüllt. Nun soll, glaubt man den Atom-Fans, eine neue Generation von Reaktortypen angeblich alle Probleme der Atomkraft lösen: Keine Risiken, kein gefährlicher Atommüll, keine horrenden Kosten, lautet erneut das Versprechen. Und obendrein sollen die Reaktoren auch noch das Klima retten.
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Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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