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Dierk-Christian Vogt, 56, streitet mit einer Bürgerinitiative und als Arzt in seinem Heimatort Schwieberdingen bei Ludwigsburg gegen die Ablagerung schwach radioaktiven AKW-Schutts auf normalen Deponien

"Ich hoffe, dass es noch viele Jahre dauert, bis der strahlende Atomschutt wirklich zu uns kommt – mir scheint jedoch, dass das Thema in Baden-Württemberg durch ist. Herr Untersteller, ausgerechnet der grüne Umweltminister, hat sich ja mit Rückendeckung von Ministerpräsident Kretschmann klar dafür ausgesprochen, dass AKW-Abrissmaterial auf öffentliche Deponien gekippt werden darf. Zu uns nach Schwieberdingen und nach Horrheim soll ja der Schutt aus Neckarwestheim kommen, nach Buchen ist die Lieferung des Atomschrotts vom AKW Obrigheim geplant.

Von der ganzen Sache erfahren habe ich erst im Sommer 2016, durch einen Artikel in der Kreiszeitung: Schon seit 2008 wurde „Freigabemüll“ aus dem Kernforschungszentrum Karlsruhe in „unserer“ Deponie eingebaut. Diese Deponie liegt übrigens 500 Meter von den ersten Häusern unserer Gemeinde entfernt. Die Nachricht hat uns alle sehr geschockt – noch kurz zuvor erst saß ich mit anderen Bürger*innen zusammen und wir haben ein ganzes Wochenende darüber diskutiert, wie diese Deponie nach Einbaustopp nachgenutzt werden kann. Wir haben gemeinsam mit der Gemeinde und dem Deponiebetreiber überlegt, z.B. für Kinder ein Naturlernzentrum darauf zu errichten! Als wir erfuhren, dass da längst radioaktive Restabfälle eingebaut worden sind, war es wie ein Schlag ins Gesicht. Wir haben uns schnell zusammengesetzt und mit einigen Leuten eine Informationsveranstaltung organisiert. Es kamen über 200 Anwohner*innen, der Saal konnte die vielen Menschen gar nicht fassen. Es hat mich sehr beeindruckt, wie das Thema die Menschen packt.

"Was ist mit dem Recht der Bürger*innen auf körperliche Unversehrtheit? Dazu gehört, dass jede Option geprüft wird!"

Danach war unseren Gemeinderäten und dem Bürgermeister klar, dass sie am Thema nicht mehr vorbeikommen. Anfangs waren sie noch skeptisch, haben unsere Initiative aber sehr bald unterstützt. Der Bürgermeister in der Nachbargemeinde hat sich gemeinsam mit den Gemeinderäten auf unsere Seite gestellt, in den Gemeinderatsbeschlüssen wurde der Einbau des AKW-Restmülls abgelehnt. Als nächstes kam die Kreisebene. Auch hier: anfangs Skepsis, dann entwickelte sich eine positive, sachliche Diskussion mit Kreisräten aus verschiedensten Fraktionen. Der Kreistag Ludwigsburg hat schließlich den Landrat aufgefordert, sich bei der Landesregierung um Alternativen zur Einlagerung zu bemühen.

Dazu beigetragen hat sicher auch unsere Demo im Juli 2017 – die war für den kleinen Ort Schwieberdingen riesengroß: über 600 Personen kamen. Die ganze Gemeinde war auf Achse. Sogar der Pfarrer hat aufgerufen teilzunehmen. Auf dem Podium haben unter anderem ein Bankvorstand, ein Hausarzt, der Bürgermeister von Schwieberdingen und der Bürgermeister aus dem Nachbarort gesprochen. Das ist eine Bewegung mitten aus der Bevölkerung und allen Politiker*innen ist seitdem klar, sie müssen was tun.

Eigentlich komme ich ja aus Schleswig-Holstein. Ich habe während meiner Schulzeit gegen das AKW Brokdorf demonstriert. Seitdem war ich eher passiver Beobachter beim Thema Atomkraft. Es stimmt, ich bin erst durch direkte Betroffenheit – die Deponie liegt in Sichtweite meines Hauses – erneut aktiv geworden. Es ist allerdings eine Frechheit, wenn Fürsprecher der „Freigabe“ versuchen, unseren Protest mit der Begründung diffamieren zu wollen, dass wir nur als Anwohner*innen gegen die Freimess-Praxis seien und nach dem „Sankt-Florians-Prinzip“ den Müll auf andere abschieben wollten. Natürlich könnten wir jedes Wochenende zu den laufenden AKW laufen und dort protestieren. Aber wir haben das Problem der Folgen der Atomenergienutzung konkret vor Ort und versuchen mit aller Kraft, hieran etwas zu ändern und darüber hinaus für die ganze Atom-Problematik zu sensibilisieren!

"Alternative Konzepte für den Verbleib des Mülls liegen auf dem Tisch - und dürfen nicht weiter übergangen werden."

Es ärgert die Politik besonders, wenn sich Ärzte wie ich zu diesem Thema melden. Ärzt*innen haben ein hohes Vertrauen in der Bevölkerung. Tatsächlich hat sich die Ärzteschaft bei diesem Thema klar positioniert: Die Vertreterversammlung der Ärzteschaft Baden-Württemberg hat im Herbst 2016 in einer demokratischen Abstimmung beschlossen, dass sie wegen den bestehenden Strahlenrisiken den Einbau von „Freimess“-Atommüll in Deponien ablehnen. Dieser Beschluss wurde im Mai 2017 vom höchsten gewählten Bundes-Gremium der Ärzteschaft – dem Deutschen Ärztetag – mit überwältigender Mehrheit bestätigt. Die Umweltminister versuchten daraufhin, diese Beschlüsse durch vielerlei Interventionen zu unterlaufen. Sie haben verschiedene Ärztevertreter*innen unter Ausschluss kritischer Wissenschaftler*innen zu einem Fachgespräch eingeladen und allen kritischen Stimmen vorgeworfen, ihre Position sei unwissenschaftlich. In Baden-Württemberg hat die Landesärztekammer schließlich ein wissenschaftliches Symposium zu dem Thema durchgeführt mit dem Ergebnis, dass der Landesärztekammerpräsident im März 2018 ein Moratorium der Freigabepraxis gefordert hat und die Prüfung von Alternativen.

Die Ärzteorganisation IPPNW – Ärzte gegen den Atomkrieg – hat bereits ein Machbarkeitsgutachten vorgelegt, in dem Varianten beschrieben werden, wie man wesentlich besser mit dem Abrissmaterial umgehen könnte. Bis zum heutigen Tag haben sich aber weder das Umweltministerium noch zuständige Gutachter*innen ernsthaft mit diesen Konzepten auseinandergesetzt. Es heißt schlichtweg, es ginge nicht. Man müsse nach rechtlichen Kriterien vorgehen und die besagen eben, dass die AKW-Betreiber einen Rechtsanspruch haben, ihren Atommüll dem Staat zu übertragen.

Ich frage mich: Was ist mit dem Recht der Bürger*innen auf körperliche Unversehrtheit? Dazu muss doch gehören, dass jede Option geprüft wird! Bis heute ist dies mit keinem der alternativen Konzepte ernsthaft passiert. Seit zwei Jahren kämpfen wir nun. Es ist schön, dass sehr viele Leute sehr viel positive Energie in das Thema gesteckt haben, gerade bei uns im Ort. Positiv hat mich gestimmt, dass es trotz allem auch sehr engagierte Politiker*innen gibt, die wirklich für das Wohl der Bürger*innen und der Umwelt etwas tun wollen. Sehr ermunternd ist die Zusammenarbeit mit anderen Bürger*innen-Initiativen. Da bin ich äußerst beeindruckt, wie viele Menschen über Jahrzehnte hinweg die Kraft haben, zu kämpfen, obwohl dies oft nicht einfach ist.

Wir verhandeln weiter mit den Deponiebetreibern hier im Ort und überlegen zusammen, wie sich – wenn der Müll da ist – die Gefahren noch eindämmen lassen. Wir begleiten und unterstützen auch die neu gegründete Bürger*innen-Initiative in Karlsruhe. Dort soll demnächst eine neue Mülldeponie für Atomschutt entstehen, das muss verhindert werden. Wir richten unseren Blick weiter auf die Bundesebene, wie und ob wir auf das Strahlenschutzgesetz Einfluss nehmen können und wie man Bundestagsabgeordnete und den Bundesrat von dem Unsinn der bisherigen Freigabepraxis überzeugen kann.

Die Gremien müssen immer wieder angesprochen werden, wir werden immer wieder an die Umweltministerien und Abgeordnete auf Landes- und Bundesebene appellieren: Auch niedrig strahlende Reststoffe aus den AKW bedeuten ein gesundheitliches Risiko! Kümmert euch darum, sucht Alternativen, mit denen wir das Risiko senken können. Die alternativen Konzepte für den Verbleib des Mülls liegen auf dem Tisch – und dürfen nicht weiter übergangen werden."

Protokoll: Julia Schumacher

Dieser Text erschien ursprünglich im .ausgestrahlt-Magazin Nr. 41, Oktober 2018

 

Julia Schumacher

Julia Schumacher verfasste ihre ersten umweltpolitischen Artikel schon in der Schulzeit. Nach dem Studium der angewandten Kulturwissenschaften schrieb sie u. a. für Lokalzeitungen, Stadtmagazine, Fachpublikationen, PR- und Werbeagenturen. Für .ausgestrahlt verfasst sie seit 2014 Beiträge für Magazin, Webseite und Social Media.

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