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Strippenzieher der Atomlobby

Ein Knoten in einem blau-roten Band

Atomkraft gilt vielen in Frankreich als Symbol nationaler Souveränität. Doch hinter den Kulissen sitzt ein gut vernetzter Atominfluencer, der seit Jahren für Putins Atomkonzern arbeitet.

Der Testballon steigt Ende 2023, ein halbes Jahr vor der französischen Parlamentswahl, und provoziert prompt Wirbel in der Presse. Marine Le Pen, Fraktionsvorsitzende des rechtsextremen Rassemblement National (RN), inszeniert ein Treffen mit einem der umstrittensten Manager des Landes: Henri Proglio. Als Vorstandsvorsitzender des staatlichen Atomkonzerns Électricité de France (EDF) war er einst einer der mächtigsten Wirtschaftsbosse des Landes, bis er – dazu später mehr – 2014 als unhaltbar galt. Jetzt hilft er, die Rechtsextremen salonfähig zu machen, ihnen den Weg an die Macht zu ebnen. Gerüchte kursieren, dass er ins Wirtschaftsministerium berufen würde, sollte der RN eine künftige Regierung anführen.

Proglio war seit September 2004 Mitglied des Verwaltungsrats von EDF. Der französische Präsident Nicolas Sarkozy machte ihn 2009 zum Chef des Atomriesen. Der steckte in wirtschaftlichen Schwierigkeiten, Proglio sollte die Milliardenlöcher stopfen.

Atomexporte in Krisenregionen

Ein Portraitbild von Henri Proglio
Henri Proglio (Foto: Thinkerview / Wikimedia)

Kritiker*innen halten den Putin-Fan1, der sich selbst als „Killer“ bezeichnet,2 allerdings für „nicht so erfolgreich, wie er glauben machen möchte“.3 Geklärt ist inzwischen, dass Sarkozy gemeinsam mit Proglio Atomkraftwerke an den libyschen Diktator Gaddafi verhökern wollte, welcher im Gegenzug geldschränkeweise Wahlkampfhilfen in den Elysee-Palast schickte.

Sarkozy, so stänkerte „Atomic Anne“ Lauvergeon, die geschasste Chefin des Atomkonzerns AREVA, habe „zugelassen, dass sich ein System aus Clans, Banden und Pfründen entwickelte“,4 das Atomtechnikexporte in Krisenregionen vorantrieb. Proglio knüpfte Bande mit chinesischen Herrschern, mit Gaddafi, mit der saudischen Bin Laden Group und weiteren zweifelhaften Geschäftspartner*innen. Er war es auch, der mit seinem Zwillingsbruder René Proglio, Frankreich-Chef der Investmentbank Morgan Stanley, den Rückkauf von EnBW-Aktien von EDF durch das Land Baden-Württemberg organisierte. Der Preis dafür war überteuert, den Schaden trug das Land. EDF war fein raus, und mindestens einer der beiden Proglios machte seinen Schnitt.

Sarkozy und Henri Proglio, die beiden kleinen Herren mit Napoleon-Syndrom, waren stets bemüht, ihre starken Bande zu kaschieren – ein Fotograf, der Proglio auf Sarkozys Party erwischte, durchkreuzte den Plan. Sarkozy, dem präsidialen Hochleistungs-Außendienstler der französischen Atomwirtschaft, wurde seine Mitgliedschaft in einer „kriminellen Vereinigung“ inzwischen gerichtlich bestätigt; der Ex-Präsident saß dafür sogar ein paar Wochen hinter schwedischen Gardinen. Proglio konnte vor Gericht seinen Kopf kürzlich aus der Schlinge ziehen – es ging um Vetternwirtschaft und millionenschwere Beraterverträge; der Ex-Atom-Boss sitzt heute hinter diskret verschlossenen russischen Türen.

Freunde im Kreml

Schon 2010, als EDF-Chef, fädelt Proglio diverse Kooperationen mit der russischen Energiewirtschaft ein. Besonders bemerkenswert sind seine Verbindungen zu Sergej Kirijenko, seinerzeit Chef von Rosatom. Für EDF und Rosatom unterzeichnen Proglio und Kirijenko mit großem Pomp beim Internationalen Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg im Juni 2010 ein Kooperationsabkommen. Präsident Sarkozy wirft mit seiner Anwesenheit den nötigen Glanz auf seinen Protegé. „Von diesem Tag an stellte Henri Proglio Kirijenko als seinen Freund vor, und er wurde in Russland sehr gut eingeführt”, so ein Ex-EDF-Manager.5

Kirijenko ist inzwischen zum Top-Vertrauten Putins aufgestiegen, gilt als dessen möglicher Nachfolger. Vom Präsidentenpalast aus orchestriert der Chef-Propagandist Desinformationskampagnen, um den Einfluss des Kreml im Internet auszuweiten, organisiert als „Vizekönig des Donbass“ manipulierte Referenden, infiltriert Lehrpläne und Kultur mit Putins Narrativen.6 Und er soll die Einflussnahme auf Frankreich steuern, mit dem Ziel, „die westliche Unterstützung für die Ukraine im Krieg zu untergraben”.7

Proglio bezeichnet sein Verhältnis zu Kirijenko dessen ungeachtet als „privilegiert und freundschaftlich“.8 Sein Bekenntnis zu „den Russen“ als „unsere natürlichen Partner im Nuklearsektor“ ist unerschütterlich. Schließlich stammten „die Brennstoffe, mit denen unsere Atomkraftwerke laufen, größtenteils aus Russland“.

Versicherung gegen Atom-Sanktionen

„Warum bleibt die Atomindustrie verschont?“ fragen Investigate Europe und Tagesspiegel schon 2022.9 In keinem einzigen der mittlerweile 19 EU-Sanktionspakete gegen Russland taucht der Atomsektor auf. Die gemeinsame Recherche kommt zum Schluss: „Für die enge Verbindung zwischen der französischen und der russischen Atomindustrie steht nicht zuletzt Henri Proglio, der ehemalige Vorstandsvorsitzende des staatlichen französischen Stromversorgers EDF, der bis heute im internationalen Beirat von Rosatom sitzt.“ In dem Atomkonglomerat, zugleich Staatskonzern und Behörde, hat Putin den kompletten zivilen und militärischen Atomsektor Russlands gebündelt und direkt dem Kreml unterstellt. Und er nutzt es als geopolitisches Instrument zur Ausweitung seines Einflusses in Europa und anderswo.

Zusätzlich zu seinem Beiratsposten bei Rosatom, den er 2014 nach seinem Ausscheiden bei EDF antritt, unterhält Proglio seit rund zehn Jahren mehrere Beraterbüros in Moskau. Das ist pikant, denn er ist in die strengsten Geheimnisse der zivil-militärischen Atommacht Frankreich eingeweiht.

Zwar kann er Dinge durchaus für sich behalten – selbst gegenüber dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss in Paris, der ihn Ende 2022 zum Verlust der Energiesouveränität Frankreichs vernahm, verschwieg er seine lukrativen Tätigkeiten, unter anderem von Henri Proglio Consulting und HP Energy Advisory in Moskau. Ob das jedoch immer zum Wohle Frankreichs beziehungsweise Europas geschieht, ist mehr als fraglich. Wie wirksam der Undercover-Netzwerker hinter den Kulissen die Strippen zieht, damit die EU-Atomjunkies allen Sanktionspaketen zum Trotz abhängig bleiben von Putins Gnaden – und von Lieferungen und Dienstleistungen seines Atomkonzerns –, ist kaum transparent. Klar ist nur, dass die Importabhängigkeit der europäischen und französischen Atomindustrie, die Proglio unproblematisch findet, der von ihm öffentlich beschworenen „Energieunabhängigkeit Frankreichs“10 irgendwie entgegensteht.

Tektonische und andere Verwerfungen

Quasi monatlich pendelt der Atomberater zwischen Paris und Moskau. Seit die EU und Russland ihren Flugraum wechselseitig gesperrt haben, reist er über Serbien oder die Türkei.11 Das erscheint nicht unpraktisch, ist Proglio doch auch Mitglied des Verwaltungsrats der türkischen Rosatom-Tochter, die für den lupenreinen Putin-Freund Erdogan vier Reaktorblöcke „sowjetischer Bauart“ in die anatolische Erdbebenidylle von Akkuyu setzt. Proglio hat mit tektonischen Verwerfungen ebenso wenig Probleme wie mit gesellschaftlichen.

Die französische Tochtergesellschaft Rosatom Western Europe SARL eröffnet am 15. Oktober 2014 in Paris ihr „Operationszentrum“ für Westeuropa.12 Einen Tag zuvor muss Proglio bei EDF seinen Hut nehmen. Umgehend nimmt er zwei neue Posten an: eine Führungsposition an der Spitze des französischen Rüstungsgiganten Thales und jenen im Beirat von Rosatom. Das allerdings erklärt die Regierung Hollande für unvereinbar – und setzt Proglio im Mai 2015 die Pistole auf die Brust. Entweder Thales oder „vergütete Verpflichtungen bei großen Akteuren des militärischen und zivilen Sektors, insbesondere der russischen Atomindustrie“, insistiert der damalige Wirtschaftsminister Emmanuel Macron. Proglio entscheidet sich für Rosatom.

Auch nach Beginn des Angriffskriegs gegen die Ukraine, an dem sich der Kremlkonzern aktiv beteiligt, pflegt der umtriebige Geschäftsmann „ein freundschaftliches Verhältnis zu meinen russischen Freunden“ und sieht „keinen Grund, sie durch eine Rücktrittsankündigung zu beleidigen“.13

Sollte Proglio unter einer extrem rechten Regierung tatsächlich das französische Wirtschaftsministerium übernehmen, könnte das Pariser Rosatom-Regionalbüro seine Aktivitäten in Belgien, Österreich, Großbritannien, Deutschland, Griechenland, Spanien, Italien, den Niederlanden, Norwegen, Portugal, Finnland, Frankreich, Schweden und der Schweiz sicher unter für Russland günstigeren Konditionen koordinieren.

Dieser Artikel erschien im .ausgestrahlt-Magazin 67 (Juni - September 2026)

Die Langfassung des Artikels gibt’s unter eva-stegen.de

Eva Stegen ist Übersetzerin des Buchs „Die Gewerkschafterin – im Räderwerk der Atommafia“ von Caroline Michel-Aguirre, aus dem viele Informationen in diesem Artikel stammen.

Quellen

  1. Paris Match, 30.10.2020.

  2. Carolin Michel-Aguirre, Die Gewerkschafterin, 2025, S. 60.

  3. La Tribune, 22.05.2013.

  4. L’Express, 10.04.2012.

  5. Le Nouvel Obs, 10.10.2025.

  6. Oe24.at, 12.08.2025.

  7. Le Nouvel Obs, 10.10.2025.

  8. Henri Proglio, 24.07.2023.

  9. Investigate Europe 07.10.2022.

  10. Henri Proglio, 24.07.2023.

  11. Le Nouvel Obs, 10.10.2025.

  12. Rosatom Europe, 2026.

  13. Henri Proglio, 24.07.2023.

weiterlesen:

  • „Das Nichtverbreitungsregime wäre kaum zu halten“
    23.10.2025: Abrüstungsexperte Moritz Kütt über deutsche Atomwaffenfantasien, französische Atompolitik, nukleare Nichtverbreitung und die Brisanz von Urananreicherungsanlagen.

  • AKW-Neubau Flamanville – auf die Plätze, fertig, verpatzt
    13.09.2024: Pannen, Mängel, viel zu teuer, viel zu spät: die „Inbetriebnahme“ des AKW Flamanville zeigt, dass Frankreichs Atomkurs in die Sackgasse führt.

  • Im Bau
    16.02.2022: Der Bau des EPR-Reaktors in Flamanville sollte die ganze französische Atomwirtschaft neu lancieren. Das ging gewaltig schief – weswegen selbst der staatliche Atomkonzern EDF mit Blick auf eventuelle weitere Neubauten nun auf ein Nachfolgemodell setzt.

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Eva Stegen und Armin Simon

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