Seit Jahrzehnten ist die Zukunft der Atomenergie in unserem Nachbarland umstritten. Aktuell wird nicht nur das Abschalten des einzigen bestehenden Meilers infrage gestellt, sondern auch der der Bau von bis zu vier neuen AKW diskutiert. Einer der möglichen Bauplätze liegt direkt an der deutschen Grenze.
Die niederländische Regierung will die stark von Gas abhängige Stromerzeugung auf CO2-neutrale Energieträger umstellen. Bis 2021 meinte das windreiche Land an der Nordseeküste damit eine „vollständige Umstellung auf erneuerbare Energien bis 2050“. Dann wurde beschlossen, dass künftig Atomenergie einen „wichtigen Beitrag“ leisten soll. Aktuell betreibt das Land in Borssele ein einziges AKW, das von der deutschen Kraftwerk-Union (Siemens) gebaut wurde und 1973 den Betrieb aufnahm. Borssele ist weitgehend baugleich mit dem deutschen AKW Stade, das 2003 als erster Meiler nach dem Atomausstiegsbeschluss vom Netz ging. Das vergleichsweise kleine AKW in Dodewaard wurde 1997 aus wirtschaftlichen Gründen abgeschaltet. Am Standort Petten wird seit 1961 ein Forschungsreaktor betrieben und ein zweiter derzeit gebaut.
In Umfragen äußerten sich die Niederländer*innen schon Ende der 1970er Jahre atomkritisch. Unmittelbar nach der Tschernobyl-Katastrophe 1986 erklärte der damalige Ministerpräsident Ruud Lubbers, dass die Entscheidung zum Bau von zwei weiteren Atomkraftwerken auf unbestimmte Zeit verschoben werde. Das AKW Borssele sollte eigentlich Ende 2003 stillgelegt werden. Ein Gerichtsverfahren um die Stilllegung und mögliche Kompensationszahlungen verlor die damalige Regierung allerdings gegen den Betreiber. Nach Parlamentswahlen garantierte die neue Regierung dem Betreiber 2005 eine Betriebsdauer von Borssele bis zum Jahr 2033, eine Verlängerung dieser Laufzeit wird aktuell diskutiert.
Niederländische Neubauträume
Seit 2010 konkretisierten sich Pläne, in den Niederlanden neue Atomkraftwerke zu bauen. Damals war Borssele als Standort für einen neuen 2.500-Megawatt-Reaktor vorgesehen. Doch nach dem GAU von Fukushima zogen sich sowohl der französische Projektpartner EdF als auch der deutsche Anteilseigner RWE aus dem Projekt zurück.
Als die Niederlande 2020 weit davon entfernt waren, ihre Klimaziele zu erfüllen, kündigte die rechtsliberale Regierungspartei VVD den Neubau von bis zu zehn Atomkraftwerken an. 2021 brachte Ministerpräsident Mark Rutte erstmals Eemshaven nahe der Grenze zu Niedersachsen als Standort für einen neuen Meiler ins Gespräch, verwarf ihn aber Ende 2022 zunächst wieder. Im April 2023 kündigte die Regierung an, mehrere „Minimeiler“ (SMR) in der Provinz Limburg bauen zu wollen, nahe der Grenze zu Nordrhein-Westfalen. Auf der UN-Klimakonferenz in Dubai 2023 bekräftigten die Niederlande, die Atomkraft ausbauen zu wollen, um die Klimaziele zu erreichen. Im März 2024 beschloss die Regierung, zwei ursprünglich für 2035 geplante neue Reaktoren um zwei weitere Meiler bis 2040 zu ergänzen. Im Februar 2025 erklärte die Regierung, dass erst nach 2025 über den Standort der neuen Kraftwerke entschieden werden könne - inzwischen wurde die Projektentscheidung über den Bau neuer Atomkraftwerke auf 2028 verschoben.
Neben den Niederlanden haben etliche Länder, auch Deutschland, in den vergangenen Jahren die Absicht geäußert, „Mini-Meiler“ bauen zu wollen. In den Niederlanden gründete sich dafür das Unternehmen Thorizon. Es kündigte an, bis 2030 einen „Schmelzsalzreaktors“ entwickeln zu wollen. Das Konzept stammt aus den Anfängen des Atomkraft-Zeitalters und ist bisher jedes Mal krachend gescheitert. Kleine modulare Reaktoren „könnten die Gewinnung von nuklearer Energie revolutionieren“, schreibt das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) in seinem aktuellen Newsletter. Dabei hat das BASE selbst Studien in Auftrag gegeben, die zeigen, dass es bei den (bislang nur auf dem Papier existierenden) SMR zahlreiche technische Probleme und ungeklärte Sicherheits- und Entsorgungsfragen gibt, die eine Umsetzung fraglich machen.
Bauen die Niederländer wirklich ein neues AKW?
Möglicherweise, wenn man den vielen Ankündigungen Glauben schenkt. Doch viele Zweifel bleiben. Den Bau und Betrieb soll der Staat übernehmen. Dafür wurde 2025 die Gründung eines Unternehmens angekündigt, das mit 45 Millionen Euro aus dem staatlichen Klimafonds ausgestattet werden soll. Die Genehmigung über weitere rund 220 Millionen Euro an Staatsbeihilfen ist bei der EU-Kommission beantragt. Zum Vergleich: Der Neubau im französischen Flamanville kostete rund 23,7 Milliarden Euro.
2020 hatte die Regierung das atomfreundliche Beratungsunternehmen ENCO aus Wien beauftragt, die Wirtschaftlichkeit neuer AKW zu ermitteln. Doch die wahren Kosten der Atomenergie wurden mit falschen Annahmen kleingerechnet. Weder der Rückbau der verstrahlten Anlagen noch die Entsorgung der radioaktiven Abfälle wurden berücksichtigt. „Atomstrom ist die teuerste Form der Stromerzeugung “, gab Mitte 2025 selbst der deutsche AKW-Betreiberkonzern EnBW zu. Und während aktuell viele Millionen Euro für die Planung von AKW-Neubauten verschwendet werden, sinken die Kosten für Windkraft und Solarenergie – bereits jetzt die günstigste Form der Stromerzeugung – weiter.
Doch abgesehen davon, dass die Atomkraft teuer und mit vielen gravierenden Problemen und Risiken behaftet ist, hilft sie auch nicht bei der Lösung der Klimakrise. „Eine nachhaltige Energieversorgung ist nur mit einer plutonium- und CO2-freien Energieversorgung möglich“, schrieb der BUND im April 2024 in einer Einwendung gegen die Neubaupläne im Rahmen der grenzüberschreitenden Öffentlichkeitsbeteiligung.
Die Niederlande haben in den vergangenen Jahren große Fortschritte beim Ausbau erneuerbarer Energien gemacht. Angesichts des raschen Fortschreitens der Klimakrise ist es wichtig, so schnell so viel CO2 einzusparen wie möglich und das vorhandenen Mittel dabei zu effektiv einzusetzen wie möglich. Das wird nur mit Erneuerbaren, Speichern und Effizienzmaßnahmen gelingen. Ob die nuklearen Träume in den Niederlanden am Ende umgesetzt werden, ist also zweifelhaft.
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Quellen: wikipedia, wirtschaft.nrw, bund.net, thb.info, deutschlandfunk.de, grs.de, enbw.de, base.bund.de