Kinderärztin Olena Melnyk aus Charkiw über die gesundheitlichen Folgen der Atomkatastrophe von Tschernobyl auch außerhalb der Sperrzone und Strahlenschäden noch in dritter Generation.
Frau Melnyk, als am 26. April 1986 der Reaktor Nr. 4 des sowjetischen AKW Tschernobyl (ukrainisch: Tschornobyl) in der Ukraine explodierte – wo waren Sie da?
In Charkiw, so wie heute. Ich erfuhr eher zufällig davon: Ein, zwei Tage später hörte ich abends Radio Svoboda, ein westlicher Sender (heute: Radio Free Europe). Da war die Rede von einer Strahlengefahr in der Ukraine. Ich erinnere mich sehr gut daran. Dann wurde es still: Es gab keine Berichterstattung darüber in unseren Medien, im Fernsehen und im Radio. Am 1. Mai, das war ja ein Feiertag mit Paraden und so, daran erinnere ich mich, wehte ein schrecklicher Wind. Es roch nach Smog. Und es gab so einen metallischen Beigeschmack auf der Zunge.
Wann wurde Ihnen klar, dass es ein Gesundheitsproblem geben könnte?
Erst nach dem 1. Mai wurde darüber gesprochen, dass es eine nukleare Katastrophe gegeben hatte und Radioaktivität freigesetzt wurde. Das hat uns natürlich sehr beunruhigt. Ich war damals als Ärztin für die Kinderabteilungen im Institut für Gesundheit und Schutz von Kindern und Jugendlichen verantwortlich. Im Juni kamen die ersten Kinder zu uns zur Untersuchung – Kinder, die aus Prypjat (ukrainisch: Pripjet) evakuiert worden waren, der Stadt direkt neben dem AKW. Sie wussten nichts von ihren Problemen, und wir wussten nicht, welche Probleme wir mit ihnen lösen müssten. Wir sollten sie untersuchen. Sie klagten über Kopfschmerzen, Übelkeit, litten sichtbar unter Stress. Ihre Familien hatten ja von jetzt auf nachher alles aufgeben müssen, ihre Wohnung, ihr bisheriges Leben. Wir haben sie alle ausführlich untersucht: Nerven-, Hormon- und Immunsystem, Blut- und Verdauungssystem, Hals, Nasen, Ohren, Augen und später auch Chromosomen.
Mit welchen Ergebnissen?
Nach zwei bis drei Monaten traten klinische Symptome wie Schwindel, Herzklopfen, Übelkeit, Bauchschmerzen auf. Mit der Zeit war bei vielen Kindern der Spiegel des Stresshormons Cortisol erhöht. Es gab Störungen des vegetativen Nervensystems und Veränderungen im Herz-Kreislauf-System, sogar bei jungen Schulkindern bereits erhöhten Blutdruck. Früh traten auch damit zusammenhängende Herzerkrankungen auf, außerdem Gefäßerkrankungen sowie alle möglichen Verdauungsstörungen. Auch die Pubertät setzte früher ein als bei anderen Kindern. Das deutete auf Probleme mit dem Hormonsystem hin. Wir haben das alles als eine Kombination aus den negativen Auswirkungen der Strahlung und des Stresses angesehen.
Olena Melnyk
Kinderärztin Dr. med. Olena Melnyk, 75, arbeitete seit 1975 im Staatlichen Institut für Kinder und Jugendliche der Nationalen Akademie der Medizinischen Wissenschaften der Ukraine in Charkiw. 1986 leitete sie die Abteilung für Gastroenterologie, die sich federführend um die Tschernobyl-Kinder kümmerte. 1991 übernahm sie die Leitung des neu gegründeten, an die Akademie angeschlossenen Rehabilitationszentrums für von Tschernobyl betroffene Kindern, die sie bis 2020 innehatte.
Zu Ihnen kamen auch Kinder von außerhalb der Sperrzone.
Ja, aus Schytomyr, Riwne, Kyjiw und Tschernihiw zum Beispiel. Auch diese Regionen waren kontaminiert, wenn auch nicht so stark wie die Sperrzone. Diese Kinder hatten mehrere Jahre dort gelebt und also auch leicht kontaminierte Nahrungsmittel zu sich genommen. In den 1990er Jahren wurden viele Familien von dort nach Charkiw und die umliegenden Dörfer umgesiedelt – weil Charkiw am wenigsten Strahlung abbekommen hatte. Diese Kinder, das fiel uns sofort auf, befanden sich in einem schlechteren Zustand als die aus Prypjat, die sofort evakuiert worden waren. Ihre körperliche Entwicklung war verzögert, sie waren schwächer. Praktisch alle hatten Organstörungen, Probleme mit der Leber, der Bauchspeicheldrüse, der Schilddrüse, dem Nervensystem, Herz-Kreislauf-Anomalien, Entzündungen von Magen und Darm: eine Vielzahl chronischer Erkrankungen, dazu neuroseähnliche Zustände, und das bei 9- oder 12-jährigen Kindern!
Woraus schlossen Sie, dass das Strahlungsfolgen waren?
Wir fanden Veränderungen in ihrer Chromosomenstruktur.
Was war die dritte Gruppe Kinder, die Sie betreuten?
Das waren Kinder aus Familien von Liquidatoren. Aus keiner Region wurden mehr Männer zur Beseitigung des Unfalls abkommandiert als aus Charkiw: Soldaten, aber auch einfache Wehrdienstleistende, oft waren sie zwei bis drei Monate dort. In den Jahren 1988-89 bekamen viele von ihnen Kinder. Es wurde damals diskutiert, warum die Geburtenrate ausgerechnet in diesen Familien so hoch war, in denen doch der Vater eine relevante Strahlendosis abbekommen hatte oder sogar an Strahlenkrankheit litt. Offenbar war der Wunsch, die eigene Familie fortzuführen, unter Männern, die diesen Einsatz hinter sich hatten, besonders groß.
Und diese Kinder kamen auch zu Ihnen?
Ja, als sie zwei, vier Jahre alt waren, kamen sie zu uns zur Beobachtung. Und diese Gruppe unterschied sich nochmals von den beiden anderen. Sie wiesen häufig verborgene Anomalien auf, also angeborene, genetisch bedingte Fehlbildungen: Abweichungen an den Herzklappen, doppelte oder veränderte Nieren, krankhafte Veränderungen des Bindegewebes – letzteres führt zu schwerwiegenden Störungen aller Organe und Systeme. Die Strahlung hatte die Keimdrüsen des Vaters geschädigt. Welche Dosis die Liquidatoren abbekommen haben, ließ sich oft nicht mehr feststellen. Aber viele Väter dieser Kinder waren wirklich krank.
Diese Ende der 1980er Jahre geborenen Kinder sind längst erwachsen – viele haben selbst Kinder bekommen ...
… und auch diese kamen zu uns, als Geschädigte zweiter Generation. Sie haben alle ein erhöhtes Risiko, Mutationen in sich zu tragen, die zu Krankheiten führen. Alles, weil ihr Großvater damals verstrahlt wurde.
In Deutschland gab es nach 1986 zahlreiche Initiativen, die Tschernobyl-Kinder unterstützt und zur Rehabilitation eingeladen haben, manche jahrzehntelang.
Das hat den Kindern sehr geholfen. Zweimal war ich selbst bei einer solchen Reise mit dabei. Tagelang saß ich in der deutschen Klinik, in der die Kinder untersucht wurden. Medizinisch, habe ich gesehen, waren wir auf dem richtigen Weg. Aber der Umgang mit ihnen war anders als bei uns – das hat auch meine Arbeit verändert. Am wichtigsten war aber, dass sie die Welt und ein anderes Leben gesehen haben, dass sie Aufmerksamkeit bekommen haben, dass sie gesehen haben, dass man nach Gesundheit streben muss, sich nicht in die Krankheit verkriechen darf. Sogar die Eltern sagten danach, wie sehr sich ihre Kinder erholt, wie sehr sie sich verändert hätten. Und wir haben auch finanzielle Unterstützung erhalten, die uns in klinischer Hinsicht geholfen hat.
Wie ist die Situation heute? Ist die Katastrophe nach 40 Jahren vorbei?
Nein. Viele Gegenden sind immer noch kontaminiert. Viele Familien, die damals nach Charkiw umgesiedelt sind, haben Kontakt zu Verwandten in Schytomyr, Romny oder anderswo gehalten. Sie sagten, dass es ihnen schlecht gehe, wenn sie dorthin fahren. Das war sogar noch 20 Jahre nach dem Unfall so.
Die Weltgesundheitsorganisation behauptet, Tschernobyl habe nur 4.000 Todesopfer gefordert, andere Statistiken rechnen mit ganzen 400 Toten. Was sagen Sie dazu?
Ich kenne die Zahlen nicht, aber das ist völlig unrealistisch. Das passt nicht zu dem, was ich erlebt habe.
Die Ukraine hält bis heute an Atomkraft fest, will sogar neue AKW bauen. Ist Tschernobyl vergessen?
Die Ukraine hat gerade sehr viele Probleme. Aber auch bei uns gibt es Bemühungen, andere Energiequellen zu nutzen. Nein, Tschernobyl ist nicht vergessen! Jedes Jahr am 26. April gibt es Gedenkfeiern für die Zigtausenden Menschen, die dort im Einsatz waren und dabei ihr Leben oder ihre Gesundheit verloren haben. Auch wir Ärzt*innen treffen uns regelmäßig: Wir geben seit 1986 unser Bestes, um den Opfern dieser Katastrophe zu helfen. Das schweißt zusammen.
Interview: Armin Simon
Übersetzungshilfe: Susanne Stoll
Dieser Artikel erschien erstmals im .ausgestrahlt-Magazin 66 (Februar - Mai 2026) und gehört zum Schwerpunkt-Thema "40 Jahre Tschernobyl, 15 Jahre Fukushima":
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