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01.05.2018 | von Julia Schumacher

Zwischenlager in Ahaus: „Nicht einfach so weiterwursteln“

Hartmut Liebermann
Foto: Christian Boedding Hartmut Liebermann

Hartmut Liebermann, 69, kämpft mit der Bürgerinitiative „Kein Atommüll in Ahaus“ seit mehr als 40 Jahren gegen AKW und deren Abfall. Das Zwischenlager konnte er nicht verhindern. Inzwischen jedoch spricht sich sogar der Stadtrat einstimmig gegen weiteren Atommüll aus

Ich war Lehrer für gesellschaftswissenschaftliche Fächer und hatte mich schon seit den Plänen für das AKW Wyhl mit Atomenergie befasst. Dann kam das Thema plötzlich hautnah auch zu uns: mit den Plänen für eine Urananreicherungsanlage in Ahaus, 1976. Die wurde dann zwar in Gronau gebaut. Dafür hieß es ein Jahr später, sie wollten bei uns ein zentrales Zwischenlager für hochradioaktiven Atommüll errichten. Damals gründeten wir dann die Bürgerinitiative „Kein Atommüll in Ahaus“.

Der berühmte Castortransport, der vor 20 Jahren bundesweit für so viel Aufsehen sorgte, war natürlich ein Höhepunkt des Protests, in vielerlei Hinsicht. Aber es gab auch schon im Vorfeld sehr viel Widerstand aus der Bevölkerung. Ende der 1970er haben wir massiv Öffentlichkeitsarbeit gemacht, mit Infoständen, Demonstrationen, Leser*innenbriefen. Es gab riesige Diskussionsveranstaltungen zum Thema. Wir haben durchgesetzt, dass ein Erörterungstermin stattfindet, dabei war damals für Zwischenlager noch gar keine Öffentlichkeitsbeteiligung im Atomgesetz vorgesehen! Das ist erst viel später geändert worden, auch auf unseren Druck hin. Zur Anhörung war zwei Tage lang die Stadthalle voll besetzt, dann wurde abgebrochen, weil nötige Gutachten noch gar nicht fertiggestellt waren. Kurz darauf gab der Betreiber sein Nasslagerkonzept auf. Statt in Wasserbecken sollten die abgebrannten Brennelemente nun trocken gelagert werden, in Castorbehältern. Dazu gab es Jahre später wieder einen Anhörungstermin, sechs Tage dauerte der. Die Genehmigung kam ein Jahr später. Danach erreichte ein Landwirt mit einer Klage immerhin einen dreijährigen Baustopp. Seit 1990 ist die Anlage trotz allem in Betrieb.

1992/93 kamen dann die ersten Brennelemente aus dem Thorium-Hochtemperaturreaktor Hamm-Uentrop (THTR). Der Müll von dort ist zum großen Teil hochangereichertes Material, was allein schon unter dem Gesichtspunkt der Proliferation problematisch ist. Das hatten wir damals aber noch nicht auf dem Schirm. Dass der Protest gegen diesen Müll noch eher gering war, lag wohl auch daran, dass der THTR ein stillgelegter Reaktor war und sich unsere Arbeit ja auch gegen den Weiterbetrieb von AKW richtete. Ursprünglich sollten in Ahaus Brennelemente aus ‚normalen‘ Leichtwasser-Reaktoren gelagert werden.

Unsichere Halle: Die 1989 fertiggestellte Betonhalle in Ahaus gehört mit Wandstärken von zum Teil nur 40 bis 50 Zentimeter – um und in der Decke sind es an manchen Stellen sogar nur 20 Zentimeter – zu den unsichersten Zwischenlagern in Deutschland. In ihr lagern 305 kleinere Castor-Behälter mit Brennelement-Kugeln aus dem THTR Hamm-Uentrop, je drei große mit Brennelementen aus den AKW Neckarwestheim und Gundremmingen C, 18 kleinere aus dem Forschungsreaktor Rossendorf sowie mehr als 1.300 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktive Abfälle. Fast 90 Prozent der Lagerkapazität sind noch frei. Eine einst geplante zweite Halle wurde nie gebaut.

 

Nach dem großen Transport 1998 mit Castoren aus Gundremmingen und Neckarwestheim kam dann raus, dass die Außenseiten der Behälter bei diesen Transporten in völlig unzulässigem Maße kontaminiert waren. Dies zusammen mit den Protesten in Ahaus und Gorleben führte am Ende mit dazu, dass die Brennelemente aus kommerziellen Reaktoren seitdem an den AKW-Standorten zwischenlagern.

Aktuell richtet sich unser Widerstand gegen die geplanten Atommüll-Transporte aus Jülich und aus Garching bei München. Diese Transporte sind hochproblematisch und unsinnig. Bei den 152 Castor-Behältern mit abgebranntem Brennstoff aus dem AVR Jülich weiß niemand, wie es im Innern aussieht. Man geht von zerbröselten Kugelbrennelementen aus, die so gar nicht langzeitlagerfähig sind. Die Castoren müssten nochmal geöffnet, gesichtet und der Müll für eine spätere Endlagerung konditioniert werden. In Ahaus gibt es aber keine ‚Heiße Zelle‘ für solche Arbeiten. Wir sind der Auffassung, das sollen die in Jülich machen, da sie für die sichere Lagerung und Konditionierung des Mülls verantwortlich sind, den sie erzeugt haben. Dazu muss dort ein neues Lager gebaut werden, da das jetzt bestehende gar nicht mehr zugelassen ist.

In einem offenen Brief an die Bundesumweltministerin Schulz haben wir genau das gefordert. Übrigens hat sie vor sechs Jahren im Landtag von NRW selbst sehr schön gesagt, dass die Brennelemente aus Jülich nur noch einmal transportiert werden sollten, nämlich zu einem ‚Endlager‘, wo sie langfristig bleiben könnten. Darauf wollen wir sie festnageln.

Gegen die Einlagerungsgenehmigung für die Jülicher Castoren hat sogar die Stadt Ahaus geklagt. Der Stadtrat hat mit seinen sechs Fraktionen einstimmig der Klage zugestimmt. Das ist ein großer Erfolg für uns, da haben wir lange darauf hingearbeitet! In der Vergangenheit nämlich war die Mehrheit im Stadtrat immer für das Zwischenlager. Inzwischen ist den Leuten einiges aufgegangen. Nämlich, dass wir das Zeug, ist es erst mal hier, nie mehr loswerden. Die Versprechungen für eine befristete Zwischenlagerung können gar nicht eingehalten werden. Wir als BI versorgen die Anwälte mit Informationen, dafür nutzen wir unterschiedliche Quellen. Gemeinsam mit der Stadt haben wir neulich erreicht, dass das Bundesamt den zunächst angeordneten Sofortvollzug für die Einlagerungsgenehmigung wieder zurückgenommen hat – allerdings kann der auch schnell erneut angeordnet werden.

"Wenn tatsächlich ab nächstem Jahr neue Transporte durchgeführt werden sollten, werden wir reagieren."

Dann der Atommüll aus Garching. Der soll ab 2019 kommen. Es heißt, dass in einem einzigen Brennelement gut acht Kilo hochangereichetes Uran drin sind, das reicht für die Herstellung einer Hiroshima-Bombe. Die Auflage, bis 2010 auf zumindest niedriger angereichertes Uran umzustellen, ist bis heute nicht umgesetzt.

Die Reaktorsicherheitskommission fordert zudem, dass der Müll aus Garching vor einer tiefengeologischen Lagerung abgereichert wird. Das kann nicht in Ahaus passieren! Darum müssen sich die Münchener selbst kümmern! Wir haben da massive Kritik an deren Verständnis von Wissenschaft und vor allem daran, dass sie die Verantwortung für ihren Bombenstoff einfach abschieben wollen.

Die Problematik der Brennelemente aus Forschungsreaktoren wird von den zuständigen Stellen völlig ignoriert und auch falsch dargestellt. Dazu kommt die grundsätzliche Problematik, die viel zu wenig diskutiert wird: dass nämlich die Zwischenlagerung nur für eine Dauer von 40 Jahren konzipiert wurde. Sie wird aber sehr viel länger dauern, und also muss doch das Konzept überdacht werden. Da stellt sich die Frage nach der Behältersicherheit und ‑sicherung, dazu die Frage nach der Ausstattung der Lager, auch die Frage, ob man weiterhin oberflächennah oder unterirdisch lagern muss. Was ist nach 40 Jahren? Es kann nicht angehen, einfach so weiterzuwursteln und die Genehmigungen einfach immer weiter zu verlängern. Es wird auch nirgends erwähnt, dass Gorleben und Ahaus den niedrigsten Sicherheitsstandard aller genehmigten Castor-Zwischenlager haben. Wir werden diese Themen in Kürze öffentlich machen. In welcher Form auch immer, vielleicht als einen offenen Brief an das Bundesamt.

Es ist ja nicht so, dass ich das jetzt hier alleine mache. Gut, ich bin von den heute Aktiven derjenige, der am längsten dabei ist – 40 Jahre. Wir sind zwar gegenwärtig nicht mehr so viele wie in den ersten 20 Jahren, aber es gab immer Wellenbewegungen. Wenn ein Problem virulent wurde, kamen immer auch Leute, die mitgearbeitet haben. Derzeit verstärken wir wieder unsere Informationsarbeit in der Stadt und die Vernetzung mit Bürgerinitiativen vor allem in NRW. Wenn dann tatsächlich ab nächstem Jahr neue Transporte durchgeführt werden sollten, werden wir reagieren.“

Protokoll: Julia Schumacher

Dieser Text erschien ursprünglich im .ausgestrahlt-Magazin Nr. 39, Mai 2018

Julia Schumacher

Julia Schumacher verfasste ihre ersten umweltpolitischen Artikel schon in der Schulzeit. Nach dem Studium der angewandten Kulturwissenschaften schrieb sie u. a. für Lokalzeitungen, Stadtmagazine, Fachpublikationen, PR- und Werbeagenturen. Für .ausgestrahlt verfasst sie seit 2014 Beiträge für Magazin, Webseite und Social Media.

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