.ausgestrahlt-Blog

22.05.2015 | von Jochen Stay

Seit zehn Jahren mit .ausgestrahlt gegen Atomkraft

Das richtige Projekt zur richtigen Zeit
Am 24. Mai 2005 um 2.52 Uhr in der Nacht ging eine E-Mail über den großen Info-Verteiler von „X-tausendmal quer“, Betreff: „Start einer neuen Anti-Atom-Kampagne steht bevor“. Das war das erste Lebenszeichen von .ausgestrahlt.

X-tausendmal quer organisierte seit 1996 große gewaltfreie Sitzblockaden gegen Castor-Transporte. Irgendwann tauchte dort die Frage auf, wie man Menschen erreichen konnte, die zwar nicht bereit sind, sich in der Novemberkälte nachts auf wendländischen Straßen aufzuhalten, aber gerne anders gegen Atomkraft aktiv werden wollen.

.ausgestrahlt wurde viermal gegründet
Als Antwort darauf entstand .ausgestrahlt. Zuerst als eine Art Unterprojekt von X-tausendmal quer, das mit Info- und Aktionsmaterialien über verschiedene atompolitische Themen aufklärte. Im Herbst 2005 dann, im Bündnis mit BUND und Campact und unter .ausgestrahlt-Logo, als große Anti-Atom-Kampagne zur Bundestagswahl. Danach beschloss X-tausendmal quer, .ausgestrahlt zu einer eigenständigen Organisation zu machen. Sie gründete sich 2007 als Verein, der aber noch relativ wenige Aktivitäten startete, weil alle Beteiligten ehrenamtlich und mit wenig Zeit aktiv waren.

Richtig durchgestartet ist .ausgestrahlt dann im vierten Anlauf, im Herbst 2008. Damals war absehbar, dass die Stromkonzerne im Bündnis mit Union und FDP Laufzeitverlängerungen anstrebten. .ausgestrahlt wollte dem etwas entgegensetzen und beschloss, das Comeback der Anti-Atom-Massenbewegung anzuzetteln. Ohne große finanzielle Ressourcen stellten wir die ersten zwei Mitarbeiter ein.

Das Comeback der roten Sonne
Offenbar hatten wir die Stimmung richtig eingeschätzt: Tausende AtomkraftgegnerInnen wurden wieder aktiv, die Anti-Atom-Sonne ging auch ganz praktisch überall wieder auf: 16.000 demonstrierten gegen den Castor-Transport nach Gorleben 2008, 50.000 waren es im Sommer 2009 in Berlin bei Ankunft des Anti-Atom-Trecks der Bäuerinnen und Bauern aus dem Wendland, 120.000 formten im Frühjahr 2010 eine 120 Kilometer lange Menschenkette zwischen Brunsbüttel und Krümmel, Zehntausende gingen zeitgleich in Biblis und Ahaus auf die Straße.

.ausgestrahlt hatte unendlich viel zu tun. Mit der immer größeren Zahl aktiver AtomkraftgegnerInnen und lokaler Anti-Atom-Gruppen wuchs auch unser Team. Die Auseinandersetzung spitze sich zu, als die Bundesregierung im Herbst 2010 tatsächlich Laufzeitverlängerungen beschloss. Über 100.000 fluteten das Regierungsviertel, 50.000 kamen anlässlich des Castor-Transports ins Wendland – so viele wie niemals zuvor. Überall flatterten die Anti-Atom-Fahnen.

.ausgestrahlt war längst nicht der einzige Akteur der neu erwachten Bewegung. Viele Initiativen, Organisationen und aktive Einzelpersonen trugen dazu Wesentliches bei. Aber .ausgestrahlt war und ist bis heute wichtiger Netzwerkknoten, Initiator von großen und kleinen Aktionen und Kampagnen, Dienstleister für lokale Gruppen, Sprachrohr in den Medien und vieles mehr.

Im Februar 2011 musste .ausgestrahlt in größere Büroräume umziehen, weil das alte Domizil aus allen Nähten platzte. Der Umzug erwies sich drei Wochen später als großer Segen…denn mit der Fukushima-Katastrophe begann für .ausgestrahlt der Ausnahmezustand: Im neuen Büro arbeiteten zeitweise 23 Leute, manche fast rund um die Uhr. Drei waren mehrere Tage alleine damit beschäftigt, die Anmeldungen für Mahnwachen in mehr als 700 Städten auf unsere Webseite zu stellen. Unser Materialversand brach unter der Anzahl der Bestellungen mehr als einmal zusammen. Innerhalb von zwei Wochen organisierten wir zusammen mit Bündnispartnern vier parallele Großdemonstrationen in München, Köln, Hamburg und Berlin mit 250.000 Menschen. Dann folgte Aktion auf Aktion, Massenprotest auf Massenprotest, und nach drei Monaten war klar: Es gibt zumindest einen halben Atomausstieg.

Es gibt noch viel zu tun
Nun besteht .ausgestrahlt also zehn Jahre, in der jetzigen Form seit sieben Jahren. Die Zahl der laufenden AKW hat sich von 17 auf bald acht reduziert, Castor-Transporte nach Gorleben sind vorläufig gestoppt und der marode Salzstock wird zumindest aktuell nicht weiter zum Atommull-Lager ausgebaut (obwohl er weiterhin an erster Stelle im Spiel ist). Das ist keine schlechte Bilanz, auch wenn völlig klar ist, dass .ausgestrahlt zu diesen Erfolgen immer nur einen Teil beigetragen hat. Aber es ist ebenso noch lange kein Grund, sich zur Ruhe zu setzen. Deutschland ist schließlich immer noch zweitgrößter Atomstromproduzent der EU…

Jochen Stay

Jochen Stay, Jahrgang 1965, ist seit seinem 15. Lebensjahr aktiv in außerparlamentarischen Bewegungen, seit Wackersdorf 1985 in der Anti-Atom Bewegung. Seit 2008 ist er Sprecher von .ausgestrahlt.

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