Explosion einer Atombombe
Foto: Pitopia

Bombenrisiko Atomkraft

Zivile und militärische Nutzung der Atomenergie lassen sich nicht eindeutig trennen. Atomkraftwerke, Forschungsreaktoren, Anreicherungs- und Wiederaufarbeitungsanlagen sind immer auch ein Weg, an die zum Bau einer Atombombe nötigen Materialien zu gelangen und militärische Atomprogramme zu kaschieren.

Urananreicherungsanlagen, die Uran zu niedrig angereichertem AKW-Brennstoff verarbeiten, können ebensogut waffenfähiges, hoch angereichertes Uran herstellen. Mit ein paar Kilo dieses Materials können im Prinzip schon Oberstufenschüler eine Atombombe bauen.

Atomreaktoren sind zudem die einzige Möglichkeit, das ultragiftige Bombenmaterial Plutonium zu erzeugen. Es entsteht bei der Kernspaltung und kann in einer Wiederaufarbeitungsanlage aus den abgebrannten Brennelementen extrahiert werden.

Noch immer ist die Option auf die Atombombe einer der bedeutendsten Gründe, warum Staaten auf die zivile Nutzung der "Kernenergie" setzen. Doch auch jenseits von Atomwaffen stellt Atomkraft eine Gefahr für den Frieden dar. Mit steigender Nachfrage wächst die Gefahr von militärischen Auseinandersetzungen um den immer knapper werdenden Rohstoff Uran. Ein Atomkraftwerk ist zudem ein risikoreiches Angriffsziel für Terroranschläge: Mit seinem radioaktiven Inventar birgt es wie kaum ein anderes Objekt das Potenzial, Millionen Menschen zu töten und ganze Regionen unbewohnbar zu machen. Und Munition aus abgereichertem Uran (depleated uranium, DU), einem Abfallprodukt der Urananreicherung, verursacht bei ihrem Einsatz zusätzliche Gesundheits- und Umweltschäden.

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„Ohne AKW haben die Militärs ein Problem“

Micle Schneider - Autor des World Industry Nuclear Reports
Foto: Bert Bostelmann / bildfolio

Mycle Schneider, Herausgeber des World Nuclear Industry Status Report 2018 über militärische und andere Interessen am Neubau von AKW und die Zukunft des französischen Reaktorparks einschließlich des AKW Fessenheim

Herr Schneider, in Ihrem neuen Statusreport der Atomindustrie weltweit widmen Sie erstmals der Verquickung zwischen ziviler und militärischer Nutzung der Atomenergie ein eigenes Kapitel. Warum?
Wir stellen seit Jahren fest, dass es keine überzeugenden energiepolitischen oder marktwirtschaftlichen Gründe gibt, in neue AKW zu investieren. Selbst amortisierte Reaktoren haben zunehmend Schwierigkeiten am Markt. Warum also drängen manche Länder trotzdem noch auf Neubau und Laufzeitverlängerungen?

Hilft das alte Argument, Atomkraft ebne den Weg zur Bombe, da weiter?
Wir reden hier nicht über Bombenbau oder Missbrauch atomwaffenfähiger Materialien. Das ist in der Tat alles altbekannt. Und auf Atomwaffenstaaten wie Frankreich, die USA und Großbritannien trifft das sowieso längst nicht mehr zu, da gibt es mehr waffenfähiges Spaltmaterial als genug.

Worum geht es dann?
Um die militärische Überlappung von Infrastruktur, Kompetenz, Ausbildung et cetera, um die Leute, um Forschungseinrichtungen.

Auch diese Erkenntnis ist nicht ganz neu.
Aber dass das zu einem öffentlichen Beweggrund wird, das ist neu. 50 Jahre lang hat man uns erzählt, dass man sehr gut unterscheiden könne zwischen ziviler und militärischer Nutzung von Atomkraft. Plötzlich heißt es nun, man müsse die zivile Nutzung beibehalten, weil die militärische sonst nicht bezahlbar sei. Dass hohe Offizielle wie ein ehemaliger Energieminister der USA sagen: „Wir brauchen die zivile Atomindustrie wegen nationaler Sicherheitsinteressen“, das hat es bisher noch nicht gegeben.

Deshalb haben Sie dafür auch einen neuen Begriff gesucht?
Genau. Nicht „link“, wie die altbekannte zivil-militärische Verknüpfung, sondern „interdependencies“, gegenseitige Abhängigkeit. Das Militär bedient sich aus demselben Fundus an Ingenieuren, Fachleuten und so weiter wie die zivile Atomindustrie. Die Kompetenzen, um die es geht, Sicherheits- und Konzeptstudien, Material- und Alterungsprobleme und so weiter, das sind alles dieselben. Die Militärs wissen: Wenn die zivile Atomindustrie nicht bleibt, dann haben sie ein echtes Problem.

Weil sie dann die ganze Ausbildung und das Fachwissen selber finanzieren müssen?
Richtig, das geht nämlich nicht.

Die Militärs sind also Schuld daran, dass noch AKW gebaut werden?
So wird das inzwischen manchmal dargestellt, leider. Aber die Vorstellung, es gebe nur eine einzige Erklärung dafür, die halte ich für falsch. Klar ist: Es gibt eine ganze Palette unterschiedlicher Beweggründe, aus denen einige Staaten immer noch an Atomkraft festhalten oder gar neu auf sie setzen. Nehmen wir doch mal das geplante AKW Hinkley Point C. Das ist ein Drei-Regierungs-Projekt von China, Frankreich, England. Jedes Land hat individuelle Interessen, und die kommen in diesem Atomprojekt zusammen. England hat unter anderem militärische Interessen, für China ist der Reaktor ein winziger Teil seiner billionenschweren geopolitischen „Road and Belt Initiative“.

Und Frankreich? Selbst der Finanzdirektor von EDF war doch gegen dieses Projekt – er ist deswegen sogar zurückgetreten!
Aber stellen wir uns einmal vor, die französische Entscheidung – EDF ist ja ein Staatskonzern – wäre gegen Hinkley Point ausgefallen. Dann wäre von heute auf morgen klar gewesen, dass EDF nie wieder irgendwo einen ihrer Reaktoren vom Typ EPR bauen wird – wenn sie das nach so vielen Jahren nicht mal im Nachbarland hinkriegen. Und damit wäre klar geworden, dass auch die französische Atomindustrie dem Ende entgegen geht.

Weil dann auch die angekündigten sechs neuen EPR in Frankreich selbst zur Diskussion gestanden hätten?
Die wurden nie „angekündigt“. Man kann auch in Frankreich nicht mal so eben sechs EPR bauen! Die kriegen doch nicht mal den einen fertig, an dem sie seit über zehn Jahren herumbauen. Übrigens hat das Papier selbst, aus dem die Zahl stammt, nie jemand gesehen, das sind bloß Wortfetzen.

Den Berichten darüber zufolge taucht aber auch in diesem französischen Papier die militärische Argumentation auf.
Dabei war es eine Studie im Auftrag des Umwelt- und Wirtschaftsministeriums, nicht vom Verteidigungsministerium! Durchgeführt aber wurde sie von einem der Elitetechnokraten, die den Atomsektor beherrschen, und einem Militär.

Was bedeutet die zivil-militärische „interdependency“ für die Auseinandersetzung um Atomkraft?
Zum Beispiel, dass diese französische Studie nicht veröffentlicht, sondern als militärische Verschlusssache eingestuft wurde, was eine ziemlich hohe Geheimhaltungsstufe ist. Das ist ein Skandal. Denn wenn die Beweggründe, neue AKW zu bauen oder Laufzeiten zu verlängern, ganz andere sind als die vorgeblich wirtschaftlichen oder energiepolitischen, dann müssen wir auch über genau diese eigentlichen Beweggründe diskutieren. Wenn der Steuerzahler über seine Stromrechnung eine militärische „interdependency“ mitfinanzieren soll, dann muss er das auch wissen!

Das älteste französische AKW steht in Fessenheim im Elsass, 30 Kilometer vor Freiburg. Seine Abschaltung ist angekündigt, wird aber immer weiter verschoben. EDF behauptet, zunächst müsse der AKW-Neubau in Flamanville, ein EPR, ans Netz gehen.
Es gibt keine Verbindung zwischen Fessenheim und Flamanville! Das ist ein Konstrukt. Wenn der politische Wille da wäre, Fessenheim vom Netz zu nehmen, könnten die beiden Reaktoren dort im Prinzip morgen früh abgeschaltet werden. Von der Reglementierung her ist das alles längst in der Pipeline, auch eine Entschädigungsregelung ist unterschrieben. Im Grunde genommen ist alles geregelt.

Warum passiert es dann nicht?
EDF und die Atom-Lobbyisten in Frankreich haben das Gefühl, dass sie nicht mal den kleinen Finger rausgucken lassen dürfen.

Kein AKW weniger!?
Genau. EDF hat sich ja sogar zu der Ansage erdreistet, dass sie außer Fessenheim – dazu gibt es nun mal einen Vertrag – bis 2029 überhaupt keine weiteren Reaktoren vom Netz nehmen wollen. Es gibt aber ein französisches Gesetz, das immer noch in Kraft ist, nach dem bis 2025 der Atomstromanteil auf 50 Prozent sinken soll!

… was hieße, dass etwa ein Drittel der 51 Reaktoren bis dahin weg müsste.
Vielleicht sogar mehr. Der ehemalige EDF-Chef Proglio hat dagegen bei einer parlamentarischen Anhörung erklärt, man werde das 50-Prozent-Ziel „organisch“, also ohne Abschaltungen, erreichen.

Dafür müsste der Stromverbrauch um 50 Prozent steigen, …
… was gegen alle Trendanalysen steht: Sowohl in Frankreich als auch in der gesamten EU sinkt er schon seit ein paar Jahren. Tatsächlich wäre es in EDFs eigenem Interesse, das AKW Fessenheim endlich abzuschalten. Der Konzern hat so eine gigantische AKW-Überkapazität, diese beiden Uralt-Reaktoren sind da komplett irrelevant. Aber sie wären eben der kleine Finger. Und die Devise lautet: Keinen Millimeter nachgeben!

Was fürchten die Atom-Fans?
Dass die Wahrheit ans Licht kommt. Die Wahrscheinlichkeit, dass auch nur ein Bruchteil des französischen Reaktorparks durch neue Reaktoren ersetzt wird, ist sehr gering. Das müsste man eingestehen. Aber eine Industrie, die zugibt, dass sie keine Zukunft hat, ist nicht morgen tot, sondern heute. Und das ändert alles: Kein Geld mehr, keine Leute mehr, kein Einfluss mehr. Das trifft längst nicht nur EDF.

Wenn die Verträge schon ausgehandelt, die Entschädigung schon vereinbart ist – was braucht es dann noch? Ein Machtwort?
„Das war’s!“, sagte Kanzlerin Merkel nach dem Beginn des Fukushima-Desasters. Drei Monate später wurde der Ausstieg in Deutschland gesetzlich neu geregelt. In Frankreich haben Parlament und Regierung nie die Macht in der Energiepolitik an sich genommen, sondern sie immer an die Technokratenelite delegiert. Deshalb ist das so schwer.

Interview: Armin Simon

Dieses Interview erschien ursprünglich im .ausgestrahlt-Magazin Nr. 42, Oktober 2018.