Erneuerbaren-Experte Volker Quaschning über den Weg zu 100 Prozent erneuerbaren Energien, absurde Gaskraftwerkspläne und atomare Ablenkungsmanöver.
Herr Quaschning, eine große Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland befürwortet die Energiewende und den Ausbau der erneuerbaren Energien. Halten Politik und Realität da mit?
Schon lange nicht. Das Problem ist, dass ich, wenn ich in was Neues einsteige, mich auch irgendwann von alten Zöpfen trennen muss. Da tut sich die Politik enorm schwer. Deswegen geht sie das nicht wirklich beherzt an, sondern immer zwei Schritte vor und wieder einen zurück.
2025 deckten die Erneuerbaren immerhin schon 55 Prozent unseres Strombedarfs, allerdings nur ein knappes Viertel des Gesamtenergieverbrauchs. Ziel sind ja 100 Prozent. Sind wir da auf gutem Weg?
Anfang der 1990er, als wir anfingen mit der Energiewende, hatten wir beim Strom vier Prozent Erneuerbare und beim Primärenergiebedarf drei. Also haben wir schon was geschafft, zumal Deutschland nicht das sonnigste und windreichste Land ist. Aber wir müssen ja in weniger als 20 Jahren klimaneutral werden und vor allem unabhängig von den massiven Öl-, Kohle- und Gasimporten. Dafür müssen wir das Tempo deutlich steigern.
Volker Quaschning
Prof. Dr. Volker Quaschning, Diplomingenieur der Elektrotechnik, ist Professor für regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft HTW Berlin und informiert auf zahlreichen Kanälen über die Energiewende.
Was wären die wichtigsten Maßnahmen?
Erstens: Bauen, bauen, bauen. Wir brauchen viel mehr erneuerbare Energien, vor allem Windkraft und Photovoltaik.
Wir haben doch schon jetzt im Frühjahr mittags mehr Solarstrom, als wir nutzen können!
Deshalb brauchen wir zweitens sofort Speicher: In einem ersten Schritt einfach Batteriespeicher, die im Sommer den Solarstrom vom Tag in die Nacht retten. Die sind mittlerweile sehr preiswert; die Bundesregierung aber zögert und bremst. Und drittens dürfen wir die Wärme- und Verkehrswende nicht vergessen. Allein durch den Technologiewechsel auf Wärmepumpe und Elektromobilität können wir hier zwei Drittel der Energie einsparen. Das hilft uns enorm, unser Ziel zu erreichen: Wenn wir etwa 80 Prozent des bisherigen Energiebedarfs durch Erneuerbare gedeckt haben, sind wir im neuen System darum schon bei 100 Prozent – zumindest, solange wir nicht auf E-Fuels, Wasserstoffautos und Wasserstoffheizungen setzen.
Nochmal zurück zu den Speichern: Für den Winter werden Batterien allein nicht reichen.
Im Monatsschnitt haben wir im Winter ebenso viel Ökostrom wie im Sommer: was die Sonne nicht liefert, bringt dann der Wind. Aber wir werden mehr Strom zum Heizen brauchen und der Wind weht auch unregelmäßiger: Mal kachelt es eine Woche richtig schön, es kann aber auch mal zwei, drei Wochen zu wenig Wind wehen. Dieses Problem werden wir langfristig mit grünem Wasserstoff lösen müssen, den wir aus Stromüberschüssen erzeugen und bei Bedarf in Gaskraftwerken wieder verstromen.
Gaskraftwerke? Wir wollen doch wegkommen von fossilen Energieträgern!
Einfach nur Kohle- durch Gaskraftwerke zu ersetzen, ist in der Tat keine gute Strategie. Zwar brauchen wir Backup-Kraftwerke für bestimmte Situationen im Winter. Die müssen aber mit grünem Wasserstoff laufen. Die Frage ist: Wie kommen wir dahin? Frau Reiche meint, wir brauchen einfach viele Erdgaskraftwerke und irgendwann werden die von selber grün. Daran habe ich große Zweifel. Noch dazu will jeder, der jetzt ein Erdgaskraftwerk baut, dass das möglichst viele Stunden im Jahr läuft – und hat deshalb was gegen Batteriespeicher. Das ist ein Hauen und Stechen schon jetzt. Die Batterien brauchen wir aber, um die Solarenergie weiter auszubauen. Verzögert sich der Speicherausbau aus Rücksicht auf Gaskraftwerke, dann richten diese mehr Schaden als Nutzen an.
Wie wird dann ein Schuh draus?
Wir sollten nur solche Kraftwerke bauen, die wir auch 2045 noch brauchen können. Man kann nicht jedes Gaskraftwerk einfach mit Wasserstoff betreiben. So eine Umrüstung muss man von vornherein vorsehen. Sie kostet zudem Geld; auch der Wasserstoff selbst ist teuer. Deshalb braucht es einen gesetzlichen Rahmen, der diesen Umstieg festschreibt – und die Klarheit, dass diese Kraftwerke nur wenige Stunden im Jahr laufen sollen.
Was ändert sich, wenn dieses, nächstes und übernächstes Jahr die vier großen Nord-Süd-Stromtrassen fertiggestellt werden?
Wir können dann unseren Wind- und Solarstrom besser nutzen, das wird Kohle- und Gaskraftwerke weiter zurückdrängen. Bis 2045 reichen diese Leitungen aber nicht aus. Da braucht es weiteren Ausbau, und den muss man jetzt anstoßen.
Die Bundesregierung will den Ausbau der Erneuerbaren bremsen, bis der Netzausbau vorankommt.
Das ist das komplett falsche Signal. Es ist zwar ärgerlich, wenn ich in manchen Stunden nicht allen Wind- oder Solarstrom transportieren kann. Aber das Gros der Zeit kann ich mit mehr Erneuerbaren auch mehr Ökostrom nutzen – und das ist auf jeden Fall besser, als weiter am Nasenring durch die Weltarena gezogen zu werden, weil wir abhängig von Öl und Gas sind.
Und was ist mit Atomkraft?
Da kommt in immer neuen Wellen wieder einer um die Ecke rum, der nochmal vorschlägt, AKW zu reaktivieren oder neue zu bauen oder irgendwelche kleinen Reaktoren, die es noch nicht gibt. Das sind reine Ablenkungsmanöver. Wir werden in Deutschland – jede Wette! – kein neues AKW mehr sehen. Kein Investor wird mehr so ein Ding bauen, das ist ökonomischer Selbstmord. Aber wir diskutieren das in allen Medien hoch und runter, als wäre das jetzt das vordringlichste Problem, das wir zu lösen haben. Ich habe in den letzten drei Monaten mehr Interviews zum Thema Atomkraft geführt als zu allen anderen Themenaspekten der Energiewende insgesamt.
Welche Auswirkungen haben diese Debatten auf die Energiewende?
Wir verlieren damit Zeit, weil wir die Weichen noch immer nicht richtig gestellt haben und die Diskussionen, die wir dafür bräuchten, nicht führen: Wie wir schneller Wärmepumpen bauen, die Elektromobilität voran- und Batteriespeicher ans Netz bringen, Solar- und Windenergieausbau beschleunigen, den Smart-Meter-Rollout hinkriegen – alles große Räder, die wir drehen könnten und müssten und wo wir noch total schlecht aufgestellt sind. Stattdessen diskutieren wir über Atomkraft, weil Herr Spahn mal wieder was rausgehauen hat. Das verzögert die Energiewende.
Auch auf EU-Ebene gibt es große Atomdiskussionen. Einige Länder wollen noch AKW bauen, Kosten hin oder her.
Bei all diesen Projekten geht der Staat ins finanzielle Risiko. Aber auch wenn noch der ein oder andere Reaktor gebaut wird – der große Gamechanger werden die nicht sein. Selbst Frankreich liegt ja, was das Gesamtenergieaufkommen angeht, mit seinen ganzen AKW bei unter 20 Prozent. Weit über 50 Prozent sind fossil. Auch Frankreich muss aber 2050 klimaneutral sein. Wie soll das gehen? Die wollen frühestens ab 2038 von den 57 Reaktoren, die heute im Schnitt schon rund 40 Jahre alt sind, sechs Stück ersetzen. Und stehen gleichzeitig bei Solar- und Windenergie auf der Bremse, weil diese das Businessmodell der AKW zerschießen. Das ist doch die totale Konzeptlosigkeit. Europa wird das noch bitter zu spüren bekommen. Frankreich läuft in einen massiven Strommangel hinein.
Gibt es auch positive Entwicklungen auf europäischer Ebene?
Die Energiewende läuft in allen Ländern viel besser und schneller, als die ganzen Diskussionen um Atomkraft glauben machen – nur eben noch nicht in dem Tempo, das wir brauchen, um bis 2050 europaweit unabhängig zu werden. Aber schon jetzt puffern die erneuerbaren Energien die Energiepreise ab: Während die Öl- und Gaspreise in Deutschland nach Beginn des Irankriegs massiv gestiegen sind, sind die Strompreise im gleichen Zeitraum gefallen. Denn die Sonne hat geschienen und die Gaskraftwerke, die den Strom teuer machen, kamen gar nicht mehr so viel zum Einsatz. Und das ist in vielen anderen Ländern auch so.
Warum muss die Politik die erneuerbaren Energien überhaupt noch fördern, wo sie doch so günstig geworden sind?
Also, in 100 Jahren haben wir definitiv 100 Prozent Erneuerbare überall, weil es einfach die kostengünstigste Lösung ist. Aber wir haben eben keine 100 Jahre Zeit mehr, weil wir sonst das Klima ruinieren und von den Krisen nicht loskommen. Wenn ich den Umstieg aber in 15 bis 20 Jahren hinkriegen will, kann ich nicht darauf warten, dass der Markt das regelt, sondern muss nachhelfen.
Der Umbau kostet dann aber viel Geld.
Das wird immer schlimmer dargestellt, als es ist. Klar kostet das in der Übergangszeit ein bisschen mehr. Aber wenn wir das System mal aufgebaut haben, werden wir weltweit mit die niedrigsten Energiepreise haben: Sonne und Wind stellen keine Rechnung und müssen auch nicht durch die Straße von Hormus. Schon heute stabilisieren die Erneuerbaren unsere Strompreise und schützen uns vor sprunghaften Anstiegen. Je mehr Erneuerbare wir haben, desto mehr ziehen die Energiekrisen der Welt an uns vorbei.
Interview: Armin Simon
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