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In zahlreichen Atomkraftwerken wird Notkühlwasser vorgeheizt, damit im Ernstfall die Reaktorbehälter nicht bersten. In der Schweiz gibt es einen „weltweiten Negativrekord“ wegen Oxydationsproblemen. In Gorleben rosten Atommüllfässer, Neckarwestheim meldet gleich zwei Störfälle. In Belgien wurden Sicherheitsdokumente im Internet veröffentlicht, möglicherweise muss die betroffene Anlage vom Netz.

Atomkraft: Sicher ist nur das Risiko!

In vielen Atomkraftwerken wird das Wasser zur Notkühlung der Reaktorkerne vorgeheizt, weil die Betreiber befürchten, dass es bei einer Flutung des Reaktors mit kaltem Wasser zu irreparablen Schäden bis hin zum Bersten des Behälters kommen kann. Laut des tschechischen AKW-Betreibers CEZ soll das auf 40 bis 65 Grad vorgeheizte Wasser die Auswirkungen eines möglichen Einsatzes der Notkühlung „auf die Lebenszeit des Reaktordruckbehälters“ verringern. Diese Maßnahmen lassen einen Rückschluss auf den Zustand der Reaktorbehälter zu: Durch jahrzehntelangen Neutronenbeschuss wird das Material spröde, es bilden sich Risse. Je älter der Stahl im Reaktorbehälter, desto weniger verträgt er Temperaturunterschiede. Nach aktuellen Recherchen von WDR und Süddeutscher Zeitung wird allein in der EU in mindestens 18 Reaktoren gewärmtes Wasser verwendet, die Praxis ist auch in den USA und Russland verbreitet.

Wichtige Sicherheitsreserven werden abgebaut

„Wenn man nicht mehr sicher ist, dass der Reaktordruckbehälter das normal temperierte Notkühlwasser aushält, dann ist das allein schon ein Alarmsignal“, bewertet Wolfgang Renneberg, bis 2009 der oberste Atomaufseher im Bund, diese Maßnahmen.

Wichtige Sicherheitsreserven würden so abgebaut. So sei unklar, was bei einem Ausfall der Vorwärm-Anlagen passiere oder wenn ein defekter Messfühler die Temperatur des Notkühlwassers falsch erhebe. Auch werde es immer schwerer, jene Temperatur zu treffen, die einerseits niedrig genug ist, um den Reaktor zu kühlen, aber gleichzeitig hoch genug, um den Behälter nicht zu gefährden, so Renneberg in der „Süddeutschen Zeitung“. Weil die deutschen Meiler in wenigen Jahren abgeschaltet werden, verzichtet man hierzulande auf vorgeheiztes Kühlwasser.

Korrosion und Oxydation

Im Zwischenlager Gorleben sind erneut angerostete Atommüllfässer gefunden worden. Laut Umweltministerium in Hannover ist aus den Fässern bisher keine Radioaktivität ausgetreten. Doch nur wer sucht, der findet auch: Die Lagerbehälter in der Halle, die sich direkt neben dem Zwischenlager für die hochradioaktiven Castoren befindet, werden auf Anordnung inspiziert. Der Betreiber wehrt sch gerichtlich gegen ein modernisiertes Überwachungssystem. Die örtliche BI fordert unterdessen: Das Ministerium soll „härtere Töne anschlagen“ und unverzüglich einen Einlagerungsstopp anordnen.

Vermutlich Rost ist auch das Problem im schweizerischen AKW Leibstadt. Ende August teilte die Betreiberin mit, es sei an acht Brennelementen im Reaktor eine „beschleunigte Oxidation“ entdeckt worden. Aktuell ist schon an 45 Brennstäben „rostähnliche Oxidation“ entdeckt worden, es wurden aber erst ein Drittel der Brennstäbe untersucht. Das Ausmaß der Schäden sei „ein europäischer, wenn nicht sogar weltweiter Negativrekord“, so Stefan Füglister, Atomexperte für Greenpeace Schweiz. Eine mögliche Ursache für die oxidierten Brennstäbe könnte laut Greenpeace die sukzessive Leistungssteigerung sein, die im AKW Leibstadt durchgeführt worden ist.

Sicherheitspläne im Internet

Die belgische Sicherheitsbehörde FANC kann die Stilllegung des AKW Tihange anordnen. Sicherheitspläne des Atomkraftwerks waren im Internet einsehbar, nachdem Hacker in die Computersysteme des Betreibers Electrabel eingedrungen waren. Wegen dieses Sicherheitsrisikos ist der Entzug der Betriebserlaubnis möglich, berichteten vor wenigen Tagen belgische Medien.

Die IT-Sicherheit im deutschen AKW Gundremmingen beschäftigt derzeit den Umweltausschuss des Bayerischen Landtags. Im April war ein Virus in Kraftwerksrechnern entdeckt worden. Es bestand laut Beteiber aber keine Gefahr. Die Reaktor-Schutzsysteme sind nämlich so alt, dass sie noch analog gebaut und dadurch generell nicht durch Software angreifbar sind...

Störfälle in Neckarwestheim & Emsland

Gleich zwei Fehler ereigneten sich im Notstromsystem in deutschen Atomkraftwerken. Im AKW Emsland führte im Rahmen von Wartungsarbeiten eine „Schalthandlung“ an einer der vier vorhandenen 380-Volt-Notstromanlagen im Notspeisegebäude zu einer „ungeplanten Nichtverfügbarkeit“ einer Stromschiene. Im abgeschalteten AKW Neckarwestheim-1 musste ein Notstromdiesel angefahren werden, weil „ungeplant ein Schalter geöffnet und damit ein Teil des Stromnetzes spannungslos geschaltet“ worden war.

Zudem konnten in Neckarwestheim in zwei unterschiedlichen Strängen eines Lüftungssystems jeweils eine Gebäudeabschlussarmatur erst mit Verzögerung geschlossen werden. Die Anlage soll verhindern, dass im Bedarfsfall z.B. radioaktive Gase aus dem Ringraum der den Reaktorsicherheitsbehälter umgibt, nach außen gelangen können.

Die guten Nachrichten wieder zum Schluss

Weil andere Energiequellen billiger sind, hat die vietnamesische Regierung kürzlich beschlossen, vom Bau der ersten Atomkraftwerke des Landes abzusehen. Die Nationalversammlung hatte 2009 die Errichtung zweier Reaktoren an der südöstlichen Küste Vietnams in einer Resolution genehmigt. „Die Kernenergie ist heute weniger wettbewerbsfähig als andere Stromquellen und wird nicht dringend benötigt“, erklärte Duong Quang Thanh, Vorsitzender der staatlichen Electricity of Vietnam Group.

Zumindest um etliche Jahre verschieben wird Südafrika sein ambitioniertes Nuklear-Ausbauprogramm. Frühestens in den 2030er Jahren soll nun mit dem Bau weiterer Meiler begonnen werden, wenn überhaupt. Fatih Birol, Chef der Internationalen Energieagentur zeichnet ein völlig anderes Bild: Afrika könne etwas „Einmaliges in der Geschichte der Energiewirtschaft realisieren“. Eine ganze Region, ein ganzer Kontinent könnte sich auf der Basis erneuerbarer Energien entwickeln. Afrika könne „der grüne Kontinent werden, mit guten Resultaten bei der wirtschaftlichen Entwicklung“, so Birol in der "taz".

weiterlesen:

Quellen (Auszug): sueddeutsche.de, enbw.com, rwe.com, ndr.de, ee-news.ch, wdr.de, br.de, nuklearforum.ch, bloomberg.com, taz.de; 16./17./18./19./22./23./24.11.2016

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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