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16.11.2015 | von Jan Becker

Sicherheit für 100.000 Jahre? Finnland erteilt Baugenehmigung für Atommülllager

Finnland hat als weltweit erstes Land den Bau eines Tiefenlagers für hochradioaktive Abfälle aus Atomkraftwerken genehmigt. Der Standort befindet sich direkt neben einem Atomkraftwerk und soll für 100.000 Jahre sicher sein. Forscher warnen vor unkalkulierbaren Risiken.

Bis 1996 hat Finnland Atommüll nach Russland exportiert, seitdem ist die Ausfuhr verboten. Die Betreiber der vier Reaktoren an zwei Standorten tragen die Verantwortung für den Müll bis zur Einlagerung in ein landeseigenes Atommülllager.

Am 12. November hat die finnische Regierung die „weltweit erste Erlaubnis für ein Atommüll-Endlager“ erteilt, so Wirtschaftsminister Olli Rehn. Die finnische Entsorgungsgesellschaft „Posiva Oy“, an dem die privaten AKW-Betreiberfirmen TVO 60% und Fortum 40% der Anteile halten, darf nun mit dem Ausbau des unterirdischen Lagers in Kristallingestein (Tonalit, ähnlich Granit) beginnen. Dort sollen laut derzeitiger Planung ab 2023 bis zu 6.500 Tonnen hochradioaktive Abfälle aus den finnischen Atomkraftwerken in Tunneln in bis zu 450 Tiefe eingelagert werden.

Auf der Halbinsel Olkiluoto, kaum einen Kilometer vom dem zukünftigen Atommülllager entfernt, befindet sich mit zwei Reaktoren in Betrieb und einem weiteren in Bau der größte Atomstandort des Landes. Auch ist seit 1992 ein Endlager für schwach- und mittelradioaktiven Müll aus dem nahen AKW in Betrieb. Ein Hintergrund für die Standortentscheidung ist also wohl die Logistik – der Atommüll aus dem zweiten Standort Loviisa kann per Schiff geliefert werden.

Die Region ist zudem dünn besiedelt und mit Abstand größter Arbeitgeber die Atomanlage, entsprechend gering ist der Widerstand gegen die Projekte. Landesweit ist die Stimmung eine andere: Bereits im März 2010 erklärten rund die Hälfte der Finnen, dass sie gegen neue AKW sind. In der Vergangenheit waren es daher zugereiste AktivistInnen auch aus Deutschland, die vor den Werkstoren in Olkiluoto protestierten.

Bereits 2004 wurde mit dem Bau eines Schachts und einem heute mehr als 5 Kilometer langen Tunnel für den Einsatz der unterirdischen „Gesteinscharakterisierungs-Anlage“ Onkalo begonnen, die der Vorbereitung der langfristigen Lagerung dienen soll. Im Dezember 2012 hatte die Posiva Oy das Baugesuch für ein Atommülllager eingereicht. Die finnische Atombehörde „Radiation and Nuclear Safety Authority“ (Stuk) teilte im Februar 2015 dem zuständigen Wirtschaftsministerium mit, sie „unterstütze den Bau des geplanten Tiefenlager aus sicherheitstechnischer Sicht“.

100.000 Jahre sicher im Kupfermantel?

„Sicher“ soll das Lager für 100.000 Jahre sein, die Kosten sollen über die ganze Nutzungsperiode hinweg 3,5 Milliarden Euro betragen. Im Vergleich: Aktuell wird in Deutschland diskutiert, ob die 37 Milliarden Euro Rückstellungen der Atomkonzerne für den Rückbau der Altmeiler und die „Entsorgung“ des Atommülls ausreichen.

Anders als in Deutschland sollen die Brennstäbe nach einem schwedischen Konzept in Kupferbehältern gelagert und mit Betonit versiegelt werden. Betonit ist eine Mischung aus verschiedenen Tonmineralien und besitzt starke Wasseraufnahme- und Quellfähigkeit. Es entsteht durch Verwitterung aus vulkanischer Asche.

Bei ihren Sicherheitsberechnungen gehen die Wissenschaftler davon aus, dass sich die Kupferbehälter durch Korrosion nicht schneller als um 0,5 Nanometer pro Jahr zersetzen. Damit wäre ein Einschluss für 100.000 Jahre gewährt. In mehreren Versuchsreihen belegten Forscher der Technischen Hochschule (KTH) in Stockholm aber, dass Kupfer selbst in sauerstofffreier Umgebung rosten kann. Unter anderem waren Kupfermünzen aus einem vor über 300 Jahren gesunkenen und in einem Sediment aus sauerstofffreiem Lehm eingeschlossenen Schiff analysiert worden. Selbst wenn davon ausgegangen würde, dass die Atommüllstollen „sicher“ vor Wassereinbrüchen wären, sprach Peter Szakalos, KTH-Projektleiter für Metallkorrosion, im Jahre 2009 von einer Haltbarkeit der Kapseln für „nicht einmal 1.000 Jahre“. Die Betreiber der Atommülllager würden Konsequenzen aus ihren „falschen naturwissenschaftlichen Annahmen“ aber ignorieren.

Auch Geologen kritisieren die finnnischen Pläne scharf. Matti Saarnisto, Professor für Geologie, ehemaliger Forschungsdirektor des finnischen Amts für Geologie und ehemaliger Generalsekretär der Finnischen Akademie der Wissenschaften, erklärte etwa, es sei „verrückt“ zu glauben, man könne Atommüll 100.000 Jahre lagern. Die Landschaft zeige die Spuren starker Erdbeben, die etwa alle 2.500 Jahre aufgetreten sind. Auch die nahe Ostsee ist ein Risiko, wenn der Meeresspiegel durch den Klimawandel ansteigt.

Die Firma Posiva hat vorgesorgt: Sollten sich irgendwann nach der Einlagerung Risiken bestätigen, sollen die Container wieder aus den Tunneln geholt und an einen anderen Ort gebracht werden… die Atomsicherheitsbehörde habe diese Methode „geprüft“.

Video: Blockade des Atomkomplex Olkiluoto 2011

weiterlesen:

  • Atomkraft in Finnland: Neue AKW dank „Mankala“-Steuersubventionen
    Die Regierung in Helsinki segnete kürzlich ein weiteres umstrittenes AKW-Neubauprojekt ab – trotz der Negativerfahrungen mit dem seit 2005 im Bau befindlichen fünften finnischen Reaktors am Standort Olkiluoto. Dass die Stromunternehmen glauben, in Finnland rechneten sich neue AKW, hat mit einem speziellen Steuersparmodell zu tun.
  • Dubiose AKW-Neubaupläne in Finnland und Ungarn
    17. Juli 2015 — Extrem riskant, finanziell katastrophal und ernsthaft umweltschädigend: Unter dubiosen Umständen sollen in Finnland und Ungarn neue Atomkraftwerke gebaut werden. Unterlagen, die das Aus der Projekte bedeuten könnten, werden geheim gehalten.

Quellen (Auszug): afp, nuklearforum.ch, wikipedia.org, taz.de, worldnuclearreport.org, endlagerung.de, spiegel.de; Zugriff: 16.11.2015

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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