Hoffnungslos unterversicherte Atomkraftwerke
Wer in der Bundesrepublik ein Auto besitzt und fährt, muss sein Fahrzeug versichern, dazu ist er oder sie gesetzlich verpflichtet. Wegen der großen „Betriebsgefahr“, die von einem Auto ausgeht, muss jede und jeder FahrzeughalterIn eine Haftpflichtversicherung abschließen, die die bei einem Unfall anfallenden Kosten deckt.
Für Betreiber von Atomkraftwerken gelten andere Regeln: Keins der deutschen Atomkraftwerke ist auch nur annähernd ausreichend versichert. Haftpflichtversicherung und Deckungsvorsorge der vier AKW-Betreiber decken zusammen gerade mal 2,5 Mrd. € ab, einen winzigen Bruchteil des Schadens, der im Falle eines Super-GAU zu erwarten wäre. Die Autos auf dem Parkplatz vor einem AKW sind zusammen besser versichert als das Kraftwerk selbst. Der Grund dafür ist einfach: Keine Versicherung ist bereit, die enorm risikobehafteten AKW vernünftig zu versichern. Die Assekuranzen betrachten die Frage nämlich rein ökonomisch und rechnen mit der einfachen Formel „Unfallwahrscheinlichkeit mal Schadenssumme“. Und aufgrund der begrenzten finanziellen Rücklagen wäre keine Versicherung in der Lage, im Schadensfall alle entstehenden Forderungen zu begleichen.
Ein Super-GAU kostet Tausende Milliarden
Denn die finanziellen Schäden bei einem schweren Atomunfall in der Bundesrepublik wären gigantisch: Laut einer Studie von 1992 im Auftrag des FDP-geführten Bundeswirtschaftsministeriums wäre bei einem schweren Kernschmelzunfall in einem deutschen AKW mit Schäden von bis zu 5.500 Milliarden Euro zu rechnen. Eine neue Studie im Auftrag der Versicherungsforen Leipzig aus dem Jahr 2011 errechnete eine Schadenssumme von mindestens 6.090 Milliarden Euro. Die bestehende Haftpflichtversicherung der AKW-Betreiber deckt also selbst im günstigsten Fall nur 0,1 Prozent des finanziellen Schadens ab.
Im Zweifel haftet die Allgemeinheit
Zwar haften die AKW-Betreiber bei einem Super-GAU auch mit dem Vermögen ihrer Unternehmen, faktisch ist darauf im Zweifelsfall aber kein Verlass. Denn der Wert der Konzerne ist minimal im Vergleich zu den extremen Kosten eines schweren Atomunfalls. Fukushima zeigt, wie viel ein Atomkonzern im Katastrophenfall noch wert ist: Seit der Reaktorkatastrophe infolge des Bebens und des Tsunamis am 11. März hat die Aktie von Tepco bereits mehr 80 Prozent an Wert verloren. Zwei Monate nach dem Reaktorunglück ist Tepco dann endgültig pleite und muss Staatshilfe beantragen, um für die Folgen des Unglücks aufkommen zu können.
Der AKW-Betreiber wäre also nach einer Katastrophe zwar bankrott, der größte Teil der Kosten aber bliebe an der Allgemeinheit hängen: Letzlich müsste der Staat dafür einspringen, um die Folgen eines Super-GAU zu bezahlen. Wir alle tragen somit nicht nur das volle gesundheitliche, sondern auch das finanzielle Risiko eines Atomunfalls.
Die Lüge vom billigen Atomstrom
Würden solche Risiken beachtet und im Strompreis berücksichtigt, müsste gemäß der Studie der PROGNOS AG von 1992 Atomstrom etwa 2 Euro pro Kilowattstunde kosten – und wäre damit völlig unrentabel. Die Leipziger Versicherungsforen errechneten 2011 einen Preis von 2,36 Euro für eine Kilowattstunde Atomstrom. Das entspricht einem Strompreis, der etwa achtmal so hoch ist, wie eine Kilowattstunde heute für Privatkunden kostet. Vom billigen Atomstrom kann also keine Rede sein.
Haftpflicht an = AKW aus.
All das macht deutlich: Atomkraftwerke sind ökonomischer Unfug. Würden Bundestag und Bundesregierung eine umfassende Haftpflichtversicherung für AKW gesetzlich vorschreiben, wäre kein Reaktor mehr rentabel, alle 17 würden sofort stillgelegt. Dass die AKW-Betreiber hingegen das Risiko eines Super-GAU weiterhin nicht selbst tragen müssen, sondern auf die Allgemeinheit abwälzen, ist völlig inakzeptabel.
Zum Weiterlesen:
- "Atomkraftwerke lassen sich nicht versichern"
Interview mit dem Versicherungsmathematiker Prof. Dr. Dietmar Pfeiffer. - "Versicherungswissenschaft belegt: AKW sind nicht versicherbar"
Veröffentlichung der Studie der Leipziger Versicherungsforen in Kurz- und Langfassung mit zusätzlichen Informationen des Bundesverbands Erneuerbarer Energien. - Pressemitteilung von .ausgestrahlt zum Thema
Was du noch tun kannst:
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