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12.06.2013 | von Redaktion

Die indische nukleare Renaissance aus der Nähe betrachtet – Recherche in Delhi

Bei über 40 Grad Hitze wälzt sich unsere Riksha durch den Verkehr Delhis. Trotz der neu gebauten Metro sind die Straßen voll von Autos und den unzähligen kleinen Motor- und Fahrradrikshas. Die Hitze ist kaum auszuhalten und uns kleben die Kleider am Leib als wir endlich das Haus von Achin Vanaik erreichen. Der ehemalige Leiter der politischen Fakultät der Universität von Delhi und Preisträger des International Peace Bureaus in London ist einer der besten Kenner der indischen Anti-AKW-Szene und Vorkämpfer der ersten Stunde.

Unterdrückung der Protestbewegung

Russland, China und Indien sind weltweit momentan die einzigen Länder, die eine massive Ausweitung ihrer Kernkraftkapazitäten planen, wobei Indien das einzige Land ist, in dem eine nennenswerte Bewegung gegen diese Pläne existiert. Seit den 1950er Jahren ist die Anti-AKW-Bewegung die von der Regierung am stärksten unterdrückte Protestbewegung, erzählt uns Achin Vanaik in seinem sehr britischen Englisch.

Drei Gründe seien es, warum der Staat ausgerechnet bei der Anti-Akw Bewegung so hart durchgreift: Die vorherrschende Meinung ist, man brauche Atomkraft um mit dem „Westen“ aufzuholen und ein wirklich „industrialisierter“ Staat zu werden. Die Förderung der Atomkraft hat in den Augen der Staatslenker daher seit Jahrzehnten den Status einer Staatsdoktrin. Zweitens haben die anderen Atomstaaten ein großes Interesse daran, ihre Technologien zu verkaufen. So hatte sich Indien mit dem USA-Indien Deal von 2008 von den internationalen Sanktionen, die nach den Atomtests 1998 eingesetzt wurden, frei gekauft und als Gegenleistung zugesichert, US Atomtechnologie im großen Stil einzukaufen. Widerständige ProtestantInnen stören hier nur. Drittens argumentiert die indische Regierung immer wieder mit der riesigen zukünftigen Nachfrage an Energie, die es zu stillen gilt und der damit verbundenen „wichtigen Rolle“ der Atomkraft.

Interesse an Situation in Deutschland

Natürlich sind unsere Gesprächspartner auch stark an der deutschen Situation interessiert. Wir erzählen unter anderem von der Endlagerdebatte und rufen damit zynisches Lachen hervor. Atommüll? – Den gibt es offiziell in Indien nicht. Der Müll wird meistens direkt beim Kraftwerk gelagert, öffentlich zugängliche Informationen gibt es nicht und demnach auch keine kritische Debatte. In der Schule wird sowieso gelehrt, Radioaktivität sei problemlos. Nach dem spannenden Gespräch stürzen wir uns wieder in die Hitze und in den Verkehr. Wir freuen uns schon auf den nächsten Termin: ein Skype-Interview mit den AktivistInnen in Koodankulam, ein Atomkraftwerk im Süden des Landes. Es ist der Ort mit der wohl stärksten Protestbewegung aber auch den größten Zusammenstößen mit der Staatsmacht.

Redaktion

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