Kleine Meiler, großer Hype

21.02.2022 | Anna Stender
Mini-Reaktor, Baujahr 1961: Der AVR Jülich in Nordrhein-Westfalen lieferte 15 Megawatt Strom. Siemens versuchte in den 1980ern, ein 200-Megawatt-Modul desselben Typs zu vermarkten, scheiterte aber, weil nicht mal der AVR richtig lief.
Foto: AVR Jülich; Mini-Reaktor, Baujahr 1961: Der AVR Jülich in Nordrhein-Westfalen lieferte 15 Megawatt Strom. Siemens versuchte in den 1980ern, ein 200-Megawatt-Modul desselben Typs zu vermarkten, scheiterte aber, weil nicht mal der AVR richtig lief. Ein Whistleblower enthüllte im Nachhinein schwere Störfälle und Sicherheitsdefizite. Der Zustand des AVR zu Betriebsende entsprach dem eines havarierten Reaktors mit Kernschaden.

In Betrieb ist noch so gut wie keiner, medial aber propagiert die Atomlobby sie als das nächste große Ding. Was steckt wirklich hinter dem Hype um kleine modulare Reaktoren (SMR)?

Man stelle sich eine Welt vor, die selbst in den entlegensten Gebieten mit Atomkraftwerken übersät ist, von Sibirien bis Patagonien – ein Alptraum. Doch die Atomlobby hypt kleine, modulare Reaktoren (SMR), die das ermöglichen sollen, als das nächste große Ding. Diese Reaktoren mit maximal 300 Megawatt elektrischer Leistung – einem Fünftel eines großen AKW –, manche auch deutlich weniger, sollen, so die Behauptung, als Ganzes oder in Modulen in einer Fabrik vorgefertigt werden können. Am geplanten Standort müssten sie dann nur noch zusammengesetzt werden.

Realitätsferne Saga

Zur SMR-Saga gehört auch die Behauptung, die kleine Größe böte sicherheitstechnische Vorteile. Wie unhinterfragt viele Medien dies aufgreifen, ist erstaunlich. Denn zahlreiche renommierte Reaktor-Expert*innen zeichnen ein ganz anderes Bild: Trotz des geringeren radioaktiven Inventars pro Reaktor wäre die Unfallgefahr unterm Strich nicht geringer – wegen der großen Anzahl von Reaktoren, die für dieselbe Leistung nötig wäre. Gleiches gilt für die Kosten: Auf die Kilowattstunde umgerechnet, wären SMR nicht nur deutlich teurer als Erneuerbare, sondern sogar als herkömmliche AKW. Fachleute schätzen, dass sich eine Serienfertigung erst ab etwa 3.000 Stück rechnen würde. Doch ohne Abnahmegarantie wäre es gar nicht möglich, überhaupt die notwendigen Fertigungskapazitäten aufzubauen. Auch in puncto Atommüll und der Gefahr der Weiterverbreitung von nuklearem Material und Know-how sind von SMR keine großen Durchbrüche zu erwarten. Für das Klima spielen sie ohnehin keine Rolle. Denn viele der Minireaktor-Konzepte, gerade die von den bisherigen Leichtwasserreaktoren abweichenden, gehören eher ins Reich der Mythen und Legenden. Sie existieren teils nur auf dem Papier, teils in einem frühen Stadium der Forschung und Entwicklung. Dazu zählen Generation-IV-Modelle wie Flüssigsalzreaktoren, Brutreaktoren und Hochtemperaturreaktoren. Frühestens in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts könnten sie kommerziell verfügbar sein – wenn überhaupt.

Selbsterhaltungstrieb der Atomindustrie

Die wenigen SMR-Konzepte, die früher auf den Markt kommen könnten, greifen existierende Leichtwasser-Designs auf – mit all ihren Risiken und Problemen. Dazu gehören Projekte wie VOYGR von NuScale in den USA, ein geplanter Rolls-Royce-SMR in Großbritannien und Nuward in Frankreich sowie verschiedene Vorhaben in Russland und China. Doch selbst sie kommen in jedem Fall zu spät, um das Klima zu retten. Denn um in nennenswertem Umfang CO2-Emissionen zu senken, müssten innerhalb weniger Jahre Tausende bis Zehntausende Reaktoren gebaut werden. Völlig unrealistisch, das weiß auch die Atomlobby.

Was steckt also wirklich dahinter? Wer hat trotz horrender Kosten und immenser Risiken ein Interesse daran, diese Projekte weiter voranzutreiben?

Ganz offensichtlich ist dies zunächst einmal die Nuklearindustrie selbst. Trotz der immer wieder neu beschworenen angeblichen „Renaissance der Atomkraft“ befindet sie sich in Wahrheit schon lange in einer schweren Krise. Die wenigen seit dem Reaktorunglück von Tschernobyl in Europa angestoßenen Neubauprojekte, etwa der französische EPR, entwickelten sich allesamt zum Debakel. Für die Branche geht es ums nackte Überleben. Um weiterhin Subventionen sowie Forschungs- und Entwicklungsgelder zu bekommen und noch als ernstzunehmender Player zu gelten, muss sie „Zukunftsvisionen“ präsentieren, etwa die der Mini-AKW.

Geopolitische und militärische Interessen

Auch der Politik kommt der SMR-Hype vielerorts gelegen. So verteilen die USA über das „Nuclear Futures Package“ Milliardensummen, um neue Märkte zu erschließen und nebenbei langfristige Abhängigkeiten zu erzeugen. Rumänien etwa soll zu einem „SMR-Ausbildungs- und Schulungszentrum“ werden. Und in Bulgarien unterzeichneten das Staatsunternehmen BEH und das US-Unternehmen Fluor im November eine Absichtserklärung zu Planung und Bau neuer SMR.

Doch die wesentliche Motivation hinter der SMR-Entwicklung dürfte der Wunsch nach militärischer Schlagkraft sein. Schon immer lieferte die zivile Atomindustrie Material, Know-how, Technik und Personal fürs Militär und entlastete so das Verteidigungsbudget. Und gerade SMR eignen sich, ob als Schiffsantrieb oder mobiles Kraftwerk, ideal für militärische Zwecke. Dass viele der Länder, die sich mit SMR beschäftigen, Atommächte sind oder werden wollen: kein Zufall.

Der französische Präsident Macron, der im Wahlkampf öffentlich damit wirbt, dass er neue AKW bauen und die SMR-Entwicklung finanziell unterstützen will, macht keinen Hehl daraus, dass militärische Interessen und atomare Abschreckung dabei eine wichtige Rolle spielen: „Ohne zivile Kernkraft gibt es keine militärische Kernkraft, ohne militärische Kernkraft gibt es keine zivile Kernkraft“, verkündete er Ende 2020. Diese enge Verflechtung zeigt sich unter anderem im französischen SMR-Projekt Nuward. Den Druckwasserreaktor mit einer Leistung von zwei Mal 170 Megawatt entwickelt ein französisches Joint Venture zwischen dem AKW-Betreiber EDF, der Marine-Werft Naval Group, dem Atomforschungszentrum CEA und dem auf nukleare Antriebssysteme spezialisierten Anbieter TechnicAtome. Das Konzept basiert auf einem Flugzeugträger-Antrieb. Parallel dazu sind TechnicAtome und Naval Group an der Entwicklung eines neuen nuklear betriebenen Flugzeugträgers beteiligt …

Auch die USA treiben die Entwicklung von SMR voran. Auch dort überlappen sich die Lieferketten von Nuklearindustrie und Militär stark. Das „Atlantic Council“, eine Denkfabrik in Washington, D.C., schätzt den Beitrag des zivilen Nuklearsektors zum nationalen Sicherheitsapparat der USA auf 37,5 Milliarden Euro. Die Nachfrage nach SMR durchs Militär soll wiederum auch die kommerzielle Atomindustrie stützen. Innerhalb des „Project Pele“ investiert das US-Verteidigungsministerium umgerechnet 35 Milliarden Euro in drei Mikro-SMR-Konzepte mit bis zu 10 Megawatt Leistung. Ziel ist zu klären, ob sich diese für den Einsatz als Stromversorgung abgelegener Militärstützpunkte eignen.

In Großbritannien, ebenfalls Atommacht, will Rolls-Royce ins SMR-Geschäft einsteigen. Der in Deutschland als Automarke bekannte Konzern baut unter anderem auch Atomantriebe für U-Boote. Sollte die Entwicklung des Rolls-Royce-SMR erfolgreich sein, will Großbritannien 16 davon bauen. Vordergründig geht es dabei um Versorgungssicherheit. Dabei hat Großbritannien in den letzten Jahren mit dem Ausbau der Windkraft die Kohlekraft praktisch überflüssig gemacht, während die Atomenergie seit ihrem 2006 verkündeten „Comeback“ keinerlei Beitrag zur Dekarbonisierung der Energieversorgung geleistet hat. Boris Johnsons Begeisterung für SMR macht daher nur vor dem Hintergrund Sinn, dass er Know-how, Technologie und Lieferketten der Atomindustrie braucht, um sich die kostspielige britische Atom-U-Boot-Flotte weiter leisten zu können.

Fazit

Die wahren Treiber der Diskussion um SMR sind also Eigeninteressen der Atomindustrie sowie geopolitische und militärische Interessen der Politik. Mycle Schneider, Herausgeber des „World Nuclear Industry Status Report“, hält SMR zwar für eine „orchestrierte Schaumschlägerei“ und einen „Riesenhype“. Wegen der dahinterstehenden starken Interessen ist dennoch zu befürchten, dass weiter Unsummen in SMR investiert werden. Sollten diese tatsächlich irgendwann in großen Stückzahlen Verbreitung finden, wird dies mit all den Risiken und Folgen verbunden sein, die Atomkraft schon immer hatte – und wegen der breiten Verteilung neue Sicherheitsrisiken mit sich bringen.

Das Klima hat unterdessen das Nachsehen. Schon jetzt wirken sich Investitionen in SMR negativ auf die Energiewende aus: Das Geld fehlt für den Ausbau der Erneuerbaren, für intelligente Netze und für Speichertechnologien – und damit für echten Klimaschutz.

weiterlesen:

  • Proliferationsrisiken „neuer“ Reaktoren
    6.5.2021: „Neue“ Reaktorkonzepte, etwa der „Generation IV“, oder kleine modulare Reaktoren vergrößern die Gefahr der Weiterverbreitung von radioaktivem Material.
  • Atomkraft, Kriegsspielzeug und Klima-Blabla
    4.5.2021: Hinter zahlreichen Projekten für den Bau neuer AKW und die Entwicklung neuer Reaktoren stehen handfeste militärische Interessen. Die Verquickung zwischen zivilem und militärischem Sektor zieht sich bis auf die Personalebene.
  • Atomstrom fürs Schlachtfeld
    5.5.2021: Kleine, modulare Reaktoren sind vor allem fürs Militär interessant. Das nutzt sie seit Jahrzehnten als U-Boot-Antrieb – und träumt zum wiederholten Mal von mobilen Mini-AKW. Diese sollen nicht nur Stützpunkte und Militärlager versorgen, sondern auch Strom für neuartige Waffen liefern.
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Anna Stender

Anna Stender kommt aus Münster und hat bereits in den Neunzigerjahren gegen Castortransporte nach Ahaus und Gorleben demonstriert. Sie ist studierte Fachübersetzerin und hat sich nach Stationen in Berlin, Köln, Bangalore, Newcastle-upon-Tyne und Jülich entschieden, in Hamburg zu bleiben. Seit 2020 ist sie als Redakteurin bei .ausgestrahlt, wo sie vor allem für den Print-Bereich schreibt.

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