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11.05.2015 | von Redaktion

Gorleben / Wendland: Das Fest zum Protest

Mitte Mai beginnt im Wendland wieder die Kulturelle Landpartie. Das Kulturfestival wird unabhängig und basisdemokratisch organisiert, ist aber keinesfalls frei von Politik. Mittlerweile ist das Festival Aushängeschild und Entwicklungsmotor der ganzen Region. Das war nicht immer so. Torsten Koopmann und Andreas Conradt sprachen mit drei Gründungsmitgliedern über Kommerz und Widerstand, über Wurzeln und Zukunft. Ein Auszug aus der Gorleben Rundschau, Ausgabe Mai / Juni 2015.
.ausgestrahlt wird mit Informationsangeboten an der Kulturelle Landpartie beteiligt sein.

Gorleben Rundschau (GR): Die Kulturelle Landpartie, kurz: KLP, gibt es jetzt schon seit über 25 Jahren. Wie sah der Entwicklungsprozess bis zur „Geburt“ aus?

Michael Seelig: Die Kulturelle Landpartie hat mehrere Wurzeln. Eine davon sind die Kulturveranstaltungen und die Widerstandsaktionen, die über die Jahre durchgeführt wurden. Das fing an 1982: Die Gorleben Frauen hatten da vor dem umzäunten Gelände des späteren Zwischenlagers ein Café eröffnet unter dem Titel „Kein böser Bube kommt in meine Stube“. Viele der Widerstandsaktionen waren gleichzeitig Kunstaktionen. Es waren immer Künstler dabei, die Anfang, Durchführung und Ende einer Demonstration mitbestimmt und mitgestaltet haben.
Dann erinnere ich an die ganz großen Sachen, zum Beispiel „Hart an der Grenze“: Drei Busse von der Göhrde über verschiedene Punkte entlang der Elbe und der damaligen Zonengrenze. Von mittags um 12 bis nachts um 12 zu 12 Stationen. Eine unvergessliche Aktion, aber eine von Gorleben eigentlich völlig losgelöste Sache. Also: Diese Demonstrationen, die eigentlich Kunstaktionen waren, sind eine der Wurzeln der Kulturellen Landpartie.
Die andere Wurzel ist der Pfingstmarkt. Wir haben den in Kukate [dem Lebensort von Michael Seelig, Anm. d. Red.] seit 1985 gemacht, erst 1990 haben wir erstmals die Wunde.r.punkte veranstaltet.

Helmut Koch, genannt Profi: Genaugenommen hieß es ja „1004 Wunde.r.punkte“.

Brita Kärner: Und der Grund für den Wechsel zu den Wunde.r.punkten war ja, dass der Pfingstmarkt so ein Renner war, dass Ihr nicht mehr wusstet, wohin mit dem Publikum.

Seelig: Ja, wir sind vom ersten Pfingstmarkt an richtig überrannt worden. Wir waren völlig platt, weil so viele Leute kamen, und es wurden jedes Jahr mehr. Ich habe gleich nach dem ersten Markt gesagt: „So kann das nicht weiter gehen. Wir müssen gucken, dass sich das mehr verteilt.“ Und dann bin ich von 1985 bis 89 rumgelaufen und habe versucht, Leute zu akquirieren, die das auf ihren Höfen machen. Aber da wollte keiner.
Es hat also erstmal lange gedauert, bevor wir so viele Leute zusammengekriegt haben, die bei der Strukturierung einer Idee mitgewirkt haben. Und das hat dann hier in Kukate stattgefunden. Da haben wir alle da hinten im kleinen Häuschen gesessen: Profi war dabei, Brita, Astrid Clasen, Peter Bauhaus, Elke Kuhagen, Susanne Kamien und Horst Schneider. Das waren alles Multiplikatoren. Wir haben da also zu acht gesessen und die Wunde.r.punkte richtig strategisch geplant. Und das Anschieben dieser Sache war richtig Arbeit.
Aber alle, die dann schließlich mitgemacht haben, haben gesagt: We too, we too! Wir wollen das auch. Dann sind eben viele genauso Markt-Organisatoren geworden. Sie haben sich ihre Freunde eingeladen und haben das im Kleinen gemacht: „Ich muss einen Goldschmied haben, einen Töpfer, einen dies, einen das und einen Maler.“ Damit es immer ein rundes Bild gibt. Immer einen Abklatsch vom Pfingstmarkt, nur im Kleinen. Nur: Einige der kleinen Märkte sind halt auch richtig groß geworden. Und nun gibt es seit 1992 oder 94 diese ständige Auseinandersetzung zwischen den kleinen und den großen Punkten.

Profi: Die Achtzigerjahre, das war die Zeit ohne Castortransporte. Das war die Zeit nach 1004 [dem Hüttendorf auf der Bohrstelle 1004 im Jahr 1980, bei der auch die Republik Freies Wendland ausgerufen wurde, Anm. d. Red.], nach dem Treck [Traktor-Treck von Gorleben nach Hannover 1979, Anm d. Red.]. Die BI [Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg, Anm. d. Red.] suchte händeringend nach Möglichkeiten, den Widerstand auch nach außen zu transportieren. Das waren graue Jahre. Und 1989 fiel plötzlich die Mauer.
Da gab es dann ganz schnell die Idee, bei Bergen an der Dumme – auf der Grenze! – ein Kulturfestival zu machen. Das hat dann nicht geklappt, war aber Thema bei den Gesprächen über die Gründung der Wunde.r.punkte. Später hat sich daraus Local Heroes entwickelt.
Seit 1984/85 gibt’s den Kulturverein Platenlaase, der ja auch ein Bestandteil dieses Widerstands und dieser Kultur ist. Daraus ist dann wieder ZERO entstanden [lokales Szeneblatt, Anm. d. Red.]. Und es waren immer wieder die gleichen Leute, die da zusammengesessen und überlegt haben, was man tun kann.

Kärner: Wir haben Seiten vollgeschrieben mit möglichen Namen, wie wir das Kind nennen wollen. Klassisches Brainstorming. Die „Wunde.r.punkte“ sind es dann geworden, und der Reiz an diesem Wort war eben das R in der Mitte.

Seelig: Die Wunde.r.punkte waren ein politisches Programm. Da war ganz klar: Wir sind hier Gorleben-Gegner, wir zeigen unseren Widerstand, wir zeigen unsere Lebenskonzepte als Alternative, und wir zeigen die wunderbaren und die wunden Punkte. Im Vordergrund standen nicht Kunst und Kunsthandwerk, sondern zum Beispiel das Frauen-Forum. Die Bürgerinitiative hat ein großes Camp gemacht, die Wendland-Kooperative Widerstands-Theater. Die Anthroposophen waren dabei, der BUND, der Bund Naturkunde, Biobauern als politisches Programm und so weiter.

Kärner: Und genau deswegen wollten wir das Kind dann auch im fünften Jahr beerdigen.

GR: Wieso denn das?

Profi: Das wurde von einer relativ kleinen Gruppe organisiert und wuchs uns einfach über den Kopf. Die Frage war: Wie soll man das trotz der inhaltlichen Klammer mit dem vorhandenen Personal noch bewältigen? Da haben wir gesagt: Das schaffen wir nicht, das muss neu konzipiert werden, wir fressen jetzt den Fisch auf, und dann ist erst mal Ruhe.

Kärner: Wir hatten auch damals schon die inhaltliche Diskussion um die Qualität der Aussteller. Nach dem Motto: Wenn wir hier Kunsthandwerk ausstellen, dann wollen wir, dass das Perlen sind. Und dann haben wir ein einziges Mal eine Jury gemacht: Es haben sich etliche Leute aus unserem Kreis dazu angemeldet, die gerne daran teilnehmen wollten. Aber wir haben uns erdreistet zu sagen: Nö, zu viel Hobby oder so. Wir haben einigen Leuten gesagt: „Du darfst nicht mitspielen!“ Das waren aber zum Teil Leute, die in der BI oder anderweitig politisch so was von aktiv und korrekt waren. Und wir waren in unserem Programm „Wunde.r.punkte“ gefangen, denn diese Leute waren ja Kämpfer gegen die wunden Punkte. Und ob sie dann auch noch aus Baumstämmen Zwerge schnitzten, das sollte dann keine so große Rolle mehr spielen. Wir kamen in Teufels Küche mit diesem Programm, unserer eigenen politischen Absicht gerecht zu werden und unserem künstlerischen und kunsthandwerklichen Anspruch.

Seelig: Wir haben ja versucht, die Wunde.r.punkte zu Grabe zu tragen: 1994 haben wir sie mit einem großen Fest beendet. Tja, es hat keine drei Monate gedauert, dann ging wieder was los.

Kärner: Ja, da gab es welche, die gesagt haben: „Wir sind das Volk!“

Seelig: Wir wollten inhaltlich aufrichtig bleiben. Man kann nicht eine politische Veranstaltung gegen Gorleben auf die Fahnen schreiben und Batik und Töpfersachen anbieten. Das hat nicht mehr zusammengepasst, weil die Kunsthandwerker-Sache gewachsen war. Und man kann nicht unter dem Etikett „Widerstand“ Kunsthandwerk verkaufen.
Als die Veranstaltung 1995 unter dem Namen Kulturelle Landpartie neu ins Leben gerufen wurde, war ganz klar: Wir machen eine Kulturveranstaltung, und dazu stehen wir auch. Es hat sich von einer eindeutig politischen Veranstaltung gewandelt zu einer Kulturveranstaltung.

Profi: Ich gebe zu, dass ich die Einladung geschrieben habe zum Leben ohne Wunde.r.punkte. Aber wie gesagt: 1995 lebte das Kind doch wieder auf, dann unter dem Namen Kulturelle Landpartie.

GR: Welche Rolle spielt die Gorleben-Problematik heute noch auf den einzelnen KLP-Punkten?

Seelig: Also diese Diskussion ist so überflüssig wie ein Kropf. Alles, was wir als Kulturelle Landpartie gemacht haben, ist ein Ausdruck des Widerstands. Von Anfang an gewesen. Es ist nichts anderes! Es ist sozusagen Basisarbeit der Bürgerinitiative. Oder eine Aktionsform der Bürgerinitiative. Und fast alle, die sich in der KLP engagieren, sind auch gleichzeitig BI-Mitglieder. Also was soll diese Differenzierung. Ich brauch‘ mich doch nicht immer hinzustellen und zu sagen „Jetzt bin ich BI-Mitglied; jetzt bin ich Aktionsform Kulturelle Landpartie.“ Es ist völlig identisch.

Profi: Es liegt an den einzelnen Leuten und an den einzelnen Punkten, was sie da tun. Ich glaube, dass es auf den einzelnen Punkten viel mehr Gorleben-Thematik gibt, als plakatiert ist. Das ist nämlich genau die Frage: Was passiert in den Gesprächen? Was ist, wenn man miteinander kommuniziert? Ich glaube, dass es eine Diskrepanz gibt zwischen dem, was beschlossen wurde und offiziell gemacht wird, und dem, was stattfindet.

Kärner: Und dem, was sichtbar ist. Über Dritte, Vierte, Fünfte, Sechste.

Seelig: Es ist ja eigentlich völlig klar und völlig unstrittig bei allen: Die Kulturelle Landpartie ist eine Aktionsform, die aus dem Widerstand entstanden ist. In unserem Aufruf von Ende 1989 oder Anfang 90 hieß es: „Kommt her! Guckt uns an! Wir sind die Chaoten! Macht Euch ein eigenes Bild von dem, was hier zerstört werden soll.“ Und die Besucher wissen doch, Herrgott nochmal, dass dies eine Veranstaltung der Aktivisten ist.

Profi: Vielleicht nicht die Leute am Küstener Kuchen-Punkt …

Seelig: Glaubst Du denn wirklich, dass Du mit Information was erreichst? Nein! Mit Belehrung, bitteschön, das lass‘ doch mal. Wir haben doch gerade diese Aktionsform gewählt, um den Leuten ganz andere Zugänge zu ermöglichen. Und zwar emotionale Zugänge. Zugänge über Landschaftskunst-Aktionen in den ersten Jahren, um den Leuten zu zeigen: „Wir sind die Chaoten. Kommt her. Schaut, was wir alles bewerkstelligen, was wir machen und können. Und guckt Euch die Lebenskonzepte und die Ideen der Leute an, die hier im Widerstand tätig sind.“

Profi: Ich zitier‘ das einfach mal aus dem ersten Aufruf: „Der Zusammenschluss jener, die hier aktiv werden, ist weder rein zufällig, noch beliebig. Die gemeinsamen Wurzeln liegen im Wiederstand gegen die Atomanlagen und dem Lebensgefühl, Anderes zu wollen, als abhängig zu arbeiten und sich feierabends vom Fernseher leben zu lassen. Das, was über Pfingsten gezeigt, demonstriert, ausgestellt werden soll, ist nicht die Spitze des Eisberges, die politische Demonstration, sondern ein Teil der Kultur dieser Region, der versucht, der Entfremdung der Arbeit, der Trennung zwischen Leben und Produzieren, der Zerstörung menschlicher Bindungen in der modernen Industriegesellschaft entgegenzuleben. Jeder auf seine Art.
Widerstand gegen Atomanlagen beschränkt sich nicht auf spektakuläre Aktionen und ist nicht auf den Bereich Atom begrenzt, sondern zieht sich durch alle Bereiche des Lebens. Widerstand ist tägliches Leben. Dieses Tägliche kann aber auch zermürben; da findet Vereinzelung statt, und der Gesichtskreis verengt sich.“ Also: Der Kernsatz war: Wir zeigen, was wir tun, wenn wir nicht demonstrieren.

GR: Warum war das wichtig?

Profi: Das war wichtig, weil die Demonstrationen alleine nie die Jahrzehnte überdauert hätten. Und die BI weiß das. (grinst)

Seelig: Wir hatten ja ein so schlechtes Image!

Kärner: Vorurteile noch und nöcher!

Seelig: Man denke mal bitte an den Herrn Kanther [Manfred Kanther (CDU), Bundesinnenminister von 1993 bis 1998, Anm. d. Red.], der uns beschimpft hat als „unappetitliches Pack“. Selbst Herr Trittin [Jürgen Trittin (Grüne), Bundesumweltminister von 1998 bis 2005, Anm. d. Red.]: „Singer und Latscher, die nach Gorleben laufen!“ Von allen Politikern, von allen, bitteschön, über alle Fraktionen hinweg, sind wir beschimpft worden als die Krawallmacher, als die Chaoten, als Stinktiere und was weiß ich noch alles.

Profi: Es ging ja auch für den Widerstand darum, Multiplikatoren zu haben. Nicht nur im Wendland – überall! Und viele von uns kamen ja von außerhalb, Zujezog’ne wie ick, ne?! Wir wollten unseren Freunden natürlich auch einen Zugang ermöglichen. Es war also von Anfang an immer das Bewusstsein dabei, dass wir den Widerstand nach außen tragen und damit mal zunächst und in erster Linie die Leute erreichen müssen, die wir kennen. Und denen was anderes anbieten, als die 27. Demo.

Kärner: Und wir hatten ganz schön viel Lust, unser eigenes Niveau nach außen zu tragen. Also auf einer Demonstration so vielfältig zu sein, wie wir vielfältig sein können als Kulturarbeiter und -arbeiterinnen. Das kann eine Demonstration nicht liefern. Sabotageakte schon gar nicht, die in diesen Zeiten auch stattgefunden haben. Aber wir waren in der Lage, dieses ganze Problem auch auf eine andere, sinnliche und intellektuelle Art und Weise zu betrachten und auszuarbeiten. Dafür haben wir uns selbst einen Rahmen geschaffen und damit eine viel größere Öffentlichkeit neugierig gemacht und denen vermittelt: „Ach, wir sind auch gemeint?!“ Es ging nicht nur ums Demonstrieren, wo man vielleicht Bedenken hatte, weil sich das bis damals noch nicht gehörte in den Familien.
Bei irgendwelchen Platzbesetzungen haben zumindest diejenigen, die von uns daran beteiligt waren, gewusst: Wir müssen den Medien Bilder liefern. Und die müssen immer einen Überraschungseffekt haben.

GR: Wenn man auf die jüngeren Kollegen im Organisationsteam der KLP schaut: Gibt’s da eine Veränderung gegenüber den „Alten“?

Profi: Na klar hat sich das verändert. Die ganze KLP hat sich verändert.

Kärner: Nee, nee! Ich glaube dass genau das, was Profi eben vorgelesen hat, sich überhaupt nicht geändert hat! Ich glaube, dass die, die jetzt im Rat sitzen, das genauso unterschreiben.

GR: Alle?

Kärner: Alle! Sonst wären sie da auch nicht im Rat. Dass es trotzdem andere Leute gibt, die nicht bei jedem Schritt, den sie machen, überprüfen, ob das denn nun auch noch dahin gehört, das sei dahingestellt. Aber die Absicht – auch von denen, die die Organisation machen – deckt sich mit dem Aufruf.

Profi: Seit vielen Jahren haben wir die „AG Neue Punkte“, und da wird schon ein bisschen gefiltert. Da machen wir natürlich keine Gesinnungskontrolle, aber es gibt Leute, die fallen von vornherein durch die Raster. Bei jedem ist natürlich der Zugang, die persönliche Geschichte anders. Damals, als das mit den Wunde.r.punkten losging, waren wir von der Sozialisation relativ homogen, auch wenn wir aus unterschiedlichen Berufen kamen. Aber was Gorleben und den Widerstand betrifft: Das war ja der Grund des Hierseins. Das ist heute nicht mehr so.

Seelig: Ich glaube auch, dass die Diskussion von einem sehr harten Kern innerhalb der Kulturellen Landpartie immer wieder gefordert wird. Ich sehe auch dieses „Fest“, was da in Gorleben ins Leben gerufen wurde [den Aktionstag am 22. Mai, Anm. d. Red.], sehr kritisch!

Kärner: Zu Recht! Es ist nichts Neues!

Seelig: Nein! Es ist rückwärtsgewandt. Und wir wissen auch, dass es nicht funktioniert. Also zumindest nicht so, wie man sich das wünscht oder wie es eigentlich sein sollte, weil alle es nur mit Druck und schlechtem Gewissen machen.

Profi: Viele außerhalb der KLP, die nach solchen „Aktionstagen“ verlangen, haben keine Ahnung, wie sich jemand, der einen KLP-Punkt hat, am zehnten Tag der Landpartie fühlt: So was von überkommuniziert! Du hast mit so vielen Leuten gesprochen und was gemacht. Du hast die ganze Vorbereitung am Hals, Du hast hinterher noch die Nachbereitung. Und jetzt da raus zu gehen? Ich glaube, dass das eine unheimliche Belastung ist, und eigentlich soll ja bei der KLP der Spaß und die Freude im Vordergrund stehen.

GR: Ihr habt schon von Kunstaktionen verschiedener Art gesprochen, die zwar Wurzel der KLP, aber zunächst unabhängig, höchstens personalidentisch mit ihr waren. In den letzten zehn Jahren hat es solche Aktionen nicht mehr gegeben. Warum?

Kärner: Wir werden ja auch älter!

Seelig: Aber dafür passieren jetzt andere Sachen.

Kärner: Die Entwicklung gehört dazu.

Seelig: Eine Vielfalt von diesen Kunstaktionen ist zwar immer wieder neu, aber abgelebt. Es muss was Neues kommen. Ich mache jetzt die Grüne Werkstatt, und das hat den gleichen Hintergrund, die gleiche Zielsetzung, den gleichen Effekt, aber auf einer ganz anderen Ebene als die Kunstaktionen. Es kommt darauf an, dem Landkreis Lüchow-Dannenberg ein Image zu geben, das kreativ, vielfältig und innovativ ist. Der Widerstand in Gorleben hat sich immer wieder mit Überraschungsaktionen nach außen präsentiert, war immer wieder kreativ, und selbst wo niemand mehr dran gedacht hat, sind wir noch drauf gekommen. Wir haben uns über den Widerstand als kreative Region etabliert. Das müssen wir jetzt aufgreifen und mit dem Pfund wuchern.

Kärner: Ein weiteres Beispiel ist die Freie Bühne Wendland. Die hat sich entwickelt aus langjähriger Arbeit. Und es ist überhaupt keine Frage, dass die Leute, die da mitspielen, alles Gorleben-Gegner sind. Oder diese Unmenge an Chören, die es hier gibt! Also: Die gesamte kulturelle Entwicklung in Lüchow-Dannenberg hat so sehr was mit unseren Anfängen und unserer Entwicklung hier zu tun. Das darf man sich ruhig mal vergegenwärtigen und auch auf die Fahne schreiben.

Seelig: Noch mal einen Schritt zurück: Die Kulturelle Landpartie ist keine Kulturveranstaltung, die die Interessen und die Erwartungen von Besuchern erfüllt. Dann müsste man nämlich immer dasselbe reproduzieren und ein Programm abspulen. Wir brauchen aber neue Impulse und Ideen. Man muss gucken, was wirkt.

GR: Es taucht immer wieder der Vorwurf auf, dass der Geist der Freien Republik in den letzten Jahren dem Konsumgedanken in der KLP gewichen ist. Wie seht Ihr das?

Kärner: Wenn Du vom (lacht) „Geist der Freien Republik“ sprichst, dann gilt es auch das mit Inhalt zu füllen, nämlich auch mit dem historischen Inhalt, dem Utopie-Gedanken und dem Wolkenkuckucksheim. Die ungeheure Kraft des Neuen, das wir da erfunden haben, kann man nicht zwingen. Diesen Geist kannst Du beleben und befruchten, oder sehen, wie er eingeht.
Ich kann den gestiegenen Geldumsatz ja auch positiv sehen, weil mit Hilfe der Kulturellen Landpartie weitaus mehr Leute selbstständig von ihrer Arbeit leben können, als ohne die KLP. Und das ist zu befeiern und zu befeiern und zu befeiern! Das ist sehr schön. Manchmal läuft das natürlich darauf hinaus, dass man nicht an jeder Widerstandssitzung oder an jeder Aktion teilnehmen kann.
Anders sieht es für mich aus bei den großen Märkten, weil dort eben nicht mehr gesichert ist, dass alle Aussteller im Sinne des vorhin gehörten Aufrufs leben. Da gibt es schon Sachen, die nicht mehr in meinem Sinne laufen.

Profi: Ich will an der Stelle nochmal zitieren: „Selbstbestimmte, nicht entfremdete Lebens- und Arbeitsformen benötigen aber auch einen Markt, der allein im Wendland nicht zu finden ist. Deshalb ist diese Aktion genauso Werbung. Wir wollen den Rest der Republik erreichen. Das Bewusstsein ebenso wie den Geldbeutel.“ Das heißt: Der Gedanke, von seiner Arbeit hier leben zu wollen, der steckt da durchaus drin. Die Diskussion darum, die ist eigentlich auf dem Plenum der Landpartie ständig gegenwärtig, in verschiedensten Formen, nur wird das außen nicht wahrgenommen.

Seelig: Die Diskussion, die die Kommerzialisierung einer Kulturveranstaltung als negativ darstellt, die ist so beknackt! Wie, bitteschön, sollen denn kreative Leute überleben, wenn sie nicht verkaufen? Wie soll es denn funktionieren, bitteschön, in einer Region weitab aller Autobahnen, ohne Zuganbindung, inmitten schöner Natur, aber: Man darf auch kein Geld verdienen! Diese Diskussion ist so ab von jeder Realität! Natürlich sind alle diejenigen, die da ihr Geld verdienen und ihr Geld verdienen müssen und sollen, Atomkraftgegner.

Profi: Die meisten, die der KLP Kommerzialisierung unterstellen, sitzen in wohlbestallten Arbeitsplätzen und haben überhaupt keine Sorgen, wie sie am nächsten Wochenende ihre Hütte heizen sollen. Es gibt eine Diskrepanz zwischen der Außendarstellung und dem, was innerhalb der KLP passiert. Auf der anderen Seite: Bei 500 bis 800 Beteiligten an der Landpartie – da kannst Du keine Gesinnungskontrolle bei allen machen. Da kannst Du auch nicht bei allen nachgucken, ob das wirklich selbstgemacht ist. Und den Grundsatz gibt’s nach wie vor: Selbstgemacht!

GR: Braucht es die KLP noch, wenn es tatsächlich dazu kommen sollte, dass Gorleben als Endlagerstandort aufgegeben wird. Und was wird dann ihre Aufgabe sein?

Profi: Dann wird ihre Aufgabe sein, den Salzstock zu beleben. (lacht) Die Wettbewerbe hatten wir doch bei der KLP schon lange.

Seelig: Es gab da vor 15 Jahren mal ein Gutachten der Landesregierung. Aber es ist eine rein hypothetische Frage.

GR: Warum?

Seelig: Weil Gorleben nach wie vor der Standort sein wird. Da gibt’s jetzt ein bisschen Geplänkel, aber letztendlich ist völlig klar: Es geht gar nichts anderes als Gorleben.

Profi: Es ist doch allen klar, dass das nur Augenwischerei ist. Es geht darum, den Widerstand zu schwächen, indem man Reizpunkte wegnimmt.

GR: Ist die KLP eine Besonderheit der Region, oder gibt es das woanders auch?

Seelig: Die Kulturelle Landpartie war kürzlich angefragt, das Konzept in der Nähe von Fulda vorzustellen. Da erst habe ich an der Reaktion der Leute gesehen, welches Alleinstellungsmerkmal wir wirklich haben. Es gibt Kulturveranstaltungen landauf, landab. Aber das, was wir machen – in der Konstellation, in der Dichte, mit der persönlichen Hingabe – das ist schon einmalig.

Kärner: Landpartien gibt es woanders auch. Aber was dort fehlt, ist der politische Impuls. Der ist nicht gegeben.

Profi: Der Gorleben-Widerstand hat Leute mit einer bestimmten Lebensvorstellung hierher gebracht. Und die wollten mehr machen als eine Demonstration, hatten andere Vorstellungen vom Leben. Dadurch gibt es hier eine Häufung, die man anderswo so nicht findet.

Seelig: Ich war vor einiger Zeit auf der Grünen Woche in Berlin [Ernährungs-, Landwirtschafts-, Gartenbaumesse, Anm. d. Red.]. Da stellte die Region Teutoburger Wald ein ganz ähnliches Konzept wie die Kulturelle Landpartie aus. Als ich dann jemanden auf dem Stand ansprach, erzählte der mit begeistert, dass er im Wendland gewesen sei und sich überlegt hätte, so eine Landpartie als touristisches Event doch auch woanders aufziehen zu können … Das hat drei Jahre funktioniert, und nun ist es wieder weg.

Profi: Ein weiterer Geist der Landpartie ist die immerwährende Auseinandersetzung mit dem, was wir tun wollen. Ist das, was wir tun, richtig? Wollen wir das anders machen? Jedes Jahr könnte sich eine Gruppe als Rat mit einem neuen Konzept präsentieren und zur Wahl stellen. Dabei werden nicht einzelne Leute gewählt, sondern ein bestimmtes Konzept. Und dieses Konzept wird immer wieder verändert und in Frage gestellt. Wenn da irgendein Veranstalter auftritt und sich die Leute zum Markt einkauft – das ist etwas ganz anderes!

Seelig: Heute ist die Kulturelle Landpartie das Aushängeschild der Region. Es laden ganz viele Leute ihre Freunde explizit zur KLP ein: „Da ist hier richtig was los!“ Also: Letztlich haben wir genau das erreicht, was wir wollten: Das Wendland ist als eine kreative Region etabliert und auch innerhalb der Region komplett verankert. Es ist die Veranstaltung der Leute von Lüchow-Dannenberg. Wir haben anfangs große Schwierigkeiten gehabt. Das hat sich komplett gedreht!

  • Brita Kärner: Goldschmiedin mit eigenem Punkt auf der KLP, die sich auch in freier Kunst (Objekte, Performances, Landschaftskunst) ausdrückt. Mitglied einer freien Gruppe namens Virtueller Rundling, die Gespräche und praktische Hilfe beim Älterwerden bietet. Im günstigsten Fall kann daraus eine Alternative zum klassischen Altersheim entstehen.
  • Michael Seelig: Erfinder des Pfingstmarkts auf seinem Hof in Kukate, später Mitbegründer der Wunde.r.punkte und Mit-Organisator der KLP. Betreibt heute – auch, aber nicht nur als KLP-Punkt – die Grüne Werkstatt Wendland, um das kreative Potenzial der Region weiterzuentwickeln.
  • Helmut Koch: Nennt sich selbst APO-Opa, wird von anderen im Landkreis nur „Profi“ genannt und ist – als Alt-Linker – wegen Gorleben und der Möglichkeit, dort „anders“ leben zu können, ins Wendland gezogen. Gestaltet als gelernter Schriftsetzer heute die lokale Szene-Zeitschrift ZERO. War und ist Organisator der KLP, hat aber nie einen eigenen Punkt gehabt.

Wir veröffentlichen diesen (langen) Text hier, weil in wenigen Tagen die „Kulturelle Landpartie“ (KLP) im Wendland beginnt. Diese Veranstaltung ist massgeblich durch den Widerstand gegen Gorleben und Atomkraft geprägt. Auch .ausgestrahlt beteiligt sich mit Informationsangeboten an der KLP.

  • Aktionstag in Gorleben: “Kulturelle Widerstands Part(y)ie”
    5. Mai 2015 — Aus dem Widerstand gegen die atomaren Pläne im Landkreis Lüchow-Dannenberg entstand 1989 die „Kulturelle Landpartie“. Jahr für Jahr begeistert Deutschlands größte Handwerks- und Kunstausstellung zehntausende Gäste. Und verdeutlicht vor allem eines: Die Schönheit eines Landstriches, der vor einem Atommüll-Lager bewahrt werden muss. Ein Höhepunkt der diesjährigen KLP wird der bunte Aktionstag an den Atomanlagen in Gorleben sein.

Redaktion

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