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07.03.2013 | von Jörg Raupach

Dekontaminierung: Sisyphos und Mythos. Zement für bestehende Strukturen

Auf der einen Seite wird den Betroffenen finanzielle Unterstützung bei freiwilliger Evakuierung verweigert und deren Grundrecht auf Schutz der Gesundheit vorenthalten. Auf der anderen Seite werden Unsummen in den Versuch der Dekontaminierung gesteckt. War aus Sicht der Betroffenen, die nicht sofort evakuiert werden konnten, die Forderung nach Dekontaminierung der direkten Lebensumgebung und öffentlicher Einrichtungen (Spielplätze, Kindergärten, Schulhöfe) eine drängende Sofortmaßnahme, so häuft sich mittlerweile die Einschätzung, daß die Dekontaminierung als Vorwand benutzt wird, um das Recht auf freiwillige Evakuierung zu begrenzen. Oberste Priorität gewinnt der Wiederaufbau und der ist ohne eine Dekontaminierung nicht möglich.

Das Bedürfnis vieler Betroffener, an die alte Lebensstätte zurückzukehren und den alten Zustand wiederherzustellen ist natürlich äußerst menschlich. Jeder, der in eine andere Richtung argumentiert, setzt sich dem Vorwurf menschlicher Kälte aus.

Fakt ist aber auch, daß bei allen Bemühungen und massiven Anstrengungen die Dekontaminierung äußerst schleppend verläuft. Es ist einfach so, daß gerade in den bergigen Gegenden immer wieder radiokative Strahlung aus den umliegenden Wäldern und Hängen auf die Siedlungen herabfällt oder abregnet, und gerade dekontaminierte Flächen erneut verstrahlt. Sisyphos läßt grüßen…

Hinzu kommt das Problem, wohin mit den ganzen verseuchten, abgetragenen Erdmassen. Überall sieht man mit Planen abgedeckte Haufen oder große Plastiksäcke mit verstrahltem Erdreich und Laub, deren Entsorgung ungeklärt ist. Ganz zu schweigen davon, daß sich in jüngster Zeit die Skandale häufen über beauftragte Firmen, die unsachgerecht arbeiten, ja sogar radioaktive Abfälle einfach in nahegelegenen Bächen und Flüssen abfliessen lassen.

Die Bauwirtschaft profitiert, Betroffene werden ausgegrenzt

Ich möchte aber noch zwei ganz andere Aspekte hervorheben, die ein sehr dunkles Licht auf die japanische Politik und Gesellschaft werfen: Zum einen genießt die Dekontaminierung im Zeichen des Wiederaufbaus höchste, wirtschaftspolitische Priorität der neuen Regierung, die damit ihre traditionelle Klientel in der Bauwirtschaft versorgt. Dekontaminierung ist ein höchst lukratives Geschäft für einschlägige Interessengruppen, vorweg großer Baukonzerne mit Sitz in Tokyo, geworden. Lokale Subunternehmer, die häufig auch auf den lokalen Bürgermeister und die lokale Bürgerversammlung starken Einfluß ausüben, lockt natürlich die Aussicht auf Geschäft, auch wenn ein erheblicher Teil der Marge an die Generalunternehmer abwandert und der Region nicht zugute kommt. Dadurch werden althergebrachte, etablierte Strukturen zementiert und die politische Machtbasis gefestigt.

Mit den massiven Anstrengungen zur Dekontaminierung spricht die japanische Regierung tiefliegende Gefühle von Heimatverbundenheit und Tradition an. Es wird der Glaube geschürt, die Dinge seien fest im Griff, die Folgen der Atomkatastrophe seien technisch zu bewältigen, und der alte Zustand sei in absehbarer Zeit wiederherstellbar. Meines Erachtens wird hier ein Mythos geschürt, anstatt den Menschen reinen Wein einzuschenken. In vielen Fällen ist die Dekontaminierung schlichtweg nicht mit vertretbaren Mitteln und in einem vertretbaren, zeitlichen und wirtschaftlichen Rahmen machbar. Kurzum: Das Recht auf freiwillige Evakuierung und entsprechende finanzielle Unterstützung muss Priorität erhalten, der Schutz der Gesundheit muss absoluten Vorrang haben.

Dies sehen auch viele direkt Betroffene so, aber hier – und das ist der zweite, dunkle Aspekt – werden die Mahner oft ausgegrenzt, als Nestbeschmutzer verunglimpft, und der Zersetzung des gemeinschaftlichen Geistes bezichtigt. Ähnlichem sozialen Druck sind auch Betroffene ausgesetzt, die Heimat verlassen wollen oder auf die gesundheitlichen Risiken verweisen. Mir wurde etwa berichtet, dass Kinder andere Kinder hänseln oder sogar Lehrer in Schulen sich über Schüler lustig machen, wenn diese zum Schutz vor Strahlung Masken vor dem Mund tragen. Auch das ist eine dunkle Seite des Lebens mit der Strahlenbelastung.

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