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Peter Bastian, 54, und Jens Dütting, 34, schmieden mit „Sofortiger Atomausstieg Münster“ Bündnisse mit Klimaschützer*innen, damit niemand die Anti-Atom- und die Anti-Kohle-Bewegung gegeneinander ausspielen kann

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Foto: privat Peter Bastian

"Münster liegt nur 70 Kilometer vom AKW Lingen im Emsland entfernt. Wir arbeiten seit Jahren aber nicht nur zum Meiler, sondern auch zur dort ansässigen Brennelementefabrik. Für diese Fabrik gibt es keinerlei Ausstiegsdatum, sie soll also auch noch nach dem sogenannten ‚Atomausstieg‘ in Deutschland 2022 weiterlaufen. Mit einem großen Trägerkreis haben wir in den letzten Jahren immer wieder Demos gemacht, um auf diesen Missstand hinzuweisen.

"Wenn wir Initiativen uns vernetzen, birgt das riesige Chancen."

Unser Protest richtet sich auch gegen die Urananreicherungsanlage Urenco in Gronau. Die Anlage hat technisch das Potenzial, Material zur Herstellung von Atombomben zu liefern. Das rückt derzeit mit dem INF-Vertrag und anderen weltpolitischen Dingen leider verstärkt in den Mittelpunkt. Wir haben da relativ gute Verbindungen geknüpft zu Vertreter*innen der Friedensbewegung und vor allem zur Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN), die 2017 den Friedensnobelpreis bekam.

Eine Form des Protests ist es für uns, regelmäßig die Aktionärsversammlungen der Betreiberkonzerne Eon und RWE zu besuchen. Der Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre überträgt ja regelmäßig seine Rederechte an Umweltaktivist*innen, die fachlich zu den Themen arbeiten. Zu Lingen und Gronau sind vor allem wir das. Wir gehen da fast jedes Jahr hin und stellen – das ist eine gute Möglichkeit – bei ungenauen Antworten immer fleißig Nachfragen. Das geht denen gehörig auf die Nerven, aber so erhalten wir oft ganze neue, heikle Informationen, die wir publik machen. Auf der letzten Jahreshauptversammlung von RWE verkündete zum Beispiel der Vorstandsvorsitzende Rolf Martin Schmitz auf eine Frage von uns ganz nebenbei, dass im AKW Lingen noch im Herbst 2022, also nur drei bis vier Monate vor dessen Laufzeitende, ein letzter Brennelementewechsel durchgeführt werde. Da könnten dann – das müssen wir unterstellen – auch neue Brennelemente eingesetzt werden und dann hätten wir die sofortige technische Möglichkeit einer Laufzeitverlängerung auf dem Tisch! Wir haben sehr kritisch nachgebohrt, denn das sieht doch sehr danach aus, dass man Argumente dafür schafft, den Meiler auch nach 2022 noch weiter laufen zu lassen. Damit konfrontiert, wollte allerdings plötzlich niemand aus den RWE-Reihen mehr etwas dazu sagen. Wir sind aber mit der Info an die Presse gegangen und haben für Diskussion gesorgt.

Jens Düttig
Foto: privat Jens Düttig

"Wir haben sehr kritisch nachgebohrt, denn das sieht doch sehr danach aus, dass man Argumente dafür schafft, den Meiler auch nach 2022 noch weiter laufen zu lassen"

Für unsere Motivation ist es enorm wichtig, mit anderen Gruppen zusammen zu arbeiten. Denn wenn wir Initiativen uns vernetzen, birgt das riesige Chancen. Ein Beispiel: Als sich vor einigen Jahren in Aachen und sogar überregional gegen das AKW Tihange eine sehr starke Bewegung entwickelte, haben wir uns mit anderen Organisationen kurzgeschlossen und so gemeinsam herausgefunden, dass die belgischen Reaktoren unter anderem von der Urananreicherungsanlage Gronau und der Brennelementefabrik Lingen beliefert werden. Wenn aber der Brennelemente-Nachschub aus Lingen versiegen würde, müssten sich die belgischen AKW-Betreiber weltweit auf die Suche nach neuen Lieferanten begeben. Die zu finden, wäre schon aus technischen Gründen sehr schwierig. Unsere Forderung, die Atomanlagen Lingen und Gronau abzuschalten, hat also Gewicht. Und es ist seitdem auch deutlich, dass die deutsche Politik durchaus Schalthebel hat, das Ende der AKW in Belgien mit herbeizuführen.

Uns bewegen auch die aktuellen Aktionen und Geschehnisse rund um den Hambacher Wald, die Aktivitäten der Fridays-for-Future-Gruppen und das ganze Thema Klimakrise. Wir suchen bewusst die Vernetzung mit Initiativen, die da aktiv sind. Es war ja schnell offensichtlich, dass verschiedene Pro-Atom-Organisationen oder Lobbyverbände jetzt mit der Behauptung kommen, Atomkraft könne die Lösung fürs Klima sein. Für „Fridays for Future“ hier in Münster haben wir uns dann als Ordner*innen zur Verfügung gestellt und konnten im Gegenzug auch von der Bühne sprechen. So hatten wir Gelegenheit, gerade die Schüler*innen auf die Problematik mit den noch laufenden AKW in Deutschland hinzuweisen und dass Atomstrom eben keine Lösung fürs Klima ist. Letztes Jahr waren wir auf dem Klimacamp beim Hambacher Wald und haben von der Bühne aus auch über Urenco aufgeklärt. Im Gegenzug haben wir Michael Zobel (ein bekannter Aktivist im Hambacher Wald, Anm. d. Red.) eingeladen, auf dem Friedensmarsch in Gronau zu sprechen.

Es ist wichtig, dass wir Älteren den Kontakt zu den Jüngeren suchen und informieren, auch bei den Klimademos dabei sind und bei den Ende-Gelände-Aktionen. Gerade weil für die Jüngeren die Super-GAUs von Fukushima und Tschernobyl gefühlt sehr weit weg sind. Die Bewegungen können sich jetzt ergänzen und unterstützen. Zu sehen war das beispielsweise, als beim Konflikt um den Hambacher Wald plötzlich überall der Stromwechsel-Flyer von .ausgestrahlt kursierte, der richtig gut ankam.

Im Wendland war ja die Stärke der Bewegung, dass sie sich nicht hat spalten lassen. Das ist jetzt auch in der Anti-Kohle-Bewegung gefragt. Ein Spaltungsversuch ging beispielsweise im Januar 2018 von Armin Laschet aus, dem Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen. Sein Angebot an Belgien war ernsthaft: Wenn ihr eure Riss-Reaktoren abschaltet, liefern wir unseren RWE-Strom aus Braunkohle. Unsere Reaktion war noch im Februar eine Mahnwache vor der Staatskanzlei in Düsseldorf. Wir hatten mit 20 Teilnehmer*innen gerechnet, es kamen dann über 100 aus verschiedensten Anti-Atom- und Anti-Kohle-Gruppen – ein prima Start für eine gute Zusammenarbeit.

"Die Bewegungen können sich jetzt ergänzen und unterstützen (...) Im Wendland war ja die Stärke der Bewegung, dass sie sich nicht hat spalten lassen."

Eine zweite Mahnwache vor der Staatskanzlei gab es ebenfalls von uns, als im Herbst 2018 der Hambacher Wald geräumt wurde. Laschet sprach mittlerweile davon, man müsse mit Initiativen reden, getan hat er das aber tatsächlich mit niemandem. Deswegen war unser Aufruf „Reden statt Roden“. Wir haben gesehen: Der Konflikt beißt sich im Wald fest, mit der Polizei als Kettenhunde, während Betreiber und Politiker*innen gemütlich in ihren Zentralen sitzen. Wir wollten bewusst ein Zeichen dafür setzen, dass die Auseinandersetzung wieder mehr in der Politik stattfinden muss.

Auf diese kleinen Mahnwache gab es eine große Resonanz von Umweltverbänden, unter anderen vom NABU und BUND und vielen kleinen Initiativen. Ein paar Wochen später klebte „Reden statt roden“ überall, auch bei der nachfolgenden Großdemo. Wir hatten zur passenden Zeit einfach den passenden Nerv getroffen. Und können – jetzt gut vernetzt als Initiativen in NRW – schnell gemeinsam reagieren, wenn der Kampf gegen Atomkraft wieder gegen den Kampf gegen Kohlekraft ausgespielt wird oder umgekehrt.

Das zeigt übrigens zwei Sachen: Man muss nicht einer großen Organisation angehören, um etwas zu bewegen und – es ist natürlich klasse, in den Wald zu fahren und auf Bäume zu klettern, aber nicht jede und jeder muss das tun. Alle Menschen können sich auf ihre Weise und mit ihren Ideen und Möglichkeiten einbringen. Auf der Straße, auf Bäumen oder in Gesprächen mit Konzernen und der Politik – die Mischung machts."

Dieser Artikel erschien ursprünglich im .ausgestrahlt-Magazin Nr. 44, Juli 2019

 

Weiterlesen:

  • Sofa Münster – Inititiative für den sofortigen Atomausstieg
  • Atomstrom ist kein Klimaretter – Vielmehr bremst der Weiterbetrieb der Atomkraftwerke die Energiewende. Deutschland könnte seinen Energiebedarf schon heute komplett ohne AKW decken.

 

Julia Schumacher

Julia Schumacher verfasste ihre ersten umweltpolitischen Artikel schon in der Schulzeit. Nach dem Studium der angewandten Kulturwissenschaften schrieb sie u. a. für Lokalzeitungen, Stadtmagazine, Fachpublikationen, PR- und Werbeagenturen. Für .ausgestrahlt verfasst sie seit 2014 Beiträge für Magazin, Webseite und Social Media.

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