Vernunft in Berlin unterwegs?
von Stefan Diefenbach-Trommer
Es ist gar nicht so politisch, gegen Atomenergie zu sein. Eigentlich geht es um eine reine Vernunftentscheidung. Wer demonstrieren geht, zu Ökostrom wechselt oder eine Anti-Atom-Sonne an die Tür klebt, verrät damit nicht, ob er grün, hellrot, dunkelrot, schwarz, blau, gelb oder gar nicht wählt.
Gegen Atomenergie und für erneuerbare Energieen zu sein, ist Mainstream. Es ist sogar schick. Ganz normale Finanzfonds investieren in erneuerbare Energien, weil dort künftig die Gewinne herkommen, nicht vom Öl und AKWs. Geschäftsleute wechseln öffentlich zu Ökostrom, ohne je lange Haare getragen zu haben.
Das gefällt den Parteien zwar nicht so ganz: Neuerdings sind es nicht mehr nur die Grünen, die sich als Ausstiegs-Partei darstellen, auch SPD und Linkspartei haben den Trend der Zeit erkannt. Die SPD ließ jetzt sogar ihren Steinmeier erklären, dass ein atomares Endlager in Gorleben nichts taugt. Die haben es verstanden: Mit der Ablehnung der gefährlichen Atomkraftwerke lassen sich Sympathiepunkte sammeln.
Erkannt haben das auch die WählerInnen von Union und FDP. Sie sind mehrheitlich für einen Atomausstieg wie der Rest der Bevölkerung - und befürchten, dass der Pro-Atom-Kurs von Westermerkel nicht nur Sympathie-, sondern auch Prozentpunkte kostet.
Die Bewegung ist also in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Demonstrieren ist salonfähig. Jetzt müssen nur noch die Regierenden vernünftig werden.
Wir haben die Kraft
von Stefan Diefenbach-Trommer
Zu meinem Job bei .ausgestrahlt gehört, dafür zu sorgen, dass Geld für unsere Aktivitäten reinkommt, und darauf zu achten, dass wir nicht sehr viel mehr ausgeben, als wir in der Kasse haben. Aber keine Angst - dies wird kein Spenden-Blog, ich will nur am Beispiel von Spenden, die wir bekommen, etwas über die Kraft der Anti-AKW-Bewegung erzählen.
Manchmal erreichen uns E-Mails oder Anrufe von Menschen, die sagen, sie könnten leider nicht zur Demo kommen, weil sie krank sind oder mit 80 Jahren nicht mehr reisen wollen. Sie könnten deshalb leider nur eine Spende überweisen. Solche Mitteilungen berühren, weil sie zeigen, wie vielfältig diese Bewegung ist und wie viele verschiedene Menschen genau das beitragen, was sie beitragen können.
Wir haben uns selbst streng verboten, mit Zahlen zur Menge der DemonstrantInnen am 5.9. zu jonglieren. Wir haben auch die Idee verworfen, in verschlossenen Umschlägen Prognosen zu sammeln. Aber eine Prognose wage ich dennoch: Es werden wahrscheinlich nicht all die 100.000 Menschen nach Berlin fahren, die bisher den Aufruf "Atomkraft abschalten" von campact und .ausgestrahlt unterschrieben haben.
Das ist aber auch egal - die Menschen, die zur Demo kommen, stehen für viele, viele mehr, und das wissen die Angsthasen von Vattenfall und die Demo-Plagiierer von RWE ganz genau.
Vor ein paar Tagen - ich weiß gar nicht, wo ich die Zeit dazu her nahm - sah ich mir die Aufzeichnung einer Diskussion zu Atomenergie während des taz-Kongresses vom März diesen Jahres an. Da saßen scheinbar drei Atomkraftgegner auf dem Podium, und doch fetzten sie sich. Zwei haben sich ganz gut vertragen: Matthias Machnig, Sozialdemokrat und Staatssekretär im Bundesumweltministerium, und Rainer Baake, Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, der in der Runde faktisch für die Grünen saß. Ihre Botschaft: Wählt uns, und wir sorgen dafür, dass der vor neun Jahren geschlossene Atomkonsens endlich zum Ausstieg führt.
Und dann war da Jochen Stay von .ausgestrahlt, der sich vorhalten lassen musste, er rufe die Leute auf, nicht wählen zu gehen, wenn er erklärt, dass es nicht ausreicht, sich auf Rot oder Grün zu verlassen. Die Parteivertreter bräuchten Druck von der Anti-AKW-Bewegung, sagte Jochen, und Matthias Machnig rief höhnisch: Ja, wo ist sie denn, die Anti-AKW-Bewegung?
Im Publikum antwortete ein taz-Veteran "Hier". Und heute, kein halbes Jahr später, ist diese Bewegung so was von sichtbar. Ja, sogar die als altbacken geschmähte Anti-AKW-Sonne ist zu sehen. Zig Leute haben Geld gesammelt, damit in ihrem Wohnort Großplakate mit der Sonne kleben. Wir haben zunächst 100 Fahnen mit der Sonne herstellen lassen und uns vor den Kosten gefürchtet. Dann haben wir nochmal 200 bedrucken lassen. Und jetzt ist die dritte Lieferung mit 1.000 Fahnen noch vor der Demo fast alle.
Dass Thema Atomkraftwerke und Energie der Zukunft ist in aller Munde. Viele reden darüber, setzen sich auseinander, positionieren sich. Nicht alle Atomkraft-GegnerInnen werden deshalb nach Berlin kommen. Aber sie tun, was sie können. Und das ist auch daran zu sehen, dass beim Spendenportal, einem gemeinnützigen Dienstleister zum Spendeneinzug, im Moment ständig steht, dass jemand hohe Beträge an die BI Lüchow-Dannenberg oder an .ausgestrahlt gespendet hat. Auch das ist eine Demonstration...
Widerstand in der dritten Generation
von Jochen Stay
Es gibt nette Zufälle im Leben: Da hat die Bäuerliche Notgemeinschaft beschlossen, dass der so genannte „Tagestreck“, also der Treck derjenigen, die erst heute nach Berlin aufbrechen können, sich im Dörfchen Jeetzel bei Lüchow aufstellt. Das ist deshalb ein netter Zufall, weil ich mitten in Jeetzel wohne. So konnte ich heute in der Morgensonne einfach aus der Haustüre treten und Trecker zählen, die durchs Dorf rollen.
Natürlich ist Jeetzel viel zu klein für diese Unzahl landwirtschaftlicher Gefährte. Deshalb formiert sich der Treck schließlich auf einem kleinen Sträßchen außerhalb des Dorfes. Wie groß die Motivation der Bäuerinnen und Bauern ist, sieht man auch daran, dass schon eine halbe Stunde vor der geplanten Abfahrt fast alle da sind. Ich zähle am Ende 207 Trecker, viele phantasievoll geschmückt. Überall flattern die Wendlandfahne und die Fahne mit der Anti-Atom-Sonne im Wind.
Was mir auffällt: Viele der Fahrerinnen und Fahrer sind so jung, dass sie zum Zeitpunkt der Standortbenennung von Gorleben 1977 noch gar nicht geboren waren. Damit tritt nach bisher 32 Jahren mittlerweile die dritte Generation an, um den Kampf gegen die Atomindustrie fortzusetzen. Und wenn ich mir die Gesichter anschaue, dann ist völlig klar, dass die Unruhe im Wendland noch viele Jahre weitergehen wird, sollte nicht endlich Schluss sein mit wachsenden Atommüllbergen und dem Festhalten am ungeeigneten Salzstock Gorleben.
Angela Merkel müsste es eigentlich wissen: schon in ihrer Zeit als Umweltministerin Mitte der 90er Jahre, hat sie sich am Wendland die Zähne ausgebissen. Drei Castor-Transporte rollten zwischen 1995 und 1997 nach Gorleben, jedes Mal nahm der Widerstand zu. Dann war erstmal Schluss. Merkel musste den Stopp aller Atomtransporte verkünden und der hielt immerhin bis zum Jahr 2001.
Heute geht es nicht mehr nur um Atomtransporte und Atommüll-Lager. Es geht ums Ganze: Der lang versprochene Atomausstieg muss endlich umgesetzt werden.
Fast ohne Worte
von Stefan Diefenbach-Trommer
Manchmal müssen wenige Worte reichen, weil sich die Ich-kauf-mir-eine-Protestbewegung-Leute selbst entlarven.
- RWE und die Freunde von E.on und EnBW schicken ihre Auszubildenden nach Biblis, um für Atomenergie zu demonstrieren. 1.500 Leute spielen demonstrieren. 3.000 hatte RWE dafür freigegeben.
- Weil RWE immer noch keine kreative Werbeagentur hat, nehmen sie einfach ein Symbol, das schon bekannt ist.
- Und nicht einmal neue Namen fallen ihnen ein (bitte den verlinkten Beitrag genau anhören!).
Ostblock, Westblock, Blogger-Block
von Stefan Diefenbach-Trommer
Ab und an fragen uns Leute, wie die Blöcke auf der Demo aufgestellt werden und ob wirklich der schwarze Block kommt.
Also, das ist so: Es gibt Gruppen, die rufen dazu auf, dass ihre AnhängerInnen einen Block in der Demo bilden. Dazu geben sie zum Teil Treffpunkte an. Die Grünen zum Beispiel treffen sich separat zunächst in einer Seitenstraße. SPD und Linkspartei üben - wohl unfreiwillig - für eine rot-rote Koalition und haben beide den gleichen Treffpunkt angegeben.
Auch Mitgliedsorganisationen des Demo-Trägerkreises und andere Verbände bieten ihren Mitgliedern erkennbare Treffpunkte an, um HelferInnen zu sammeln oder Fahnen auszugeben. Gruppen, die gegen Kohlekraftwerke und Kohleabbau kämpfen, rufen zu einem Anti-Kohle-Block auf. Es gibt den Aufruf zu einem antikapitalistischen Block und tatsächlich auch einen für einen schwarzen Block: Der stammt aber von Jochen Stay, der damit an die AKW-kritischen CDU-Mitglieder appellierte, zur Demo zu kommen.
Ob es einen schwarzen Block gibt oder nicht, der Gegenpol formiert sich: Spirituell orientierte Menschen rufen auf, einen weißen Block zu bilden, um ihre Liebe zur Welt zu teilen. Wer dort läuft, soll Mantras singen können und möglichst Harfen oder Didgeridoos mitbringen.
Tja, und wer sich keinem Block anschließen möchte, sondern einfach als AtomkraftgegnerIn kommt, der macht bei der Mehrheit der Blockfreien mit und fließt mit allen zusammen durch Berlin.
Was die Blockfreien und die Geblockten eint, ist die Forderung, dass Atomkraftwerke mal richtig abgeschaltet werden müssen. Dass dies eine Forderung der Mehrheit der Menschen ist, drückt sich auch darin aus, dass ganz verschiedene Gruppen auf ihre Weise an der Demo teilnehmen.
Ein Land in Bewegung
von Stefan Diefenbach-Trommer
Der Treck zeigt nun schon die ganze Woche eine Menge Farbe. Bunt sind die Traktoren geschmückt, bunt zusammengewürfelt sind die Leute, die mitfahren. Doch nicht jeder hat einen Trecker vor der Haustür stehen, um so nach Berlin zu kommen. Nicht jede hat die Zeit für die langsame Fahrt. Und manche haben auch nicht genug Geld, um die Reise zu bezahlen.
Viele von diesen Leuten treffen sich in der Mitfahrbörse, um eine gemeinsame Reise zur Demo zu organisieren und dabei Geld zu sparen. Ein Blick in die Gesuche und Angebote zeigt, wie vielfältig die Demo am Samstag werden wird.
Da werden Treffpunkte zum gemeinsamen Wochenend-Ticket-Fahren verabredet, VW-Bullis oder Nichtraucher-Enten aufgefüllt und auch sehr spezielle Verabredungen getroffen, zum Beispiel:
Wir fahren als kleine Wiesbadener Gruppe mit Regionalbahnen nach Berlin und Sonntag Nachmittag auch mit Regionalbahnen wieder zurück. Durch Musik, nette Leute und und gute Stimmung wird die Berlindemo somit zu einem nettem Wochenendausflug, der billig ist und Spaß macht! Wer ab Wiesbaden oder Frankfurt mitfahren will, um billiger und mit mehr Spaß nach Berlin und zurück zu kommen soll sich einfach melden.
Wer behauptet, Atomkraft-GegnerInnen wären faules Gesocks, das nie aus dem Bett kommt, wird auch eines besseren belehrt:
- Treffpunkt Samstag schon um 5.12 Uhr ab Bremen Hbf über Hamburg Schwerin ..
- Abfahrt am 5.9. 4.30 Uhr ab Nordseehalle Emden
- Fahren mit einer ente Samstag sehr früh morgens nach berlin könnten uns in Essen am Hbf treffen könnten zwei personen mit nehmen
Und wer die Angebote studiert, sieht: Der Treck wird am letzten Tag noch erheblich größer werden. Viele Angebote sind fürs ganze Wochenende, einige wollen bereits Freitagmittag den Treck in Potsdam erreichen.
Anti-Atom-FreundInnen legen los
von Stefan Diefenbach-Trommer

Im Juni, als die Anti-Atom-Demo noch weit, weit weg erschien, haben wir uns überlegt, wie wir es schaffen können, dass die Demonstration am 5.9. richtig groß wird. Und eine Idee war: Die Leute, die in den vergangenen 30 Jahren schon mal gege Atomkraftwerke aktiv waren, die müssen kommen. Mit ihren Protesten hat die Generation gezeigt, dass es in Deutschland keine Mehrheit für Atomenergie gibt. Der rot-grüne Atomkonsens mit den Atomkonzernen war eine Folge der Proteste.
Und jetzt erdreisten sich die Atomfreunde aus Union, FDP, RWE und Co., von Laufzeitverlängerungen zu reden. Die Begrenzung der AKW-Laufzeiten soll vom Tisch gewischt werden, Protestgenerationen sollen um ihre Erfolge gebracht werden. Also ist es Zeit, dass Hüttendorf-Klaus und Wolljacken-Trude wieder aufstehen, nach vielen Jahren der Abstinenz wieder demonstrieren.
Wir hatten uns so ein bisschen Klassentreffen-Atmosphäre vorgestellt, wenn sich Leute nach zwanzig oder dreißig Jahren wieder treffen und heraus kommt, dass aus dem strikten Vegetarier ein Außenhandelsvertreter für Fleischereizubehör geworden ist, dass Heidi, die früher jeden Weg zu Fuß (und zwar barfuß) zurücklegte, heute gerne Cabrio fährt. Dafür hatten wir die Aktion Anti-Atom-FreundInnen aufgelegt, mit der sich DemonstrantInnen von früher finden können.
Und diese Aktion lief schlecht. Es gab keine Wiedersehens-Stammtische im Badischen oder in Frankfurter Szene-Vierteln. Auf Facebook und bewegung.taz.de vernetzten sich die Altaktivisten nicht in Bekennergruppen. Und die Einladungskarten zur Demo wurden nicht so richtig reichlich bestellt.
Doch je näher der Demo-Termin rückte, desto mehr kamen auch die Oldies in Schwung. Vor zehn Tagen hatten wir in einer Teilauflage der taz dann die Einladungspostkarten beigelegt und wurden von einer Flut an Postkartenbestellungen überschwemmt. Am vergangenen Wochenenden haben wohl viele Leute über alten Adressbüchern oder hektographierten Adresslisten von früher gesessen haben, haben im Internet nach aktuellen Adressen gesucht und ihre letzten Einladungs-Postkarten verschickt. Und bei uns kamen die Geschichten an, wie ehemalige AktivistInnen sich wieder auf eine Demo vorbereiten, mit ihrer alten Erfahrung Busse organisieren und auch Geld auftreiben, um Busse, Plakate und Treckerpatenschaften zu bezahlen.
Letztlich wohl eine Folge der Aktion Anti-Atom-FreundInnen steht heute in der taz: Armin Simon (der für die Klimaretter auch für diesen Blog schreibt) stellt einige derVeteranen der Anti-AKW-Bewegung vor, die sagen: Jetzt geht es wieder los! Und die dabei noch ein paar Generationen mehr mitbringen.
Ich bin mir sicher: Am Samstag werden viele neue Anti-Atom-Freundschaften geschlossen, die noch viel Wirkung zeigen werden.
Wachstums- und Wetterprognosen
von Jochen Stay

Die Arbeitsgemeinschaft Schacht Konrad meldet: Aus der Region Braunschweig fuhren zur vorletzten Anti-Atom-Großdemonstration, die war in Gorleben im Jahr 2006, ungefähr 30 Leute in einem halb besetzten Bus. Zur letzten Anti-Atom-Großdemonstration, Gorleben 2008, waren drei Busse aus Braunschweig und Umgebung unterwegs. Für die Demo jetzt am Samstag in Berlin sind nun zehn Busse fast schon ausgebucht.
In Hamburg sind bisher 14 Busse voll, doppelt so viel wie zur letzten Großdemo. Es wird händeringend nach Busunternehmen gesucht, die kurzfristig noch Fahrzeuge zur Verfügung stellen können. Der Sonderzug aus Rheinland-Pfalz und NRW, bei dem lange nicht klar war, ob die Mindestzahl von 400 Tickets verkauft werden kann, ist jetzt fast ausgebucht – mit 800 Leuten. Aus Marburg sind im letzten Herbst nur vereinzelt Leute nach Gorleben gefahren. Nach Berlin fahren zwei Busse.
Aus der Region Lüneburg, Uelzen, Wendland fahren zwei Sonderzüge, zwei Trecker-Trecks, fünf Busse und unzählige Leute irgendwie privat. Wie viele AtomkraftgegnerInnen sich insgesamt individuell mit Auto und Bahn auf den Weg machen, können wir überhaupt nicht abschätzen. Wir wissen nur, dass aus über 100 Städten Busse oder Sonderzüge fahren.
Bleibt noch die Frage: Was machen die BerlinerInnen? In der Hauptstadt gibt es Tag für Tag durchschnittlich 6,3 Demonstrationen. Da müssen selbst sehr engagierte Menschen Prioritäten setzen, wofür und wogegen sie demonstrieren. Dazu kommt noch, dass die Wetterprognosen nicht die besten sind und wir in Berlin natürlich auf viele Menschen hoffen, die sich spontan entscheiden, mitzudemonstrieren.
Aber wie hieß es so schön vor 30 Jahren, als die Massen zum Abschluss des Gorleben-Trecks in Hannover durch den strömenden Regen demonstrierten: „Albrecht wir kommen - wenn’s sein muss auch geschwommen“
Außerdem: Regen ist bestes Demowetter für PollenallergikerInnen. Günter Metzges von Campact schrieb mir: „Habe heute morgen Berliner Regen ausprobiert: ausgesprochen erfrischend und belebend.“
Na dann…
Den vielen JournalistInnen, die fragen, mit wie vielen Leuten wir denn in Berlin rechnen, sagen wir weiter: Fünfstellig.
Pfeffer in Morsleben
von Armin Simon

„Sachzwänge vermeiden“ rieten Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre nahezu alle Experten, die man zum Thema Endlager in Gorleben befragte. Sie meinten damit: Keine unnötigen Investitionen in Gorleben, an dessen Eignung als Atommüllkippe sie schon damals gewichtige Zweifel hegten, stattdessen parallel Erkundung von anderen Standorten. Die CDU/FDP-Bundesregierung unter Helmut Kohl schlug die Einwände in den Wind. Dafür teufte sie die Schächte des vorgeblichen „Erkundungsbergwerkes“ gleich in endlagerfähiger Größe ab, nämlich mit Durchmessern von fast 8 Metern. Mit Verweis auf die 1,5 Milliarden Euro, die dieses „Erkundungsbergwerk“ in Endlagerdimensionen bis heute gekostet hat, fordert Bundeskanzlerin Angela Merkel nun, Gorleben „zu Ende zu erkunden“ – also den Bau der Atommüllkippe am Standort Gorleben zu vollenden. Obwohl sich an der Geologie in Gorleben in den letzten 30 Jahren nichts geändert hat: Der Salzstock ist immer noch von Grundwasser überströmt, das Deckgebirge darüber löchrig und von der eiszeitlichen Gorlebener Rinne durchbrochen. Ganze „600 bis 1100 Jahre“, rechneten die amtlichen Experten schon 1983 vor, werde es in Gorleben dauern, bis das radioaktive Material sich im Grundwasser wiederfände.
Auf bizarre Weise zu Ende bringen wollte Merkel in ihrer Zeit als Umweltministerin unter Helmut Kohl auch das DDR-Endlagerprojekt Morsleben. Obwohl die Grube von der ersten Stunde an undicht war, verhinderte Merkel selbst nach der Wiedervereinigung ihre Schließung. Stattdessen durften die westdeutschen Atomkonzerne ihren Müll zu Spottpreisen nach Morsleben karren. Die Sanierung der Kippe, also der Folgen der merkelschen Politik, kostet die Allgemeinheit heute bis zu 4 Milliarden Euro.
Als TeilnehmerInnen des Anti-Atom-Trecks, der heute in Morsleben Station machte, versuchten, auf das Bergwerks-Gelände zu gelangen, setzte die behelmte Polizei Pfefferspray und Hunde gegen sie ein. Es gab mehrere Verletzte. Erst gestern hatten Kletterer aus dem Treck den Asse-Turm bestiegen und dort ein Protestbanner gehisst. Merkels Altlast, Morsleben, sollte vor ähnlichem Protest wohl verschont bleiben. Was nicht ganz gelang. Denn die Anti-Atom-Sonne flatterte auch heute – von großen Silos, die vor dem Zaun stehen.
Mit Verkehrsbehinderungen ist zu rechnen...
von Jochen Stay
Ich liebe ja politische Agitation im Verkrehsfunk. Oder wie hier in einer Vorabmeldung der Polizei in der Märkischen Allgemeinen von heute:
"Zu Verkehrsbehinderungen wird es am morgigen Freitag durch einen Konvoi von mehreren landwirtschaftlichen Fahrzeugen auf den Bundesstraßen 5 und 189 kommen. Darauf hat die Polizei gestern hingewiesen. Die Veranstalter einer Demonstration für den Ausstieg aus der Atomenergie rechnen mit mehr als 150 Schleppern, die teilweise Anhänger mitführen, mehreren Tiefladern und zirka 50 Autos. Ihr Ziel ist Berlin.
Wie die Polizei mitteilte, werden die Fahrzeuge gegen 11 Uhr an der Elbbrücke bei Wittenberge (B 189) erwartet. Sie fahren auf der alten Bundesstraße 189 über Weisen nach Perleberg. In Perleberg geht es über die August-Bebel-Straße, Wilsnacker Straße und Pritzwalker Straße zur B 5 nach Berlin. Im Bereich der Fahrstrecke B 189/Ortsumgehung Wittenberge sowie in Perleberg werden die Ampeln während der Durchfahrt ausgeschaltet. In Kyritz auf dem Flugplatz Heinrichsfelde ist von zirka 13.30 bis 14.30 Uhr eine Pause des Demonstrationszuges geplant.
Die Polizei begleitet den Konvoi. Ein Überholen der Gruppe ist nicht gestattet! Die Polizei bittet alle Verkehrsteilnehmer um besondere Vorsicht und Rücksichtnahme. Wenn möglich, sollte der Bereich des Demonstrationszuges umfahren werden."
Dem ist nichts hinzuzufügen.
Da müssen Polizei-Profis ran
von Jochen Stay
Hunderte von Treckern und Demo-Bussen, Zehntausende von DemonstrantInnen: In Berlin wird es am Samstag ziemlich voll. Das kann auch eine Millionenstadt nicht so einfach wegstecken. Deshalb muss im Vorfeld mit den Behörden alles minutiös durchgeplant werden. So ist der Trecker-Treck von Berlin-Gatow zum Brandenburger-Tor als Demonstration angemeldet, die Tour zurück ins Quartier nach der Kundgebung aber als „Verbandsfahrt“.
Damit unterwegs alles glatt läuft, setzt die Berliner Polizei auf die Erfahrung einer Spezialeinheit: Den Begleitschutz werden BeamtInnen machen, die normalerweise bei Staatsbesuchen eingesetzt werden.
So ist das also, wenn sich eine große Delegation der Republik Freies Wendland auf den Weg in die Hauptstadt der benachbarten Bundesrepublik Deutschland macht.
Ich glaube, wir werden alle zusammen sehr viel Spaß in Berlin haben.
Asse-Turm besetzt
von Armin Simon

Gut bewacht sei die Asse heute Nacht, haben wir geschrieben. Aber offensichtlich nicht gut genug. Denn die Situation heute morgen um 10 Uhr sieht folgedermaßen aus: Vom Fördertum der Asse hängt ein Transparent „Stoppt das dreckige Atomgeschäft“, ein Dutzend Kletterer haben es bis nach oben geschafft. Über das Gelände des maroden „Versuchsendlagers“, also hinter dem Tor, laufen etwa hundert Leute – größtenteil DemonstrantInnen. Die Polizei steht vor dem Tor. „Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin“ - der Sprechchor ist nicht zu überhören. „Kommt wieder runter“, rufen die Bodenständigen nach oben, „wir wollen weiter“. Nach Berlin.
Alles selbstgemacht
von Jochen Stay
Die BI Lüchow-Dannenberg hat gezählt. Derzeit umfasst der Treck 100 Traktoren, Trucks und Bauwägen und zusätzlich weitere Begleitfahrzeuge. Insgesamt ist der Konvoi jetzt schon drei bis vier Kilometer lang. Heute geht es von der Asse bis Helmstedt und morgen früh dann nach Morsleben.
Die Logistik für den Treck ist beeindruckend und vor allem selbstgemacht: Die wendländische VolXküche fährt immer schon zur nächsten Station voraus und wenn der Treck dann ankommt, gibt es leckeres veganes Essen. Die Fleischesser unter den „Treckies“ kommen aber auch nicht zu kurz: Schlachtermeister Stefan Schulz aus Clenze im Wendland hat 2.000 Bio-Würste gespendet. Und die dafür notwendigen Grillgeräte hat er gleich mitgeliefert.
Der Getränkevertrieb Dietrich aus Lüchow sorgt dafür, dass niemand verdurstet. Die Biobäckerei Rasche aus Zernien liefert 40 Kilo frische Brote und die Begründung gleich mit: „Weil wir nicht unsere tägliche Arbeit für eine nachhaltige und ökologische Ausrichtung der Wirtschaft und Energienutzung von einigen wenigen profitgierigen Ignoranten zunichte machen lassen wollen”. Es ist an alles gedacht: Eine Landmaschinenwerkstatt hat einen Wagen mitgeschickt, falls einer der teilweise ja schon etwas betagten Trecker Erste Hilfe benötigt. Und die Kinogruppe des Kulturvereins Platenlaase hat ihr mobiles Equipment eingepackt und zeigt abends Filme.
Die Verkehrsregelung übernehmen die MotorradfahrerInnen im Treck. Immer wenn sich die Spitze des Konvois einer Kreuzung nähert, fahren sie vor und sperren ab. Für die vielen Kundgebungen unterwegs haben die WendländerInnen ihre eigene Bühne samt Lautsprecheranlage im Treck mit dabei: Diesen MMKW, das Kürzel steht für „Mobilisierender Musik-Kampf-Wagen“, kennen viele schon von den Castor-Protesten, wo der Wagen und seine Crew immer an den unmöglichsten Orten im Gelände auftaucht, um die DemonstrantInnen zu informieren oder mit Musik aufzumuntern.
Es ist ein buntes Völkchen, was da gemeinsam unterwegs ist: Die Landwirte der Bäuerlichen Notgemeinschaft, von denen ja auch der Anstoß für diesen Treck ausging, werden von den unterschiedlichsten Menschen begleitet: Da sind AktivistInnen aus Anti-Atom-Initiativen, einige im wendländischen Biotop überlebte Hippies und auch einige, die einfach so als „Durchschnittsbürger“ durchgehen können. Greenpeace hat einen riesigen Truck mit Castor-Attrappe dabei. Mathias Edler, Atom-Campaigner bei Greenpeace, ist im Nebenerwerb wendländischer Bio-Bier-Brauer und hat einen Kühlanhänger voll „Wendland-Bräu“ mit. Eine kinderpsychiatrische Praxis aus Dannenberg hat für eine Woche dichtgemacht und die gesamte Belegschaft treckt nun nach Berlin. Auch mein Hausarzt – der sich bei Castor-Transporten gerne mal auf der Strecke ankettet – ist mit dabei.
Die grüne Europaabgeordnete Rebecca Harms, vor 30 Jahren beim Treck nach Hannover noch als BI-Aktivistin unterwegs, fährt selbst einen Traktor. Martin Donat, für eine Wählergemeinschaft im Lüchow-Dannenberger Kreistag und dort Vorsitzender des Atomausschusses, fährt auf seiner Vespa mit. Dazwischen einige Leute, die vom Parlamentarismus wenig halten und das auch deutlich zeigen. Es ist zwar nicht so, dass sich im Wendland alle AtomkraftgegnerInnen immer vertragen und in allem einig wären, aber so eine gemeinsame Aktion auf die Beine stellen, das können sie trotzdem.
Nachtwache an der Asse
von Armin Simon

Die Menge an Plutonium in der Asse kann sich bisweilen von einem auf den anderen Tag mehr als verdreifachen. Nicht acht, wie bisher behauptet, sondern an die 30 Kilo des radioaktiven, krebserzeugenden Stoffes dümpeln wohl in den einsturzgefährdeten und mit Wasser volllaufenden Kammern der Asse, heißt es jetzt. Was genau von wem dort verklappt wurde, weiß aber niemand so genau. Denn Betreiber und Aufsichtsbehörden der angeblich für Jahrtausende sicheren Atommüll-Grube haben öfter mal nicht so genau hingeschaut.
Heute Nacht dagegen ist die Asse ausnahmsweise mal gut bewacht: Erstens von den mehr als 100 Treckern und Fahrzeugen des Anti-Atom-Trecks, der in Sichtweite der Schachtanlage auf einem Acker Quartier macht. Und zweitens von den vielen vielen Polizisten, die wohl verhindern sollen, dass die strahlenden Stoffe aus dem Untergrund die DemonstrantInnen während der „Nacht am Schacht“ behelligen – oder so ähnlich jedenfalls.
Die Nacht im dunklen Post-Container verbracht haben mehrere Tausend blaue „Hausaufgabenhefte“. Das sind kleine Broschüren, die .ausgestrahlt für die Demo hat drucken lassen – beziehungsweise für die Zeit danach. Denn ob Atomkraftwerke abgeschaltet werden oder nicht, entscheidet sich vor allem nach der Wahl in den Koalitionsverhandlungen. Damit der politische Druck für einen echten Atomausstieg da auch noch deutlich spürbar ist, gibt’s auf der Demo also Hausaufgaben – Aktionsvorschläge und -ideen für die Zeit nach der Wahl. Und weil lange Busfahrten besonders gut geeignet sind, um Pläne zu schmieden, hat .ausgestrahlt an alle Busse und Sonderzüge, von denen es Adressen gab, ein Paket verschickt. Jedes enthält neben einem „Klassensatz“ an Hausaufgabenheften weiteren Lesestoff und schonmal ein Startset für die erste Aktion. Mehr wird nicht verraten!
Busse, die aufgrund der großen Nachfrage nach Mitfahrgelegenheiten erst in diesen Tagen gebucht werden, gehen natürlich leer aus. Aber keine Sorge: Hausaufgabenhefte kann man auch auf der Demo noch ergattern. Rund 50 .ausgestrahlt-HelferInnen werden die dort verteilen. Dann bleibt immerhin noch die ganze Heimfahrt zum Lesen und zum Planen. Bis Samstag also!
Gabriel kneift
von Armin Simon

Mit mehr als 400 Kuchen und einem regelrechten Volksfest haben die Menschen in Sickte (das ist ein Dorf bei Braunschweig) heute den Anti-Atom-Treck begrüßt. Fähnchen, Jubel am Straßenrand, und der Kirchenchor singt – bei so viel Zuspruch ist es kein Wunder, dass Bundesumweltminister Sigmar Gabriel sich zumindest verbal an die Spitze der Anti-Atom-Bewegung zu stellen versucht. „Gorleben ist tot“, verkündete er drei Tage vor dem Start des Trecks. (Wir hoffen, er meint das Endlager und nicht die Menschen.) Andererseits weiß Gabriel natürlich um seine Leichen, die er gerade beim Thema „Atommüll“ im eigenen Keller liegen hat. Und deswegen lehnte er heute, obgleich sowieso in Salzgitter unterwegs, die von den Treck-Teilnehmern erbetene Unterredung dankend ab.
Thema des Gesprächs wäre natürlich die Atommüll-Entsorgung gewesen, und stattgefunden hätte es wohl dort, wo die über 100 Treck-Fahrzeuge heute Mittag eine Stunde lang auf Gabriel warteten: mitten auf der Zufahrt zu „Schacht Konrad“.
Nicht unwahrscheinlich, dass diese Umstände die Lust Gabriels an einer Diskussion merklich gemindert haben. 14 Tage vor der letzten Bundestagswahl, im Herbst 2005, hatte Gabriel nämlich just in Salzgitter zum Thema Atommüll gesprochen und dabei zwei Punkte betont. Erstens: Ein Atommüll-Endlager in der ehemaligen Eisenerzgrube „Schacht Konrad“ müsse unbedingt verhindert werden. Zweitens: Wenn die marode Atommüllkippe Asse II, wie damals noch geplant, einmal geflutet sei, dann sei dort alles in bester Ordnung.
Zum ersten Punkt ist festzuhalten, dass Gabriel heute keine Gelegenheit auslässt, „Schacht Konrad“ als für Jahrtausende sicheres Endlager zu preisen. Und zum zweiten Punkt wies ein von Gabriel selbst in Auftrag gegebenes Gutachten nach, dass bei einer Flutung der Asse deren radioaktives Inventar binnen weniger Jahre das Grundwasser zu verseuchen droht.
Landwirt Walter Traube, der noch eine Verfassugsbeschwerde gegen die Genehmigung von „Schacht Konrad“ als Atommüllkippe am Laufen hat, hätte Gabriel gerne gefragt, welche Konsequenzen für „Schacht Konrad“ der Minister aus dem Asse-Debakel ziehe. Gabriel teilte mit, er habe leider keine Zeit für ein Gespräch.
Innensicht und Außensicht
von Jochen Stay

Immer wieder rufen mich Journalistinnen und Journalisten an, die ein Stück beim Treck mitfahren oder mich nach der Stimmung unterwegs befragen wollen. Die sind erstmal ganz irritiert, wenn ich erzähle, dass ich ja gar nicht vor Ort bin, sondern den ganzen Tag am Schreibtisch sitze. Ich gebe ihnen dann eine Nummer unserer Pressekontakt-Leute im Treck.
Telefonisch bekomme ich auch mehrmals am Tag Berichte vom Trecker. Die „Treckies“ sind schon jetzt ein wenig erschöpft, aber auch ziemlich euphorisch. Die Resonanz bei den Menschen, die sie unterwegs treffen, ist fast durchgehend positiv. Ich frage mich, ob es zu einer Diskrepanz von Innen- und Außensicht kommen kann. Wer im Treck mitfährt, fühlt sich stark und hat den Eindruck, Geschichte zu schreiben. Verstärkt wird das noch durch die Erinnerung an den Hannover-Treck von vor 30 Jahren, der ja zur Folge hatte, dass Ministerpräsident Albrecht das größte in Gorleben geplante Projekt, die atomare Wiederaufarbeitungsanlage, für politisch nicht mehr durchsetzbar erklärte. Und redet Sigmar Gabriel jetzt nicht auch schon davon, dass das Endlager-Projekt in Gorleben faktisch tot sei?
Ich telefoniere mit der taz und erfahre, dass sie ernstlich überlegen, demnächst mal eine Seite zum Thema „Was machen die unbeugsamen Wenden eigentlich, wenn Gorleben gekippt ist?“ zu machen. Ich bin ja notorischer Optimist und kann gar nicht genug davon bekommen, meinen Mitmenschen Mut zu machen, sich einzumischen, weil ich davon überzeugt bin, dass wir am Ende erfolgreich sein werden. Aber die Chance, jetzt mal so auf die Schnelle zu gewinnen, halte ich dann doch für äußerst begrenzt. Was wir in diesen Tagen erreichen können, ist – militärstrategisch ausgedrückt – ein wichtiger Raumgewinn.
Die beliebteste Frage der JournalistInnen bleibt weiterhin, mit wie vielen Leuten wir am Samstag auf der Großdemo rechnen. Und ich bin nicht nur aus taktischen Gesichtspunkten, sondern tatsächlich ahnungslos. Wird die Berichterstattung über die Gorleben- und Asse-Skandale und über den Treck noch mal Leuten den Anstoß geben, sich spontan auf den Weg zu machen? Wird das Einladungsschreiben nach Berlin, das wir letzte Woche per Post an etwa 14.000 Menschen geschickt haben, Wirkung zeigen? Kann die Mitfahrbörse auf unserer Webseite denen nützlich sein, die keinen Platz in einem Bus bekommen? Und der größte Unsicherheitsfaktor: Was halten die BerlinerInnen von der ganzen Geschichte? Lassen sie sich vom Treck oder der zugespitzten Atom-Debatte anstecken – oder ist das für gestandene HauptstädterInnen alles herzlich irrelevant?
Immerhin: Die Zahl der positiven Nachrichten nimmt zu: Die großen Kisten im .ausgestrahlt-Büro, vor einigen Tagen noch gefüllt mit tausenden Anti-Atom-Bonbons, sind jetzt leer – die süßen Demo-Botschafter wurden von Leuten bestellt, die in ihrem Umfeld aktiv mobilisieren. In Berlin, so höre ich, hängen in einigen Stadtteilen die Demo-Plakate an jeder Ecke. Ab morgen wird für den 5.9. auch im Berliner U-Bahn-TV geworben. Die Großplakate von .ausgestrahlt mit der riesigen Anti-Atom-Sonne und unser Kinospot machen bundesweit Eindruck. Aus Süddeutschland gehen Meldungen ein, dass die bisher gemieteten Busse ausverkauft sind, aber bei den Busgesellschaften noch weitere Fahrzeuge nachgeordert werden. Die Communities zur Demo auf diversen Web-2.0.-Seiten haben deutlichen Zulauf. Und schließlich erzählt mir Christoph Bautz von Campact am Telefon, dass bei ihrer Endlagersuchtour durch die Großstädte der Republik täglich hunderte von AktivIstinnen mitmachen. Die meisten davon wollen auch in Berlin dabei sein.
Innensicht? Außensicht? Nehme ich das alles zu positiv wahr? Keine Ahnung. Doch glücklicherweise werde ich schon in wenigen Tagen die Antwort wissen.
Staatsbesuch in Braunschweig und Salzgitter
von Jochen Stay
Die Region um das geplante Endlager für schwach- und mittelaktiven Atommüll im ehemaligen Eisenerzbergwerk Schacht Konrad hat eine ebenso lange Widerstandstradition wie das Wendland. Aber sie ist völlig anders gefärbt. Sind es rund um Gorleben die Bäuerinnen und Bauern, die so etwas wie den Kristallisationspunkt oder auch das Aushängeschild des Protests darstellen, so bilden in Salzgitter die Metaller von Volkswagen das Fundament des Widerstandes und setzten sich seit Jahr und Tag dafür ein, Schacht Konrad zu verhindern.
Und die Region zieht mit: Waren im letzten November nach einer bundesweiten Mobilisierung 16.000 Menschen in Gorleben auf der Straße, so haben sich im Februar diesen Jahres 15.000 nur aus der näheren Umgebung an der 52 km langen Lichterkette von Braunschweig über die Asse bis Schacht Konrad beteiligt. Das hat selbst einen Optimisten wie mich schwer beeindruckt.
Die Aktiven gegen Schacht Konrad haben den WendländerInnen eine Erfahrung voraus: Sie haben Sigmar Gabriel, der hier seinen Wahlkreis hat, vor etlichen Wahlen Stimmung gegen das Endlager Konrad machen hören und mussten erleben, wie er als Bundesumweltminister sang- und klanglos eingeknickt ist und nun zu den glühendsten Verfechtern dieses Projekts zählt. Wenn das mal nicht ein schlechtes Ohmen für das Wendland ist – hat Gabriel doch dem Endlagerprojekt Gorleben gerade, mitten im Wahlkampf, den Totenschein ausgestellt.
Schacht Konrad ist inzwischen genehmigt und wird derzeit ausgebaut. 2014 soll der erste Atommüll eingelagert werden. Es bleiben also noch fünf Jahre, genau dies zu verhindern. Schließlich wurde für das Bergwerk nie ein vernünftiger Nachweis der Langzeitsicherheit erbracht. Die AnwohnerInnen, die das vor Gericht monieren wollten, wurden einfach als nicht klageberechtigt abgewiesen. So hat sich die Justiz gar nicht erst inhaltlich mit den Bedenken befasst.
Gut also, wenn es enge Kontakte zwischen Lüchow-Dannenberg auf der einen und Braunschweig und Salzgitter auf der anderen Seite gibt. Der Treck wurde gestern in Braunschweig von 1.000 Menschen auf dem Rathausplatz empfangen, es gab eine Kundgebung mit dem örtlichen DGB-Vorsitzenden und Robin Wood ließ ein riesiges Banner am Stadtschloß-Einkaufszentrum herab. Die Stimmung war großartig.
Heute geht es den ganzen Tag kreuzt und quer durch Salzgitter. Die WiderständlerInnen aus der „Republik Freies Wendland“ werden dabei ein bisschen wie Staatsgäste behandelt. Schon gestern Abend gab es eine Begrüßung durch den Kreislandwirt (ja Bauern gibt es in Salzgitter auch), heute Morgen auf dem Rathausvorplatz von Salzgitter dann Empfang durch den Oberbürgermeister. Dem wurde als Gastgeschenk ein riesiger Findling aus dem Wendland – ja was denn eigentlich - „überreicht“ kann man da ja schlecht sagen - abgeladen eben. Am Mittag dann die Aufwartung beim Betriebsrat von VW und danach geht es zum Kaffeetrinken in die evangelische Kirchengemeinde und abends folgt das Treckfest auf dem Sportplatz vom FC Germania Bleckenstedt.
Was vielleicht in der Aufzählung ein bisschen kurios klingt, bildet doch wunderbar die Verankerung der Anti-Atom-Bewegung in Salzgitter ab. Vom Wendland wissen ja viele Menschen, dass der Widerstand da quer durch die ganze Bevölkerung geht. Schön, wenn wir das anlässlich des Trecks jetzt auch für Salzgitter lernen.
Und weil es in der Stadt eben nicht nur Metaller, sondern auch Landwirte gibt, wächst der Treck heute schon wieder um einige Fahrzeuge. Berlin, wir kommen!
Begleitfahrzeuge und Pyramiden
von Jochen Stay
Im Treck aus dem Wendland fahren inzwischen 50 Trecker, 20 Motorräder, 25 Fahrräder und 30 Begleitfahrzeuge mit, wobei Begleitfahrzeuge viel zu harmlos klingt, handelt es sich doch teilweise um ausgewachsene Trucks, selbtgezimmerte Wohnmobile und andere phantasievolle Gefährte. Demnächst stoßen noch 5 Trecker plus Begleitfahrzeuge und 30 FahrradfahrerInnen vom Lüneburger Treck dazu. Dann geht es weiter Richtung Braunschweig.
Die Stimmung ist phantastisch. Mit dazu beigetragen hat eine Nachricht aus Berlin: Dort haben sich heute Mittag für eine Stunden vier Mitglieder der Bäuerlichen Notgemeinschaft vor dem Kanzlerinnenamt in einer Pyramide angekettet. Drei Generationen aus einer wendländischen Widerstands-Familie waren dabei: Der Großvater im Rollstuhl, seine Tochter und zwei Enkelinnen. Nach einer guten Stunde wurde die Aktion selbstbestimmt beendet. Die Polizei war etwas ratlos.
Pyramiden sind ja die Spezialität der Notgemeinschaft: Beim letzten Tag X im Wendland hatten sich acht Bäuerinnen und Bauern in zwei Betonpyramiden gekettet und den Castor-Transport nach Gorleben stundenlang aufgehalten.
In den Radionachrichten wird stündlich das Fortkommen des Trecks gemeldet, immer mit dem Hinweis auf die Großdemo am 5. September in Berlin. Hätten wir dafür Werbespots schalten müssen, wäre das unbezahlbar gewesen.
Unterdessen feiert Springers „Welt“ in ihrer Online-Ausgabe fast schon euphorisch die Renaissance der Anti-Atom-Bewegung. Seltsame Zeiten sind das.
Die erste große Etappe
von Jochen Stay
Nach dem gestrigen Prolog von Gorleben bis Reddebeitz bei Lüchow ist heute die erste lange Treck-Etappe angesagt. In Reddebeitz starteten heute Morgen 50 bis 60 Fahrzeuge, Trecker mit Motivwagen, Transporter und LKW, ein Greenpeace-Tieflader mit Castor-Attrappe und Begleitfahrzeuge. Über Salzwedel, Brome (Kreis Gifhorn) geht es nach Ehra. Dort stößt auch ein zweiter Treck aus Lüneburg und Uelzen dazu. Das sind noch mal zehn Traktoren plus Begleitfahrzeuge.
In Braunschweig wird der Treck um 17 Uhr erwartet. Dort sind mehrere Kundgebungen und Aktionen vorbereitet. Tagesziel ist heute der Schacht Konrad in Salzgitter, geplantes Endlager für schwach- und mittelaktiven Müll in einem ehemaligen Eisenerzbergwerk.
Derzeit sind beide Teiltrecks mit Verspätung unterwegs, aber immer noch deutlich schneller, als üblicherweise ein Castor-Transport nach Gorleben braucht.
Protest in Zeiten des Wahlkampfs
von Jochen Stay
Protest in Zeiten des Wahlkampfs ist schon eine seltsame Sache. Heute beim Start des Anti-Atom-Trecks in Gorleben wurde ich immer wieder von JournalistInnen gefragt, was wir denn überhaupt noch demonstrieren, da doch in den Parteien immer deutlicher auf unsere Forderungen eingegangen werde. Nachdem Bundesumweltminister Sigmar Gabriel schon letzte Woche das Endlagerprojekt Gorleben für tot erklärte und selbst die CDU-Umweltministerin von Baden-Württemberg, Tanja Gönner, öffentlich über die Suche von Alternativstandorten nachgedacht hat, geht es in den letzten Tagen Schlag auf Schlag:
Der niedersächsische Umweltminister Hand-Heinrich Sander (FDP) erschreckt die Menschen im Emsland und in Bad Zwischenahn, weil er die dortigen Salzstöcke als möglichen Ersatz für Gorleben ins Spiel bringt. Sein Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) will zwar erstmal noch in Gorleben weiter erkunden, sollte das aber nichts werden, kommen seiner Ansicht nach nur noch Standorte außerhalb Niedersachsens in Frage. St. Florian lässt grüßen. Schleswig-Holsteins neuer Umweltminister Christian von Boetticher (CDU) warnt davor, sich bei der Suche nach einem geeigneten Endlager auf Gorleben zu konzentrieren. "Wir sollten auch nach Alternativen Ausschau halten", sagt er und verweist auf die Erfahrungen mit dem maroden Atommülllager Asse. Franz Müntefering (SPD) bringt seine Position wie immer in kurzen Sätzen auf den Punkt: „Wir brauchen ein sicheres Endlager. Gorleben ist es nicht. Wir müssen auf die Suche nach einem neuen Standort gehen.“ Da müssen sich die Grünen beeilen, wollen sie nicht ins Hintertreffen geraten. Schließlich war es bisher offizielle Position der Partei, zwar andere Standorte erkunden zu wollen, aber Gorleben mit im Spiel zu lassen.
Es wird spannend um Gorleben, spannend vor allem, was nach dem 27. September von all diesen Aussagen übrig bleibt. Tom Buhrow in den Tagesthemen: „Während die Empörung von Politikern sich gewöhnlich in Wahlkampfzeiten noch steigert, gibt es Menschen, die schon lange empört sind und zwar jeden Tag. Seit drei Jahrzehnten kämpfen Bauern und Städter aus dem Wendland gegen ein Atom-Endlager in Gorleben und heute fuhren sie wieder mit ihren Protest-Treckern los.“
Die wendländische Sicht
von Jochen Stay
143 Trecker waren heute in Gorleben, über 1.000 WendländerInnen haben sie verabschiedet. Die Anti-Atom-Sonne schiene vom Himmel, die Stimmung war kämpferisch – sehr kämpferisch.
Die letzten Wochen kocht das Thema Gorleben in den Medien ja wieder mal richtig hoch; eine ganze Reihe gewichtiger Leute äußern sich dazu. Doch an den Atomanlagen in Gorleben waren heute ein Teil derjenigen versammelt, denen das Thema schon seit über 32 Jahren auf den Nägeln brennt. Die finden es bestenfalls amüsant, wie der Bundesumweltminister das Endlagerprojekt in Gorleben gerade für tot erklärt, denn sie sind schon zu oft belogen und betrogen worden.
Carsten Niemann von der Bäuerlichen Notgemeinschaft hat heute deutliche Worte gefunden:
„Ich bin stinksauer auf diese Atomprofiteure, diese Smile Westerwelles und Backpulver Angies, die aus Ignoranz oder Profitgier oder von mir aus Dummheit eine Politik machen, die so verantwortungslos ist, das einem die Worte fehlen. Wenn man die letzten Tage die Presse verfolgt hat, glaubt man doch, im falschen Film zu sein. Alles was wir Atomkraftgegner in den letzten 30 Jahren gesagt und befürchtet haben, bestätigt sich jetzt. Die Asse für tausende Jahre geplant – säuft nach 30 Jahren ab. Morsleben, von Angie und Kohl über die Wende gerettet, stürzt ein. Und hier in Gorleben, politisch bestimmt zum Standort geworden, die Lüge des Jahrhunderts. Die haben wohl nicht alle Latten am Zaun. Wir haben doch nicht umsonst schon 30 Jahre gekämpft, uns beschimpfen lassen, kriminalisieren und für dumm hinstellen lassen müssen.
Wir werden nicht dafür bezahlt, heute hier zu sein. Die, die uns diese Atommisere eingebrockt haben, die sich im Atomforum und ähnlichen Clubs treffen, machen das nicht ehrenamtlich, die machen das nur für Kohle. Denen wollen wir das Handwerk legen, egal wer nach dem 27.9. regiert.
Natürlich wird das schwierig, das wissen wir, aber – na und – wir sind hart im Nehmen und ziemlich kampferprobt und wir wissen, warum wir das machen. Wir können nicht einfach unsere Existenzen, unsere Felder, Ställe und Tiere nehmen und beim nächsten Störfall auf die Malediven abhauen. Es geht um uns, unsere Familien, um Euch alle hier. Und wenn unsere Blockaden und Betonpyramiden nicht ausreichen, dann fällt uns oder der nächsten Generation eben was noch Besseres ein.
Und wenn ich das jetzt hier sehe, so viele junge Menschen, dann weiß ich, dass es richtig war, durchzuhalten, auch und gerade in Zeiten, in denen einige den Widerstand totsagen wollten. Das war nicht immer einfach mit dem von uns herbeigesehnten Atomausstieg - und dann unter rot-grün mehr Castoren als je zuvor. Das waren harte Zeiten mit nur wenigen Leuten auf einer Anti-Atom-Demo. Aber wir haben durchgehalten.
Und jetzt fahren wir nach Berlin. Wir werden drei Wochen vor der Wahl jedem, der regieren will, deutlich sagen: Steigt aus! Hört endlich auf mit diesem Scheiß!“
Der Treck ist gestartet
von Stefan Diefenbach-Trommer
Ich gebe zu: Ich war immer skeptisch. Wen interessiert es, wenn ein paar Bauern auf ihre Trecker steigen, durchs Land tuckern und irgendwann in Berlin ankommen? Werden dafür tausende Menschen nach Berlin kommen? Wird da ein Fernsehteam eine Kamera drauf halten?
Jetzt ist der Treck gestartet und obwohl ich mehrere huntert Kilometer entfernt in Marburg sitze, überläuft mich der Schauer, den ein historisches Ereignis auslöst, und ich wäre gern dabei, mittdenrin. Jochen twittert ebenso berauscht Kurznachrichten, er ist als echter Wendländer vor Ort.
Jawohl, es geht los, und ich glaube, der Treck wird großartig und die Demo am 5.9. mindestens genauso großartig. Es ist Wochenende, ich sollte Zeit mit meiner Familie verbringen, aber neue Nachrichten müssen auf www.ausgestrahlt.de, wir haben endlich eine Mitfahrbörse für Einzel-DemonstrantInnen, keine Zeit für eine Pause - das wird zehn Tage so weitergehen, wir werden alle von einer großartigen Demo und der Ankunft der Trecker in Berlin belohnt werden, und dann ist kurz Zeit zum Luftholen. Bevor wir uns auf die Zeit nach der Wahl vorbereiten müssen.
Bei .ausgestrahlt haben wir bereits jetzt dafür Vorbereitungen getroffen, damit jede Partei weiß: Ausstieg heißt abschalten, und wer immer davon abweicht, bekommt den nächsten Treck auf den Hals gehetzt!
Wie sich die Halbwertszeit von Wahlkampfaussagen verlängern lässt
von Jochen Stay
Die Schlagzeilen der letzten Tage rund um das Endlagerprojekt Gorleben zeigen zweierlei: Zum einen ist die Atomdebatte mit voller Wucht im Wahlkampf angekommen, zum anderen hat es die BI Lüchow-Dannenberg verstanden, die Diskussion genau im richtigen Augenblick mit brisanten Informationen zuzuspitzen. Zuerst am letzten Wochenende die Meldung über rechtliche Probleme durch zeitlich befristete Salzrechte-Verträge in Gorleben - und dann noch die Tatsache, dass die Regierung unter Kanzler Helmut Kohl im Jahr 1983 Bedenken von Fachleuten gegen ein Endlager in Gorleben mit einer politischen Weisung vom Tisch fegte.
Sigmar Gabriel erklärte daraufhin: „Der Standort Gorleben ist tot für ein Endlager“ und selbst die baden-württembergische CDU-Umweltministerin Tanja Gönner sperrt sich nicht mehr generell gegen ein neues Suchverfahren über Gorleben hinaus. Nun sind diese Aussagen in erster Linie dem Wahlkampf geschuldet und es ist kein Verlass darauf, dass sie nach dem 27. September noch eine Rolle spielen. Aber andererseits zeigt die heftige Reaktion der Lobbyisten vom Deutsche Atomforum („bösartig“, „politische Heuchelei“), dass die Stromkonzerne genau wissen, was auf dem Spiel steht.
Genau an dieser Stelle bekommt die Anti-Atom-Bewegung eine entscheidende Rolle: Ohne unseren Protest werden Gabriels radikale Sprüche eine extrem kurze Halbwertszeit haben. Aber durch unseren Protest können die in breiten Kreisen der Bevölkerung, der Medien und auch der Parteien aufgetretenen Zweifel an einem „Weiter so“ in der Atompolitik so verstärkt werden, dass wir nach der Bundestagswahl viel erreichen können. Denn aus der hitzigen Debatte um Gorleben gibt es nur eine vernünftige Schlussfolgerung. Da es auch nach 50 Jahren Atomenergie-Nutzung kein sicheres Endlager gibt, bleibt nur eins: Atomkraftwerke endlich abschalten!
Der 5. September in Berlin ist eine phantastische Gelegenheit, dieser Forderung laut, kraftvoll und massenhaft Ausdruck zu verleihen: Wenn jetzt, mitten in dieser Debatte, viele Menschen gemeinsam auf die Straße gehen, wird damit der Öffentlichkeit und den Parteien deutlich, dass der alte Konflikt um die Atomenergie in neuer Schärfe weitergehen wird, sollte der lang versprochene Ausstieg nicht endlich umgesetzt werden. Dann haben wir alle Chancen, viel zu erreichen.
PolitikwissenschaftlerInnen sprechen in so einem Fall von einem „window of opporunity“. Dieses „Fenster der Gelegenheit“ steht derzeit sperrangelweit offen.
Die Legende wird zum Problem
von Jochen Stay
Die Idee für den Anti-Atom-Treck mit anschließender Großdemo ist kurz nach dem letzten Castor-Transport nach Gorleben im November 2008 bei einem Treffen der wendländischen Bäuerlichen Notgemeinschaft entstanden. Da kamen drei Dinge zusammen: Zuerst die schlichte Frage: „Was machen wir eigentlich im Herbst 2009, wenn kein Castor nach Gorleben roll?“ Dann die politische Analyse: „2009 wird das Jahr der Entscheidung über die Zukunft der Atomenergie“. Und schließlich die Tatsache, dass es genau vor 30 Jahren, 1979, schon einmal einen Gorleben-Treck mit anschließender Großdemo gab; damals war die niedersächsische Landeshauptstadt Hannover das Ziel. Denn dort war der CDU-Politiker Ernst Albrecht (Vater der Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen) Ministerpräsident und zuständig für alle Planungen und Entscheidungen in Sachen Gorleben.
Während die Trecker damals unterwegs waren, kam es im US-amerikanischen AKW Harrisburg zu einer teilweisen Kernschmelze. Der Schock ging um die Welt und führte dazu, dass die Bäuerinnen und Bauern in Hannover trotz strömendem Regen von 100.000 Menschen empfangen wurden – eine der größten Demonstrationen in der Geschichte der Anti-AKW-Bewegung. Der Druck von der Straße zeigte Wirkung: wenige Wochen später erklärte Albrecht in einer denkwürdigen Rede die für Gorleben geplante atomare Wiederaufarbeitungsanlage, eine riesige Plutoniumfabrik, für „politisch nicht durchsetzbar“. Seither ist der 1979er Treck eine der Legenden, die sich AtomkraftgegnerInnen in kalten Blockadenächten oder am Lagerfeuer im Protestcamp ehrfurchtsvoll erzählen.
Jetzt steht der neue Treck an und die Legende wird zum Problem. Denn die Zahl 100.000 spukt noch in vielen Köpfen rum. Einige ältere JournalistInnen erinnern sich an Hannover, viele der damals Beteiligten DemonstrantInnen sowieso und manche meinen, wenn es diesmal in die Millionenstadt Berlin geht, dann ist das locker zu toppen. Dabei hat Berlin alles mögliche, nur keine Vergangenheit als Frontstadt der Anti-AKW-Bewegung. Es wird also nicht einfach, die demoverwöhnten BewohnerInnen der Hauptstadt zum Thema Energiepolitik in Massen auf die Straße zu bringen. Deswegen gehen realistische Schätzung derzeit von einigen Zehntausend DemonstrantInnen am 5.9. aus. Das wäre dann schon mit Abstand die größte Anti-Atom-Demo in der Berliner Geschichte und ein großer Erfolg. Schließlich wollen wir nicht hoffen, dass es während des Trecks wieder irgendwo auf der Welt einen schweren Reaktorstörfall gibt. Auf solche Unterstützung verzichten wir gerne.
Trotzdem ist die 100.000 in der Welt, stand sogar schon in einigen Zeitungen. Die Standardfrage aller JournalistInnen in diesen Tagen ist: „Mit wie vielen Leuten rechnen Sie denn?“ Die Presse giert nach Zahlen und je höher eine genannte Zahl ist, um so eher wird sie gedruckt. Eine für uns gefährliche Dynamik.
Denn der Erfolg einer Demo wird in den Medien sehr stark im Vergleich zu den Prognosen gemessen. Das ist wie mit den Aktienkursen, die ja auch sinken, wenn der Gewinn eines Unternehmens zwar exorbitant, aber nicht ganz so hoch wie die vorher veröffentlichten Schätzungen ausfällt. Sind 20.000 DemonstrantInnen prognostiziert und es kommen 30.000, ist die Demo ein riesiger Erfolg. Ist eine Schätzung von 100.000 im Raum und es kommen 60.000, schreibt die Presse eine Niederlage herbei, obwohl es ja mehr Leute sind als im ersten Fall. Das ist ein bisschen verrückt, aber so funktionieren die Medien eben und wir können das nicht ändern.
Deshalb haben wir uns im Demo-Trägerkreis so eine Art Schweigegelübde auferlegt, wenn die übliche Frage nach der TeilnehmerInnen-Prognose kommt. Oder wir sagen halt so was wie „fünfstellig“, denn das stimmt ja immer, ob nun 10.000 oder 99.999 dabei sein werden.
Vor dem Start
von Jochen Stay
Morgen geht es also los. Nach acht Monaten Vorbereitung startet der Treck um 14 Uhr an den Atomanlagen in Gorleben. Genau genommen startet nur der so genannte Wochentreck. Es wird nämlich gleich zwei Trecker-Karawanen aus dem Wendland nach Berlin geben: Die einen sind eine ganze Woche auf Tour und machen unterwegs eine Menge Aktionen. Die anderen starten erst am Freitagmorgen, weil Menschen und Maschinen die Woche über auf den Höfen noch nicht entbehrlich sind. Das wird dann der „schnelle Treck“. Am Freitagabend treffen sich alle am Stadtrand von Berlin.
Für den Wochentreck haben sich aus dem Wendland etwa 30 Trecker angekündigt, samt Besatzung, eine ganze Reihe Begleitfahrzeuge und einige RadlerInnen, insgesamt so an die 150 Leute. Unterwegs wird der Treck aber wachsen. Aus der Nähe des AKW Grohnde haben sich zwei Trecker angekündigt, über Lüneburg und Uelzen kommt ein eigener kleiner Treck, der am Sonntag in Braunschweig zu den WendländerInnen stößt. Wie viele Landwirte aus der Region um die Asse sich mit auf den Weg nach Berlin machen werden, ist derzeit überhaupt noch nicht absehbar.
Morgen zur Verabschiedung in Gorleben werden auch diejenigen Bauern und Bäurinnen samt Landmaschinen dabei sein, die dann erst Freitag mit dem „schnellen Treck“ hinterherkommen. Dafür sind bisher 140 Traktoren angemeldet. Aber Insider gehen davon aus, dass da noch einige dazukommen. Bauern sind zuweilen ein sehr spontanes Völkchen.
Ich persönlich bin ja ein bisschen traurig, weil ich morgen auch gerne mitfahren würde. Mein manchmal lästiges Pflichtgefühl hält mich am Schreibtisch im .ausgestrahlt-Büro. Wir nutzen die Woche zur weiteren Vorbereitung für die Demo am 5. September. Und wir planen schon darüber hinaus. Schließlich wollen wir zu den Koalitionsverhandlungen, egal wie die Bundestagswahl ausgeht, eine „Ständige Vertretung“ der Anti-AKW-Bewegung in Berlin einrichten und den Koalitionären auf die Pelle rücken.
Aber das ist alles Zukunftsmusik. Jetzt geht erstmal der Treck los. Und morgen Mittag bin ich natürlich in Gorleben statt am Schreibtisch.



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