.ausgestrahlt-Blog

18.11.2015 | von Jan Becker

Notbremse im französischen AKW Fessenheim

AtomkraftgegnerInnen fordern seit Monaten, dass der französische Präsident Hollande seinem Wahlkampf-Versprechen nachkommen soll, das älteste Atomkraftwerk des Landes stillzulegen. In einem Offenen Brief wurde im Oktober auch an Bundeskanzlerin Merkel appelliert, sich dafür einzusetzen. Nun ist es in Block 2 erneut zu einem Störfall mit Notabschaltung gekommen.

Vor einigen Tagen erst zeichnete Marc Simon-Jean, Direktor des Kraftwerks, Mitarbeiter dreier Dienstleistungsunternehmen aus, weil sie während des planmäßigen Revisionsstillstands von Block 2 im März „vorbildliche Leistungen im Bereich der Sicherheit“ gezeigt hätten.

Nun wurde am Dienstag gegen 10.00 Uhr genau dieser Reaktor vom Schutzsystem automatisch und ungeplant heruntergefahren, berichtet Betreiber EdF auf seiner Webseite. Zu den Ursachen des Betriebsstopps schreibt der Atomkonzern bislang nichts. Block 1 am Standort ist in Betrieb, dort war es Ende August zu einer automatischen Abschaltung gekommen.

AtomkraftgegnerInnen warnen vor den Belastungen auf alle beteiligten Bauteile bei dieser „Notbremse“. Wenn der Reaktor so gestoppt wird, müssen innerhalb von Sekunden riesige Energiemengen kompensiert werden, was unweigerlich zu höherem Verschleiss in der Anlage und damit zu einem noch größeren Sicherheitsrisiko im weiteren Betrieb führt.

Das AKW Fessenheim ist seit 1977 in Betrieb und damit das älteste in Frankreich. Der Präsident war mit dem Versprechen, die Anlage Ende 2016 stillzulegen, in den Wahlkampf gezogen. Dann sprach er davon, dass er sich „verpflichtet habe, Fessenheim bis zum Ende seiner Amtszeit 2017 zu schließen“. Im Oktober wurde bekannt, dass die beiden Meiler vermutlich bis mindestens 2018 laufen sollen, bis das einzige Neubau-AKW des Landes in Flamanville ans Netz geht. Dort gibt es allerdings aktuell Verzögerungen bis vermutlich 2020. In einem Brief an die französische Energieministerin Royal kündigte Betreiber EdF Mitte Oktober immerhin an, dass es die Stilllegung für Fessenheim als einzige Option „vorbereite“.

Streit gibt es zur Zeit unter anderem um die Sicherheit gegenüber Erdbeben und möglicher Überflutungsgefahr. Das Atomkraftwerk steht in einer Region mit hohem Erdbebenrisiko. In der Fessenheim-Kommission (Clis) wurden kürzlich erneut die Auswirkungen eines schweren Bebens für den Hochwasserdamm zwischen Rhein und AKW-Gelände diskutiert. Laut eines vier Jahre alten Gutachtens gibt es „erhebliche Zweifel an der Standfestigkeit“ des Damms, bei einem Bruch käme es zur Überflutung mit einer Geschwindigkeit die „24-mal höher läge als vom Betreiber veranschlagt“. Die Untersuchung von Bodenproben aus dem Damm entkräften laut des französischen Forschungsinstituts für nukleare Sicherheit (IRSN) diese Annahme: bei einem „isolierten Beben“ sei der Damm „sicher“. Zwei aufeinanderfolgende Erschütterungen würden hingegen ein „spezifisches Risiko“ darstellen…

weiterlesen:

  • Schließung des AKW Fessenheim: Offener Brief an Merkel und Hollande
    5. Oktober 2015 — In einem offenen Brief fordern zwölf Anti-Atom-Initiativen aus Deutschland und Frankreich erneut die Abschaltung des Atomkraftwerks Fessenheim. Es sei „ein Gefahrenherd, der hunderttausende Flüchtlinge – Atomflüchtlinge – auf die Strassen werfen kann“.
  • Wertloses Gesetz: Frankreich ohne Plan für „kleinen Atomausstieg“
    23. Juli 2015 — Die „Grande Nation nucléaire“ steht möglicherweise vor einem gewaltigen Umbruch: Das Parlament in Paris hat nun das seit langem erwartete Energie-Gesetz verabschiedet. In zehn Jahren soll nur noch die Hälfte des französischen Stroms aus Atomkraftwerken kommen. Doch wie dieses Ziel erreicht werden soll ist völlig unklar.

Quellen (Auszug): edf.fr, spiegel.de, bo.de, bzbasel.ch, clients.rte-france.com; 17.11.2015

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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