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01.10.2016 | von Julia Schumacher

„Der Abriss-Müll erscheint so trivial. Aber die Mengen sind es nicht.“

Foto von Angela Wolff
Foto: privat Angela Wolff

Abrissmaterial aus AKW soll auf der Deponie vor ihrer Haustür landen. Angela Wolff, 42, freie Texterin, stellt kritische Fragen. Doch mit der Bürgerinitiative Harislee (BAESH), Schleswig-Holstein, will sie nicht nur ihre eigene Müllkippe atomfrei halten – sie verlangt einen ganz neuen Umgang mit dem Problem

„Ich hatte in der Zeitung gelesen, dass unser Umweltminister Robert Habeck Deponien sucht, die die Rückbau-Abfälle von Atomanlagen in Schleswig-Holstein aufnehmen. Harrislee war einer der Deponie-Standorte auf seiner ‚Wunschliste‘. Ich dachte: Wie bitte? Atommüll-Deponien? Sowas gibt’s? Für mich war immer klar, dass das, was radioaktiv ist, eingelagert wird. Also wie Atommüll behandelt wird.

Deshalb musste ich mich erst mal informieren. Also habe ich bei der Gemeindeverwaltung nachgefragt. Mir wurde dann erklärt, es solle Abrissmaterial eingelagert werden, das stofflich bedingt auf Deponien gehöre, wie beispielsweise Glaswolle  – so habe man jedenfalls das Umweltministerium verstanden. Es werde aber auch noch eine Infoveranstaltung vom Ministerium dazu geben.
Um mich darauf vorzubereiten, habe ich mich in das Thema eingelesen. Und dabei festgestellt, dass es viel schlimmer ist, als ich dachte: Die Abfälle werden per Gesetz einfach umdeklariert und unkenntlich gemacht – aus Atommüll wird so ganz normaler Bauschutt, der unter anderem auf unserer Deponie landen soll. Ganz ehrlich, ich wusste nur: Zu dieser Deponie bringen wir unsere Grünabfälle.

Bei der Suche nach Informationen fiel mir als Erstes eine Studie vom BUND in die Hände und Stellungnahmen  von den Ärzten gegen den Atomkrieg (IPPNW). Mein Mann und ich haben alle Informationen, die wir finden konnten, gesammelt und für eine Internetseite und einen Flyer aufbereitet. Die Internetseite wurde kurz vor der Infoveranstaltung in Harrislee freigeschaltet. Die Flyer haben wir auf der Veranstaltung verteilt.

Ich hab in der Folgezeit jeden angesprochen, den ich getroffen habe, und darüber geredet und diskutiert. Wir haben auch zwei eigene Infoveranstaltungen organisiert und so Mitstreiterinnen und Mitstreiter gewonnen. Außerdem haben wir eine Reihe von Unterstützerinnen und Unterstützern, auf die wir zugreifen können, eine Grafikerin etwa, Anwälte und auch Umwelttechniker.
Bei der Informationsveranstaltung des Ministeriums konnte man zwar Fragen stellen. Kritikerinnen und Kritiker wurden da allerdings ziemlich abgewatscht. Es hieß, wir würden Angst machen. Ich habe das Beispiel Frankreich gebracht – dort behandeln sie auch gering strahlenden Müll wie Atommüll – aber es hieß, das sei ein schlechtes Beispiel. Dabei denke ich, man sollte schon stutzig werden, wenn sogar Frankreich so sensibel mit dem Zeug aus dem AKW-Abriss umgeht. Mit Transparenz und Dialog auf Augenhöhe, wie Umweltminister Habeck seine Initiative beworben hatte, hatte die Veranstaltung für mich jedenfalls wenig zu tun.

Thema Atomschutt
23 Atomkraftwerke in Deutschland befinden sich derzeit in verschiedenen Phasen der Stilllegung und des „Rückbaus“. In den kommenden Jahren werden neun weitere hinzukommen. Nur etwa ein Prozent des Abriss-Materials muss derzeit als Atommüll behandelt werden. Hunderttausende Tonnen Schutt und Schrott sollen – wenn sie unterhalb der 10-Mikrosievert-Grenze bleiben – als normaler Müll auf Deponien abgekippt werden oder gar als Wertstoff im Recycling landen. Anti-Atom- und Umweltorganisationen kritisieren diese Praxis des „Freimessens“ radioaktiver Materialien. Viele Gemeinden wehren sich gegen die Deponiepläne – nicht nur in Schleswig-Holstein, sondern auch in Baden-Württemberg, Niedersachsen und Sachsen.

Einer unserer Mitstreiter konnte Kontakte zur Politik knüpfen. Das haben wir genutzt und nacheinander die örtlichen Fraktionen besucht. Wir haben so erreicht, dass unsere Kritik an der Freigaberegelung und mögliche Alternativen berücksichtigt wurden: Die Gemeindevertretung Harrislee hat sich einstimmig gegen die Einlagerung von AKW-Bauschutt auf der Harrisleer Deponie positioniert. Schließlich sagte auch der Deponiebetreiber, er halte sich an den Beschluss des Gemeinderats und stimme einer Einlagerung ebenfalls nicht zu.

Das ist für uns natürlich ein Erfolg. Auch dass nun der schleswig-holsteinische Gemeindetag beschlossen hat, dass das Ganze nochmal aufgerollt werden müsse und alle Unstimmigkeiten nochmal neu beleuchtet werden müssten – also auch das Zehn-Mikrosievert-Konzept.

Im Juli hat Robert Habeck Vertreterinnen und Vertreter der betroffenen Gemeinden und Bürgerinitiativen, Umweltverbände, Entsorgerverbände und auch Vertreter von Vattenfall zu einem Zwischenfazit nach Kiel ins Ministerium eingeladen. Alle hatten die Möglichkeit, Statements abzugeben. Für mich war alles, was an diesem Tag in diesem Raum gesagt wurde, erstmal unglaublich positiv. Weil alle der Meinung waren, wir müssten in den Dialog gehen und mögliche Optionen, was nun mit dem Abrissmaterialien geschieht, gleichwertig behandeln. Doch dann kam Habecks ‚Fazit‘ – und das stand im Widerspruch zu allem, was zuvor gesagt wurde. Er meinte: ‚Die Messe ist gesungen.‘ Wir kämen nicht zu einer Einigung, die Bürgerinitiativen und Gemeinden seien deshalb nun raus. Ich kann bis jetzt nicht verstehen, dass Habeck unser Dialogangebot damals nicht angenommen hat, und hoffe, dass er doch noch darauf eingeht. Oder folgt bald eine Anweisung, den Müll doch bei uns einzulagern? Das wird sich zeigen.

Gemeinsam mit anderen Deponie-Standorten und AKW-Standorten sind wir gerade dabei, ein landesweites Bündnis zu schaffen, das sich gegen die Freigabe von strahlendem Bauschutt in die Abfallwirtschaft einsetzt. Also nicht nur gegen die Entsorgung auf Deponien, sondern auch gegen das Recyceln und gegen die Verbrennung von radioaktiven Abfällen. Derzeit arbeiten wir an einer Broschüre, in der wir die Begrifflichkeiten und Zusammenhänge aufschlüsseln und auch leicht verständlich darstellen wollen. Damit das Thema auf der Agenda bleibt und die Informationen nicht allein vom Ministerium kommen.

„Man sollte schon stutzig werden, wenn sogar Frankreich so sensibel mit dem Zeug umgeht.“

Ich würde mir wünschen, dass das Thema in der Öffentlichkeit mehr Aufmerksamkeit bekommt. Das ist schwierig, auch weil der gering strahlende Müll so trivial erscheint, neben dem ‚großen‘ Atommüll. Aber die Mengen sind es eben nicht. Und wenn es so gemacht wird, wie derzeit mit dem Freimessen geplant, dann wird die Strahlenbelastung flächendeckend zunehmen. Schon allein für meine Kinder möchte ich mich dafür einsetzen, dass das nicht geschieht.“

Mehr Infos:
www.baesh.de

Protokoll: Julia Schumacher


 

Julia Schumacher

Julia Schumacher verfasste ihre ersten umweltpolitischen Artikel schon in der Schulzeit. Nach dem Studium der angewandten Kulturwissenschaften schrieb sie u. a. für Lokalzeitungen, Stadtmagazine, Fachpublikationen, PR- und Werbeagenturen. Für .ausgestrahlt verfasst sie seit 2014 Beiträge für Magazin, Webseite und Social Media.

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