.ausgestrahlt-Blog

15.07.2020 | von Armin Simon

Im gestörten Betrieb zu bleiben, ist verboten

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Foto: Hanno Polomsky

Schon wieder neue Risse, Schadensmechanismus weiterhin aktiv – das ergaben Anfang Juli die erneuten Untersuchungen der Dampferzeuger im AKW Neckarwestheim‑2. Anzahl und Ausmaß der in nur neun Monaten neu entstandenen Schäden wollte das grün geführte Umweltministerium in Stuttgart bis Redaktionsschluss dieses Magazins nicht verraten. Klar ist aber: Der Reaktor ist durch die gefährliche Spannungsrisskorrosion, die den Primärkreislauf angreift, seit vielen Jahren beschädigt, und das ist mindestens seit 2018 bekannt. Was das bedeutet, hat Reaktorsicherheitsexperte Manfred Mertins im Auftrag von .ausgestrahlt untersucht.

Herr Mertins, im AKW Neckarwestheim sind nun im dritten Jahr in Folge Risse in den Heizrohren der Dampferzeuger entdeckt worden, zusammen mehr als 300. Was ist davon zu halten?
Die Rohre in den Dampferzeugern dort sind vorgeschädigt. Ich kann zwar versuchen, mit Spülungen der Dampferzeuger und anderen Maßnahmen der Korrosion entgegenzuwirken. Ich kann die Rissbildung aber nicht verhindern und neue Risse nicht ausschließen.

Was ist so problematisch daran, wenn ein Heizrohr abreißt?
Das Kraftwerk ist nur für den Bruch von maximal einem der mehr als 16.000 Heizrohre ausgelegt. Selbst das wäre bereits ein sehr komplizierter Störfall, weil sehr viele Prozeduren und Handlungen des Personals nötig sind, die genau aufeinander abgestimmt sein müssen. Die dünnwandigen Dampferzeugerheizrohre sind ja die Schnittstelle zwischen radioaktivem Primär- und nicht radioaktivem Sekundärkreislauf – und letzterer hat einen Weg in die Umgebung. Darin liegt die besondere Brisanz dieses Störfalls. In Anbetracht der Vorschädigung der Rohre in Neckarwestheim kann man außerdem nicht davon ausgehen, dass wirklich nur ein einziges Rohr versagt. Sind es aber mehr, haben wir bereits einen auslegungsüberschreitenden Zustand – mit allen Konsequenzen, die da eintreten können, also Verlust des Kühlmittels bis hin zu, im schlimmsten Fall, einer Kernschmelze.

Lässt sich nicht abschätzen, wann ein solcher Riss so groß wird, dass ein Rohr abreißen kann?
Bei den in Neckarwestheim‑2 entdeckten Rissen handelt es sich um Spannungsrisskorrosion. Die Reaktorsicherheitskommission (RSK) hat dazu gesagt, dass sich diese Rissentwicklung im Grunde nicht voraussagen lässt. Es hat sich, auch zur Überraschung der RSK, gezeigt, dass solche Risse auch sehr schnell wachsen können.

Was bedeutet das in der Konsequenz?
Wenn ich solche Risse habe, solche schadhaften Rohre, dann stellt sich die Frage: Darf der Betrieb des AKW überhaupt noch weitergeführt werden?

Und, darf er?
Wenn ich die Rissentwicklung nicht verhindern kann, muss ich die Ausgangsqualität der Rohre wieder herstellen. Der normale Weg dafür, weltweit schon oft realisiert, wäre der Austausch der Dampferzeuger. Das ist natürlich eine aufwändige und teure Angelegenheit. Aber das wäre die sicherheitsgerichtete Herangehensweise.

EnBW hat in Neckarwestheim 2018 und 2019 lediglich die als rissig erkannten Rohre verstopft und den Reaktor danach jeweils wieder in Betrieb genommen. Das widerspreche weltweit anerkannten Sicherheitsstandards, schreiben Sie in Ihrer Bewertung. Was meinen Sie damit?
Das Problem fängt da an, wo ein AKW mit schadhaften Komponenten weiter im Betrieb bleiben soll – und das an einer solch brisanten Stelle, wo bei einem Versagen eine große Freisetzung radioaktiver Stoffe in die Umgebung droht. Ich darf an der Grenze zwischen erstem und zweitem Kreislauf keine Schädigungen oder Vorschädigungen haben. Grundkonzept von Auslegung und Betrieb von AKW weltweit ist das sogenannte „gestaffelte Sicherheits-konzept“. Das unterscheidet vier Ebenen, vereinfacht gesagt: Normalbetrieb, Störung, Auslegungsstörfall und auslegungsüberschreitender Störfall.

Wo ist das AKW Neckarwestheim‑2 mit seinen Rissen da einzuordnen?
In Neckarwestheim‑2 haben wir den Normalzustand definitiv verlassen und befinden uns auf der Sicherheitsebene 2 im gestörten Betrieb. Das Sicherheitskonzept sieht aber vor, dass ich da nicht bleiben kann. Ein AKW im gestörten Betrieb weiter zu betreiben, ist verboten. Das sagt die Internationale Atomenergie-Organisation IAEA, und im deutschen Kerntechnischen Regelwerk steht das genauso drin. Ich muss den gestörten Betrieb verlassen und wieder einen sicheren Zustand erreichen. Das wäre hier: dafür sorgen, dass Risse keine Rolle mehr spielen – oder eben abschalten.

Die Atomaufsicht in Baden-Württemberg räumt zwar ein, dass im AKW Neckarwestheim‑2 weitere Risse entstehen können, berief sich bisher aber auf einen sogenannten „Integritätsnachweis“ von EnBW. Demzufolge soll auch bei auftretenden Rissen ein Platzen der Rohre ausgeschlossen sei. Was sagen Sie dazu?
Das ist aus meiner Sicht ziemlich haarsträubend. Nach dem Kerntechnischen Regelwerk zählen die Dampferzeuger-Heizrohre wegen ihres kleinen Durchmessers zu den Rohren, für die ein Integritätsnachweis nicht führbar ist. Die sind ja nur fingerdick, mit einer Wandstärke von 1,2 Millimetern.

Aber könnte man die Vorgaben des Kerntechnischen Regelwerks für einen „Integritätsnachweis“ nicht zumindest analog auch auf diese dünnen Rohre anwenden?
Man kann vieles versuchen. Aber zum einen sind in den Dampferzeugern schon die grundlegenden Voraussetzungen für die sogenannte Basissicherheit von Rohren nicht gegeben, die das Kerntechnische Regelwerk für einen 
Integritätsnachweis fordert. Denn wir haben dort eine korrosive Umgebung und unvermeidliche Materialspannungen; Spannungsrisskorrosion ist das Ergebnis. Unter solchen Umständen kann man keinen Integritätsnachweis führen. Zum anderen gilt ja, wie gerade erwähnt, das gestaffelte Sicherheitskonzept. In Neckarwestheim‑2 haben wir es an der 
Grenze von erstem und zweitem Kreislauf mit an einzelnen Stellen sehr stark vorgeschädigten 
Komponenten zu tun; die RSK sagt, dass dieses Risswachstum sehr schnell vor sich gehen kann. Da zu versuchen, den Betrieb Jahr für Jahr weiterzuführen, mit irgendwelchen wie auch immer geführten Nachweisen, dass diese Rohre zumindest den nächsten Betriebszyklus überstehen, das ist aus meiner Sicht nicht akzeptabel.

Interview: Armin Simon

Dieses Interview erschien erstmalig im .ausgestrahlt-Magazin 48 (Aug/Sept/Okt 2020)

 

weiterlesen:

Auf Basis der von Prof. Mertins im Auftrag von .ausgestrahlt erstellten „Bewertung zu Schäden durch Spannungsrisskorrosion an Dampferzeuger-Heizrohren im KKW Neckarwestheim‑2“ hat .ausgestrahlt gemeinsam mit dem BUND Landesverband Baden-Württemberg und dem Bund der Bürgerinitiativen Mittlerer Neckar (BBMN) beim Umweltministerium in Stuttgart formal beantragt, das AKW Neckarwestheim‑2 ohne einen vorherigen Austausch aller vier Dampferzeuger nicht wieder ans Netz zu lassen.
Antrag und Expertise findest Du auf ausgestrahlt.de/akw-neckarwestheim

  • Risse auch im AKW Lingen

Dieselben Risse wie im AKW Neckarwestheim‑2 sind zum wiederholten Mal auch im typgleichen AKW Lingen nachgewiesen worden. Auch hier verlaufen sie ringförmig um die dünnwandigen Heizrohre in den Dampferzeugern. RWE hat allerdings

  • anders als EnBW in Neckarwestheim
  • nur einen kleinen Teil der Rohre

überhaupt untersucht. 2019 wurden zwei Risse entdeckt, 2020 ein weiterer. Zu Länge und Tiefe sowie zum Untersuchungsumfang konnte die niedersächsische Atomaufsicht .ausgestrahlt selbst nach vier Wochen nichts sagen – angeblich wegen der „Detailtiefe“ der Anfrage.

Armin Simon

Armin Simon, Jahrgang 1975, studierter Historiker, Redakteur und Vater zweier Kinder, hat seit "X-tausendmal quer" so gut wie keinen Castor-Transport verpasst. Als freiberuflicher Journalist und Buchautor verfasst er für .ausgestrahlt Broschüren, Interviews und Hintergrundanalysen.

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