"Kleiner modularer Reaktor" – zu teuer, zu gefährlich und ohne Unterstützung

16.12.2020 | Julian Bothe
"Kleiner modularer Reaktor" – zu teuer, zu gefährlich und ohne Unterstützung
Foto: Idaho National Laboratory, Flickr

Nachdem es kaum noch Neubauten von klassischen AKW gibt, hofft die Atomindustrie auf Neuentwicklungen. Doch auch die sogenannten kleinen modularen Atomreaktoren sind viel zu teuer und zu gefährlich. Im Projekt Nuscale in den USA ziehen sich Unterstützer*innen zurück.

In regelmäßigen Abständen berichten die Medien über angeblich bald verfügbare neue Typen von Atomreaktoren. Aktuell ziehen vor allem die kleinen modularen Atomreaktoren (Small Modular Reactors – SMR) die Aufmerksamkeit auf sich. Die Versprechen der Entwickler: Durch die geringere Größe sollen die Gefahren sinken, durch eine standardisierte Bauweise die Kosten. Ein genauerer Blick zeigt aber: Beide Versprechungen sind nicht zu halten.

NuScale

Besonders prägnant zeigt dies die US-Entwicklung "NuScale". Von den SMR-Projekten soll diese am weitesten sein. Sie ähnelt im Aufbau klassischen Druckwasserreaktoren mit Wasserkühlung, ist jedoch um einiges kleiner. Ein Kraftwerk soll aus bis zu 12 Reaktoren bestehen, die jeweils 60 bis 77 MW Strom liefern. Zum Vergleich: aktuelle Leistungsreaktoren haben über 1000 MW Leistung. Auch ein erster Investor und möglicher Bauort stehen schon bereit: Die Vereinigten Stadtwerke von Utah (UAMPS) planen die Errichtung eines Prototypen auf dem Gelände des Idaho National Laboratory, einer langjährigen Atomforschungsstelle.  

Doch es bleibt abzuwarten, ob es wirklich zum Bau kommt: Von den ursprünglich 35 Städten, die sich unter dem Dach von UAMPS an dem Projekt beteiligen wollten, haben bereits mehr als ein Viertel die Zusagen zurückgezogen. Hauptgrund sind die finanziellen Risiken.

Phyikalisch und finanziell risikoreich

Unter Annahme verschiedener üblicher Finanzierungsmodelle schätzen unabhängige Gutachter*innen erheblich höhere finale Stromkosten als von NuScale angegeben – je nach Berechnung mehr als das Doppelte. Hinzu kommen Verzögerungen in der Entwicklung und steigende Konstruktionskosten. Auch die standardisierte Bauweise würde erst bei einer hohen Zahl an Aufträgen die Kosten verringern. Expert*innen wie der indische Nuklearexperte M. V. Ramana von der Universität Vancouver betrachten die Versprechungen marktgängiger Strompreise daher als unrealistisch.

Auch mit dem Versprechen der erhöhten Sicherheit ist es nicht weit her: Zwar hat die US-Atomaufsicht das grundsätzliche Layout von NuScale mittlerweile genehmigt. Explizit ausgespart hat diese Genehmigung aber Designprobleme, die bei einer Notabschaltung zur Kernschmelze führen könnten. Diese Fragen werden wahrscheinlich erst mit der Betriebsgenehmigung endgültig begutachtet – und die damit verbundenen unternehmerischen Risiken den Betreibergesellschaften aufgebürdet.

Um weiterhin konkurrenzfähig zu bleiben, wird an allen möglichen Stellen gespart und immer mehr Leistung pro Reaktor angepeilt. Beides geht zu Lasten der Sicherheit. Als Reaktion auf den Rückzug der verschiedenen Städte wurde ein weiterer Leistungssprung von bisher geplanten 60 MW auf 77 MW verkündet –  dieser sei "ohne größere Änderungen" im Design, also allein durch eine risikoreichere Betriebsweise, erreichbar. Bereits in den vergangenen Jahren wurde dagegen mehrmals das Design geändert, um Kostensenkungen durch eine Verringerung der Sicherheitsreserven zu erreichen. Beispielsweise wurde das Kühlbecken verkleinert, womit im Störfall das Wasser schneller verdampft und weniger Zeit bleibt, den Reaktor wieder unter Kontrolle zu bringen.

Dreckige Gefährliche Ablenkungen

Solche Probleme sind typisch für diese Reaktorentwicklungen. Wie der kanadische Nuklearwissenschaftler Gordon Edwards schreibt, sollten die "kleinen" Atomreaktoren deshalb besser als DDDs (Dirty Dangerous Distractions) bezeichnet werden – auf Deutsch: Dreckige Gefährliche Ablenkungen. Sie sind dreckig, weil sie wie alle Atomreaktoren radioaktiven Abfall produzieren. Sie sind gefährlich, da wie bei allen Atomreaktoren die Gefahr von Unfällen besteht, dieses Risiko durch geringere Sicherheitseinrichtungen aber noch verstärkt wird. Und sie sind Ablenkungen, weil sie von günstigeren, ungefährlicheren und sofort verfügbaren Investitionen in erneuerbare Energien ablenken.

Weiterlesen:

Quellen (Auszug): Greentechmedia.com, powermag.com, Oregon Physicians for Social Responsibility

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Julian Bothe

Julian Bothe arbeitet bei .ausgestrahlt zum Thema Klimakrise und Atomkraft. Er ist ausgebildeter Geograph und beschäftigt sich seit langem mit Energiefragen. Seit seiner Jugend ist er aktiv in sozialen Bewegungen – für Bewegungsfreiheit, Energiedemokratie und Klimagerechtigkeit.

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