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Am 18. Februar 1975 besetzten AtomkraftgegnerInnen den Bauplatz für das geplante Atomkraftwerk Wyhl in Baden-Württemberg. Der „Anfang vom Ende” der Atomkraft in Deutschland, denn der Erfolg der gewaltfreien Bürgerproteste gegen das geplante Großprojekt wirkt bis heute und macht Mut für die Zukunft.

Am 17. Februar 1975 hatten Rodungsarbeiten auf dem Platz begonnen, auf dem ein weiteres Atomkraftwerk für die deutsche Energieversorgung gebaut werden sollte. Weil „im Land sonst das Licht ausginge“, argumentierte der damalige Baden-Württembergische Ministerpräsident Filbinger den dringenden Bedarf eines weiteren AKW. Dann waren es Winzer, Bauersfrauen, Arbeiter vom Kaiserstuhl und Studenten aus Freiburg, die den Stacheldraht überwanden und die Bauarbeiten stoppten. Einen Tag später räumte die Polizei allerdings mithilfe von Wasserwerfern. Die Bilder der gewaltfreien Bürgerdemonstration gingen um die Welt – junge Männer in Uniform etwa, die gestandene Frauen im Alter ihrer Mütter davontragen mussten.

Und die konservative Bevölkerung war geschockt: Dass ihr Landesvater Herrscharen von prügelnden Polizisten auf sie loslassen würde, das hatte niemand im Vorfeld glauben wollen. Es herrschten Wut und Frust – und eine Ablehnung gegen die zwei geplanten Druckwasserblöcke mit jeweils 1.300 Megawatt Leistung manifestierte sich. Wenige Tage später kam es erneut zur Platzbesetzung, dieses Mal konnten die AKW-Gegner neun Monate bleiben.

Die Argumente gegen das AKW waren am Anfang der Proteste in Wyhl noch etwas diffus: Dampf aus den Kühltürmen könnte die Sonneneinstrahlung vermindern und Nebel vermehren. 1975 wurde aber auch über die Auswirkungen der radioaktiven Emissionen diskutiert und gewarnt, dass das Kühlwasser aus dem Kraftwerk den Rhein aufheizen und sein biologisches Gleichgewicht gefährden könne.

Das Verwaltungsgericht Freiburg verfügte nach einer Prüfung der ersten Teilgenehmigung Anfang 1975 einen Stopp für die Bauarbeiten. Nach einem Einspruch der Landesregierung unter Ministerpräsident Filbinger konnte ab Oktober 1975 aber weitergearbeitet werden, bis 1977 erneut ein Verbot erlassen wurde: Es fehle ein „Berstschutz“ für den Reaktor. 1982 erklärte der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg den Bau wieder für rechtens. In Wyhl fand daraufhin eine Kundgebung mit über 30.000 AtomkraftgegnerInnen statt.

Ministerpräsident Filbinger musste schon 1978 wegen einer Affäre seinen Hut nehmen. Sein Nachfolger Lothar Späth (CDU) erklärte 1983 im Angesicht der Massenproteste überraschend, das AKW Wyhl sei vor 1993 nicht nötig. Seit 1995 ist der Bauplatz als Naturschutzgebiet ausgewiesen.

Das AKW Whyl konnte verhindert werden. Der bittere Beigeschmack: Die bereits für Block 1 gefertigten Großkomponenten wie Dampferzeuger und Reaktordruckbehälter wurden für das heute noch in Betrieb befindliche Atomkraftwerk Philippsburg 2 verwendet.

Was geblieben ist, ist die Gewissheit, dass friedlicher Bürgerprotest gegen ein wahnsinniges Großprojekt wie Wyhl und die Machtinteressen von Politik und der daraus resulierenden Durchsetzungsgewalt durch die Polizei Erfolg haben können. Heute geht es zumindest in Deutschland nicht mehr um das Verhindern von AKW-Neubauten. Doch die Motivation von Wyhl ist eine Gewissheit mehr, dass der Streit für einen schnelleren Atomausstieg zu gewinnen ist.

Quellen (Auszug): stuttgarter-zeitung.de, badische-zeitung.de, 17./18.2.2015

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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