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„Als sei alles in bester Ordnung“

10.03.2026 | Anna Stender
Foto des total zerstörten AKW Fukushima Daiichi
Foto: Tepco (Betreiber des AKW Fukushima Daiichi)

Akiko Morimatsu, 52, flieht nach dem Super-GAU in Fukushima wie Zigtausende mit ihren Kindern vor der Strahlung. Seitdem kämpft sie für die Rechte der Opfer der Atomkatastrophe. Ein Porträt.

Am 11. März 2011 erschütterte der Super-GAU in Fukushima unser Leben. Bei uns in der Großstadt Kōriyama, etwa 60 Kilometer Luftlinie von dem havarierten AKW, gab es trotz erhöhter Strahlung keine Evakuierungsanordnung. Mein Mann und ich mussten selbst eine Entscheidung treffen. Mir war sofort klar: Wenn ich nichts tue, sind unsere Kinder – damals ein Baby und ein Kleinkind – der Strahlung ausgesetzt. Ich handelte aber nicht in Panik. Ich orientierte mich an den offiziellen Grenzwerten für die Strahlenbelastung und wog alle Optionen sorgfältig ab. Dann traf ich die schwere Entscheidung, Kōriyama mit den Kindern zu verlassen. Nicht weil man uns dazu aufgefordert hatte, sondern auf eigene Initiative, auf eigene Faust und auf eigene Kosten.

Ein Porträtfoto von der Japanerin Akiko Morimatsu Wir zogen nach Ōsaka, wo wir bis heute als sogenannte Selbst-Evakuierte leben. Mein Mann entschied, in Fukushima zu bleiben. Seit fast 15 Jahren lebt unsere Familie in zwei Städten. Unsere Kinder, inzwischen 18 und 15 Jahre alt, kennen keinen normalen Alltag als Familie. Unsere Lebenshaltungskosten haben sich verdoppelt. Wenn wir uns sehen wollen, müssen wir selbst dafür aufkommen. So geht es vielen selbst-evakuierten Familien. Dieser Verlust ist kein persönliches Schicksal, sondern eine direkte Folge des Atomunfalls.

Einige Wochen nach dem Unfall erhöhten die Behörden den Grenzwert für die Strahlenexposition in Fukushima von einem Millisievert auf zwanzig Millisievert pro Jahr und behaupteten, das sei nun sicher, auch für Kinder. Man wollte, dass die Evakuierten in die kontaminierten Wohngebiete zurückkehren. Noch heute gilt der höhere Wert in manchen Gebieten. Aber warum sollten Menschen in Fukushima höhere Strahlenwerte tolerieren müssen als der Rest Japans?

Warum sollten Menschen in Fukushima höhere Strahlenwerte tolerieren müssen als der Rest Japans?

Im Moment kann ich mir nicht vorstellen, zurückzukehren. Ich möchte nicht an einem Ort leben, an dem ich mich jeden Tag frage, ob das, was wir anfassen, essen oder trinken, unserer Gesundheit schadet. Die großflächige radioaktive Kontamination infolge des Atomunfalls ist immer noch vorhanden – die Radioaktivität in der Luft ist weiter höher als vor dem Unfall und es können jederzeit Hotspots entstehen, zum Beispiel wo sich Regenwasser und Schlamm ansammeln. Gerade Berge und Wälder kann man sowieso nicht wirklich dekontaminieren. Alle Eltern wollen doch, dass ihre Kinder gesund aufwachsen. Ich sollte selbst entscheiden können, ob ich das Risiko eingehe oder nicht. Das Grundrecht auf Leben und Gesundheit muss für alle gleichermaßen gelten.

Vor der Atomkatastrophe erkrankten nur ein oder zwei von einer Million Kindern an Schilddrüsenkrebs. Unter den 370.000 Kindern, die zum Zeitpunkt des Super-GAUs in der Präfektur Fukushima lebten, wurden aber fast 400 Fälle registriert. Über die Präfektur hinaus gibt es gar keine groß angelegten Studien. Viele Kinder waren der Strahlung schutzlos ausgesetzt. Sie waren sich der Gefahr nicht bewusst – auch wenn ihre Eltern es ihnen verboten hatten, gingen sie nach draußen, um mit ihren Freunden zu spielen.

Nach Angaben der Wiederaufbaubehörde gibt es immer noch 26.597 Evakuierte und Selbst-Evakuierte aus Gebieten außerhalb der Sperrzone. Uns Selbst-Evakuierten wird oft vorgehalten, wir hätten unsere Entscheidung aus freiem Willen getroffen. Aber wir hatten nur die Wahl zwischen zwei schmerzhaften Optionen: weiter der Strahlung ausgesetzt sein oder fliehen. Diese Entscheidung stellte unser Leben völlig auf den Kopf. Obwohl wir wegen des Atomunfalls geflohen waren, den der Staat mit zu verantworten hatte, unternahm der nichts, um uns zu unterstützen – und demütigte uns sogar. Man behauptet, wir würden falsche Gerüchte verbreiten – eigentlich ist ihnen schon unsere bloße Existenz ein Dorn im Auge, weil sie auf die Gefahren der Strahlung hinweist. Wenn wir öffentlich unsere Meinungen sagen, sind wir heftigsten Anfeindungen ausgesetzt.

Trotzdem habe ich nicht vor, mich mit dem Schaden abzufinden, den der AKW-Betreiber Tepco (Tōkyō Electric Power Company) und der Staat verursacht haben. Heute bin ich Co-Vorsitzende der Koordinierungsstelle, die Klagen von Fukushima-Opfern japanweit koordiniert und Vertreterin der Klägergruppe im Großraum Ōsaka. Ich halte Vorträge in Japan und im Ausland, 2018 sogar vor dem UN-Menschenrechtsrat in Genf.

Im sogenannten Kansai-Prozess geht es seit mehr als 12 Jahren um eine der letzten Sammelklagen von Geflüchteten aus Fukushima. Die Klägerinnen – 222 Personen aus 79 Familien, die nach dem Atomunfall in die rund 600 Kilometer entfernte Kansai-Region geflohen sind – wollen, dass der Staat und Tepco Verantwortung übernehmen und Entschädigungen zahlen, die die tatsächlichen Verluste widerspiegeln. Als Klägerin Nummer 1-1 vertrete ich die Klägerinnen als Sprecherin, informiere öffentlich und in den Medien über unsere Erfahrungen und arbeite gemeinsam mit den Anwält*innen an der Prozessstrategie.

Die Tepco-Anwält*innen verweisen immer wieder auf die Infobroschüre der Stadt Kōriyama und sagen: „Da steht doch, dass es sicher ist“. Aber diese Broschüre war Propaganda – das, was wir in Japan als „Meldungen des Kaiserlichen Hauptquartiers“ bezeichnen, wie sie während des Zweiten Weltkriegs verbreitet wurden. Darin stand nur das, was die Behörden uns glauben lassen wollten. Radioaktivität verschwindet doch nicht, nur weil von Kirschblütenfesten und Einschulungsfeiern berichtet wird. Mit Slogans wie „Halte durch, Tōhoku“ (das ist die Region, in der auch Fukushima liegt) und großen Wiederaufbau-Budgets wurden nach der Dreifachkatastrophe von Erdbeben, Tsunami und Atomunfall Veranstaltungen inszeniert, als sei alles in bester Ordnung. In Wahrheit durften Schulen in Kōriyama erst sieben Jahre später wieder ohne Zeitbegrenzung ein Sportfest im Freien veranstalten.

Wir hoffen, dass endlich anerkannt wird, was der Atomunfall mit unserem Leben und dem unserer Kinder gemacht hat.

Bisher gab es etwa 30 ähnliche Sammelklagen. In einigen Prozessen, die bis vor den Obersten Gerichtshof gingen, wurde die Haftung von Staat und Tepco in letzter Instanz anerkannt. Trotzdem erhielten die meisten Kläger*innen nur sehr geringe Entschädigungen – meist in der Höhe (oder sogar unterhalb) der Beträge, die Regierung und Tepco selbst als Maßstab festgelegt hatten. So bestimmten die für die Katastrophe Verantwortlichen maßgeblich über die Ansprüche der Opfer! Im Juni 2022 wies der Oberste Gerichtshof Japans die Haftung des Staates in mehreren Sammelklagen ab. Dieser Linie folgen seitdem auch die unteren Instanzen. Doch die Schäden verschwinden nicht einfach – ob sie nun anerkannt werden oder nicht. Jedes Mal, wenn so ein ungerechtes Urteil fällt, fühle ich mich verzweifelt und ohnmächtig, weil unser Justizsystem uns das Recht verweigert, uns vor unnötiger Strahlung zu schützen.

Am 24. Dezember 2025 durfte ich mein Schlussplädoyer im Kansai-Prozess persönlich vortragen. Ich bin dankbar, dass ich den Richterinnen schildern konnte, wie wir Menschen wirklich betroffen sind. In diesem Prozess wurde besonders gründlich gearbeitet. Alle Klägerinnen wurden einzeln vernommen, und die Richter*innen haben bei den Zeugenvernehmungen nicht gewechselt wie in anderen Prozessen. Daher erwarten wir sehr gespannt die Urteilsverkündung im September.

Es geht uns um mehr als nur um Geld. Wir hoffen, dass endlich anerkannt wird, was der Atomunfall mit unserem Leben und dem unserer Kinder gemacht hat – die Trennung unserer Familien, die Angst um unsere Gesundheit, die verlorene Normalität. Wir wollen auch, dass unser Recht auf Schutz vor radioaktiver Strahlung anerkannt wird. Und wir hoffen, dass das Verfahren Signalwirkung hat, auch über Japan hinaus. Die Auswirkungen eines Atomunfalls, die Gefährdung durch Strahlung, die Missachtung von Grundrechten – diese Themen gehen nicht nur die Menschen in Fukushima etwas an. Wenn solche Schäden hier in Japan verharmlost werden, wird das auch anderswo passieren.

Protokoll: Anna Stender

Übersetzung: Yu Kajikawa (Sayonara Nukes Berlin)

Dieser Artikel erschien erstmals im .ausgestrahlt-Magazin 66 (Februar - Mai 2026) und gehört zum Schwerpunkt-Thema "40 Jahre Tschernobyl, 15 Jahre Fukushima":

  • Erinnern heißt handeln (Einleitung)

  • „Als sei alles in bester Ordnung“ (Porträt)

  • „Praktisch alle hatten Gesundheitsprobleme“ (Interview)

  • Die unterschlagenen Toten (Hintergrund)

  • Was wäre wenn (Hintergrund)

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Anna Stender

Anna Stender kommt aus Münster und hat bereits in den Neunzigerjahren gegen Castortransporte nach Ahaus und Gorleben demonstriert. Sie ist studierte Fachübersetzerin und hat sich nach Stationen in Berlin, Köln, Bangalore, Newcastle-upon-Tyne und Jülich entschieden, in Hamburg zu bleiben. Seit 2020 ist sie als Redakteurin bei .ausgestrahlt, wo sie vor allem für den Print-Bereich schreibt.

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