.ausgestrahlt-Blog

06.09.2016 | von Jan Becker

Anti-Atom-Camp „Tento hiroba“ in Tokyo geräumt

Auf einem kleinen Eckplatz direkt vor dem Ministerium für Ökonomie, Handel und Industrie (METI) in Tokyo standen fast fünf Jahre lang drei Zelte, geschmückt mit bunten Bannern und Plakaten, auf denen Japans Ausstieg aus der Atomkraft gefordert wurde. In einer Nacht- und Nebelaktion ist das Protestlager nun zwangsgeräumt worden.

Protestcamp in Tokyo am 6.8.2016
Foto: iwj.co.jp Vor der Räumung: Protestcamp am 6.8.2016

Die Belagerung des Platzes vor dem mit der Atomwirtschaft besonders eng verbundenen METI hatte am 11. September 2011 begonnen. An jenem Tag waren seit Beginn der Katastrophe von Fukushima genau sechs Monate vergangen. Deshalb fanden verschiedene Protestaktionen in Tokyo, aber auch in anderen Teilen des Landes statt: Eine Menschenkette kreiste das METI ein, im Subzentrum Shinjuku demonstrierten 20.000 Menschen unter dem Motto „Schluss mit den AKW“. Vor dem METI traten vier junge Leute unter der Losung „Nachdenken über die Zukunft“ in einen Hungerstreik.

TeilnehmerInnen der Menschenkette beschlossen, nach der Aktion nicht einfach wieder auseinanderzulaufen, da es eines „realen Raumes bedürfe, um der Anti-AKW-Bewegung zu mehr Kontinuität zu verhelfen“. Noch am selben Abend wurde dann auf besagtem Eckplatz ein erstes Zelt errichtet, in Nachbarschaft zu den vier Hungerstreikenden. Ende 2012 wurde ein zweites „Atomkraft, nein danke!-Frauenzelt“ errichtet, das Anfang Dezember 2015 in ein „Anti-nuclear Tent Museum“ umgewandelt wurde. 2013 kam ein drittes Zelt hinzu.

Das Protestcamp vor dem METI in Kasumigaseki, mitten in der Hauptstadt – eben dort, wo sich alle Ministerien und Behörden dicht aneinanderreihen – wurde so „zu einer Willenserklärung des Protestes gegen die Befürworter von Atomkraft, also gegen TEPCO als Verursacher der Havarie im AKW Fukushima Daiichi und gegen den Staat in Gestalt des METI“, so Fuchigami Tarô, einer der Beteiligten.

Räumung nach 1807 Tagen

Mitten in den Vorbereitungen zum bevorstehenden fünften Jahrestag des Camps kamen in den Morgenstunden des 21. August 2016 Polizisten und räumten die nach 1807 Tagen weltweit längste „Occupy“-Aktion. Der Tag wurde offenbar bewusst gewählt: Einige AktivistInnen hielten sich für Veranstaltungen in Fukushima auf, die öffentliche Aufmerksamkeit galt dem Abschluss der Olympischen Spiele in Rio. Pikant ist, dass es dort hiess: „See you in Tokyo“. Denn in Japan, inklusive der Region Fukushima, sollen 2020 die nächsten Sommerspiele stattfinden.

Bis zur Räumung kam es immer wieder auch zu Auseinandersetzungen mit rechtsextrem-nationalistischen Menschen und AKW-BefürworterInnen, wie dieses Video vom 14. August 2016 zeigt:

Die Anti-Atom-AktivistInnen lassen sich auch nach der Räumung durch Verbote und hohe Schadensersatzforderungen nicht einschüchtern: In der Zeitrechnung „Tage danach“ finden nun Sit-ins, Gesprächsrunden im Stehen oder Ansprachen von den Zelt-AktivistInnen an dem Ort des ehemaligen Protestcamps statt.

„Tento hiroba ist ein Forum, ein Ort, an dem Demokratie verteidigt und der Stimme 'des Volkes' Raum gegeben werden soll“, schreibt die Leipziger Prof. Dr. Steffi Richter in einer Übersetzung der Ereignisse.

Sie hat gemeinsam mit anderen im April 2011 die „Textinitiative Fukushima“ ins Leben gerufen. Diese überträgt und kommentiert Texte verschiedener japanischer Akteure der Debatte um Fukushima ins Deutsche.

weiterlesen:

  • Japans Bevölkerung protestiert weiter für den Atomausstieg
    01.04.2016 - Der Neustart in die japanische Atomenergienutzung wird weiter von Massenprotesten begleitet. Für einen weiteren Atomreaktor wurde kürzlich das endgültige Aus beschlossen, weitere könnten folgen. Die geforderten Nachrüstungen sind den Betreibern zu teuer.

  • Skrupelloser Rückbesiedelungsplan für Fukushima
    21.05.2016 - Die Evakuierungsanordnung für die gesamte japanische Stadt Minamisoma nahe des havarierten AKW Fukushima-I wurde aufgehoben. Verantwortlich für dieses gefährliche Experiment an der lokalen Bevölkerung ist die japanische Regierung. An ihrer Spitze steht ein Lobbyist der Atomindustrie, der der Atomkraft im Land zu neuer Größe verhelfen will.

Quellen (Auszug): textinitiative-fukushima.de / Steffi Richter

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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