Logo Anti-Atom-Sonne – Link zur Startseite

Was wäre wenn

28.04.2026 | Armin Simon
Das AKW Leibstadt in der Schweiz, aus dem Kühlturm steigt Wasserdampf auf
AKW Leibstadt
Foto: Stephanie Eger

Wenn es im AKW Leibstadt zu einem schweren Unfall kommt, ist Waldshut-Tiengen als erstes betroffen. Ein Gedankenspiel.

Die Kreisstadt Waldshut-Tiengen, ganz im Süden Deutschlands, liegt 2,5 Kilometer vom Schweizer AKW Leibstadt entfernt. Schräg vis-à-vis über den Rhein thront der imposante Kühlturm, direkt daneben ragt der rot-weiß gestrichene Schornstein in den Himmel, aus dessen Mündung die radioaktive Wolke bei einem Kernschmelzunfall im Reaktor ihren Lauf nehmen könnte.

Im Schnitt der Wetterlagen eines Jahres, haben Wissenschaftler*innen der Universität für Bodenkultur in Wien errechnet, wäre Deutschland von einem Atomunfall in einem Schweizer AKW stärker betroffen als die Schweiz selbst: Die Wolke würde häufiger nach Deutschland wehen als anderswohin.

Von der Realität überholt

Den 25.000 Einwohner*innen von Waldshut-Tiengen kann das ein bisschen egal sein. Denn sie leben in der sogenannten Zentralzone. Das ist der direkte Umkreis des Atomkraftwerks, in dem Katastrophenschutzmaßnahmen unabhängig von der Windrichtung erfolgen sollen. Früher reichte diese Zone zwei Kilometer weit, gemessen ab dem Reaktor; Waldshut lag in der angrenzenden, in 12 Sektoren unterteilten Mittelzone. So kann man es heute noch lesen in der Notfallschutzbroschüre, die das Regierungspräsidium Freiburg auf seiner Homepage bereithält.

Nach dem Super-GAU von Fukushima 2011 waren die zwei Kilometer nicht mehr haltbar. Die Zentralzone müsse auf fünf Kilometer erweitert werden, befand die Strahlenschutzkommission, die Mittelzone von 10 auf 20 Kilometer, die Außenzone von 25 auf 100 Kilometer. Die bisherige Fernzone müsse künftig das gesamte Bundesgebiet umfassen. Die Innenminister von Bund und Ländern nehmen die Empfehlung 2015 an. Das Regierungspräsidium hat die Notfallschutzbroschüre inzwischen um den rot gedruckten Hinweis „wird aktualisiert“ ergänzt. Bis heute aber liegen keine ausgearbeiteten Katastropheneinsatzpläne für eine Evakuierung der erweiterten Zentral- und Mittelzone vor.

Eine Karte zeigt den Standort des AKW Leibstadt an der Grenze zu Deutschland

Nach den amtlichen Vorgaben soll die Zentralzone binnen sechs, die betroffenen Sektoren der Mittelzone binnen 24 Stunden vollständig evakuiert werden können. Doch wer auf welcher Route mit welchem Transportmittel wohin fliehen solle, könne erst geklärt werden, wenn klar sei, wie schnell und in welche Richtung sich die radioaktive Wolke ausbreite, erläutern Vertreter*innen von Regierungspräsidium und Landratsamt auf einer Veranstaltung von .ausgestrahlt Ende Januar in Waldshut.

Aus diesem Grund gibt es auch keine fest zugeordneten Auffanggemeinden mehr. Stattdessen soll ein Software-Tool im Katastrophenfall aktuell ermitteln, wo die Atomflüchtlinge untergebracht werden können. Grundsätzlich müsse jede Gemeinde in Deutschland Notunterkünfte für 1,5 Prozent ihrer Einwohnerschaft bereitstellen können: Turnhallen, Gemeindezentren etc. Allein um die 171.000 Einwohner*innen des Landkreises Waldshut unterzubringen, bräuchte es Auffanggemeinden mit einer Gesamteinwohnerzahl von 11,4 Millionen Menschen. Das ist mehr als die Bevölkerung Baden-Württembergs.

Auch wie viele Busse überhaupt und wie schnell diese zur Verfügung stehen, ob es Fahrer-innen gibt, welche Straßen befahrbar sind und so weiter, muss im Katastrophenfall erst noch geklärt werden. Eine Evakuierung werde nur dann angeordnet, wenn diese durchgeführt werden könne, ohne mit der Wolke in Kontakt zu kommen, so die Katastrophenschützerinnen. Das bedeutet: Kommt es im AKW Leibstadt (oder in den ebenfalls nur 7 beziehungsweise 34 Kilometer entfernten Reaktoren in Beznau oder Gösgen) zu einem Unfall ohne oder mit nur geringer Vorwarnzeit, wird Waldshut vermutlich nicht mehr evakuiert. Die Bewohner*innen würden dann aufgefordert, sich in möglichst fensterlose Kellerräume zu begeben, um sich vor der Strahlung zu schützen – auch wenn dieser Schutz nur begrenzt wirkt.

Tödliche Strahlendosis

Das Schweizer Institut Biosphère hat am Beispiel eines schweren Unfalls im AKW Leibstadt vorgerechnet, mit welcher Strahlendosis in den umliegenden Gemeinden allein bei Durchzug der radioaktiven Wolke zu rechnen ist. Bei ungünstiger Wetterlage liegt diese in Rheinfelden im Schnitt bei mehr als 1.800 Millisievert. Das ist so viel, dass mit direkten, potenziell tödlichen Strahlenschäden zu rechnen ist. Rheinfelden ist allerdings 15 Mal so weit vom AKW Leibstadt entfernt wie Waldshut …

Die Schweizer Reaktoren gehören zu den ältesten der Welt. Sie sind schon konzeptionell veraltet, zudem sind die Anforderungen an Nachrüstungen in der Schweiz deutlich laxer, als sie es in Deutschland waren. Reaktoren vergleichbarer Bauart wurden in Deutschland aus Sicherheitsgründen schon vor Jahrzehnten stillgelegt. So gingen die AKW Obrigheim und Stade, vergleichbar mit den AKW Beznau 1 und 2, schon 2003 und 2005 vom Netz. Das AKW Neckarwestheim 1, vom gleichen Typ wie das AKW Gösgen, wurde am 15. März 2011 endgültig abgeschaltet. Durchgesetzt hat dies übrigens der vehemente Atomkraftfan Stefan Mappus, damals CDU-Ministerpräsident von Baden-Württemberg – er hatte wenige Tage zuvor gesehen, was in Fukushima passiert war. Und für das spanische AKW Cofrentes, mit 41 Jahren ein paar Monate jünger als sein Schwesterreaktor in Leibstadt, hat das spanische Parlament erst vor wenigen Tagen das Abschaltdatum bestätigt: Der Reaktor muss spätestens 2030 vom Netz.

Eine solch klare Ausstiegsperspektive fehlt im Fall der Schweizer AKW bisher. Es ist an uns, eine zu schaffen.

Dieser Artikel erschien erstmals im .ausgestrahlt-Magazin 66 (Februar - Mai 2026) und gehört zum Schwerpunkt-Thema "40 Jahre Tschernobyl, 15 Jahre Fukushima":

None

Alphorn-Alarm an der Alster

Wie lange stellt sich die Schweiz noch taub? Protest-Aktion in Hamburg im Video »

Eine Hand hält einen Stift und füllt damit einen Vordruck aus

Online-Unterschriftenaktion

Mehr als 40.000 Menschen fordern bereits einen straffen Ausstiegsfahrplan mit festen Abschaltdaten für alle Schweizer AKW. Bist Du schon dabei? Unterschreib jetzt! »

Foto: .ausgestrahlt

Das Titelbild der Studie "Grenzenloses Risiko: Gefährdung Deutschlands durch schwere Unfälle in Schweizer Atomkraftwerken" zeigt die Karte der Schweiz in Europa und ein kleines rotes AKW

Studie

Gefährdung Deutschlands durch schwere Unfälle in Schweizer AKW. Hier geht es zur Studie. »

« Zur Blogübersicht
Armin Simon Profil-Bild

Armin Simon

Armin Simon, Jahrgang 1975, studierter Historiker, Redakteur und Vater zweier Kinder, hat seit "X-tausendmal quer" so gut wie keinen Castor-Transport verpasst. 

blog via e-mail abonnieren