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27.11.2014 | von Jan Becker

Reste der Urananreicherung: Atommüll oder Wertstoff?

Bei der Urananreicherung in Deutschlands einziger Anreicherungsanlage (UAA) im westfälischen Gronau fallen große Mengen abgereichertes Uranhexafluorid (UF6) an. Was bislang als „Wertstoff“ galt wurde kürzlich von der Bundesregierung in ihrem Entwurf des „nationalen Entsorgungsplans“ zu „Atommüll“ umdeklariert. Mit dramatischen Folgen, meint Udo Buchholz, Anwohner und entschiedener Gegner der Anlage.

Es geht um 100.000 Kubikmeter Uranabfall, der aus der Anreicherungsanlage stammt, sich dort in einem Zwischenlager befindet und teilweise als „Wertstoff“ deklariert war. 13.000 Tonnen sogenannte Urantails sollten eigentlich wieder angereichert werden, was sich in Deutschland aber nicht rentiert. Deshalb wurde das Material bis vor wenigen Jahren mit Güterzügen nach Russland gebracht, wo sich eine erneute Verarbeitung angeblich lohnt. Doch dort lagert der deutsche „Atommüll“, wie ihn AtomkraftgegnerInnen schon immer bezeichneten, nun unter freiem Himmel – was Satellitenaufnahmen der Urananreicherungsanlagen in Novouralsk (Ekaterinburg), Seversk (Tomsk) und Angarsk bei Irkutsk belegen. Im Juni 2007 rüttelte ein Bericht von Frontal 21 auf, der rostende und leckende Atomfässer zeigte, die nur notdürftig zusammengeschweisst waren. Bis Mitte 2007 wurden aus Gronau mehr als 22 000 t Uranmüll nach Russland verbracht.

Bei dem Gronauer Uranmüll handelt es sich weitgehend um das Uranisotop U-238 mit einer Halbwertszeit von etwa 4,5 Milliarden Jahren!

In Deutschland habe das Eingeständnis der Bundesregierung, dass es sich in Gronau um Atommüll handelt, „gravierende Auswirkungen auf den jetzt schon desolaten ‚Entsorgungsbereich‘ für Atommüll“, warnt Udo Buchholz, Anwohner der UAA und Vorstandsmitglied des Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU). Denn der als Endlager für den Gronauer Atommüll vorgesehene Schacht Konrad in Niedersachsen sei „völlig ungeeignet“. Im Uranhexafluorid-Freilager neben der Gronauer Uranfabrik lagern derzeit etwa 13.000 Tonnen Uranmüll in Containern unter freiem Himmel. Sie seien laut Buchholz lediglich durch einen Maschendrahtzaun „geschützt“. Daher sei es „vermutlich nur eine Frage der Zeit, wann in Gronau die ersten Urancontainer durchgerostet sein werden“. Auch in den USA habe es bereits Leckagen bei Behältern mit Uranhexafluorid gegeben.

Um die Situation zu entschärfen, baut die Firma URENCO am Standort der UAA eine neue Lagerhalle für den Atommüll, doch auch die würde laut Buchholz „keinen Schutz“ bieten. Sie entspricht „nicht dem Stand der Technik“: aus Sicht der Betreiber und Behörden wurde sie für „Wertstoff“ gebaut – eingelagert werden sollen aber 60.000 Tonnen Atommüll. Weil die Entsorgung ungeklärt ist, würde mit einer baldigen Inbetriebnahme der Halle „ein faktisches Dauerendlager“ geschaffen werden, was die Landesregierung nicht zulassen dürfe.

„Jeder Tag, an dem in Gronau Uran angereichert wird, verschärft das Atommüllproblem. Weit und breit gibt es kein Endlager, in dem der Gronauer Atommüll dauerhaft sicher gelagert werden kann“, so Buchholz. Von der NRW-Landesregierung fordert er deshalb „die sofortige Aufhebung der Betriebsgenehmigung zur Uranmüllproduktion in Gronau“.

  • Protest vor dem Werktor der UAA: In Gronau wird am kommenden Sonntag (30.11.2014) eine internationale Delegation um 10 Uhr vor dem Haupttor der Urananreicherungsanlage (Röntgenstraße 4) die Stillegung der Anlage fordern.

ZDF FRONTAL21 vom 12.06.07

weiterlesen:

  • 600.000 Kubikmeter: Bundesregierung prognostiziert viel mehr Atommüll
    18. November 2014 — Schonungslose Neuberechnung des Bundesumweltministeriums haben ergeben: Die Bundesrepublik muss in den nächsten Jahrzehnten viel mehr Atommüll entsorgen als bislang geplant. Erstmalig tauchen in offiziellen Dokumenten Abfälle aus der Urananreicherung und der Asse-II auf. Eine Entsorgungslösung gibt es nicht.
  • Atommüll: „Was schert uns der Dreck”
    23. November 2014 — Das Atommülldilemma wird immer offensichtlicher. Gleichzeitig wollen die Energieversorger für eine alternative Endlagersuche nicht zahlen – und halten stattdessen an Gorleben fest, meint die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg. Sie fordert erneut die Streichung des Standorts als mögliches Endlager aus dem Standortauswahlgesetz.
  • Entsorgungsdesaster: Tausende Atommüllfässer in Zwischenlagern sind beschädigt
    18. November 2014 — Verrostete und beschädigte Atommüllfässer, aus denen der Inhalt teilweise ausgelaufen ist. Umfangreiche Bergungskonzepte und unklare Entsorgungslösung. Im schleswig-holsteinischen AKW Brunsbüttel schien sich der Höhepunkt des Entsorgungsdesasters anzubahnen. Doch eine Recherche des NDR ergab: An anderen Orten ist der Zustand der Atommüllfässer nicht besser – sondern hat eher System.
  • contratom.de – Eine “neue Sorte” Atommüll ist aufgetaucht
    13. Mai 2013 – Das Atommüllproblem ist um eine Facette reicher geworden: das Nachrichtenmagazin Spiegel verweist in der Ausgabe 19/2013 darauf, dass nicht einmal die Abfallbilanzen klar sind. Eine “neue Sorte” von Atommüll sei aufgetaucht, für die es bislang noch gar keine Endbestimmung gibt: rund 100.000 Kubikmeter graphithaltiger Abfälle sowie abgereichertes Uran, die nicht in den Schacht Konrad verbracht werden dürfen.

Quelle (Auszug): PE BBU, 21.11.2014

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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