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Die unterschlagenen Toten

06.02.2026 | Armin Simon
Eine kaputte Puppe liegt auf dem Fussboden neben einer Atemschutzmaske

Hanebüchen niedrige angebliche Opferzahlen der Atomkatastrophen von Tschernobyl und Fukushima sollen die Harmlosigkeit der Atomkraft belegen. Eine Richtigstellung.

Der Welt-Reporter, bekennender Atomkraftfan, hat seine Kronzeugin gefunden. Fünf Wochen nach Abschaltung der letzten drei AKW bittet er eine Wissenschaftlerin der Universität Oxford und Mitarbeiterin des Portals „Our World in Data“ (OWID) zum Interview. Die Abschaltung der fast 40 Jahre alten Reaktoren – in einem hatten sich schon mehrere hundert Risse gebildet – geißelt diese als „Farce“. Atomkraft, behauptet sie, sei „unglaublich sicher“, ergo genauso gut wie erneuerbare Energien.1 Es ist der Mythos, den auch die EU-Atomlobby eifrig pflegt, er soll ihr Zugang zu Milliardensubventionen und Privilegien verschaffen. Die von „Our World in Data“ erstellte Statistik2 kommt da wie gerufen.

Die häufig zitierte Grafik vergleicht „Tote pro Terawattstunde“ für verschiedene Energieerzeugungsarten. Atomkraft liegt ihr zufolge mit 0,03 Toten pro Terawattstunde Strom zusammen mit Windkraft und Solarenergie weit vorneweg an der Spitze. „Die Risiken der Atomkraft werden überschätzt“, resümiert die Autorin. Immerhin macht der Begleittext transparent, wie diese Wertung zustande kommt: Gerade einmal 2.747 Todesopfer lastet die Autorin der Atomkraft an, davon ganze 433 der Atomkatastrophe von Tschernobyl. Kann das sein?

„Völlig unrealistisch“, urteilt die ukrainische Kinderärztin Olena Melnyk (siehe Interview „Praktisch alle hatten Gesundheitsprobleme“), die jahrzehntelang Kinder betreut hat, die unter gesundheitlichen Folgen der Atomkatastrophe leiden, darunter viele, die aus Liquidatorenfamilien stammen: „Das passt nicht zu dem, was ich erlebt habe.“

Jahrzehntelang geheim gehaltener Vertrag

Die gesundheitlichen Folgen von Tschernobyl werden nie ungehindert und systematisch erhoben. Zu groß ist das Interesse diverser Regierungen, Parteien und Institutionen in Ost und West, das Ausmaß der Katastrophe zu vertuschen. Die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) will die Atomkraft nicht in Verruf bringen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO), eigentlich für derlei Fragen prädestiniert, scheidet als Aufklärerin ebenfalls aus: Ein fast 40 Jahre geheim gehaltenes Abkommen mit der IAEO von 1959 verpflichtet sie, „bevor sie ein Forschungsprogramm oder eine Maßnahme einleitet“, um die Folgen radioaktiver Strahlung zu untersuchen, „die IAEO zu konsultieren, um die betreffende Frage einvernehmlich zu regeln“. So kommt es, dass die WHO zwar 1995 und 2001 UN-Konferenzen zu Tschernobyl organisiert, die Protokolle und nahezu sämtliche Referate aber jahrelang (und allem Anschein nach bis heute) nicht veröffentlicht sind: Weil die IAEO dagegen Einspruch eingelegt hat.3

So kommt es etwa, dass zwar einer russisch-belarussischen Studie zufolge von den rund 830.000 Liquidator*innen – die meisten von ihnen zum Zeitpunkt ihres Einsatzes junge Rekruten – bereits 2005 um die 120.000 gestorben waren,4 diese in den Publikationen der WHO aber nirgendwo auftauchen; auch die OWID-Statistik schweigt zu ihnen. Gleiches gilt für die in kontaminierten Regionen deutlich erhöhten Sterberaten, die zweifellos Tote zur Folge haben. Es gilt ebenso für die nach Tschernobyl nachgewiesene erhöhte Säuglingssterblichkeit, die europaweit bis zu 5.000 Säuglinge das Leben gekostet haben dürfte. Und für die rund 800.000 Mädchen, die nach dem normalen Geschlechterverhältnis zu erwarten gewesen wären, aber gar nicht erst das Licht der Welt erblickt haben – weibliche Embryonen sind besonders strahlenempfindlich.

Etliche Studien haben versucht, die Tschernobyl-Toten anhand der Kollektivdosis abzuschätzen, der Summe der individuellen Strahlenbelastungen, berechnet etwa aus Fallout und Bevölkerungsdichte. So kam der langjährige Sekretär des Wissenschaftlichen Ausschusses der Vereinten Nationen zur Untersuchung der Auswirkungen der atomaren Strahlung (UNSCEAR), Burton Bennett, 1996 in einer Studie auf eine weltweite Lebenszeit-Kollektivdosis von 600.000 PSv, UNSCEAR selbst in einem Bericht von 2013 auf 400.000 PSv allein für Europa.5

Nach heutigen Erkenntnissen ist mit einer Todesrate aufgrund von Krebserkrankungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen von zusammen 0,25 pro PSv zu rechnen.6 Tschernobyl wäre demnach weltweit für 150.000 Todesfälle verantwortlich.

Die UdSSR gab 1988 allein für den Umkreis von 1.000 Kilometer um Tschernobyl (also ohne Westeuropa und die übrige Nordhalbkugel) eine viermal so hohe Kollektivdosis – 2,4 Millionen PSv – an. Dies würde 600.000 Tote bedeuten. Yablokov kommt in einer Studie, die auch Gesundheitsschäden und Todesfälle infolge zahlreicher anderer Erkrankungen berücksichtigt, mit denen die Betroffenen zu kämpfen haben, auf 985.000 Tote durch Tschernobyl.7

Tote nur durch Evakuierung?

Was Fukushima angeht, kalkuliert die OWID-Statistik mit einem an Krebs verstorbenen Aufräumarbeiter sowie 2.313 Opfern der Evakuierungsmaßnahmen, Subtext: nicht der Super-GAU, sondern die ergriffenen Maßnahmen sind das Problem. Das ist dreistes Gaslighting.

UNSCEAR bezifferte 2013 die durch Fukushima verursachte Kollektivdosis auf 48.000 PSv. Aus einem WHO-Bericht aus demselben Jahr lässt sich eine mehr als dreimal so hohe Kollektivdosis von 165.000 PSv ableiten.8 So oder so blies der Wind 80 Prozent der freigesetzten Radioaktivität auf den Pazifik, also über unbewohntes Terrain. Der größte Teil der freigesetzten Strahlung floss in die Kollektivdosen-Berechnungen also gar nicht ein. Das damals nur durch glücklichen Zufall nicht eingetretene Szenario, dass die radioaktive Wolke über dem dichtbesiedelten Großraum Tokio mit 50 Millionen Einwohner*innen niedergeht, hätte die Fukushima-Kollektivdosis um ein Vielfaches erhöht. Wie seriös ist eine Rechnung, die dies alles ignoriert, aber eine Aussage über Atomkraft an sich treffen will?

Die Ärzte gegen den Atomkrieg (IPPNW) haben detailliert dargelegt, warum die berechneten Kollektivdosen der japanischen Bevölkerung durch die Fukushima-Katastrophe vermutlich von zu niedrigen individuellen Strahlenbelastungen ausgehen.9 Zudem waren in Fukushima neben den Arbeiterinnen in Schutzanzügen auf dem Kraftwerksgelände auch jahrelang Zigtausende oft nur mit einfachem Mundschutz geschützte Aufräum- und Dekontaminationsarbeiterinnen in der Sperrzone im Einsatz. Ihre Strahlenbelastung muss ebenfalls berücksichtigt werden.

Tote pro Terrawattstunde

Eine Grafik zeigt Tote in Bezug auf Terrawattstunden erzeugter Energie verschiedener Energiearten

Fatale Risiko-Unterschätzung

Die interviewte OWID-Forscherin betont, es gehe nur um eine grobe Einordnung. Die klima- und gesundheitsschädliche Stromerzeugung aus Kohle und Öl stehe den ungefährlichen und sauberen erneuerbaren Energien gegenüber – so weit, so unumstritten. Die Behauptung allerdings, Atomkraft stehe auf einer Stufe mit Wind- und Solarenergie und habe nur 2.747 Opfer gefordert, ist grob irreführend.

In dieser Zahl fehlen mindestens die 12.000 bis 41.250 Toten, die nach offiziellen Angaben zur Kollektivdosis von Fukushima zu erwarten sind. Auch müsste der Ozean-Faktor berücksichtigt werden, der die angegebene Kollektivdosis auf ein Fünftel des eigentlich zu erwartenden Wertes gedrückt hat. Im Fall von Tschernobyl sind mindestens die aus der weltweiten Kollektivdosis zu erwartenden 150.000 bis 600.000 Toten hinzuzurechnen, die mindestens 120.000 gestorbenen Liquidator*innen, außerdem die bis zu 5.000 toten Säuglinge in Europa, unter Umständen auch die rund 800.000 weiblichen Embryonen, die in den Monaten nach Tschernobyl strahlenbedingt nicht überlebten.

Lässt man all diese Toten nicht einfach unter den Tisch fallen, sieht die OWID-Rechnung völlig anders aus. Atomkraft wäre demnach nicht für 0,03, sondern für 3 bis 18 Tote pro Terawattstunde verantwortlich – 100-600 Mal tödlicher als erneuerbare Energien und auf einer Stufe mit den dreckigen fossilen Energieträgern. AKW sollten also wie Kohlekraftwerke schnellstmöglich durch saubere und sichere Erneuerbare ersetzt werden.

Dieser Artikel erschien erstmals im .ausgestrahlt-Magazin 66 (Februar - Mai 2026)

Quellen

  1. welt.de, 23.05.2023.

  2. Our World in Data, 2022.

  3. dw.com, 24.03.2011.

  4. Yablokov et al. 2009, S. 205.

  5. IPPNW 2016, S. 20–23.

  6. Piguet et al. 2021, S. 13.

  7. Yablokov et al. 2009, S. 210.

  8. IPPNW 2016, S. 66–68.

  9. IPPNW 2016.

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Armin Simon

Armin Simon, Jahrgang 1975, studierter Historiker, Redakteur und Vater zweier Kinder, hat seit "X-tausendmal quer" so gut wie keinen Castor-Transport verpasst. 

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