Atomkraft wird wieder als vorgebliche Zukunftstechnologie vermarktet. Doch in der Debatte geht es nur scheinbar um echte Lösungen für konkrete Probleme. Wer heute über Atomkraft spricht, meint oft etwas ganz anderes.
Kaum sollen Ende 2022 die letzten Atomkraftwerke abgeschaltet werden, feiert die Erzählung von der Atomkraft als Heilsversprechen auch in Deutschland ein erstaunliches Comeback. In Talkshows, Kommentarspalten und sozialen Medien wird sie bis heute in schöner Regelmäßigkeit als vermeintlich einfache Antwort auf Klimakrise, Energieunsicherheit und wirtschaftliche Probleme inszeniert.
Die eierlegende Wollmilchsau
Die Atomlobby arbeitet seit jeher gezielt mit solchen Narrativen. Von Anfang an präsentiert sie Atomkraft jeweils als Lösung für die zentralen Herausforderungen ihrer Zeit: Ab den 1940er Jahren bewirbt sie AKW zunächst als Symbol für technologischen Fortschritt, wirtschaftliche Stärke und Wettbewerbsfähigkeit sowie nahezu unbegrenzt verfügbare Energie. Im Laufe der Zeit verknüpft sie sie auch mit Versprechungen von Versorgungssicherheit und Klimaschutz.
Diese Argumente greifen die Atomfans in aktuellen Debatten kontextabhängig immer wieder auf: Im Zusammenhang mit der Energiewende stellen sie Atomkraft als vermeintlichen „Klimaretter“ dar, der bei Dunkelflauten für Versorgungssicherheit sorgt. Im Kontext des russischen Angriffs auf die Ukraine rücken sie das Argument der angeblichen Energieunabhängigkeit in den Vordergrund. Und wenn es um KI und wirtschaftliche Krisenstimmung geht, behaupten sie, Atomenergie sei Voraussetzung für wirtschaftliche und technologische Wettbewerbsfähigkeit.
Retrofuturismus
Alte Zukunftsbilder werden, teils neu verpackt, wieder aufgegriffen, eine längst vergangene Zukunft erneut als Zukunft deklariert. Atomkraft wird zur Projektionsfläche für die Sehnsucht nach einer scheinbar einfacheren Zeit und dient als Gegenerzählung zur Energiewende. Statt strukturellem Wandel verspricht sie die Rückkehr zu einem vertrauten System, dessen negative Folgen ausgeblendet werden und das im Nachhinein als Garant für Versorgungssicherheit und Stabilität verklärt wird.
Wer Atomkraft propagiert, verteidigt oft mehr als eine Technologie – nämlich eine Ordnung. In diesem Sinne ist Atomkraft ein Symbol für das vergangene Jahrhundert – und eignet sich genau deshalb so gut für politische Erzählungen, die sich gegen die Zumutungen der Gegenwart richten.
Gefühl statt Fakten
Die Tatsache, dass die Atomkraft symbolisch so aufgeladen ist, befördert faktenfreies Argumentieren. Studien werden selektiv oder gar nicht gelesen, Kosten ausgeblendet, Risiken relativiert oder gleich ignoriert. Statt um Fragen wie Klimawirksamkeit oder Systemintegration geht es um Haltungen: Wachstum gegen Fortschritt, Technik gegen Öko, Ideologie gegen Evidenz.
Bezeichnend ist die SMR-Debatte: Befürworter*innen sprechen über die Small Modular Reactors, als handele es sich bereits um etablierte Technologien. Dabei stellen sie Versprechen zu deren technischen Eigenschaften, Sicherheit, Kosten, Regelbarkeit oder Abfallfragen in den Raum, die Studienergebnissen widersprechen und sich an keinem einzigen realisierten Projekt überprüfen lassen.
Zugleich verstärken politische und mediale Dynamiken die Diskussion: So sorgte im April etwa die eher beiläufige Bemerkung von CDU-Fraktionschef Jens Spahn, eine Debatte über die Wiederinbetriebnahme alter AKW sei es „in jedem Fall wert“, in den Medien für viel Aufmerksamkeit.
Der Streit hat sich aus der Energiepolitik längst in eine grundsätzliche gesellschaftliche Auseinandersetzung verschoben – das, was heute gerne als „Kulturkampf“ bezeichnet wird. Diese Verschiebung polarisiert und führt dazu, dass energiepolitische Fragen nicht selten als Identitätsfragen verhandelt werden.
Einfache Lösungen?
Warum verfangen solche Erzählungen? Ein Grund liegt sicher in den Krisenerfahrungen der letzten Jahre: Klimawandel, Krieg und Kaufkraftverlust haben die Sehnsucht nach scheinbar einfachen Lösungen offensichtlich verstärkt. Atomkraft passt perfekt in dieses Muster. Sie verspricht vermeintliche Stabilität in einer instabilen Welt und nährt zugleich die bequeme Illusion, die Klimakrise lasse sich mit Mitteln der Vergangenheit bewältigen – ohne tiefgreifende Veränderungen von Wirtschaft und Gesellschaft.
Hinzu kommt ein Wandel der öffentlichen Wahrnehmung. Atomkraft war jahrzehntelang ein gesellschaftlicher Großkonflikt. Viele Menschen hatten die Reaktorkatastrophen von Tschernobyl und Fukushima bewusst erlebt und setzten sich intensiv und teilweise sehr detailliert mit dem Thema auseinander. Mit dem schrittweisen Abschalten der AKW verschwand es jedoch zunehmend aus dem Alltag und der öffentlichen Debatte. Damit sind auch viele der Probleme und Gefahren im kollektiven Bewusstsein verblasst. Alte atompolitische Zukunftsversprechen treffen heute auf eine Öffentlichkeit, die diesen Konflikt teils nicht mehr unmittelbar erlebt hat.
Für Politiker*innen, die nicht auf reale Veränderung aus sind, sondern in einer atomaffinen Bubble punkten wollen, ist das ein ideales Spielfeld: Sie können nahezu jede Forderung vollkommen risikofrei erheben, weil alle realen Bewährungsproben – Kosten, Bauzeiten, Sicherheitsfragen und Endlagerung – entweder entfallen, weil es ohnehin keine Realisierungschance gibt, oder erst zum Tragen kommen, wenn sie die politische Bühne längst verlassen haben.
Realität der Atomkraft
Die real existierende Atomkraft zeigt: Sie hat die in sie gesetzten Hoffnungen nie erfüllt. Die Atomkatastrophen von Tschernobyl und Fukushima haben dem „Restrisiko“ ein Gesicht gegeben. Ein sicheres Endlager ist weltweit bis heute Fehlanzeige und in Deutschland wird die Standortsuche noch Jahrzehnte dauern. Atommüll wird derweil planlos und unter hohem Risiko von Lager zu Lager gekarrt.
Wirtschaftliche Versprechen bleiben ebenfalls unerfüllt. Neubauten sind geprägt von massiven Kostenüberschreitungen. Bei den besonders gehypten SMR dümpeln viele Projekte schon lange vor sich hin oder werden gestoppt, weil steigende Kosten Investor*innen abschrecken, wie etwa bei Nuscale in den USA.
Auch das Argument der Energieunabhängigkeit trägt nicht. Heimisches Uran gibt es nicht. Ein erheblicher Teil des Brennstoffs stammt weiterhin aus geopolitisch problematischen Lieferketten – unter anderem aus Russland.
Hinzu kommt der Zeitfaktor: Neue Reaktoren brauchen Jahrzehnte bis zur Inbetriebnahme. Schon deshalb wird Atomkraft keinen relevanten Beitrag zur Einhaltung der Klimaziele leisten. Und sollten heute geplante AKW jemals gebaut werden, müssten sie sich in ein Energiesystem einfügen, das weder Platz noch Bedarf für sie hat.
Renaissance heißt Rückschritt
Durch die fortschreitende Transformation des Energiesystems tritt die Kluft zwischen Atomhype und Realität immer deutlicher zutage. Wind- und Solarenergie boomen weltweit, schon wegen ihres unschlagbar günstigen Preises. Auch bei den Speichern bahnt sich eine Revolution an. Der Wandel ist nicht aufzuhalten – wenn auch immer noch nicht schnell genug, um die Klimaziele zu erreichen. In dieser Situation über Atomkraftwerke zu diskutieren, bedeutet: fehlgeleitete Investitionen, politische Blockaden, mangelnde Krisenfestigkeit, verlorene Zeit im Kampf gegen die Klimakrise.
Vielleicht ist das die eigentliche Tragik dieser Debatte: Atomkraft tritt als angebliche Zukunftstechnologie in Erscheinung, ist aber in Wahrheit ein Relikt der Vergangenheit. Wer an ihr festhält, läuft der eigentlichen Zukunft am Ende hinterher.
Dieser Artikel erschien erstmals im .ausgestrahlt-Magazin 67 (Juni - September 2026) und gehört zum Schwerpunkt-Thema „Mythos Atomkraft“:
Mehr Mythos als Megawatt (Einleitung)
„Wir müssen das Tempo deutlich steigern“ (Interview)
Sagenhafte Marketing-Reaktoren (Fragen & Antworten)
weiterlesen:
Sabotage an der Energiewende
17.10.2025: Die neue Bundesregierung verkauft ihre Energiepolitik als „Realitätscheck“ – in Wahrheit ist es eine Rolle rückwärts: neue Gaskraftwerke in Deutschland, freie Bahn für AKW in Europa und Bremsklötze für die Energiewende.Berliner Atomzwist
28.05.2025: Schwenkt die neue Bundesregierung in der EU auf Pro-Atom-Linie um? Der SPD-Umweltminister widerspricht. Aber der Streit ist noch nicht ausgefochten.Großes Tauziehen
24.05.2024: Die EU ist aktuell Hauptzielscheibe der europäischen Atomlobby. In immer neuen Initiativen versucht diese, der Atomkraft Vorteile zu verschaffen. Nächstes Etappenziel ist, den Weg freizumachen für eine direkte finanzielle Förderung. Dem Klima kann das nur schaden.