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17.03.2016 | von Jan Becker

Leck in indischem Atomkraftwerk

Am 11. März wurde ein Leck im Primär-Kühlkreislauf des Atomkraftwerks Kakrapar-1 (KAPS) im indischen Bundesstaat Gujarat gemeldet. Das Ausmaß des Versagens des Kühlsystems sei „signifikant“, so der Vorsitzende der Regulierungsbehörde für Atomenergie (AERB).

AKW Kakrapar, Indien
Foto: google earth AKW Kakrapar, Indien

In der Presseerklärung vom 11. März 2016 teilte der Betreiber NPCIL (Nuclear Power Corporation of India Ltd.) mit, „es gäbe keine Freisetzung von Strahlung“. In einer Mitteilung vom 14. März informiert die AERB darüber, dass „die Tages-Grenzwerte für die Freisetzung von Radioaktivität eingehalten worden seien“. Das Leck sei im Bereich der Druckröhren, die die Brennstoffbündel enthalten, lokalisiert worden. Eine von 306 Zuführungsleitungen sei gebrochen. Der Störfall ist auf der Internationalen Bewertungsskala in INES 1 eingestuft.

Betroffen ist das primäre und radioaktive Kühlsystem im Herzen des Reaktors. Als Moderator wird in dem „Pressurised heavy water reactor“ (PHWR) Schweres Wasser verwendet, das bei ähnlicher Moderationswirkung gegenüber normalem Wasser erheblich weniger Neutronen absorbiert. Dadurch kann in den Reaktoren Natururan verwendet und auf die - wie in Deutschland notwendige - Urananreicherung verzichtet werden.

Dieses Schwere Wasser habe sich wegen des Lecks mit normalem/leichtem Wasser vermischt, dieses Gemisch werde jetzt zur Reaktorkühlung verwendet. Insgesamt sei das System stabilisert worden und die Isolierung des Lecks eingeleitet, so der Betreiber.

Unabhängige Strahlenmessungen verboten

AtomkraftgegnerInnen aus Indien berichten davon, dass „am späten Freitagnachmittag der Notfall für das AKW-Gelände von Kakrapar erklärt wurde“, während der Unfall und die Notabschaltung des Reaktors bereits gegen 9:00 Uhr morgens begannen. Die Distriktverwaltung und die Katastrophendienste seien alarmiert worden. Ein Team der Atombehörde habe Wasser- und Bodenproben genommen und diese zur Strahlenmessung versandt, berichtet B.C. Patni, Landrat des Distrikts Tapi. Der Betreiber habe aber zugesichert, die Radioaktivitätsmessungen „nicht abnormal hoch“ seien. Eine Kontrolle ist aber nicht möglich, denn aus Gründen der „nationalen Sicherheit“ sind unabhängige Strahlenmessungen verboten, berichtet Kumar Sundaram auf der Webseite "dianuke.org". Öffentliche Nachfragen an die indische Atomindustrie würden nicht beantwortet.

„Wir wissen nichts vom Zustand der Arbeiter des AKWs, besonders von denen der betroffenen Frühschicht. Das einzige was wir haben, sind bloße Zusicherungen seitens der Verantwortlichen des AKW“, so Landrat Patni.

Experte vermutet Kühlmittelverluststörfall

AtomkraftgegnerInnen kritisieren die Informationspolitik und sprechen von „Geheimnistuerei“. Möglicherweise sei der Unfall „ernster als die indische Regierung zugibt“.

Laut Dr. A. Gopalakrishnan, der die Regulierungsbehörde für Atomenergie (AERB) von 1993 bis 1996 leitete, könnte die Lage in Kakrapar „ernster sein, als uns gesagt wird“. Er vermutet einen Kühlmittelverluststörfall und die Freisetzung von Radioaktivität:

„Einige Berichte deuten darauf hin, dass der Sicherheitsbehälter des Reaktorgebäudes mindestens einmal, wenn nicht häufiger, in die Atmosphäre hinaus entlüftet wurde, was vermutlich auf die Tendenz zum Druckaufbau in dem umschlossenen Raum aufgrund der Freisetzung von heißem Schwerwasser  und Wasserdampf  im Sicherheitsbehälter hinweist. Wenn das stimmt, dann ist das Leck nicht  klein, sondern mittelgroß, und besteht weiterhin. (...) All dies deutet darauf hin, dass sich der Block 1 des AKW Kakrapar in einem weiterhin andauernden Fall von Kühlflüssigkeitsverlust (Loss-of-Coolant Accident, LOCA) befindet. Es ist sehr wahrscheinlich, dass eine oder mehrere Druckröhren im Reaktor, die die Brennstoffbündel enthalten, gebrochen sind, so dass heißes Schwerwasser aus dem primären Kühlkreislauf in den Sicherheitsbehälter austritt.“

Am Standort befinden sich zwei 220 Megawatt (MW)-Druckwasserreaktoren, die 1992 bzw. 1995 in Betrieb genommen wurden. In der Vergangenheit gab es immer wieder Störfälle. 1994 war der Reaktor geflutet worden, 2004 wurden Steuerungsstäbe während eines Wartungsvorgangs irreparabel beschädigt und am 11. März 2011 kam es zu einem ähnlichen Leck von Schwerwasser, das zur Abschaltung der Anlage führte.

Zwei weitere Reaktor-Blöcke sind in Bau. Während ursprüngliche Planungen von einer Inbetriebnahme in 2015 / 2016 ausgingen, sind die Bauarbeiten offensichtlich erheblich verzögert. Auf einer Satellitenaufnahme, datiert auf den 1. Januar 2016 ist deutlich zu erkennen, dass weder die Reaktorgebäude noch die Machinenhäuser fertiggestellt sind.

Quellen (Auszug): dianuke.org, indien.antiatom.net; 17.3.2016

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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