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Michael Ehnert
Foto: privat Michael Ehnert

Michael Ehnert, 49, hat die Urantransporte über den Hamburger Hafen, ihre Gefahren und die Proteste dagegen massentauglich ins Fernsehen gebracht – mit einem Drehbuch für die Krimiserie „Notruf Hafenkante“

"Meine ersten Demoerfahrungen waren in Brokdorf. Das habe ich für mich damals als traumatisierend erlebt. Wir sind da über das Feld gelaufen und dicht über uns kreisten die Hubschrauber. Da kann ich schon verstehen, dass Leute, die auf diese Art und Weise eingeschüchtert und bedroht werden, auch unsachlich werden, auf beiden Seiten. Sowohl die Polizisten, die bedroht und mit Sachen beworfen werden, als auch die Menschen, die bei friedlichen Demonstrationen zum wiederholten Male den Arm auf den Rücken gedreht bekommen, geschubst oder sogar geschlagen werden – ich verstehe, dass sie wütend werden.

Aus dieser Erfahrung heraus, dass Demonstrationen eskalieren oder bedrohlich werden, Aggressionen schüren können, habe ich nach einem Mittel gesucht, den Protest anders auszudrücken und dem Ganzen eine humoristische Komponente abzugewinnen. Mit meinem Kollegen Kristian Bader habe ich Ende der 1980er Jahre eine Kabarett-Formation in Hamburg gegründet – das Bader-Ehnert-Kommando. Damit sind wir viel unterwegs gewesen und haben bei Demos und Protestaktionen auf den Straßen Comedy-Kabarett-Kleinstnummern gemacht. Wir haben uns Verstärker gebaut, die wir auf den Rücken schnallen konnten, mit Headsets, also Mikrofonen vor dem Mund, und haben dann kabarettistische Nummern gespielt, um die Leute zum Lachen zu bringen und so eben auch aggressiver Stimmung entgegenzuwirken.

Ein Beispiel: Hier in Hamburg haben wir das auf einer Demo für ein Tempolimit auf der Stresemannstraße eingesetzt. Da haben Menschen an einem einzigen Tag in ganz Hamburg zwanzig verschiedene Verkehrsknotenpunkte blockiert. Wir wollten mit unserem kabarettistischen Programm auch hin. Allerdings lief es etwas anders als gedacht. Wir waren statt um 16 Uhr schon um 14 Uhr da und dann war natürlich außer uns noch niemand dort. Erst waren wir verwundert, dann haben wir zu zweit trotzdem einfach mal versucht, die Straße vor dem Dammtorbahnhof zu blockieren. Hat logischerweise nicht geklappt, weil sie acht Spuren hat. Es kam ziemlich schnell eine Einheit der Polizei mit großer Wanne, die sich quer auf die Straße gestellt hat und damit lustigerweise an unserer Stelle den Verkehr lahmlegte. Die Beamten haben uns eingesackt, zur Polizeiwache mitgenommen und in eine Zelle gesteckt. Das war unangenehm dort, also  haben wir angefangen, unsere kabarettistische Gesänge dort zu proben. Die gingen denen schließlich so auf die Nerven, dass sie uns kurz vor 16 Uhr wieder auf freien Fuß gesetzt haben. Das Ende vom Lied: wir waren pünktlich zurück am Dammtor – mit tausend anderen Leuten. War super.

"Mir ist da erst klar geworden, wie exzessiv diese Transporte in Hamburg immer noch stattfinden."

Auf das Thema Urantransporte bin ich über die Pressemeldung von einer Umweltorganisation gekommen, das war vor zwei Jahren. Ich wäre gar nicht darauf aufmerksam geworden, wenn Anti-Atom-Aktive und ‑Initiativen das nicht zum Thema machen würden. Mir ist da erst klar geworden, wie exzessiv diese Transporte in Hamburg immer noch stattfinden. Und das ist, wenn man sich mit dem Thema nicht viel beschäftigt, erst mal irritierend. Denn viele Leute reagieren ja zunächst so: Wieso Atomkraft? Wir sind da doch längst „ausgestiegen“? Wieso fahren dann immer noch Atomtransporte? Dann muss man immer wieder deutlich machen: Nein, der „Ausstieg“ ist bisher nur geplant, aber eben längst nicht umgesetzt. Es laufen immer noch Atomkraftwerke, das soll sogar noch Jahre dauern. Und zusätzlich gibt es auch immer noch all diese Transporte. Nun ist die Sendung „Notruf Hafenkante“ ja eine Krimireihe, die in Hamburg spielt, und da sind die Macher auf der Suche nach Themen, die eben lokal eine Rolle spielen. Das war also die Gelegenheit, denn ich finde, dass alles, was mit den Urantransporten zu tun hat, in der Öffentlichkeit viel zu wenig auftaucht.

Ich habe dann mehrfach mit der Pressesprecherin von Robin Wood gesprochen und übers Internet recherchiert. Und dort sind die Initiativen und Organisationen ja untereinander verlinkt, und ich bin quasi von einer Website zur nächsten gesurft und hab mir verschiedene Sachen rausgesucht oder doppelt gecheckt, wie es sich denn tatsächlich so verhält. Die Herausforderung war: Bei so einem Drehbuch muss man einerseits der richtigen Darstellung des Sachverhalts gerecht werden und andererseits soll es unterhalten und als Krimi natürlich spannend sein. Deshalb war ich ganz happy, dass in der Schlussfassung des Drehbuches so viel von meiner Originalfassung drin geblieben ist.

„Wenn Anti-Atom-Aktive die Transporte nicht zum Thema gemacht hätten, wäre ich gar nicht darauf aufmerksam geworden“

In „The bigger picture“, also der Folge, zu der ich das Drehbuch geschrieben habe, geht es ja auch um die Terrorgefahr, die die Urantransporte mit sich bringen. Zum Umgang mit dieser Gefahr fällt mir ein gutes Beispiel ein: In den USA schießen Zivilisten mit ihren privaten Pistolen auf ihre Mitmenschen, jeden Tag passiert das. Aber anstatt dass die Politik die Waffengesetze verschärft, werden Schülern Metallplatten für den Schulrucksack verkauft, damit sie sich den im Zweifelsfall schützend vors Gesicht halten können. Das ist genau genommen doch völliger Wahnsinn. Es spricht jedem aufklärerischen Gedanken Hohn, dass man Menschen so veralbert. Da steckt natürlich ein Interesse dahinter. Im Fall der Waffenindustrie geht es um sehr viel Geld. Und ich glaube, dass das im Hinblick auf die hier stattfindenden Atomtransporte im Prinzip genauso ist.

Weit über 100 Transporte mit angereichertem Uran passieren jedes Jahr den Hamburger Hafen. Mehrere Bündnisse von Anti-Atom-Initiativen und Atomkraftgeg-ner*innen organisieren Proteste, unter anderem einen Streckenaktionstag am 24.2.2018. atomtransporte-hamburg-stoppen.de / urantransport.de


Warum ich nun Drehbücher schreibe oder Kabarett mache – weil aus meiner Erfahrung Kunst in ihren unterschiedlichsten Formen doch ein tolles Mittel ist, Menschen nachhaltig zu erreichen. Wenn ich es schaffe, die Inhalte in einer Geschichte zu präsentieren, dann vernetzt die sich nochmal anders im Gehirn. Weil man die Bilder darin, und vor allem solche, die einen auch zum Schmunzeln bringen, eher erinnert als einen trockenen Vortrag. Geschichten wirken in den Leuten viel länger nach, denn sie sprechen mehr Sinne an. Es mag sein, dass dabei Details nicht hundertprozentig darstellbar oder korrekt sind. Aber es kann Menschen überhaupt erst motivieren, sich mit dem Thema näher zu befassen.

Ich habe das große Glück, dass ich mit meiner Arbeit, ob nun auf der Bühne oder vor der Kamera, viele Menschen erreichen kann. Aber auch wer nicht in dieser Situation ist: Ich finde, jede und jeder sollte einfach immer dranbleiben, mit anderen darüber sprechen und gucken, was daraus entsteht. Denn man weiß ja vorher nie, in welche Richtung sich ein Statement entwickelt. Oft hören und lesen die Menschen das einfach nur so, aber vielleicht liest es auch ein Drehbuchautor, der schließlich einen Film zu dem Thema schreibt! Nun ja, und wenn ich vielleicht noch für einen „Tatort“ darüber schreibe, ist es auch denkbar, dass das Thema wieder neue Wellen nach sich zieht. Immer so weiter eben. Und irgendwann werden diese Urantransporte oder auch andere Missstände schließlich von der Politik wieder verstärkt in den Fokus genommen. Daher müssen wir es schaffen, den Druck aufrecht zu erhalten."

Protokoll: Julia Schumacher

"the bigger picture" – Folge 279 der ZDF-Serie „Notruf Hafenkante“ vom 26. Oktober 2017
 

Dieser Text erschien ursprünglich im .ausgestrahlt-Magazin Nr. 38, Februar 2018

 

Julia Schumacher

Julia Schumacher verfasste ihre ersten umweltpolitischen Artikel schon in der Schulzeit. Nach dem Studium der angewandten Kulturwissenschaften schrieb sie u. a. für Lokalzeitungen, Stadtmagazine, Fachpublikationen, PR- und Werbeagenturen. Für .ausgestrahlt verfasst sie seit 2014 Beiträge für Magazin, Webseite und Social Media.

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