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01.12.2014 | von Jan Becker

Atommüll: Lubmin wird zum Dauerlager

Eigentlich sollte das „Zwischenlager Nord“ bei Greifswald dazu dienen, den Atommüll aus den DDR-Atomkraftwerken Rheinsberg und Lubmin aufzunehmen. So war es den AnwohnerInnen versprochen worden, die damals mit dem Bau gar nicht einverstanden waren. Doch nun verkommt der Standort endgültig zur Langzeitdeponie für strahlenden Schrott aller Art und Herkunft.

Das Verwaltungsgericht in Greifswald hat in einem Streit zwischen dem Innenministerium Mecklenburg-Vorpommerns und dem Betreiber des Lagers, die bundeseigenen Energiewerke Nord (EWN), entschieden: Das Ministerium muss die geltende Genehmigung abändern, so dass Bearbeitungs- und Lagerfristen wegfallen und schwach- und mittelradioaktiver Atommüll aus dem ganzen Bundesgebiet angeliefert werden dürfen. Bislang durften atomare Reststoffe, die weder aus Rheinsberg noch aus dem Rückbau der Meiler von Lubmin stammen, maximal fünf Jahre vor und nach ihrer Behandlung im Zwischenlager Nord gelagert werden.

  • Grundsätzlich stand eine unbefristete Lagerung von Fremdstoffen im Widerspruch zum geltenden Raumordnungsprogramm, in dem es hieß: Dort dürfen „ausschließlich“ radioaktive Abfälle aus den früheren Kraftwerken Lubmin und Rheinsberg gelagert werden.

Das Lager war 1999 in Betrieb gegangenen. Heute lagern dort 74 Castoren, davon kommen bereits neun Behälter mit hochradioaktiven Abfälle aus Westdeutschland. Die Castoren kamen gedeckt durch Bundesrecht und begleitet von massiven Protesten Ende 2010 und Anfang 2011 in das bundeseigene Zwischenlager an der Ostseeküste. Von 26.561 Tonnen schwach- und mittelradioaktiven Abfall stammen aber nur 395 Tonnen nicht aus den ehemaligen DDR-Atomkraftwerken Rheinsberg und Lubmin. Die EWN lagern auch Großkomponenten: so wird derzeit unter anderem ein Dampferzeuger aus dem stillgelegten AKW Obrigheim (Baden-Württemberg) zerlegt und dekontaminiert. Diese Abfälle sollen nach derzeitiger Planung wieder abtransportiert werden.

Während der Vorsitzende Richter davon spricht, dass sich durch die neue Genehmigung „keine veränderte sicherheitsrelevante Lage“ ergebe, lobt die EWN die Entscheidung und redet von „erleichterten Bedingungen“. Das Land will das Urteil prüfen und möglicherweise in Revision gehen. Es fehle nämlich weiterhin ein Nachweis für den Schutz gegen terroristische Anschläge.

AtomkraftgegnerInnen warnen vor einer Ausweitung der Lagerkapazitäten und der Radioaktivitätsmenge, die bislang zwar unberührt bleiben. Unter der Maßgabe, dass es in Lubmin nun keine zeitliche Befristung für die Lagerung mehr gibt und gleichzeitig die Endlagerfrage in Deutschland weitere Jahrzehnte ungeklärt bleiben wird, drängt sich jedoch die Tatsache förmlich auf, dass hier ein Langzeit-Zwischenlager geschaffen wird. Eine Vergrößerung der Einlagerungsmengen ist in wenigen Jahren unter dem Druck des AKW-Rückbaumülls durchaus denkbar – und am Ende wahrscheinlich reine Formsache. Im Dezember 2010 wurde bekannt, dass die Bundesregierung bereits eine Finanzplanung bis zum Jahr 2080 hat. Die EWN weiten ihr Geschäftsfeld „ohne jegliche Rücksichtnahme aus“, fassen die LINKEN im Landtag MV damit treffend zusammen.

weiterlesen:

  • Atommüll: „Was schert uns der Dreck”
    23. November 2014 — Das Atommülldilemma wird immer offensichtlicher. Gleichzeitig wollen die Energieversorger für eine alternative Endlagersuche nicht zahlen – und halten stattdessen an Gorleben fest, meint die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg. Sie fordert erneut die Streichung des Standorts als mögliches Endlager aus dem Standortauswahlgesetz.
  • 600.000 Kubikmeter: Bundesregierung prognostiziert viel mehr Atommüll
    18. November 2014 — Schonungslose Neuberechnung des Bundesumweltministeriums haben ergeben: Die Bundesrepublik muss in den nächsten Jahrzehnten viel mehr Atommüll entsorgen als bislang geplant. Erstmalig tauchen in offiziellen Dokumenten Abfälle aus der Urananreicherung und der Asse-II auf. Eine Entsorgungslösung gibt es nicht.
  • Entsorgungsdesaster: Tausende Atommüllfässer in Zwischenlagern sind beschädigt
    18. November 2014 — Verrostete und beschädigte Atommüllfässer, aus denen der Inhalt teilweise ausgelaufen ist. Umfangreiche Bergungskonzepte und unklare Entsorgungslösung. Im schleswig-holsteinischen AKW Brunsbüttel schien sich der Höhepunkt des Entsorgungsdesasters anzubahnen. Doch eine Recherche des NDR ergab: An anderen Orten ist der Zustand der Atommüllfässer nicht besser – sondern hat eher System.
  • contratom.de – “Langzeitverwahrung” in Lubmin
    2. Januar 2014 – Atommülllagerung bekommt in Lubmin einen neuen Titel: “Langzeitverwahrung”. Die Energiewerke Nord lassen die verseuchten Gebäude des AKW Greifswald mindestens die nächsten 50 Jahre lang stehen – und konterkarieren die Diskussion um Entsorgung.

Quelle (Auszug): ndr.de, 27.11.2014

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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