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23.03.2017 | von Jan Becker

Euer "Gorleben-Moment" – Teil 1/5

40 Jahre nach der Standortbenennung ist das geplante Atommülllager im Gorlebener Salzstock noch immer nicht vom Tisch. Die Auseinandersetzung führt Zehntausende Atomkraftgegner*innen ins Wendland – und bei vielen zu Erlebnissen, die bis heute prägen. Ob im Zusammenhang mit der „Republik Freies Wendland“, den vielen Castor-Transporten oder anderen politischen Aktionen: Wir baten euch um eure „Gorleben Momente“, hier kommt Teil 1.

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Für unzählige aktive Menschen ist Gorleben Teil ihrer politischen Biographie, viele haben im Wendland prägende Erfahrungen gemacht. Im November letzten Jahres haben wir euch im Vorfeld des 40 Jahrestages der Standortbenennung, die am 22. Februar 1977 stattfand, um Euren „Gorleben-Moment“ gebeten.

Wir haben viele eindrucksvolle und teilweise auch lange Texte bekommen. Einige wurden bereits in unserem Magazin abgedruckt bzw. auf unserer Website publiziert. In einer fünfteiligen Serie veröffentlichen wir nun bis Himmelfahrt weitere „Gorleben-Momente“. Dann beginnt im Wendland die Kulturelle Landpartie – eine weitere Antwort der Menschen u.a. dort auf die unsäglichen Castor-Transporte.

Und für alle, die noch nie in Gorleben waren: Freut Euch auf all die spannenden, ergreifenden oder kuriosen kleinen Gorleben-Geschichten.

Mein Gorleben-Moment – Teil 1

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Spielzeugtreckerdemo

von Dr. Irmgard Born

"In einem der Widerstandsjahre wurde eine große Treckerdemo an den Bahngleisen in Dannenberg Nähe Verladekran angemeldet. Ein Riesenpolizeiaufgebot bewachte die Gleise.

Zur angekündigten Zeit kamen ca. 20 kleine Kinder mit ihren Spielzeugtraktoren angefahren und die Polizei kam sich ziemlich überflüssig vor."

 

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Suppentopf

von Vera Graap

"Castor 2011: Die Blockade von X-tausendmal-quer hatte sich unmittelbar am Ortseingang von Gorleben niedergelassen. Wie immer wurden wir vorzüglich von der Volksküche verpflegt. Zusätzlich gab es noch ein großes Verpflegungszelt, in dem Wendländer kochten und die Aktivisten mit regionalen Spezialitäten verwöhnten.

Die Blockade wurde zum Ortseingang hin durch eine Polizeikette von der Ortschaft getrennt, aber eine kleine, alte Dame wollte dort durch. Sie zog auf einem Bollerwagen einen großen Suppentopf hinter sich her und traf auf die Polizisten, die sie um zwei Köpfe überragten und ihr den Weg versperrten. Beherzt schob sie sich an den Beamten vorbei, schaute sie streng an und sagt: „Jungchen, das traut Ihr Euch nicht“. Recht hatte sie!"

 

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Brötchen

von Frank Kittel

"Ich erinnere mich gut an folgende kleine Aktion: wir waren als Gruppe aus Köln bei einem Bauern untergebracht für einige Aktionstage.  Mehrmals am Tag und auch schon sehr früh morgens fuhren Polizeiwagen vorbei und beobachteten, was wir so unternehmen. Daraufhin haben wir ein sehr großes Transparent gemalt auf dem stand in etwa:

„Wenn Ihr schon so früh morgens vorbeikommt: bringt doch einfach mal Brötchen mit.“

Damit haben wir uns sehr früh quer auf die Straße gestellt. Die vorbeifahrenden Polizisten wussten nicht so richtig wie sie damit umgehen sollten, brachten uns jedenfalls keine Brötchen vorbei. Wenn sie es gemacht hätten, wären wir vermutlich diejenigen gewesen die nicht gewusst hätten, wie sie mit der Situation umgehen sollen. Die Atmosphäre damals war halt von gegenseitigem Mißtrauen durch verschiedene Ereignisse über die Zeit geprägt."

 

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Bullies

von Jörg Grützmann aus Oldenburg

"Als geborener Bevenser (Landkreis Uelzen) war ich bereits als Schüler oft im wunderschönen Nachbarlandkreis: Wegen der Vogelwelt, die sich besonders zu jeder Jahreszeit an der Elbe zeigte. Wir waren Schüler, als wir 1969 das erste Mal auf dem Elbdeich bei Gorleben standen und mit dem Fernglas die Elbe nach Singschwänen absuchten. Unser Vater musste uns natürlich fahren, was er auch gern tat, und außerdem gab es für ihn die Gelegenheit, mit dem Fernglas der Söhne mal in die DDR zu schauen… Das Wendland begeisterte uns. Ungläubig reagierten wir auf die Ankündigung von Ministerpräsident Albrecht, in Gorleben solle das Atomklo (wie wir es gleich nannten) entstehen, und das, obwohl Unterlüß, was für uns viel näher dran war, noch gar nicht aus der Diskussion war… Die Beobachtungen unseres Vaters in die DDR hinein („Ich sehe keinen Menschen“, sagte er immer) bestätigten uns früh: Das im Elbknick weit im Osten liegende „Gorlebener Horn“ zeigte uns, was Albrecht wollte: Den Atommüll unterirdisch der DDR zuschieben…"

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Foto: Fam. Grützmann

Das eindrucksvollste Erlebnis dieser vielen Jahre im Widerstand war das Hüttendorf auf Bohrloch 1004. Wir kamen zu zweit, Ulrike und ich, mit dem (heute legendären) VW-Bulli Typ T 1 und halfen ein wenig mit an einem Holzhaus zu bauen (getreu dem Motto „Dann wollen wir schaffen – sieben Tage lang“). Es war eine einmalig friedliche Situation, voll „fremder Freunde“, wie ich mal sagen möchte. Wir kannten uns alle nicht – verstanden uns aber sofort, jede/r nach ihrer/seiner Einstellung zum Leben. Es wurde mystisch im Dorf, wenn die Nacht kam. Unvorstellbar. Wir wussten damals aus dieser gewaltigen inneren Kraft heraus bereits: Diesen Kampf werden wir gewinnen.

Ich habe heute noch den Aufkleber aus der Freien Republik Wendland. Der bleibt – und zwar über das Ende des Atomklos hinaus!"

 

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Beule am Kopf

von Reiner Steinweg

"Gorleben 1979: Wir gründen die Bildungs- und Begegnungsstätte für gewaltfreie Aktion in Wustrow (heute „Kurve Wustrow“ genannt), um auf diese Weise (auch) den Widerstand gegen Gorleben zu unterstützen, obwohl das viele hundert Kilometer Anreise für jede Vereins-, Beirats- und Vorstandssitzung bedeutet. Wir sind sicher: Wenn es eine Chance gibt, die verhängnisvolle Endlagerung in Gorleben zu verhindern, dann nur gewaltfrei. Und das muss trainiert, vorbereitet werden, es fällt nicht vom Himmel.

Haus der "Kurve Wustrow" 2017
Foto: kurvewustrow.org Haus der "Kurve Wustrow" heute

Das gilt auch für uns selber: Eines Tages kommt ein Mitarbeiter mit einer Beule am Kopf zur Beiratssitzung: Seine Frau hat ihm eins übergezogen, aus sicher nicht ganz unberechtigter Wut - vielleicht darüber, dass er so viel Zeit für die „BUBGA“ aufwandte und viel zu wenig für die Familie. Der Zorn darüber bebt auch in meiner eigenen Familie bis heute fort … Manche von uns haben einen hohen Preis für den Widerstand gezahlt. Er muss weitergehn, damit es sich auszahlt!"

 

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Unter Sternen

von Sylvia Hartung

"Ungefähr 2002 nahm ich mit meinem neunjährigen Sohn und seinem besten Freund an einer großen Gorlebendemo teil. Wir waren in einer Kommune im Wendland zu Besuch und sind zusammen zur Demo gefahren. Die Kinder waren begeistert für sie war es wie Fasching, Bauern warfen von ihren Treckern Anti-Atombonbons und Luftballons, es war Sonnenschein und gute Laune. Sambagruppen spielten, es war kraftvoll und schön.

Als wir die Tore des Zwischenlagers erreichten, säumten lange Reihen von Polizisten den Rand der Demo. Der Freund meines Sohnes war absoluter Polizistenfan. Mit unermüdlichem Eifer sagte er lächelnd zu jedem Polizisten "Guten Tag" und wollte einem jedem die Hand geben, was leider auf wenig Gegenliebe stieß, ein paar brachte er mit seiner Unbeschwertheit zum lächeln. Nach einer Weile sagte er dann ganz erstaunt: "Die sind hier aber nicht sehr nett, die Polizisten. Vor wem beschützen die uns denn?"

 

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Wendland-Blockade

von Dieter Kaufmann, Arbeitskreis gegen Atomanlagen Frankfurt am Main

1984: Menschenkette im Wendland
Foto: gorleben-archiv.de Auch 1984: Menschenkette im Wendland

"30. April 1984   Motto: “Keiner ruft auf, alle gehen hin…” Ein Splitter.

Nach 11 Uhr fahren wir, eine Gruppe aus dem Rhein-Main-Gebiet, nach Pudripp (B191) zurück. Die Polizei hat die ersten Barrikaden geräumt, neue entstanden. Die Straße ist unpassierbar. An einem Bahndamm unweit der Straße machen wir entspannt Mittag und essen gemütlich auf halber Höhe des Bahndammes. Langsam schiebt sich auf der Straße ein Polizeikonvoi vor, hinter dem Konvoi entstehen aber gleich wieder neue Barrikaden. Ein Unimog mit Schaufel kommt auf unserem Blickwinkel der Augen zum Stehen: Vermutlich Plattfuß durch Krähenfüße! Der nun fällige Reifenwechsel ist eine Gaudi. Die Polizei blamiert sich, so gut sie konnte. In der „Formel I reifen Zeit“ von nur etwas über eine Stunde ist der Reifen gewechselt. Noch immer ist die B 191 völlig dicht. Unsere Mittagspause ist zu Ende."

 

Fortsetzung folgt.

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Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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