Eine deutsche Atomfabrik will mit dem Kreml-Konzern Rosatom kooperieren. Die Politik traut sich seit vier Jahren nicht, die Genehmigung zu versagen. Was ist da los?
Nun soll es doch Christian Meyer tun. Der grüne niedersächsische Umweltminister soll entscheiden. Beziehungsweise Ja sagen zum Einstieg von Rosatom in die Brennelementefertigung in Lingen. Er soll der beantragten Erweiterung der Atomanlage stattgeben, auf dass dort schon bald Rosatom-Bauteile und Rosatom-Brennstäbe auf Rosatom-Maschinen zu Rosatom-Brennelementen zusammengefügt werden. Die dann wiederum, als angeblich unabhängig von Rosatom gefertigte Produkte, an osteuropäische AKW verkauft werden sollen, wobei Rosatom selbstverständlich am Erlös beteiligt ist. So wird, nach allem, was man hört, die Empfehlung des Bundesumweltministeriums (BMUKN) lauten, die es Meyer in dieser Sache demnächst zustellen will.
Rosatom ist die direkt dem Kreml unterstellte russische Atombehörde, ein zivil-militärischer, staatlicher Mega-Technologiekonzern, der von Atomraketen über Atom-U-Boote bis zu Atomkraftwerken und Atombrennstoffen alles baut und liefert, was Putin wünscht. Den Krieg des Kreml-Herrschers gegen die Ukraine unterstützt Rosatom mit eigenem Personal.
Geheimdienste und Lobbyfirmen
Deutsche Geheimdienste warnen seit Jahren mit wachsender Besorgnis vor Einflussnahme und Zugriff des Kreml auf Energieversorgung und kritische Betriebe, vor Spionage und Sabotage. Ein Rechtsgutachten im Auftrag des BMUKN zeigt auf, wie diese Argumente zum Versagen der Genehmigung genutzt werden können. „Eine Zusammenarbeit mit dem russischen Staatskonzern Rosatom ist aus Sicht des BMUKN der falsche Weg“, so ein Sprecher. Indes, es traut sich niemand, Nein zu sagen.
Framatome und seine Tochter ANF, die die Atomfabrik in Lingen betreibt, haben in den vergangenen Jahren nach allen Regeln der Kunst für das Projekt lobbyiert. Die Beratungsfirma Berlin Global Advisors führte in ihrem Auftrag verschiedene Gespräche mit der Bundesregierung. Als die Grünen im Dezember 2025 im Bundestag den Antrag stellen, die Genehmigung zu versagen, sofern Sicherheitsrisiken nicht zweifelsfrei ausgeschlossen werden können, lehnen sowohl Union als auch SPD, AfD und Linke den Antrag ab.
Inzwischen ist das umstrittene Vorhaben Thema auf höchster politischer Ebene geworden – zwischen Bundeskanzler Friedrich Merz und dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron. Der befürwortet die Kooperation mit Rosatom – weil sie seinem Staatskonzern Framatome nützt.
Rückendeckung fürs Versagensermessen?
Formell muss Meyer über den Genehmigungsantrag entscheiden. In der Vergangenheit hat er sich mehrfach kritisch über das Projekt geäußert. Dem Rechtsgutachten zufolge haben die Behörden ein Versagensermessen: Kann eine Gefährdung nicht eindeutig ausgeschlossen werden, besteht die Möglichkeit, die Genehmigung zu verweigern. Meyer hat deshalb eine neue Einschätzung der Sicherheitsbehörden beim Bundesumweltministerium (BMUKN) angefordert.
Allerdings dürfen sicherheitspolitische Argumente – etwa die Beteiligung Rosatoms am Krieg gegen die Ukraine – nach Atomgesetz nur indirekt eine Rolle spielen. Größer würde der Handlungsspielraum, wenn auch der Atomsektor von der EU sanktioniert würde. Das aber hat Frankreich bislang verhindert.
Die Frage dürfte also vor allem sein, ob Meyer am Ende ausreichend Rückendeckung bekommt, die Empfehlung des Bundes in den Wind zu schlagen und das Versagensermessen zu nutzen – notfalls mit dem Risiko einer Klage. Wirtschaftlich wird das Vorhaben für ANF uninteressanter, je länger sich eine Genehmigung hinzieht.
Stand Anfang Februar holt das BMUKN noch Stellungnahmen anderer Ministerien zum ANF-Antrag ein. Dem Vernehmen nach hat es zudem in einem unter Verschluss stehenden Gutachten untersuchen lassen, inwiefern bösartige Manipulationen an Brennstäben mithilfe von Scannern entdeckt werden könnten – Fragen, wie sie bei anderen Kooperationspartnern als Rosatom wohl kaum erörtert würden.
Unklar ist, ob das BMUKN Meyer tatsächlich freie Hand lässt, oder ob es sich den Entwurf seiner Entscheidung nochmals vorlegen lässt – gegebenenfalls auch, um ihn zu ändern. Denkbar wäre schließlich noch, dass es bei dem Gespräch zwischen Merz und Macron eine interne Vereinbarung gab, wie das Verfahren ausgehen soll, und das Bundeskanzleramt diese über das BMUKN durchzusetzen versucht – ohne sich an dem Deal mit Putin selbst die Hände schmutzig zu machen.
Dieser Artikel erschien erstmals im .ausgestrahlt-Magazin 66 (Februar - Mai 2026)
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20.10.2025: Die Europäische Union will den Import von Uran und Brennelementen aus Russland beenden. Die geplante Erweiterung der Brennelementefabrik Lingen in Kooperation mit der russischen Atomkrake Rosatom steht dazu im eklatanten Widerspruch.