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01.06.2016 | von Jan Becker

Afrika: Ein Atomkraftwerk für den Sudan?

China hat angekündigt, im Sudan ein Atomkraftwerk bauen zu wollen. Wie bei vielen Ländern Afrikas stellen sich die Fragen: „Warum Atomkraft? Warum nicht Erneuerbare Energien?“ unmittelbar. Ein Kommentar von Jean-Jacques Schwenzfeier vom Ujuzi-Team, das kürzlich ihren Film „Legacy Warnings!“ über die angekündigte „Renaissance der Atomkraft“ in Afrika veröffentlicht hat.

In zahlreichen Ländern Afrikas haben weniger als 20% der Landbevölkerung Zugang zu Elektrizität. Darf man dem Präsidenten des panafrikanischen Parlaments, Roger Nkodo Dang Glauben schenken, haben 75% der Afrikaner keinen Zugang zu Strom. Zugegebenermassen ist der Bedarf enorm.

Können massive Investitionen in zentralisierte Energieproduktion in der Form von Atomkraftwerken die Lösung sein, wenn es - abgesehen von Teilen Südafrikas - in eigentlich jedem Land südlich der Sahara an grundlegender Infrastruktur fehlt, um solchen Strom überhaupt erstmal zu transportieren? Würde eine dezentralisierte, lokale Energieversorgung mit Wind und Solar nicht wesentlich einfacher, schneller, kostengünstiger und ökologisch verträglicher zu entsprechenden Resultaten führen?

Sudans Solarpotential

Afrika: Globale Sonneneinstrahlung
Foto: solargis.info Afrika: Globale Sonneneinstrahlung

Der Sudan hat eine grosse Bandbreite an klimatischen Zonen, von tropischen Regionen im Süden zu Wüstenklima im Norden. Das Land hat eine Größe von 1,9 Millionen km². Ein konstanter Anstieg urbaner Population bedeutet auch einen enormen Anstieg des Energiebedarfs. Die größte städtische Population ist mit 5,2 bis 5,7 Millionen Einwohnern in der Hauptstadt Khartoum zu finden. Mehr und mehr Menschen ziehen in die Städte auf der Suche nach Jobs und Wohlstand, was den Energiebedarf pro Kopf weiter ansteigen lässt.

Der Sudan hat enorme Ressourcen an Sonnenenergie. Die aktuelle Nutzung beschränkt sich heute weitestgehend auf Solarkocher und Solarwassererhitzer in ländlichen Gebieten. Das Land hat eine durchschnittliche Sonneneinstrahlung von 6,2 kWh/m² pro Tag (Deutschland: zwischen 2,5 und 3,0 kWh/m² pro Tag). Rechnerisch ergibt sich für den Sudan eine Solareinstrahlung von 2.300 kWh/m² im Jahr, wobei eine Familie mittleren Einkommens durchschnittlich etwa 5.800 kWh Strom im Jahr verbraucht. Eine solare Vollversorgung wäre also theoretisch kein Problem.

Afrikas Chance, ein erneuerbarer Kontinent zu werden

Vergleicht man die Situation im Sudan mit dem restlichen Subsahara-Raum, kommt man auf ganz ähnliche Ausgangsvoraussetzungen: Mit einer globalen horizontalen Sonneneinstrahlung von durchschnittlich 1.800 bis 2.800 kWh/m² im Jahr liegt Afrika im internationalen Vergleich ganz weit vorn. Zusätzlich verfügt der Kontinent über ein enormes Potential an Wind- und Wasserkraft.

Eine afrikanische nukleare Renaissance?

Wie die Atomunfälle in Tschernobyl, Harrisburg und Fukushima, das ungelöste Problem mit dem Atommüll und den Hinterlassenschaften aus dem Uranabbau zeigen, ist Atomkraft alles andere als sauber und unproblematisch. Afrikanische Länder könnten aus den Fehlern und Erfahrungen anderer Länder lernen und auf den Einstieg in die Atomkraft verzichten.

Für Deutschland brachte die Atomkatastrophe von Fukushima 2011 einen Richtungswechsel in der Energiepolitik, der Weiterberieb der Atomkraftwerke bis 2022 wurde beschlossen. Deutschland wird weltweit als Vorreiter der erneuerbaren Energien angesehen. 30 Prozent des deutschen Stroms stammen heute kostengünstig aus Wind, Sonne, Wasserkraft und Biomasse. Tausende neue Arbeitsplätze wurden geschaffen.

Doch auf ganz Europa bezogen ist die Situation uneinheitlich. Während einige Länder wie Österreich nie ein AKW betrieben haben, halten andere Länder wie Frankreich und Großbritannien an dieser Energieform fest. Der britische Inselstaat plant sogar den Neubau von Reaktorblöcken. Insgesamt werden 93 Atomkraftwerke in 18 europäischen Ländern betrieben, die alle eines gemeinsam haben: Alle Länder produzieren selber nahezu kein Uran. Den Rohstoff für die Kernspaltung importieren sie aus Ländern wie Kasachstan, Niger, Namibia oder Südafrika.

Auf dem afrikanischen Kontinent befinden sich fünf der weltweit wichtigsten Uran-Minen. Es existieren insgesamt drei Reaktoren von denen nur einer Strom produziert. Insgesamt 22 afrikanische Staaten haben angekündigt, Atomkraftwerke bauen zu wollen. Russland, China, Südkorea und die USA haben daher ein großes Interesse, diesen Markt für sich zu erschließen.

In ihrem Fokus: Südafrika, wo sechs neue Reaktoren gebaut werden sollen. In dem südlichsten Land Afrikas wird seit 1960 Uran gefördert. Für den Betrieb der geplanten Meiler soll der Abbau ausgeweitet werden, wofür bereits erste Verträge unterzeichnet wurden.

Ausbau der Atomkraft und Hinterlassenschaften des Uranabbaus

Afrika: Kinder vor Uranhalde
Foto: ujuzi.de Afrika: Kinder vor Uranhalde

Doch welchen Preis muss die lokale Bevölkerung für den Abbau des Rohstoffs zahlen, den andere für ihre Atomanlagen benötigen? Und welche Folgen wird der geplante Atomeinstieg der afrikanischen Länder auf ihre eigene Umwelt in Zukunft haben?

Um dies herauszufinden haben wir uns in den letzten zwei Jahren die Situation in Südafrika als eine der wegbereitenden Nationen auf dem Kontinent genauer angesehen. Wir haben hier den wachsenden Bedarf an Elektrifizierung beobachtet, den politischen Kontext untersucht, eine internationale Konferenz der Atomindustrie besucht und die Hinterlassenschaften des Uranabbaus aus nächster Nähe miterleben können.

Mit unserer filmischen Dokumentation „Legacy Warnings!“ klären wir über das Thema auf. Wir berichten aus bereits vom Uranabbau betroffenen Regionen und lassen Menschen zu Wort kommen, die dort leben. Dabei stehen sich Aussagen gegenüber: „Kernenergie ist die sauberste und sicherste Lösung für Afrikas Energiebedarf“ und „Diese Atompläne sind wahnsinnig in Ländern, in denen Krisen und Gewalt vorherrschen, mit Finanzierungsplänen, die allen vernünftigen Länderbudgets trotzen und in die korrupten Taschen einiger Mächtiger spielen!“

Korruption und Investitionsstrukturen im Rahmen zentralisierter Energieversorgung

Zentralisierte Energieproduktion bedarf enormes Investitionskapital. Für den Bau eines Atomkraftwerks werden dabei schnell astronomische Summen erreicht. Der geplante Ausbau der Atomkraft in Südafrika um fast 10.000 Megawatt (6 Reaktoren) wäre mit 6 Trillionen südafrikanischer Rand (ca. 57 Milliarden Euro) die größte infrastrukturelle Investition in der Geschichte des Landes. Solche Summen werden auch andere Länder wie der Sudan nicht selbst aufbringen können, sondern aus Krediten und Staatsanleihen aufgebracht werden müssen.  

Bedenkt man sogenannte „kickbacks“ oder Schmiergelder, die in Geschäften des Ausmaßes mehrerer Atomkraftwerke, üblicherweise als „Kommissionsgelder“ in dem einen oder anderen inoffiziellen Kanal verschwinden, kann man sich das Interesse an infrastrukturellen Grossprojekten einfach erklären. Südafrikas Präsident Jacob Zuma, der mit massiven Korruptionsvorwürfen zu kämpfen hat, ist einer der massgeblichen Antreiber für das Atomprogramm des Landes, für das es in der Bevölkerung vielfach kein Verständnis noch Rückhalt gibt. Mit dezentralisierter Energieversorgung, zum Beispiel in Form von kleinen Solaranlagen auf Dorfdächern, wäre nicht viel Geld zu machen, das in die Taschen einzelner (Politiker) abgezweigt werden könnte...

Filmteam "Legacy Warnings!"
Foto: ujuzi.de Filmteam "Legacy Warnings!"

Der Sudan rangiert auf Platz 167 des UN Human Development Index (Index für humane Entwicklung), im Vergleich zu Deutschland mit Platz 6 oder Südafrika auf Platz 116. Es ist kaum zu erwarten, dass eine Investition in die Atomkraft im Sudan dem ärmsten Teil der Bevölkerung, den 31,9%, die in extremer Armut leben, zugute kommen wird.

Jean-Jacques Schwenzfeier, Katja Becker, Jonathan Happ.
ujuzi.de / movingmedia e.V.

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Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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