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19.10.2015 | von Jan Becker

Tschernobyl-Spätfolgen: Alarm im AKW Temelin

Im tschechischen Atomkraftwerk Temelin hat ein Mitarbeiter Strahlenalarm ausgelöst, nachdem er zuvor kontaminiertes Wildschweinfleisch gegessen hatte. Die Strahlung stammt vom Super-GAU im ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl vor fast 30 Jahren.

Bei Zugangskontrollen hätten die „hochempfindlichen Messgeräte“ für Radioaktivität Alarm ausgelöst, als der Mitarbeiter das Werksgelände betreten wollte. Diese Routineuntersuchungen sollen sicherstellen, dass bei möglichen Kontaminationen im Kraftwerk keine radioaktiven Partikel mit nach draußen verschleppt werden. Es bestünde für den betroffenen Mitarbeiter „keine Gefahr“, weil der zulässige Grenzwert eingehalten worden sei, berichtete AKW-Sprecher Marek Svitak Ende vergangener Woche.

Das Wildschweinfleisch soll aus dem Böhmerwald an der deutsch-tschechischen Grenze stammen. Die bei der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl am 26.04.1986 freigesetzte Strahlung war über großen Teilen Europas niedergeregnet und hatte den Waldboden und die Pflanzen auch in Bayern kontaminiert. Besonders in Wildschweinen reichert sich das radioaktive Cäsium-137 an, das eine Halbwertzeit von 30 Jahren besitzt. Heute ist also immer noch die Hälfte der Menge vorhanden, wie sie 1986 freigesetzt wurde.

Im Dezember 2014 veröffentlichte das Umweltinstitut München die Ergebnisse von flächendeckenden Untersuchungen von Waldprodukten. Dabei wurde in Proben aus dem Böhmerwald, vor allem Pilze, Cäsium-137 mit einer Belastung von über 900 Bequerel pro Kilogramm (Bq/kg) gemessen. Der Grenzwert für den Verzehr liegt bei 600 Bq/kg. An anderen Orten wurde Wildfleisch mit einer Belastung bis zum fünfzigfachen des aktuellen Grenzwerts gefunden. Christina Hacker, Vorstand im Umweltinstitut München, bezeichnete die Ergebnisse damals als „alarmierend“. Denn die Situation wird aufgrund des langsamen Zerfalls der Radioaktivät noch lange so bleiben.

Besonders brisant ist, dass vielen Menschen die Bedeutung dieser Belastungen nicht bewusst ist. Selbst bei Einhaltung der geltenden Grenzwerte gewährleisten diese keinen 100%tige Schutz vor späteren Erkrankungen und sind daher umstritten.

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl ist allgegenwärtig. Wenn sich der Super-GAU im kommenden April zum 30ten Mal jährt, werden sich wieder viele Menschen an Protestaktionen im ganzen Land beteiligen und die schnellere Abschaltung der Atomanlagen fordern.

  • 30 Jahre nach Tschernobyl: Verstrahlte Pilze & Wildschweine
    3. Dezember 2014 — Dass vor allem in Süddeutschland Wildpilze, Waldbeeren und Wildfleisch noch teilweise gefährlich hoch mit radioaktivem Cäsium belastet sind, belegen Untersuchungen des Umweltinstitut München. Fast 30 Jahre lang sammelt das Institut seit dem GAU von Tschernobyl Messergebnisse und stellt nun eine interaktive Landkarte zur Verfügung.

Quellen (Auszug): dpa, umweltinstitut.org; 16.10.2015

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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