.ausgestrahlt-Blog

03.06.2015 | von Jan Becker

Steuerung durch Framing: „Atomkraft“ oder „Kernkraft“?

Wie die Wahl von Begriffen unser Denken beeinflusst, erklärt die aus Hamburg stammende Linguistin Elisabeth Wehling von der University of California in Berkeley in einem aktuellen Interview mit der „Main Post“. Wehling beschreibt dabei unter anderem, wie die Atombranche allein durch ihre Begriffs-Wahl eine gefährliche Risikotechnologie verharmlost.

In Amerika sei das sogenannte „Framing“, das bewusste Einrahmen oder auch Steuern von Sprache, längst Alltag. Auch in Deutschland benutzt die Atomindustrie seit langem dieses Werkzeug.

Dabei geht es ihr allem voran auch um die Frage: „Atomkraft“ oder „Kernkraft“. Der ursprünglich verwendete Begriff war zunächst „Atomenergie“ oder „Atomkraft“. Und die Allgemeinheit sprach auch zunächst immer von „Atomwaffen“ und „Atomkraftwerken“. Wie die Webseite energie-lexikon.info verrät, waren es schließlich die Atom-Befürworter, die viele dieser Bezeichnungen änderten und plötzlich von „Kernenergie“ und „Kernkraftwerken“ sprachen. Autor und Physiker Dr. Rüdiger Paschotta vermutet, dass „hiermit der sprachliche Abstand zwischen der zivilen Nutzung und der inzwischen zunehmend kritisch gesehenen militärischen Atomenergienutzung größer gemacht werden sollte“.

Der Begriff „Kernkraft“ stelle „die Sache eher verharmlost und positiv“ dar, analysiert auch die Linguistin Elisabeth Wehling. Denn „der Kern, die Substanz im Zentrum“, sei „etwas Gutes, etwas Notwendiges“, etwas „Natürliches“.

Auch das Wort „Störfall“ würde den beschriebenen Sachverhalt enorm abschwächen, denn es klinge „in keiner Weise dringlich oder gefährlich“. Es sei ein „völlig ungeeigneter Frame“, um zu beschreiben, was bei solchen Störfällen in Atomkraftwerken passieren kann. Vielmehr impliziere das Wort „etwas Marginales, da kümmert man sich drum, dann ist die Störung wieder vorbei“, so Wehling.

Dennoch benutzen die Betreiber der Atommeiler lieber eine Beschreibung in noch abgeschwächterer Form: „meldepflichtiges Ereignis“. Würde man sich diesen Begriff „von der Dringlichkeit her auf einer Skala von zartrosa bis knallrot vorstellen, dann wäre das ‚meldepflichtige Ereignis‘ ein sehr zartes Rosa und der ‚Störfall‘ vielleicht ein leichtes Rosé“, erklärt die Linguistin. „Knallrot“ wäre keiner der beiden Frames.

Auch der Frame „Rückbau“ sei ein neutrales Wort. Es impliziere „etwas Langsames, etwas Geordnetes“, es handele sich wieder um einen „recht sanften Frame“. Wenn man stärker die Gefährlichkeit des Themas betonen wolle, könne man Richtung „Abrüstung“ gehen. Damit würde betont werden, dass „die Atomkraft an sich schlecht ist und dass die Betreiber jetzt dafür sorgen müssen, dass sie Schritt für Schritt wieder verschwindet“, empfiehlt Wehling. Was die Atomindustrie durch die Wahl ihrer Frames erreiche, sei eine Relativierung der „moralischen Dringlichkeit“.

Zur „Energiewende“ empfiehlt sie eine Neuformulierung: Eine „Wende“ bedeute immer auch Sackgasse, Umkehr und eben nicht Fortschritt. Ihrer Meinung nach hätten die sogenannten alternativen Energien schon viel früher viel mehr Befürworter gefunden, wenn man sie von Anfang an sauber und korrekt im Sinne der eigenen Moral geframt hätte …

.ausgestrahlt verwendet selbstverständlich in allen Publikationen den Begriff „Atomkraft“…

Quelle (Auszug): mainpost.de, energie-lexikon.info, 2.6.2015

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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