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15.10.2018 | von Jan Becker

Noch ein Atommülltransport

Im kommenden Jahr steht offenbar ein weiterer, bisher nicht bekannt gewordener Atommülltransport-Termin an: Aus dem hessischen Atomkraftwerk Biblis sollen „Großkomponenten“ in das Zwischenlager Nord in Mecklenburg-Vorpommern gebracht werden. Einmal mehr wird das Versprechen gebrochen, dort nur Müll aus den ehemaligen DDR-Atomanlagen zu lagern.

 

Atommüll auf dem Gelände des AKW Greifswald
Foto: P. Becker (2006) Atommüll auf dem Gelände des AKW Greifswald (2006)

 

Seit 1997 ist das Zwischenlager an der Ostsee auf dem Gelände des AKW Greifswald-Lubmin fertiggestellt, um Abfälle aus dem Rückbau von Atomkraftwerken sowie Brennstäbe in Transportbehältern einzulagern. Es handelt sich um eines von drei „Zentralen Zwischenlagern“ in Deutschland, es wird vom bundeseigenen Entsorgungswerk für Nuklearanlagen (EWN) betrieben. Das Zwischenlager Nord wurde errichtet, um ausschließlich die radioaktiven Abfälle der beiden ehemaligen AKW der DDR aufzunehmen: Greifswald-Lubmin (fünf Reaktoren) und Rheinsberg (ein Reaktor). Alle wurden 1990 wegen Sicherheitsbedenken im Zusammenhang mit der Wiedervereinigung abgeschaltet. Erste Einlagerungen im Zwischenlager fanden 1999 statt.

Das Bundesamt für Strahlenschutz genehmigte dann 2010 ungeachtet des öffentlichen Protestes die Einlagerung von Atommüll, der nicht aus der ehemaligen DDR stammte. Schon am 14. Dezember 2010 startete ein Transportzug aus dem französischen Cadarache mit vier Castorbehältern, am 17. Februar 2011 ein weiterer Zug mit fünf Castoren aus der stillgelegten Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe. Beide wurden von erheblichen Protesten begleitet.

Es könnte kleinlich sein, so viele Jahre nach der ersten Anlieferung von Atommüll aus einer Anlage, die nicht auf dem Gebiet der ehemaligen DDR steht, auf einem ursprünglichen Versprechen herumzureiten. Es zeigt allerdings, dass es beim Atommüll ums „Geschäft“ geht - und nicht um Zusagen, die einst Bürger*innen gemacht wurden, um Akzeptanz für den Bau der Atommüllkippe zu schaffen.

Das Atommüll-Geschäft läuft

Bereits 2008 und 2012 fanden Atomschrott-Transporte nach Lubmin statt. Über 1.500 Kilometer Wasserstraße und zwei Wochen Fahrt erreichte damals Atommüll aus dem AKW Obrigheim mithilfe eines Binnenschiffes das Zwischenlager Nord (hier ein Plan der genutzten Route Mai / Juni 2012). Im kommenden Jahr sollen nach Informationen des bundeseigenen Entsorgungswerkes für Nuklearanlagen (EWN) Teile aus acht schwach- bis mittelradioaktiv belasteten Dampferzeugern transportiert werden, die im endgültig abgeschalteten hessischen AKW Biblis im Einsatz waren.

Die Dampferzeuger befanden sich im primären und radioaktiven Kühlkreislauf eines Atomkraftwerkes. In diesen etwa 200 Tonnen schweren Teilen wird das Wasser des Sekundärkreislaufes erhitzt, welches dann die Turbinen antreibt, die Strom erzeugen. Durch den Kontakt mit radioaktivem Kühlmittel aus dem ersten Wasserkreislauf werden diese Bauteile radioaktiv - und sind somit Atommüll.

Die „Großkomponenten“ sollen zunächst im Zwischenlager Nord über mehrere Jahre ihre Radioaktivität verlieren („abklingen“). Danach sollen sie „gereinigt und zerlegt“ werden. Am Ende werden sie großteils „freigemessen“, also so lange gewaschen oder vermengt, bis gesetzliche Grenzwerte für Strahlung unterschritten werden. Damit darf der Schrott aus dem Atomgesetz entlassen, herkömmlich verschrottet oder wiederverwendet werden. Ein Verfahren, das Atomkraftgegner*innen immer wieder kritisieren. International ist die Höhe dieser Grenzwerte und damit die Bereitsschaft für ein Gesundheitsrisiko umstritten - weil nicht die Strahlenbelastung für die Bevölkerung minimiert, sondern die Kosten für die Entsorgung reduziert werden.

Lubmin bekommt eine weitere Atommüllhalle

Weil der Schutz vor Terrorangriffen für die Zwischenlagerhalle den seit 2011 verschärften Vorschriften nicht genügt und eine bauliche Ertüchtigung nicht möglich ist, soll für den hochaktiven Müll bis 2024 eine neue Lagerhalle gebaut werden. Außerdem entsteht eine neue Zerlegehalle für radioaktiven Abfall - das künftige Herzstück für die „Entsorgung“ von beispielsweise Dampferzeugern. Lubmin ist neben einer Anlage in Schweden der einzige Ort, an dem diese Großkomponenten bearbeitet werden können. Die Atommüll„entsorgung“ der ganzen Republik wird also auf dem Rücken der dortigen Bevölkerung ausgetragen.

Protest ist vorprogrammiert

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2012: Protest gegen Atomschrott

Sollte der Kahn mit dem Atommüll in Biblis starten, ist Protest gegen diese Atommüllverschiebung sicher. In der Vergangenheit hatten sich zum Beispiel Aktivist*innen mit einem Banner „Vermeiden statt Verschieben“ von einer Kanalbrücke an der Wolbecker Straße in Münster abgeseilt und den Transport aufgehalten.

weiterlesen:

  • Atomschutt-Karte: Standorte von Deponien und Müllverbrennungsanlagen
    Wenn in Deutschland Atomkraftwerke abgerissen werden, landet das Abrissmaterial zu ca. 99 Prozent in der „Mülltonne“. Darunter auch Tausende Tonnen gering radioaktive Abfälle. Strahlender Atomschutt wird also recycelt, verbrannt und deponiert.

  • Positionen zum Umgang mit abgeschalteten AKW
    Im Positionspapier „Abschaltung, Stilllegung und Rückbau von AKW” fordern 76 Umweltverbände und Initiativen höhere Sicherheitsanforderungen und umfassendere Öffentlichkeitsbeteiligung sowie die mittelfristige Lagerung aller radioaktiver Altlasten vor Ort. - das Positionspapier (PDF)

  • „Es gibt keine ungefährliche Strahlung“
    06.02.2018 - Der Schweizer Onkologe Dr. med. Claudio Knüsli konnte nachweisen, dass auch sehr geringe Strahlungswerte gesundheitliche Folgen haben. Der IPPNW fordert eine Neubewertung des Risikos zum Beispiel durch AKW-Bauschutt.

  • Die AKW-Silhouette bleibt
    01.06.2018 - Die Atomlobby umschreibt das Ende der Atomkraftwerke gern mit einer „grünen Wiese“. Doch die Vorstellung von weidenden Schafen, wo einst Atommüll entstand, trügt. An den Standorten Biblis und Unterweser eskaliert der Streit wegen des AKW-Abrisses.

Quellen (Auszug): ostsee-zeitung.de, de.indymedia.org, atomerbe-obrigheim.de,  9.10.2018

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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