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16.12.2015 | von Jan Becker

Das „gefährlichste AKW“ steht in Gundremmingen

Alle Atomkraftwerke sind gefährlich, sie beherbergen ein ungeheures Risikopotential. Teilweise selbst dann noch, wenn sie für immer abgeschaltet wurden. Doch die beiden alten Siedewasserreaktoren von Gundremmingen sind laut einer aktuellen Analyse der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) „die gefährlichsten“ unter den letzten acht in Deutschland noch laufenden Meilern.

„Precursor“ (deutsch: Präkursor, Vorboten) stammt aus der Biochemie und bezeichnet ein Molekül, das als Ausgangsprodukt eine Reaktion eingeht. Aus diesem wird, manchmal unter Beteiligung weiterer Präkursoren, ein oft „komplexes und differenziertes Produkt“ gebildet. In der Atomtechnik haben sich Wissenschaftler diese Bezeichnung seit 1993 zu eigen gemacht, um Ereignisverläufe in Reaktoren zu beschreiben, die sich im Extremfall zu einer Kernschmelze hätten entwickeln können.

Die GRS hat solche sogenannte „Precursor-Zwischenfälle“ zwischen 1993 und 2010 ausgewertet. In der Ausgabe des „Spiegel“ vom 12. Dezember wird von einer „aktuellen Analyse“ gesprochen, die jedoch auf der Webseite der GRS nicht zu finden ist. Insgesamt seien in dem genannten Zeitraum 14 solcher Störungen in den zwei Blöcken von Gundremmingen ermittelt worden. Damit führen die Meiler in Bayern die Statistik der letzten deutschen AKW mit Abstand an: In allen anderen sechs habe es insgesamt „nur“ elf solcher Ereignisse gegeben.

Bereits Mitte 2014 hatte es zum Thema „Precursor-Zwischenfälle“ Antworten der Bundesregierung auf Anfragen der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen gegeben (Drucksachen 17/6988 und 18/2108). Aufgeschlüsselt wurden dort Ereignisse in den Jahren 1993 bis einschließlich 2009. In Gundremmingen ist seitdem ein Vorfall hinzu gezählt worden: Am 15. Februar 2010 kam es in Block B zu einem „kurzzeitigen Öffnen eines Druckbegrenzungsventils durch das Reaktorschutzsystem“.

Alles ohne „Sicherheitstechnische Bedeutung“?

Was bei einem Blick auf das genannte Ereignis in 2010 auffällt: Es hatte offiziell „keine oder sehr geringe Sicherheitstechnische Bedeutung“ (= Klassifizierung INES 0) und wurde den Atomaufsichtsbehörden „normal“, also innerhalb von fünf Werktagen, gemeldet. Auch alle anderen meldepflichtigen Ereignisse, die sich laut GRS zu einer Kernschmelze – und damit verbunden auch die mögliche unkontrollierte Freisetzung von hochradioaktiven Material – hätten entwickeln können, waren INES 0, Meldekategorie „Normal“:

  • Block B:
    26.12.1999: Ausfall der Hauptkondensatpumpen und der Hauptkühlwasserpumpen
    15.03.2001: Öffnungsversagen der Fernschaltventilstation einer Sprühwasserlöschanlage bei wiederkehrender Prüfung
    11.03.2002: Ausfall der Sprühwasserlöschanlage im Steuerstabantriebsraum
    12.05.2003: Reaktorschnellabschaltung und Durchdringungsabschluss der Frischdampfleitungen nach einer Störung in der Speisewasserversorgung
    05.06.2003: Funktionsstörung eines Notstromdieselaggregats
    25.11.2007: Nicht vorgesehenes Öffnen eines diversitären Druckbegrenzungsventils infolge einer defekten Reaktorschutzbaugruppe
    15.02.2010: Kurzzeitigen Öffnen eines Druckbegrenzungsventils durch das Reaktorschutzsystem
  • Block C:
    08.05.1993 – Transiente (Notstromfall) beim Anfahren nach längerem Anlagenstillstand
    02.02.2003: Reaktorschnellabschaltung nach Ausfall der Hauptkühlwasserförderung
    06.12.2003: Durchdringungsabschluss-Frischdampf durch schnelle Druckabsenkung im RDB
    21.01.2007: Reaktorschnellabschaltung bei der Prüfung des Generatorspannungsreglers
    23.10.2007: Funktionsstörung an einer Pumpe des nuklearen Zwischenkühlwassersystems

„Eine Gefährdung des Personals, der Umgebung oder der Anlage war mit dem Ereignis nicht verbunden“, „Der sichere Betrieb des Kraftwerks war und ist gewährleistet“, schreiben die Betreiber nach jedem Störfall in ihren Pressemitteilungen.

Ob sich einer dieser genannten Vorfälle zu einer Kernschmelze entwickelt hätte, gibt die GRS mit einer Wahrscheinlichkeit an. Diese Rechengröße ist aber so absurd klein, dass die Entwicklung des eigentlichen Ereignisses dorthin eigentlich ausgeschlossen wird. Der weltweite Lobbyverband Internationale Atomenergie Organisation (IAEO) errechnet das Risiko eines Unfalls mit Reaktorschaden für den (im Vergleich mit Gundremmingen „modernen“) Europäischen Druckwasserreaktor mit ca. 1 pro 1.000.000 Betriebsjahre. Also praktisch gar nicht, und Harrisburgh, Tschernobyl oder Fukushima hätte es rechnerisch nicht geben dürfen. Diese Wahrscheinlichkeitsrechnung dient also allein zur Beruhigung.

Den Aussagen der Betreiber, die Einstufungen in die offiziellen Meldekategorien oder auch der Verweis auf eine Eintrittswahrscheinlichkeit verschleiern also die tatsächliche Gefahr, dass ein schwerer Unfall jederzeit möglich ist. Die aktuellste Studie zur Eintrittswahrscheinlichkeit eines Super-GAU stammt vom deutschen Max-Planck-Institut für Chemie aus dem Jahr 2012. Demnach ist „etwa alle 10-20 Jahre“ mit einem schweren Unfall in einem AKW zu rechnen.

Weiterbetrieb ist absurd!

Im AKW Gundremmingen passieren also die meisten Ereignisse, die Vorboten extremer Unfälle sind. Dass die beiden letzten deutschen Siedewasserreaktoren in Betrieb sicherheitstechnisch schlecht abschneiden, unterstrich vor zwei Jahren auch eine Risiko-Studie der Gundremminger Bürgerinitiative „FORUM“. Alle anderen vergleichbaren Meiler wurden in Deutschland wegen ihrer Defizite und Störfallhäufigkeit bereits stillgelegt. Die „Süddeutsche Zeitung“ bringt es auf den Punkt: Durch das staatliche Institut GRS wurde nun sogar „amtlich bestätigt“, dass Gundremmingen Deutschlands „gefährlichstes Atomkraftwerk“ ist.

  • Block B hat noch zwei Jahre Laufzeit gesetzlich zugesichert, Block C soll sogar noch bis Ende 2021 in Betrieb bleiben. Angesichts der aktuellen GRS-Analyse ist diese Tatsache absurd!

weiterlesen:

  • Notstrom-Probleme in Gundremmingen & Geesthacht
    10. Dezember 2015 — Sollte die Stromversorgung in einem Atomkraftwerk ausfallen, stehen große Dieselgeneratoren bereit um u.a. die Kühlsysteme mit Energie zu versorgen. In Gundremmingen und Geesthacht gab es in den letzten Tagen mit diesen Maschinen Probleme.
  • Hochverstrahltes Brennelement im AKW Gundremmingen abgestürzt
    10. November 2015 — Eine „Eilmeldung“ musste der Betreiber des bayerischen Atomkraftwerks Gundremmingen an die Atomaufsichtsbehörde machen: An einem Brennelement löste sich beim Transport mit einem Kran das Brennstabbündel vom Brennelementkopf und „rutschte“ unkontrolliert in seine Lagerposition. Teilweise befindet sich der Atommüll schon seit fast 30 Jahren in den Becken.
  • AKW Gundremmingen: Laufzeitverlängerung für die gefährlichsten Reaktoren
    12. Juni 2015 — Durch die Übertragung von Strommengen aus bereits stillgelegten Atomkraftwerken auf das bayerische AKW Gundremmingen ist dessen Weiterbetrieb gesichert worden. Eigentlich wäre die Betriebserlaubnis im kommenden Jahr erloschen. Denn es handelt sich um das „gefährlichste AKW Deutschlands“.
  • RWE will volle Laufzeit für AKW Gundremmingen-B
    12. Februar 2015 — Die alten Meiler rechnen sich doch noch: Entgegen mancher Drohung kassiert RWE weiter kräftige Gewinne aus dem Betrieb der letzten beiden Siedewasserreaktoren in Deutschland. Deshalb denkt der Konzern auch nicht an einen früheren Atomausstieg in Gundremmingen. AtomkraftgegnerInnen fordern die sofortige Stilllegung der besonders unsicheren Reaktoren.
  • Unsicheres AKW Gundremmingen ist eine permanente Bedrohung
    8. Dezember 2014 — Auf eine 3 mit elf Nullen ist AKW-Betreiber RWE zur Zeit besonders stolz: Einer der beiden letzten Siedewasserreaktoren Deutschlands hat am 8. Dezember 2014 seit Betriebsbeginn diese Menge an Strom in Kilowattstunden erzeugt. Die Meiler in Gundremmingen gehören zu den unsichersten, die noch laufen dürfen.

Quellen (Auszug): Spiegel 51/2015 vom 12.12.2015, sueddeutsche.de, bfs.de, atommuell-lager.de, wikipedia.org, swp.de; 11./12./14.12.2015, Drucksache der Bundesregierung 18/2108 und 17/6988

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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