.ausgestrahlt-Blog

07.12.2017 | von Jan Becker

Fünf Störfall-Meldungen an einem Tag

Es vergeht kaum ein Tag ohne eine Störfall-Meldung aus einer Atomanlage. Alle Betreiber verharmlosen. Ein neuer Arte-Film wirft noch viel größere Fragen auf: Ist die Atomindustrie überhaupt in der Lage, die Bevölkerung vor den Risiken zu beschützen?

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Foto: Andreas Conradt / PubliXviewinG

Block 1 des baden-württembergischen Atomkraftwerks Neckarwestheim produziert zwar seit Jahren keinen Strom mehr. Eine Abschottung des radioaktiven Inneren vor der Außenwelt ist dennoch nötig, denn im Reaktorgebäude befinden sich zum Beispiel noch die hochradioaktiven Brennelemente. Kommt es zu einem Leck, müssen bestimmte Klappen schließen, so genannte Gebäudeabschlussamaturen. In Neckarwestheim taten sie das erst beim zweiten Versuch. Da die Einrichtungen redundant vorhanden sind, sieht Betreiber EnBW keinerlei Gefahr durch dieses meldepflichtige Ereignis.

Im ebenfalls abgeschalteten Atomkraftwerk Krümmel konnte bei einer wiederkehrenden Prüfung eine Pumpe nicht eingeschaltet werden. Die Pumpe gehört zum Gebäuderückfördersystem und soll bei einem Leck Wasser in die Kondensationskammer pumpen. Es befindet sich im Kontrollbereich des Kraftwerks und wird zu jeder Zeit radiologisch überwacht. Man wolle nun die vorliegenden Ereignismeldungen und Betriebserfahrungen gezielt auswerten, um entsprechende Schwachstellen früher zu erkennen, informiert die Atomaufsicht.

Bei einer Routinekontrolle im AKW Grohnde ist eine geringe Leckage bei einem der vier Stränge des Zwischenkühlsystems festgestellt worden, so der Betreiber PreussenElektra (Eon). Das nicht-radioaktive System dient im Normalbetrieb als auch bei einem Störfall zum Abtransport der großen Wärmemengen aus dem Primär-Kreislauf.

Störfälle auch in Frankreich

Auch das elsässische Atomkraftwerk Fessenheim gibt erneut Grund zur Sorge. Ein Gerät, das den Druck im Primärkreislauf misst, fiel aus -– das bemerkte der Betreiber Electricité de France (EDF) im Juli, während Block 1 für Wartungsarbeiten vom Netz war. Die Atomaufsicht stufte das Ereignis auf die unterste INES-Skala 0 ein. Kürzlich gab EdF bekannt, dass das Messgerät schon früher als bisher gedacht ausgefallen war. Deshalb wurde der Störfall nachträglich auf INES 1 hochgestuft.

Am vergangenen Dienstag hat es zudem auf der Baustelle für den neuen EPR-Reaktor im französischen Flamanville gebrannt. 200 Menschen wurde evakuiert.

Protest in Braunschweig

Anti-Atom-Protest gab es schon Montag wegen eines Ereignisses in Braunschweig: Vor gut zwei Wochen wurde in der Firma GE Healthcare Buchler bei der Produktion von Kapseln mit radioaktivem Jod 131 etwa 40 Milliliter strahlende Flüssigkeit verschüttet. Bei einer Kundgebung am Montagabend und einer darauf folgenden Bürgersprechstunde verlangten Aktivist*innen, dass sich die Stadt „bis an die Grenzen ihrer rechtlichen Möglichkeiten“ für eine Begrenzung der Betriebsgenehmigungen für die beiden Unternehmen einsetzt. Derzeit dürfen die Atomfirmen mehr radioaktive Stoffe freisetzen als ein Atomkraftwerk.

Sind die Betreiber in der Lage, uns vor den Gefahren der Atomanlagen zu schützen?

Neben diesen täglichen Fakten wirft ein neuer Arte-Dokumentarfilm „Terror: Atomkraftwerke im Visier“ noch viel bedrohlichere Fragen auf. Überall gehen Atomfirmen bankrott, AKWs schreiben rote Zahlen. Hat die einst als so vorbildlich-fortschrittlich geltende Industrie überhaupt noch die finanziellen Mittel, eine umfassende Sicherheit der Anlagen und damit den Schutz der Zivilbevölkerung zu garantieren? Inwieweit sind hochkomplexe Industrieanlagen ohnehin in Zeiten von Cyber-Terrorismus angreifbar?

Die meisten der weltweit rund 400 Atommeiler wurden in Zeiten geplant und in Betrieb genommen, als eine Terrorattacke auf ein Atomkraftwerk etwas nahezu Unvorstellbares war.

Der Film basiert auf Investigativ-Recherchen in den Ländern Belgien, Deutschland, Frankreich und den USA. In der Ära von Drohnenangriffen und über weltweite Datennetze gesteuerte sogenannte „Malware“-Hacker-Bedrohungen rücken viele bislang unterschätzte Gefahren in den Fokus der weltweiten Geheimdienste und militärischen Hochrisiko-Strategen, ermittelten die Filmemacher*nnen. Die Autoren stellen jedoch fest: Alles, was die nukleare Sicherheit berührt, ist Militärgeheimnis.

„Terror: Atomkraftwerke im Visier“, bis zum 3. Februar 2018 online:

Kein Terrorschutz in Gundremmingen

Greenpeace hat am Mittwoch eine Klage beim Verwaltungsgerichtshof in München eingereicht. Ziel ist, dass dem Atomkraftwerk Gundremmingen die Betriebsgenehmigung entzogen wird. Weil das AKW nicht ausreichend gegen terroristische Angriffe geschützt ist, soll die Betriebsgenehmigung entzogen werden. Der Betonmantel beider Reaktoren ist zu dünn. Auch das Lager- und Abklingbecken stellt ein Sicherheitsrisiko dar, so der Vorwurf.

weiterlesen:

  • Bundesamt: Kein ausreichender Katastrophenschutz möglich
    05.12.2017 - Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz warnt davor, dass es bei einem schweren Reaktorunfall zu Engpässen bei der Versorgung der Bevölkerung kommen wird. Was nach dem Eingeständnis aber fehlt, ist die richtige Konsequenz.

Quellen (Auszug): arte.tv, br.de, news38.de, schleswig-holstein.de, dewezet.de, basellandschaftlichezeitung.ch, nachrichten.at, enbw.com, 4./5./6.12.2017

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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