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24.03.2015 | von Jan Becker

„Sicherer Einschluss“ für das Atomkraftwerk Grafenrheinfeld gefordert

Eon will das Atomkraftwerk Grafenrheinfeld nach Stilllegung im kommenden Mai möglichst schnell zurückbauen. AtomkraftgegnerInnen fordern hingegen, aus Sicherheitsgründen auf einen „Sicheren Einschluss“ zu setzen.

Der „Rückbau“ von großen Atomkraftwerken gehört zu den aufwändigsten Prozessen in der Beseitigung von Altlasten auf der Welt. Grund dafür sind die teilweise hohen Strahlenbelastungen in vielen Materialien, die eine Entsorgung kompliziert und aufwändig machen.

Grundsätzlich unterscheidet die Internationale Atomenergiebehörde IAEA drei, für Deutschland zwei Varianten des „Rückbaus“: den „Sofortigen Rückbau“ und den „Sicheren Einschluss“. Ersteres erlaubt eine relativ zeitnahe Stilllegung nach dem regulären Betrieb. Für gewöhnlich beginnen endgültige Rückbau- oder Dekontaminierungsarbeiten nach einigen Monaten bis Jahren. Am Ende entsteht dann die propagierte „Grüne Wiese“, die Gebäude werden also vollständig abgerissen.

AKW-Betreiber Eon plant in Grafenrheinfeld den direkten „Rückbau“. Argumentiert wird vor allem mit dem heute vorhandenen Fachkenntnissen und Erfahrungen, auf die in 40 bis 60 Jahren nicht mehr zurückgegriffen werden könne. Vermeintlicher Vorteil dieser Variante ist auch, dass damit die Kraftwerks-Ruine nicht kommenden Generationen hinterlassen wird. Im Grunde herrscht unter den deutschen AKW-Betreiber Konsens, dass diese Rückbauvariante zu bevorzugen ist.

Bei der Vorgehensweise des „Sicheren Einschlusses“ werden abgeschaltete Anlagen über einen langen Zeitraum hermetisch verschlossen, bis die Strahlung zurückgegangen ist. Nach rund 40 bis 60 Jahren wird dann mit Maßnahmen zum „Rückbau“ begonnen. In Deutschland wurden zum Beispiel der THTR Hamm-Uentrop und das AKW Lingen zubetoniert, um erst Jahre später mit den eigentlichen Rückbau-Arbeiten zu beginnen.

Ganz andere Aspekte als der Atomkonzern Eon berücksichtigt der Bund Naturschutz (BN) in Bayern und fordert einen „Sicheren Einschluss“. Die Umweltschützer wollen, dass das Reaktorgebäude in Grafenrheinfeld solange stehen bleibt, wie auch strahlenverseuchtes Material auf dem Kraftwerk-Gelände gelagert wird. Nach derzeitiger Genehmigung verbleiben die Castorbehälter im Zwischenlager BELLA noch bis mindestens 2046. Eon plant zudem ein zusätzliches Abfalllager mit Müll für Schacht Konrad zu errichten. Wann und ob Konrad in Betrieb gehen wird, ist allerdings heute völlig offen.

Würde nun das Reaktorgebäude mit der bestehenden Genehmigung zum Umgang mit atomaren Stoffen nicht mehr existieren, gäbe es folgenschwere Probleme – etwa bei einem Schaden an den Atommüll-Behältern oder Castoren, argumentiert der BN. Auch wenn es zu einem Sicherheitsproblem in einer der Hallen käme, brauche man das Reaktorgebäude, sind sich Peter Neubert, Bürgermeister der angrenzenden Ortschaft Bergrheinfeld und der BN einig. Denn nur dieses Gebäude sei strahlensicher und berge mit dem Abklingbecken die Möglichkeit für Reparaturen. Auch würde nach einem Einschluss für rund 30 Jahre die Radioaktivität im Inneren des Reaktors deutlich gesunken sein und der Abriss würde sich „deutlich unproblematischer“ gestalten.

„Wir fordern zu klären, welche technischen Alternativen nach Abriss als lokales ‚Backup‘ für Unvorhergesehenes am Zwischenlager zur Verfügung stehen. Die Ankündigung der Errichtung einer sogenannten Bereitschaftshalle löst dieses Problem nicht auf“, so der Bund Naturschutz in einer aktuellen Pressemitteilung.

Zusätzlich verweisen die AtomkraftgegnerInnen noch ein weiteres, großes Problem: Nach dem Verlust der Betriebsgenehmigung für das Standortzwischenlager in Brunsbüttel müsse auch das vergleichbare Lager in Grafenrheinfeld „in einem neuen Verfahren neu genehmigt werden“, fordert der BN. Gerade wenn das Reaktorgebäude nach einem Abriss als Notfalllösung nicht mehr existiere, käme der Sicherheit des Zwischenlagers eine ganz neue Bedeutung zu. Das Zwischenlager am AKW Grafenrheinfeld müsse deshalb „baulich deutlich verbessert werden“, resumiert der BN.

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Quellen (Auszug): br.de, bund-naturschutz.de, de.wikipedia.org; 24.3.2015

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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