Atomkraft in Brasilien

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Präsident Bolsonaro will den Bau des AKW Angra‑3 wieder aufnehmen – koste es, was es wolle | Stand 10/2019

Seit der Fernsehserie im Juni 2019 über den Super-GAU von Tschernobyl misstrauen erst recht viele Menschen in Brasilien den dortigen AKW. Angra‑1 und ‑2 liegen in einer erdrutsch-gefährdeten Bucht an der Atlantikküste zwischen Rio de Janeiro und São Paulo, mitten in der „Mata Atlântica“, dem brasilianischen Küstenurwald.

Atomares Glühwürmchen
Angra‑1 wurde nach vielen Pannen und elf Jahren Bauzeit 1982 in Betrieb genommen. Der von der US-Firma Westinghouse gebaute Reaktor heißt in der brasilianischen Presse „Glühwürmchen“, weil er am Anfang, genauso wie das gleichnamige Insekt, ständig an und aus ging. Doch erst Angra‑2, baugleich mit dem 2015 abgeschalteten deutschen AKW Grafenrheinfeld, wurde zum Horror für die brasilianischen Staatsfinanzen. Der Reaktor entstand nach Abschluss des deutsch-brasilianischen Atomabkommens von 1975 während der brasilianischen Militärdiktatur, Auftragnehmer war Siemens/KWU. Deren falsche Berechnungen führten zur Unterbrechung des Baus 1992. Das Küstengebiet ist nicht erdbebensicher, der Baugrund instabil. Deswegen mussten 40 Meter tiefe Pfeiler in den Sand gegraben werden, auf die der Reaktor gesetzt wurde. Die Baukosten stiegen so auf etwa 10 Milliarden US-Dollar, was die brasilianischen Auslandsschulden um 10 Prozent erhöhte. In Betrieb ging Angra‑2 im Jahr 2000, ein Vierteljahrhundert nach Baubeginn.

Die brasilianische Bevölkerung ist zu über 80 Prozent gegen Atomkraft eingestellt. Die Anti-Atom-Bewegung ist bis heute sehr klein. Den Baustart von Angra-3 im Jahr 1981, ursprünglich ebenfalls ein Siemens/KWU-Projekt, konnte sie nicht verhindern. Doch die Arbeiten kamen bereits nach zwei Jahren zum Erliegen. 2009 dann der zweite Anlauf, auch dieser bislang ohne Erfolg: Seit Oktober 2015 herrscht wieder Baustopp, denn Brasilien hat kein Geld, und einige korrupte Atom-Ingenieure kamen in den letzten Jahren wegen Angra‑3 ins Gefängnis. Im März wurden auch Ex-Präsident Michel Temer und der ehemalige Minister für Bergbau und Energie Wellington Moreira Franco
wegen Korruptionsvorwürfen im Zusammenhang mit Angra-3 verhaftet. Eine Woche später kamen sie wieder frei.

Die Fertigstellung des Reaktors, wie Angra‑2 vom Typ „Vor-Konvoi“ und damit technisch auf dem Stand der 1970er-Jahre, soll mehr als 3,4 Milliarden Euro kosten. Auftragnehmer ist inzwischen Framatome, eine Tochter des französischen Staatskonzerns EDF, in der die Atomsparte von Siemens aufgegangen ist. Das Geld soll über eine öffentlich-private Partnerschaft zusammenkommen, die Investoren mehr als 10 Cent pro Kilowattstunde kassieren – deutlich mehr, als Wind- oder Solarstrom kostet.

Jair Bolsonaro, der seit Januar 2019 amtierende rechtsradikale Präsident Brasiliens, plant derweil acht weitere AKW – fast zurückhaltend wenig verglichen mit dem Ziel des Sozialdemokraten Luiz Inácio „Lula“ da Silva, der in seiner Amtszeit von 50 neuen AKW sprach. Überhaupt hielten bisher alle Regierungen Brasiliens die Reaktoren Angra 1–3 zusammen mit der Uranmine in Caietité und der Urananreicherungsanlage in Resende für eine gute Basis autonomer Energieproduktion. Nur über den Atommüll redet niemand in Brasilien: 1.800 Brennstäbe, der radioaktive Abfall von Angra‑1 und Angra‑2, liegen in Abkühlbecken neben den laufenden Reaktoren. Wo er einmal hin soll, ist ungewiss.

Geheimes Bombenprogramm
1990 entdeckte Luiz Pinguelli Rosa, Physiker an der staatlichen Universität von Rio de Janeiro, ein geheimes Programm zum Bau einer Atombombe in Brasilien. Das inzwischen eingestandene und beendete Programm
unterlief die 1988 verabschiedete Verfassung, die festlegt, dass in Brasilien der Bau einer Atombombe verboten ist. „Das Bombenprogramm stammt aus der Zeit der Militärs und wurde von den Regierungen Brasiliens einfach weitergeführt“, so Pinguelli Rosa, der einst Energieminister Brasiliens war.

Deutschland liefert unter anderem Brennstäbe und angereichertes Uran nach Brasilien. Immer noch gilt das deutsch-brasilianische Atomabkommen von 1975, das neben der Gewinnung und Aufbereitung von Uranerzen auch den Bau von acht AKW, einer Anreicherungs- und einer Wiederaufbereitungsanlage in Brasilien vorsah, abgesichert über deutsche Hermes-Bürgschaften und damals als „Jahrhundert-Geschäft“ bejubelt. Alle fünf Jahre könnte es gekündigt werden, der nächstmögliche Termin wäre im November 2019. Allerdings sieht die Bundesregierung „weder aus außenpolitischer, noch aus energiepolitischer Sicht (…) eine Notwendigkeit, das Abkommen zu kündigen oder zu novellieren“, wie Wirtschafts-Staatssekretär Ulrich Nußbaum mitteilte. Zudem sei es auch die Basis für die Zusammenarbeit in Themen der Nuklearsicherheit. „Aber das“, sagt der Journalist und Brasilienexperte Christian Russau, „könnte man auch über eine bilaterale Wissenschaftskooperation machen.

Gudrun Fischer 


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