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21.07.2015 | von Jan Becker

Frankreich: Standortentscheidung für Atommüll-Lager ein „Affront“

In einem Schnellverfahren hat die französische Nationalversammlung am 8. Juli 2015 den Standort für ein Atommüll-Lager in Frankreich festgezurrt: Der kleine Ort Bure in Lothringen, in dem seit 1994 ein „Versuchslabor“ betrieben wird.

Es ist ein „Affront“, ein „hinterhältiges Manöver“ meinen AtomkraftgegnerInnen. Denn die Festlegung auf den Standort Bure war als ein Punkt in einem Gesamtpaket unterschiedlicher Wirtschaftsreformen des konservativen Senators Gérard Longuet untergebracht und daher im Parlament nicht explizit diskutiert worden. Mit dieser „pauschalen Verabschiedung“ nimmt das sehr umstrittene Vorhaben eine entscheidende Hürde.

Wie alle anderen Länder auf der Welt hat auch Frankreich keine Lösung für den endgültigen Verbleib seines Atommülls. Mit jedem Betriebstag der heute aktiven 58 französischen Meiler wächst der gefährliche Altlastenberg weiter an. Seit 1994 wird im Bergwerk Bure in Tongestein ein „Versuchslabor“ betrieben. Es ist der einzige Standort in Frankreich, an dem so intensiv geforscht wird. An anderen möglichen Orten war der Widerstand gegen ein Atommüll-Lager zu groß.

Die Atomindustrie ist der Meinung, der Untergrund von Bure besäße „geeignete geologische Eigenschaften“. Bisher wurden 1,5 Milliarden Euro in die Anlage investiert. Nach heutigen Planungen soll in zwei Jahren mit dem Bau des Atommüll-Lagers begonnen werden; schon in zehn Jahren soll der erste Atommüll „endgelagert“ werden. Nach bestehenden Plänen sollen dann jedes Jahr in einhundert Sonderzügen 700 bis 900 Behälter mit Atommüll angeliefert werden.

Vorgesehen ist, dass bis zu 10.000 Kubikmeter hochradioaktive und 70.000 Kubikmeter mittelradioaktive Rückstände in etwa 500 Metern Tiefe eingelagert werden. Das entspräche einer rücksichtslosen Fortführung des Atomprogramms über rund fünfzig Jahre. Die beauftragte Nationale Agentur für die Entsorgung radioaktiver Abfälle ANDRA muss laut Gesetz gewährleisten, dass der Atommüll über einen Zeitraum von 100 Jahren „rückholbar“ bleibt.

Kritiker halten seit Jahrzehnten dagegen. Die „Coordination Burestop“ will alle juristischen Mittel ausschöpfen. So sind noch einige Gerichtsverfahren anhängig und auch das eigentliche Genehmigungsverfahren steht noch aus. Der Widerstand vor Ort organisiert sich. Seit 2004 steht in dem 80-Seelen-Dorf das Widerstandshaus „Bure Zone Libre“. Unweit davon findet vom 1. bis zum 10. August 2015 ein internationales Widerstandscamp statt. Für den 3. Oktober ist eine Demonstration in Metz geplant.

Das undemokratische, intransparente Vorgehen in Frankreich erinnert stark an die Vorgänge in Deutschland bei der Standortbestimmung von Gorleben vor über 30 Jahren. Frankreich sollte aus diesem Prozess lernen: Eine so gewichtige Entscheidung ohne die Beteiligung der BürgerInnen vor Ort wird langfristig vermutlich kaum durchzusetzen sein.

weitere Infos:

weiterlesen:

  • Zusammenbruch der Atomindustrie in Frankreich
    3. Juli 2015 — Das Beispiel Frankreich belegt: Atomkraft führt in die Sackgasse. Derzeit decken 58 Meiler etwa 75% des Strombedarfs. Trotzdem steckt die Atombranche in einer tiefen finanziellen Krise. Die Politik will verstärkt auf Erneuerbare Energien setzen, es steht ein „gewaltiger Umbruch“ bevor. Vom Atomausstieg ist jedoch noch keine Spur.
  • G7-Staaten: 100 Prozent Erneuerbare Energien sind möglich
    22. Juni 2015 — Ist eine Wende zu 100 Prozent Erneuerbaren in den G7-Staaten möglich? Die Studie eines Teams von WissenschaftlerInnen der Universität Stanford hat diese Frage untersucht. Für den Bundesverband WindEnergie ist Deutschland dabei auf einem guten Weg. Und auch die Finanzbranche sieht im Ausbau von Solarstrom großes Potential.
  • Bericht zur 100prozentigen Versorgung in Frankreich
    14. April 2015 — Ein Bericht der regierungsnahen französischen Umweltagentur Ademe (Agence de l’environnement et de la maîtrise de l’énergie) erklärt die Atomenergie in Frankreich für vollkommen ersetzbar.
  • Frankreich: Atomrenaissance geht in Konkurs
    25. November 2014 – Der „Europäische Druckwasserreaktor“ (EPR) sollte dem Konzern Areva den ganz großen Durchbruch auf dem international umkämpften AKW-Markt bringen. Doch nun steht der französische Atomkonzern vor der Pleite.

Quellen (Auszug): taz.de, blog.eichhoernchen.fr; 20.7.2015

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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