Karte mit Atomkraftwerken in Großbritannien

Atomkraft in Großbritannien

Die Regierung will viele neue AKW. Wer aber soll die bauen?

Die Geschichte der Atomkraft in Großbritannien ist untrennbar mit dem Status als Atomwaffenstaat verknüpft. Der Atomkomplex Sellafield (früher Windscale) entstand als Entwicklungszentrum für britische Atomwaffen. Dort ereignete sich am 10. Oktober 1957 der bisher größte Atomunfall Westeuropas: Einer der zur Plutoniumproduktion genutzten Reaktoren geriet in Brand und setzte große Mengen radioaktiver Stoffe frei. Heutige Berechnungen gehen davon aus, dass aufgrund des Unfalls etwa 240 Personen an Lungenkrebs starben.

Parallel setzte Großbritannien auf die Nutzung der Atomenergie und entwickelte dafür eigene Reaktoren. Die ersten beiden kommerziell genutzten produzierten sowohl Strom als auch Waffenplutonium. Später stand die Stromproduktion im Vordergrund. Heute decken die 16 noch laufenden Reaktoren weniger als 20 Prozent des Strombedarfs – Tendenz abnehmend, da weitere Meiler aus Altersgründen vom Netz gehen werden.

Neubaupläne

Bereits Ende der 1980er bemühte sich zunächst die Labour-, dann die Thatcher-Regierung um neue AKW. Gebaut wurde jedoch nur ein einziges: Sizewell B, das 1995 in Betrieb ging – Großbritanniens einziger Druckwasserreaktor. Ein baugleicher Reaktor in Hinkley Point wurde trotz Genehmigung aus wirtschaftlichen Gründen nie errichtet.

2006 unternahm Tony Blair einen neuen Anlauf. Zeitaufwändige lokale Anhörungen entfallen, Entscheidungen zu wichtigen Infrastrukturprojekten trifft jetzt zentral die Regierung. Im Juli 2011 genehmigte sie AKW-Neubauten an bis zu acht Standorten. Mehrere Konsortien waren interessiert: EdF mit der britischen Centrica, RWE mit Eon, Iberdrola mit GdF und Scottish and Southern Energy. Letztere stieg als Erste aus. RWE und Eon verkauften ihr Joint Venture Ende 2012 an Hitachi. Im Februar 2013 wollte auch Centrica nicht mehr. Hitachi und Iberdrola haben bisher keinen Bauantrag gestellt; Hitachi fehlt sogar noch die Typenzulassung. Konkret übrig blieb einzig das Projekt Hinkley Point C, wo – so viel zum Thema „privatwirtschaftliche Investitionen“ – die beiden französischen Staatsfirmen EdF und GdF mit zwei ebenfalls staatlichen chinesischen Firmen zwei Reaktoren vom Typ EPR bauen wollen.

Eiertanz um Subventionen

Offizielle Linie der konservativ-liberalen Koalition ist, dass es keine staatlichen Subventionen für AKW-Neubauten geben soll. Tatsächlich …

  • garantiert sie die Atommüllentsorgung zum Festpreis, obwohl es weder eine Technologie dafür noch einen Endlagerstandort gibt – eine verdeckte Subvention in Höhe von ca. 1,5 Milliarden Pfund (1,8 Mrd. Euro) für jeden neuen Reaktor;
  • gewährt sie für die Reaktoren in Hinkley Point C eine Kreditgarantie von 10 Milliarden Pfund (12 Mrd. Euro), wodurch Kredite preisgünstiger werden;
  • vereinbarte sie mit EdF für von den „Hinkley Point C“-Reaktoren produzierten Strom eine 35 Jahre gültige Einspeisevergütung in Höhe von 9,25 Pence (11,2 Cent) pro Kilowattstunde, was etwa dem Doppelten des derzeitigen Marktpreises entspricht – die Mehrkosten sollen auf die StromverbraucherInnen umgelegt werden;
  • ist die Haftung der AKW-Betreiber bei einem Atomunfall auf eine Milliarde Pfund (1,2 Mrd. Euro) begrenzt – für den Rest müssen die SteuerzahlerInnen aufkommen. (Die Folgekosten des Atomunfalls von Fukushima werden bereits auf über 300 Milliarden Pfund geschätzt.)

Zwar hat EdF für Hinkley Point C mittlerweile eine Baugenehmigung, das Gelände ist seit fast zwei Jahren eingezäunt, erste vorbereitende Arbeiten abgeschlossen. Eine endgültige Investitionsentscheidung steht jedoch noch aus. Sie dürfte unter anderem davon abhängen, was die EU-Kommission zu den Subventionen sagt. Die wittert darin ein „echtes Marktversagen“ und hat bereits ein Prüfverfahren eingeleitet.

Trotz der akuten Neubaupläne ist der Widerstand im Land schwach. Sichtbar ist er derzeit im Wesentlichen in Hinkley Point – allerdings gegen eine stabile Pro-AKW-Stimmung –, sowie in Wylfa. Die Umweltverbände, die sich vor allem um Klimapolitik kümmern, und die lokalen Anti-Atom-Gruppen sind nur informell vernetzt. Wie schon Ende der 1980er könnte es vor allem ihre Unwirtschaftlichkeit sein, die den Neubau von AKW verhindert oder minimiert.

Andreas Speck

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Dieser Text ist ursprünglich im .ausgestrahlt-Rundbrief Nr. 23 (Februar 2014) erschienen.