Karte mit Atomkraftwerken in Frankreich

Atomkraft in Frankreich

Der Super-GAU in Fukushima hat viele aufgeweckt. Das Dogma Atomkraft bröckelt

Frankreich ist die Atomnation Nummer eins in Europa. Zu den 58 noch laufenden Reaktoren kommen Hunderte ehemaliger Uranminen, Dutzende Atommülllager, ein „Untertagelabor“ für ein mögliches Endlager in Bure und die Wiederaufarbeitungsanlage La Hague, eine der größten Dreckschleudern weltweit. Als sei das noch nicht genug, soll in Cadarache in der Provence ein Experimentalreaktor für die Kernfusion (ITER) entstehen. Und zu guter Letzt verfügt das Land noch über Atomwaffen und unzählige militärische Atomanlagen.

Der staatliche Energieversorger EDF will sowohl die Laufzeit der bestehenden AKW, die wie in Deutschland schon Jahrzehnte auf dem Buckel haben, auf 60 Jahre verlängern, als auch ein Dutzend neuer Reaktoren vom Typ EPR („Europäischer Druckwasserreaktor“) bauen – trotz des Ärgers mit dem Bau des ersten Modells in Flamanville in der Normandie. Die erneuerbaren Energien haben dagegen Mühe, Fuß zu fassen. Für den Bau von Windrädern etwa gelten die gleichen Anforderungen und Vorschriften wie für den Bau umweltverschmutzender Industrieanlagen. Dafür sind energieverschwendende Stromheizungen noch weit verbreitet.

Keine leichte Aufgabe also für Organisationen wie Greenpeace oder das Netzwerk für den Atomausstieg („Réseau ‘Sortir du nucléaire’“), in dem sich Hunderte von Initiativen gegen Atomkraftwerke, gegen Endlagerprojekte und für erneuerbare Energien zusammengeschlossen haben. Mit Informationen, Unterstützung für lokale Gruppen und Aktionsaufrufen, etwa zur Blockade von Castor-Transporten, versuchen sie, die öffentliche Meinung in Richtung Atomausstieg zu drehen.
Tatsächlich nämlich ist die große Mehrheit der Französinnen und Franzosen nicht explizit für Atomkraft, sondern hat sich lediglich damit abgefunden. Der Schock der Reaktorkatastrophe von Fukushima hat allerdings viele dazu gebracht, nun aktiv zu werden. Im März etwa kamen 60.000 Leute zur Anti-Atom-Menschenkette im Rhônetal!

Auch der langjährige politische Konsens in Sachen Atom schien in den Monaten nach Fukushima aufzubrechen. Führende Köpfe der Parti Socialiste (PS) sprachen sich für einen Ausstieg aus. Unter dem Druck der Atomlobby hat sich die Partei dann inzwischen allerdings wieder auf wenig ambitionierte Positionen zurückgezogen: Abschalten nur eines einzigen AKW – Fessenheim –, und das erst 2017, „Reduzierung des Atomstromanteils“, aber ohne jedes konkrete Ziel, Weiterbau des EPR in Flamanville. Als die PS mit den französischen Grünen von „Europe Écologie-Les Verts“ eine Vereinbarung unterzeichnet hat, die den Stopp der Wiederaufarbeitung vorschlug, hat ein Abgeordneter der PS, der dem Atomkonzern Areva nahesteht, interveniert, damit dieser Passus wieder gestrichen wird.

Der neue Präsident François Hollande ist zwar zweifelsohne nicht so atomfixiert wie sein Vorgänger Sarkozy. Einer echten Wende aber scheint er auch nicht zugeneigt. Er hat bereits verlangt, die Uranmine  Imouraren im Niger schneller in Betrieb zu nehmen, und bekräftigt, an der Atombombe festzuhalten. Nach den Sommerferien soll eine Debatte über die Energiepolitik starten, aber es scheint klar: alles, was über die Wahlversprechen Hollandes hinausgeht, steht nicht zur Debatte. Die steigenden Kosten für Sicherheitsnachrüstungen könnten trotzdem dazu führen, dass einige Reaktoren früher vom Netz gehen als geplant.

Ob Frankreich aus der Atomkraft aussteigt, betrifft nicht nur die Französinnen und Franzosen. Bei einem Unfall im AKW Fessenheim im Elsass etwa würde der Wind die radioaktive Wolke nach Baden-Württemberg treiben. Die beiden Reaktoren in Fessenheim sind die ältesten Frankreichs, das Reaktorgelände liegt unterhalb des Wasserspiegels des benachbarten Rheinseitenkanals, Störungen und Störfälle häufen sich. Es gibt umfangreiche und sicherlich undurchführbare Nachrüstungsauflagen. Die Logik verlangt, das AKW unverzüglich abzuschalten.

Das AKW Cattenom, an der Mosel unweit der saarländischen Grenze, ist mit seinen vier Blöcken eines der größten Frankreichs. Die Pannen hier häufen sich so sehr, dass die Angestellten eines Subunternehmens dort im April sogar für zwei Wochen in Streik getreten sind, um mehr Sicherheit einzufordern. Ein von Luxemburg, dem Saarland und von Rheinland-Pfalz zugezogener deutscher Reaktorsicherheitsexperte hat nach Bekanntwerden der Ergebnisse des EU-Stresstests große Zweifel an der Sicherheit der Anlage geäußert. Im März 2013 ist eine Großdemonstration in Paris für einen französischen Atomausstieg geplant. Wir hoffen, dass auch zahlreiche AtomkraftgegnerInnen aus Deutschland uns unterstützen.

Charlotte Mijeon, Réseau „Sortir du nucléaire“

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Dieser Text ist ursprünglich im .ausgestrahlt-Rundbrief Nr. 17 (August 2012) erschienen.