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23.06.2015 | von Jan Becker

„Wir essen Radioaktivität, trinken Radioaktivität und baden in Radioaktivität“

Drei FilmemacherInnen aus Norddeutschland arbeiten derzeit an einem Dokumentarfilm über die Energiepolitik Südafrikas. Das Land steht am Scheideweg: Atomenergie oder Erneuerbare Energien. Im Interview sprechen die AktivistInnen über die Hintergründe, ihre Motivation und die Möglichkeit, von Deutschland aus die Menschen dort zu unterstützen.

In Europa bedeutet Atomkraft heute nicht mehr „endlos viel billiger Strom“ sondern explodierende Neubaukosten, finanzielles Fiasko für beteiligte Firmen und enorme Altlasten wie Entsorgung und Rückbau. Dass unter diesen Bedingungen ein Land auf dem „Sonnen-Kontinent“ Afrika verstärkt auf Atomkraft setzen will anstatt die Sonne zur Energiegewinnung zu nutzen, wirft Fragen auf.

Der Film „Legacy Warnings!“ soll Mitte diesen Jahres fertiggestellt werden, in einem Trailer kann man schon heute einen ersten Eindruck gewinnen. Und der geht unter die Haut: Die Proteste gegen die nuklearen Pläne der Regierung, mehrere Atomkraftwerke und eine komplette Uranindustrie zu bauen, sind kraftvoll und farbenfroh. Doch stehen AtomkraftgegnerInnen einem System gegenüber, das korrupt und antidemokratisch handelt.

Jan Becker (JB): Ihr habt Südafrika bereits zwei Mal besucht und mit den Menschen gesprochen, die sich gegen die AKW-Pläne engagieren. Was hat euch motiviert, diesem Spannungsfeld einen Dokufilm zu widmen?

Katja Becker (KB): Unsere eigentliche Intention war es, an einer Dokumentation über den Uranabbau in Südafrika zu arbeiten, um insbesondere einen Film für Länder zu machen, die aktuell planen in den Uranabbau einzusteigen oder aber weiter auf die Atomkraft setzen. Denn die negativen Umwelt,- und Gesundheitsauswirkungen durch den Uranabbau werden unserer Meinung nach zu wenig in der Diskussion über die Atomkraft betrachtet. Unsere Bilder und Geschichten der Menschen, die direkt an den Abraumhalden der Minenindustrie angesiedelt sind, sprechen eine klare Sprache gegen die Argumente der Atomindustrie über eine „saubere Energieform“. Die Abraumhalden sind radioaktiv, der Staub der nicht renaturierten Halden verteilt die Radioaktivität genauso wie das Regenwasser, welches den Schlamm in die nahegelegenen Flüsse spült, aus denen die Menschen ihr Trinkwasser beziehen. Durch eine Teilnahme an einer IPPNW Urankonferenz im Jahr 2013 in Tansania wurden wir für das Thema sensibilisiert, die dort neu gewonnenen Kontakte ermöglichten es uns, eine tiefgreifende Recherche vor Ort zu realisieren.

In der Vorbereitung haben wir uns dann immer intensiver mit der aktuellen Energieversorgung und der hochaktuellen Energiekrise Südafrikas, die tatsächlich seit unserem ersten Aufenthalt im November 2014 nahezu jeden Tag einen Platz in den Medien findet, beschäftigt. Das Land bezieht zu 85% den Strom aus Kohlekraftwerken mit eigens im Land abgebauter Kohle. Bei notwendigen Wartungsarbeiten an den Kraftwerken müssen, um einen kompletten Netzzusammenbruch zu verhindern, Energieverbraucher abgeschaltet werden, da die Leistungskapazität aktuell nahezu identisch mit der der Verbraucher ist. Dies bedeutet immer wiederkehrende Stromausfälle, die laut Aussage der Deutschen Handelskammer das Wirtschaftswachstum in Südafrika erheblich beeinträchtigen und insbesondere für Klein- und Mittelständer einen hohen Verlust bedeuten.

Dass die Bevölkerung, der nahezu täglich die Energie für mehrere Stunden genommen wird, eine Handlung der Regierung fordert ist verständlich. Deutscher Wissens- und Technologietransfer im Bereich der erneuerbaren Energien könnte in der Zukunft eine große Rolle spielen. Jedoch gibt es einen starken politischen Willen, das Problem anders zu lösen: mit Atomkraft. Von dieser Seite ist geplant, die komplette Produktionskette in Südafrika wieder anzukurbeln, vom Uranabbau über die Anreicherung bis hin zur Energiegewinnung. Angeblich gibt es bereits unterschriebene Verträge für den Bau von 5-7 Atomreaktoren, niemand weiß es so ganz genau.

Wir haben bei unseren Recherchen und Dokumentationsarbeiten für unseren Film vor Ort gemerkt, dass der Wille afrikanischer Länder sich zu entwickeln und damit u.a. auch eine starke Industrie aufzubauen ernst genommen werden muss. Für diese Entwicklung bedarf es Energie und diese Energie muss erzeugt werden. Politische Machtinteressen setzen klar auf die Atomenergie, sehen in dieser Form eine „entwickelte und stabile“ Energieversorgung.

Unsere Aufgabe sehen wir als Filmemacher und Aktivisten darin, diesen Wunsch ernstzunehmen und den Ländern frühzeitig Alternativen aufzuzeigen, bevor der erste Meiler gebaut wird. Denn sollte Südafrika die Pläne in die Tat umsetzen, werden weitere afrikanische Länder wie Kenia, Nigeria oder Uganda folgen. In unseren Augen braucht es Aufklärung in der Bevölkerung, die die Politik in die regenerativen Bahnen lenken kann, denen auch in Südafrika heute noch große Steine in den Weg gelegt werden. Wichtig ist uns, dass diese Entscheidung von der Bevölkerung der jeweiligen afrikanischen Länder getragen und gefordert wird und kein „übergestülptes“ Entwicklungskonzept wird. Daher liegt es uns am Herzen, die Bevölkerung neutral aufzuklären, angefangen bei dem Uranabbau über Gefahren und Pläne im Bereich Atomkraft aber auch Argumente der Atombefürworter sowie parallel funktionierende Konzepte der Erneuerbaren als Alternative aufzuzeigen, damit sich die Menschen am Ende ihr eigenes Bild machen können und nicht nur von der Atomlobby Hochglanzbroschüren erhalten.

Ein professionell gedrehter, durch starke Interviewpartner aus betroffenen Regionen emotionaler und mitreißender Dokumentarfilm sollte ein guter Gegenspieler zu diesen Argumenten sein, der hoffentlich auch international tätigen Umweltschutzorganisationen aufzeigt, dass kleine Gruppen in jeweiligen Ländern jetzt solidarische Unterstützung benötigen, bevor es zu spät ist.

JB: Als einziges Land auf dem Kontinent besitzt Südafrika zwei Reaktoren in Koeberg, die laufen allerdings bereits seit Mitte der 80er Jahre. Gibt es die Protestbewegung gegen Atomkraft auch schon solange oder handelt es sich um ein „neues Phänomen“?

KB: Die Proteste gegen Atomkraft haben in Südafrika, wie der Kampf gegen das Apartheidregime, eine lange Geschichte, womit es in diesem Land eine gewisse Kultur des Widerstandes gibt. Der Widerstand flammt aktuell mit der Bekennung der Regierung auf, neue Atommeiler bauen zu wollen und richtet sich nicht nur gegen die eigene Regierung sondern auch gegen potentielle Atom-Partner wie Frankreich und Russland. Für uns war es sehr beeindruckend, diese Proteste in Form einer lauten und kraftvollen Demonstration vor der russischen und französischen Botschaft, begleiten zu können.

Im Juli 2015 werden wir die IPPNW Africa bei einer ebenfalls sehr starken Protestaktion begleiten. Eine Gruppe von 25 AktivistInnen wird den Kilimanjaro besteigen und auf dem höchsten Berg Afrikas, dem sogenannten „Gipfel der Freiheit“ ihren Protest gegen den in mehreren afrikanischen Ländern neu geplanten Uranabbau und die angestrebten Atompläne Afrikas in die Welt tragen. Zurzeit plant auch die tansanische Regierung den Beginn von mehreren Tagebauminen, um zu einer der weltweit größten Uran exportierenden Nationen aufzusteigen. Das Vorhaben gefährdet den Lebensraum zahlreicher Tierarten und die Lebensgrundlage von über 100.000 Menschen, da Uranförderung mit einer massiven Umweltverschmutzung einhergeht und der entstehende Abraum über Millionen Jahre radioaktiv sein wird, so wie wir in Südafrika bereits dokumentieren konnten. Das Nachbarland Kenia zeigt deutliches Interesse an genau diesen Uranvorkommen aus Tansania, um wie aktuell in Planung, 2017 die Grundsteine für ein eigenes Atomkraftwerk im Land zu legen.

JB: Ihr habt euch auch mit der Thematik Uranabbau beschäftigt. Was in Deutschland schon lange Geschichte ist, nämlich riesige Abraumhalden mit radioaktivem Staub, ist dort Realität. Wie wird mit diesen Gefahren umgegangen?

KB: „Wir essen Radioaktivität, trinken Radioaktivität und baden in Radioaktivität“ ist neben dem Satz „Wenn der Wind weht, knirscht es zwischen den Zähnen“ wohl einer der stärksten Interviewsätze, der bei uns allen im Kopf geblieben ist. Wir konnten gemeinsam mit unseren südafrikanischen Freunden mehrere Wohngebiete besuchen, die direkt an oder aber auf alten Minenabraumhalden angesiedelt sind. Unser Geigerzähler zeigte deutlich erhöhte Strahlenwerte, denen die Menschen hier Tag ein Tag aus schutzlos ausgeliefert sind. Ob im Trinkwasser, im angebauten Mais oder dem Fleisch der auf den Weiden neben der vom Minenstaub bedeckten Wiesen grasenden Kühe – die Schwermetalle und Chemikalien der Uranminen sind überall zu finden. Doch belegt sind diese fast schon offensichtlichen negativen Auswirkungen für Gesundheit und Umwelt nicht, es existieren bis heute keine veröffentlichten Langzeitstudien. Der Schulleiter einer Schule für körperlich und geistig beeinträchtigte Kinder wirkt ebenfalls ratlos, warum es in seiner Stadt Carletonville, die von Minenabraumhalden umzingelt ist, so viele beeinträchtigte Kinder gibt. Er vermutet, dass die Minen der wahre Grund hierfür sind, niemand aber wagt dies laut auszusprechen, da diese viel Geld in die Region bringen. Die Regierung fühlt sich für die hier lebenden Menschen, die in der Regel zum ärmeren Bevölkerungsteil gehören, nur geringfügig verantwortlich und sieht ebenfalls den mit den Minen einhergehenden Wirtschaftswachstum und die Arbeitsplätze im Vordergrund. Die Minengesellschaften nutzen die Korruption und einfach zu umgehenden Gesetze für sich, ziehen sich, wenn es um die eigentlich im südafrikanischen Gesetz festgeschriebene Pflicht der Flächenrenaturierung geht, schnell zurück, verkaufen oder melden sich bankrott. Was bleibt sind strahlende Wüstenlandschaften, für die sich niemand mehr verantwortlich fühlt und unter denen am Ende die Bevölkerung leidet.

JB: Wie geht das Land mit dem wohl größten Problem, dem Atommüll um?

KB: Südafrika scheint dieses Problem gar nicht unbedingt als das größte Problem anzusehen. Kein Wunder, denn auf einer hochkarätigen Atomlobbykonferenz im Februar 2015 in Kapstadt, der wir als Filmteam beiwohnen konnten, haben gleich zwei Länder ihre vermeintlich sicheren Lösungen für die Langzeitlagerung von hochradioaktivem Müll präsentiert: die Finnen und die Amerikaner. Afrika scheint als „Markt der Möglichkeiten“ zu gelten, Südafrika als klare Eingangspforte für den weiteren afrikanischen Markt, auf dem die Energie-Wirtschaftsunternehmen ihre Chancen wittern und verlockende Angebote machen. Aktuell wird der hochradioaktive Müll in einer Halle neben dem Kraftwerk Koeberg gelagert, schwach und mittelradioaktiver Müll wird in Vaalputs, ca. 500 km nördlich von Kapstadt in einfachen Tonnen in einer Sandkuhle vergraben. Eine Pressesprecherin von Eskom, dem südafrikanischen Energiekonzern mit Monopolstellung, beantwortete uns diese Frage mit einem Lächeln, dass dies nun wirklich kein Problem in einem Land mit so viel unbewohnter Landfläche sei. Man habe einen geologisch günstigen Ort ausgesucht, an dem es sehr wenig regnet und somit auch die Gefahren von Trinkwasserverunreinigungen ein sehr minimales Risiko darstellen würde. Die Kritiker jedoch sehen das Problem des Mülls auf jeden Fall und fordern die Regierung auf, an einer verantwortungsbewussten Lösung zu arbeiten, bevor sie weitere Kraftwerke bauen.

JB: Wie können wir hier in Deutschland die Menschen in Südafrika unterstützen? Was versprecht ihr euch von eurem Film?

KB: Deutsche Firmen sind laut der deutschen Außenhandelskammer ein wichtiger Player im Bereich der regenerativen Energien in Südafrika. Der anerkannte Wissenschaftler Tobias Bischof-Niemz zeigt ebenfalls die Bedeutung der deutschen Energiewende auf den afrikanischen Energiemarkt. Nach seiner Meinung wäre der kostengünstige Ausbau von erneuerbaren Energien in Afrika nie möglich gewesen, hätte es das deutsche EEG nicht gegeben. Er betrachtet dieses als die größte Entwicklungshilfe der Geschichte. Diesen Aspekt wollen wir hervorheben um den deutschen Zuschauern aufzuzeigen, dass unsere Energiewende sehr wohl internationale Auswirkungen hat und die Welt auf uns schaut. Sollte Deutschland von diesem Weg abkommen werden weitere Länder ebenfalls nicht mehr an der Idee von nachhaltigen Energiekonzepten festhalten. Eine der größten Unterstützungen für Länder wie Südafrika ist es in unseren Augen also, die Vorreiterrolle Deutschlands im Bereich der nachhaltigen Energien weiter auszubauen und verstärkt in die Welt zu tragen.

Der Dokumentarfilm soll aber auch ein Wegbereiter für solidarischen Wissenstransfer der Protestunterstützung von Nord nach Süd sein. Bislang sind sich nur wenige Gruppen und NGOs über die Relevanz der aktuellen afrikanischen Debatte bewusst und sehen wenige inhaltliche Verbindungen zwischen den Kontinenten, das wollen wir ändern.

Die Dokumentation soll in Südafrika über das Thema aufklären, den Ernst der Lage sowie Alternativen darstellen und somit einen Diskurs in der Bevölkerung schaffen, bevor es zu spät ist und die ersten neuen Atommeiler Afrikas bereits im Bau sind. Wir wollen u.a. grassroots-Bewegungen in Afrika die Möglichkeit von kostenlosem aber professionellem und anschaulichem Bildungsmaterial für Kampagnen und Aufklärungsarbeit in der Bevölkerung in die Hand geben. Wir wollen parallel der deutschen und europäischen Umweltbewegung aufzeigen, dass das Thema Atomkraft noch nicht vom Tisch ist und afrikanische Länder diesen Weg ernst nehmen. NGOs wie Earth Life Africa haben nicht die Ressourcen und Erfahrung gegen eine riesige internationale Atomlobby alleine zu kämpfen und brauchen dabei solidarische Unterstützung.

Mit unserem Dokumentarfilm und einer in Zusammenarbeit mit lokalen Umweltbewegungen geplanten Screeningtour in Südafrika und Deutschland wollen wir den Diskurs unterstützen.

weiterlesen:

Webseite der Kampagne: www.ujuzi.de/legacywarnings/

„Legacy Warnings!“ – Energieversorgung für Südafrika am Scheideweg
19. Mai 2015 — Millionen Menschen in Südafrika haben keinen Zugang zu Strom, 95% der elektrischen Energie wird mit dreckiger Kohle produziert. Deutsche Technologien könnten helfen, das Land zum Vorreiter der regenerativen Energien in Afrika zu machen. Doch mächtige Interessensträger möchten etwas anderes: Eine afrikanische Renaissance der Atomkraft.

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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