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01.12.2015 | von Jan Becker

Klimaschutz: Risikopotential verbietet Atomkraft als Lösung

Eine weltweite Initiative unter dem Motto „Nuclear for Climate“ wirbt derzeit dafür, dass die politischen Entscheidungsträger die Atomkraft im Rahmen der Pariser Klimakonferenz COP21 berücksichtigen. Sie sei „Teil der Lösung, um den Klimawandel zu bekämpfen“, schreiben die Lobbyverbände. Doch betrachtet man allein das Risikopotential, muss (nicht nur) der Zubau von Atomkraftwerken verboten werden.

Seit Jahresbeginn summieren sich die von uns aufgezeichneten Störungen allein in deutschen Atomanlagen auf mindestens 57. Die Meldungen aus November 2015:

  • 01.11.2015 – Explosion im belgischen Atomreaktor Doel 1
  • 06.11.2015 – AKW Gundremmingen: Brennstabbündel bricht auseinander
  • 13.11.2015 – Atomkraftwerk Brokdorf: Not- und Nachkühlpumpe ließ sich nicht ausschalten
  • 17.11.2015 – Frankreich: Ein Reaktor vom Akw Fessenheim unplanmäßig abgeschaltet
  • 23.11.2015 – Atomkraftwerk Emsland: Leckage im Nebenkühlwassersystems
  • 26.11.2015 – Kühlsystem leckt – Störung in Atomkraftwerk Grafenrheinfeld

In Deutschland wurde die Sicherheit der Atomanlagen gegenüber Terror nach den Anschlägen von New York 2001 in den Fokus gerückt. Die Debatte endete mit dem Eingeständnis, dass es keine umfassende Sicherheit für Atomkraftwerke gegen den gezielten Absturz eines Großraumflugzeugs geben kann. Unzureichender Schutz war auch ein Grund für die Stilllegung der sieben ältesten Atomkraftwerke und des AKW Krümmel nach Beginn des Super-GAU von Fukushima in 2011.

Sind Atomanlagen die „bestgesicherten Objekte“?

Es gab Auflagen und die AKW-Betreiber behalfen sich mit Massnahmen wie Nebelwerfer, die die Reaktoren innerhalb kurzer Zeit in einen künstlichen Dunst hüllen sollen. Die Zwischenlagerhallen für abgebrannte Brennelemente bekommen zusätzliche Mauern, um einen Beschuss von Außen wirkungsloser zu machen.

In Gorleben hat jüngst die Gesellschaft für Nuklearservice (GNS) für ihr Konzept geworben, dass ihre Lagerhallen für Castorbehälter in Gorleben und im westfälischen Ahaus zu den „bestgesicherten Objekten in Deutschland überhaupt” gehören würden. Die geforderte Schutzmauer steht zwar noch nicht. Doch seit 2001 seien die „Sicherungsmaßnahmen insbesondere gegenüber Einwirkungen von außen nochmals deutlich erhöht“ worden. Konkret gäbe es „geschützte Fahrzeuge“. Andere Maßnahmen dürften „im Detail nicht genannt werden, um deren Wirksamkeit nicht zu gefährden“… Die BI Umweltschutz Lüchow-Dannenberg spricht von „Beruhigungspillen à la GNS“ und warnt davor, dass all diese Maßnahmen wirkungslos sein könnten. Ein Überflogverbot etwa, das bislang zwar für AKW nicht aber für das Zwischenlager Gorleben gilt, könnte mehr helfen.

Neubewertungen in der Schweiz

Im Gegensatz zu den deutschen Meilern verfügten die Atomkraftwerke Gösgen und Leibstadt in der benachbarten Schweiz laut Behörden und Betreibern über einen „Vollschutz“ gegen Flugzeugabstürze. Die älteren Meiler Mühleberg und Beznau hätten „einen hohen Schutzgrad“ – Beznau 1 ist das weltweit älteste noch betriebene AKW und derzeit wegen Rissen im Reaktorbehälter in den Schlagzeilen. In allen Fällen sei laut Atomaufsicht die „Wahrscheinlichkeit für die Freisetzung radioaktiver Strahlen gering“.

Im Rahmen eines Schlichtungsverfahrens wurde nun erreicht, dass Informationen aus bislang geheimen Unterlagen über die Sicherheit der Reaktoren an die Öffentlichkeit gelangten. Ein Gutachten der deutschen Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS) zur Terrorsicherheit von AKW sorgte in der Schweiz für eine Neubewertung, weil nun auch ein Absturz-Szenario mit dem Großraumflugzeug A380 betrachtet wurde. Die Ergebnisse wurden von der Atomaufsicht als „geheim“ eingestuft. Nur soviel: Man rechne bei einem Flugzeugabsturz auf ein AKW mit „schweren Personen- und Sachschäden“, aber nicht oder nur geringfügig mit der Freisetzung radioaktiver Stoffe. In einer Stellungnahme im Rahmen des oben genannten Gerichtsverfahrens spricht der eidgenössische Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragte Hanspeter Thür nun allerdings von möglicher „grossräumiger radioaktiver Verstrahlung“.

Don’t nuke the climate!

In dem auslaufenden Kyoto Protokoll wird die Atomenergie aus den möglichen, zur Verfügung stehenden Lösungen um den Ausstoß von Treibhausgasen zu reduzieren ausgeschlossen. Die Atomorganisation World Nuclear Association will dem Klimawandel hingegen mit dem Neubau von 1.000 Gigawatt Atomkraftwerk-Leistung bis 2050 begegnen. Das wären weltweit an die 1.000 bis 1.200 große Reaktoren.

Es ist perfide, die Gefährdung durch den Klimawandel gegen das Risikopotential von Atomanlagen abzuwiegen. Doch was die Atomlobby in ihrem aktuellen Appell an den COP21 verschweigt: Beide Komponenten hängen unmittelbar zusammen. Die umfassende Sicherheit von bestehenden Atomkraftwerken gegenüber immer heftiger ausfallenden Klimaextremen wie Unwetter, Hochwasser, Flutwellen oder Erdbeben ist genauso umstritten und unkalkulierbar wie der Schutz gegenüber Terroranschlägen.

In einem Appell fordern daher zahlreiche Anti-Atom-Organisationen: Don’t nuke the climate! Atomkraft ist und bleibt schmutzig, gefährlich und teuer, sie ist nicht CO2-frei und sie fördert die Proliferation von Atomtechnologie!

weiterlesen:

  • Atomkraft ist auch kein französischer Klimaretter
    3. November 2015 — Ist Atomstrom ein geeignetes Mittel im Kampf gegen Treibhaus-Gase und Erderwärmung? Einen Monat vor dem Klimagipfel COP21 in Paris gibt eine kürzlich veröffentlichte Studie deutlich Antwort. Doch ausgerechnet das COP-Gastgeberland verkündet umfangreiche AKW-Neubaupläne.
  • Hintergrund: Atomenergie dient nicht dem Klimaschutz (pdf-Broschüre)
    Eine Erwiderung auf die Klima-Propaganda der Atomlobby: .ausgestrahlt hat das Klimaschutz-Argument der Atomkraft-Befürworter auf den Prüfstand gestellt. Das Ergebnis sind zehn Gegen­argumente – eine Erwiderung, die die Propaganda der Atomlobby aufdeckt und entkräftet.

Quellen (Auszug): gns.de, bi-luechow-dannenberg.de, 20min.ch, nuklearforum.ch, erneuerbareenergien.de; 1.12.2015

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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